DIE

SCHATTEN
FRAU


Band 1

marion

Dieses Buch kann man nirgends käuflich erwerben. Man bekommt es immer nur aus wirklicher christlicher Nächstenliebe geschenkt.

Es kann von jedermann, auch auszugsweise (aber bitte nicht aus dem Zusammenhang gerissen), vervielfältigt, nachgedruckt oder in sonstiger Form publiziert werden.

Ich rate Dir in Deinem eigenen Interesse dringend davon ab, damit jedwede Art von Geschäftemacherei zu betreiben.


Vorwort

Meine lieben „Leser und Leser-innenJ!

Ich heiße Felix und möchte Euch ein „Märchen“ erzählen.

Das Märchen heißt: Spieglein, Spieglein, an der Wand, wer ist ..........

Stopp, werdet Ihr Euch jetzt denken – lass mich in Ruh, ein alter Schuh - Ich kenne diese Geschichte schon. Nein, meine Lieben, ich gebe diesem Märchen eine neue Form, die Euch noch völlig unbekannt ist:

Es heißt jeTzT nämlich:

Spieglein, Spieglein, an der Wand ...
WER bist DU wirkLicht in Deinem (Ei-genen)Land?

Ich wähle dieses Vorwort sehr gewissenhaft aus, weil ich aus Erfahrung weiß, dass „normale Menschen“ immer glauben, sie wüssten schon alles. Doch alles liegt im ständigen Wandel einer Zeit, die es eigentlich gar nicht gibt. Eigentlich geht es in dieser Geschichte um gar kein Märchen, sondern um die wirkliche Wirklichkeit, wie sie nicht wirklicher sein könnte. Darum „existieren“ auch alle darin vorkommenden Personen in ihrer persönlichen Daseinssphäre immer noch (auch die, die angeblich schon gestorben sind) und alles hat sich auch wirklich so zugetragen wie ich es Dir HIER und JETZT erzähle. Gut, die Namen unserer lieben Freunde habe ich etwas verändert, aber nicht um deren Persönlichkeit zu schützen, sondern dieselbe in ihnen zu entfalten – was noch nicht da ist, kann auch nicht geschützt werden.

Ich erzähle Euch diese Geschichte nun einmal „anders herum“ - „verkehrt“ (von der Kehrseite also) und das aus voller Absicht. Einige von EUCH werden glauben, sich darin wiederzuerkennen, ohne sich dabei auf eine bestimmte Person zu fixieren. Andere aber werden glauben, sie seien in dieser Geschichte eine bestimmte Figur, weil sie sich darin selbst erkennen und sie werden sich angegriffen fühlen, weil sie sich nicht „richtig“ dargestellt sehen und falsch verstanden fühlen.

Ich, Felix, erzähle Euch diese Geschichte so, wie es meine „kleine Maria“ aus ihrem kleinen geistigen Blickwinkel „erlebt zu haben glaubt“!

Auch ihre vermutete Vergangenheit ist letzten Endes nur ein Teil vom Ganzen, eine von unendlich vielen möglichen „Wahrnehmungseinheiten“, aber mit Sicherheit noch nicht die ganze „Wirklichkeit“.

Die Geschichte handelt von einer jungen Seele, nennen wir sie „ein-Fach“ Maria. Wenn ihr jetzt vorschnell glaubt, Maria zu kennen und zu wissen, wie sie denkt und fühlt, „so glaubt ihr nur“ zu wissen wie sie denkt und fühlt. Es ist also nur Eure persönliche Meinung, die Ihr über Maria hegt und es ist auch immer nur „Eure persönliche Meinung“, die Ihr über all die anderen Dinge, die Ihr „in Eurem Geist“ wahrnehmt, pflegt.

LetztendLicht werdet Ihr „in Eurem Geist“ auch immer nur Eure eigene
M-Einung“ wahrnehmen.
Was sagt David in seiner Weisheit immer so SCH-ön:
Das, was Du Dir „HI-ER“ auf Erden bindest, wird auch Dein HI-MM-el-REIch sein!

In den seltsamen Wortteilungen dieses Satzes liegt das große Geheimnis Deines Daseins verborgen. „Wer schon hören kann, der höre!!!“ – und wer noch nicht „auf seine eigenen Gedanken“ hören kann, der studiere „bei eigener 8-ung“ mit völliger Hingabe und Selbstverlorenheit Davids ACHT Ohrenbarungen.

Ihr werdet der Maria Eurer Daseinssphäre - der Gebärerin und Braut - keine Chance geben, weiter zu wach-sen, wenn ihr nicht den metaphorischen Tiefensinn, der von Euch gedachten Worte begreift. Euer Bewusstsein befindet sich immer HIER UND JETZT, auch wenn Ihr Euch damit meist „wo-anders“ hindenkt.

Bist Du nicht selbst diese Maria? – bist Du nicht selbst ein wahrnehmender Geist, der sich von Augenblick zu Augenblick immerwährend „in sich selbst“ betrachtet und sich (und seine WELT) damit auch selbst von Augenblick zu Augenblick für sich selbst neu erschafft und neu definiert?

Ist das, was sich da „ICH“ nennt NUN Gebärerin oder Geborenes; ist „ICH“ NUN Wahrnehmer oder Wahrgenommenes?
Das sollte HIER und JETZT dieses „ICH’es“ Frage sein!

Das Geschriebene in diesem Buch will wie alles Geschriebene gehört werden. Aber um gehört werden zu können, muss es zuerst einmal von jemanden „er-zählt“ werden. Wer erzählt Dir nun diese Geschichte? Maria, Felix, oder gar Du Dir selbst? Wem hörst Du in diesem Augenblick zu? Wo befindet sich dieser Geschichtenerzähler, dem Du in diesem „Gedankenaugenblick“ zuhörst und wo befindet sich der Zuhörer? Ich werde es Dir sagen, mein kleiner Freund:
Diese Geschichte befindet sich in diesem Augenblick „dort“, wo sich Deine ganze menschliche Geschichte befindet, nämlich in Deinem eigenen Geist! Vergangenes, Gegenwärtiges und Zukünftiges befindet sich immer nur in Deinem Geist.
„Der Weg ist das Ziel!“ und dieser Weg ist ohne Anfang und Ende. Er führt aus meinem Nichts in Dein eigenes ALLES. Du befindest Dich auf einem Weg, den Du immer nur HIER und JETZT zu sehen bekommst. Vergangenes und Zukünftiges sind immerwährend „HI-ER“ und „JE-TzT“, darum sollte auch Dein göttliches HIER und JETZT Dein eigentliches Ziel sein.

Oh mein Gotteskind, höre doch endlich damit auf, Dich nach „normaler Menschen Art“ (die noch das Zeichen eines Tiers auf ihrer Stirn tragen), laufend in Raum und Zeit zu zerstreuen!!!

Dieses Märchen handelt von „Maria“ der symbolischen Gebärerin unseres Herrn und damit auch von Dir selbst, denn auch in Deinem Geist hat er sich „HIER und JETZT“ wiedergeboren.

Ich werde Dir NUN eine kleine Einführung in die „Geschichte“ geben.

Maria schaute jeden Morgen in den Spiegel.
Eine Stimme in ihrem Kopf fragte:
Spieglein, Spieglein an der Wand, Wer bist DU in Deinem Ei(genen)-Land?
Maria sagte jeden Morgen: Ich bin es, Maria!
Die Stimme gibt ihr immer die gleiche Antwort: Nein, Maria, das bist Du nicht!

Maria musste unzählige Male diese Frage ihrer eigenen Stimme beantworten, bis sie erkannte, dass ihre Antwort immer falsch war.

Doch eines Tages schaute Maria in den Spiegel und..............
Spieglein, Spieglein an der Wand, wer bist Du in Deinem Ei(genen)-Land?

Und Maria antwortete NUN: Ich bin ALLES und NICHTS!

Zur Person:
Maria: angeblich 37 Jahre alt, seit sieben Jahren verheiratet, kinderlos, ehemalige Sekretärin, jetzt Schattenfrau.
Ehemann David: angeblich 44 Jahre alt und dennoch zeitlos - Herr über all seine und unsere Träume; göttlicher Traumtänzer und Narr; letztendlich „der Verstehende“.

Nun gut, meine lieben Leser. Mehr möchte ich Euch von dieser Geschichte nicht erzählen. Lasst Euch überraschen!

Viel Spaß dabei!

22.02.2001 – 14.00 Uhr – Weiberfastnacht

Maria wurde heute morgen von einem wunderschönen Sonnenstrahl geweckt. Ihr Mann David war wie immer schon lange neben ihr im Bett wach. Er legte seinen Arm um sie und beide kuschelten noch minutenlang miteinander. Er küsste sie auf die Stirn und sprang wie jeden Morgen mit den gleichen Worten aus dem Bett. Ja, sie wusste was er jeden Morgen sagte und zwar dass er noch etwas tun müsse. Abrupt war diese innige Stimmung vorüber. Und was machte Maria? Auch sie agierte wie fast jeden Morgen. Sie lag noch einige Minuten alleine im Bett und wünschte sich, dass sich dieser Tag nicht immer wiederholen würde. Maria wusste, dass sie in diesem Tag gefangen war und er sich täglich wiederholte. Ihr fiel sofort der Kinofilm ein – „Und täglich grüßt das Murmeltier“. Ja, die Metapher hatte sie bei diesem Film verstanden (1 Tag ist wie tausend Jahre und tausend Jahre wie 1 Tag – verändere Dich, dann verändert sich die Welt). Es waren große Worte; den Sinn hatte sie schon längst begriffen, aber es scheiterte an manchen Tagen an ihrem Tun.

Maria setzte sich auf die Bettkante. Nachdem sie sich einigermaßen geistig gesammelt hatte, musste sie ihr Leben noch einmal Revue passieren lassen. Der Tag, in dem sie gefangen war, änderte sich schon einmal im Ablauf, aber was immer gleich blieb war ihre Einstellung zum Leben. Sie musste endlich raus! Ja, heute war der Tag der Tage. Weiberfastnacht war der richtige Zeitpunkt. Sie spiegelte ihre ganze Situation. Im Karneval verkleidet man sich und setzt Masken auf, sie aber wollte endlich aus ihrem alten Kleid „Leben“ heraus und die Maske absetzen. Maria wusste, ihr Leben kann sich nur im „Hier und Jetzt“ verändern und nicht in der Zukunft. Für sie gab es keine andere Zukunft, da sie sich verfangen hatte und es immer wieder täglich aufs Neue spürte. Ändere nur Dich, dann ändert sich die Welt, dachte sie immer wieder. Warum fiel es ihr so schwer? Es war doch nur ein geistiger Akt. Sie musste doch nur über ihren Schatten in eine „neue Welt“ springen.

Mit diesen Worten wollte sie den neuen Tag beginnen.

Maria beendete ihre Gedankenreise. Sie beobachte sich, wie sie immer noch auf der Bettkante in ihrem Schlafzimmer saß. Die Vorstellung, ihr Leben sofort zu verändern gefiel ihr. Sie schmunzelte über diesen Gedanken und ihr Blick wanderte hinunter zu ihren Füßen. Maria erinnerte sich, dass sie einmal ein Buch über eine Frau gelesen hatte, die ihre Erleuchtung gefunden hatte, nachdem ihr eine Küchenschabe über die Füße lief. Sie lachte in Gedanken laut auf. Ihr lief weder ein Insekt über die Füße, noch stand der Weltuntergang vor der Tür. Oder vielleicht doch? Eigentlich handelte es sich um ein ganz normalen Tag, doch für sie war es ein besonderer Tag

Maria ging aus ihrem Schlafzimmer direkt ins Bad. Der erste Blick richtete sich zum Spiegel. Ja, dieser Morgen blieb sich wirklich gleich. Das gleiche Gesicht, die gleichen Figurprobleme. Sie näherte sich laut Personenwaage zwar ihrem Idealgewicht, aber was sie im Spiegel sah, gefiel ihr ganz und gar nicht. Die Schuldgefühle endlich einmal wieder Sport zu treiben, kamen in ihr immer wieder hoch. Nicht klagen, sondern tun! Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach. Sie dachte daran, wie ihr Mann David sie immer wieder damit aufzog, dass sie viel zu viel Zeit damit verschwendete, an ihrem Körper festzuhalten. Sie wusste ja, dass er Recht hatte, aber es machte sie trotzdem wütend – nicht wütend auf ihren Mann, sondern immer wieder auf sich selbst. Warum fehlte es ihr immer wieder an Disziplin? Warum lebte David sein Leben so einfach und glücklich und ließ sich durch solche Nichtigkeiten nicht beirren?. Sie spürte einen Hauch von Neid in sich hochkommen. Aber sofort versuchte Maria sich selbst zu beobachten. Nein, heute wollte sie nicht David nacheifern, sie war Maria und nicht ein Abklatsch ihres Mannes. Sie hatte ihre Fehler und fühlte sich ständig von David beobachtet, bloß nichts falsch zu machen. Sie wollte eine perfekte Ehefrau sein; es ihm immer recht machen. Nein, ab heute nicht mehr! Heute war alles ganz anders. Sie musste nicht mehr mit ihm darüber reden, was sie belastete. David holte sie immer wieder ins Hier und Jetzt zurück. Er hatte immer recht, weil er sie immer wertfrei beschrieb, wie sie war. Aber sie fühlte sich von ihm angeklagt, immer etwas falsch zu machen. Aber musste sie ihm wirklich alles recht machen? Nein, immer wieder sagte sich Maria es vor sich. Nein, ab heute nicht mehr. Sie wollte sich nicht mehr rechtfertigen! Eigentlich versuchte sie immer wieder ihre Dummheiten nach ihrer Logik zu begründen, obwohl David in solchen Momenten ihren Redeschwall unterbrach und die Diskussion abrupt beendete.

Ab heute wird sie all die Dinge ihrem Computer anvertrauen. All ihre Gefühle, Empfindungen, Ängste und Sorgen wird sie von nun an nur noch schriftlich ihrem Vertrauten mitteilen. Sie hatte einfach keine Lust mehr, rebellisch ihren Standpunkt zu verteidigen. Ihr hörte niemand zu. Nein, heute wollte sie über ihren Schatten springen, sich „verrücken“, jedoch trotz allem die Schattenfrau eines Mannes bleiben, der sich hin und wieder in die Öffentlichkeit begab. Aber sie wollte diesmal eine glückliche Schattenfrau sein, die sich niemals mehr verteidigen musste.

Maria war nicht die Person, die sich in der Öffentlichkeit wohlfühlte. Die Rolle im Hintergrund gefiel ihr recht gut, aber trotz allem blieb sie als Mensch dabei auf der Strecke. An manchen Tagen reagierte sie verspätet, wenn man sie namentlich rief. Sie hatte schon fast vergessen, wie sie hieß. Immer wurde sie als „Davids Ehefrau“ vorgestellt. Namenlos blieb sie an seiner Seite stehen, ohne einmal zu erwähnen, dass sie auch einen Vornamen trug. Sie war auch ein Mensch, hatte einen Namen, Gefühle und etwas zu sagen. Man wollte ihr aber nicht zuhören. Wenn man Maria ansprach, ging es in erster Linie nur darum, an welchen Dingen David arbeitet, wie es ihm geht, was er von manchen Büchern hielt, usw. Kein persönliches Wort zu ihr, außer der typischen menschlichen Floskel nach ihrem Wohlbefinden und wann man David wieder antreffen würde. Die angebliche Freundlichkeit, die ihr entgegen gebracht wurde, war eine einzige Schein­heiligkeit. Nicht bei allen Personen, aber es gab einige unter ihnen mit einer grinsenden Anstands-Maske. Aber es war ein durchschaubarer Deckmantel. David redete immer wieder davon, dass sich die Leute nicht bei ihm verstellen brauchten:

Man kann sich belügen, die anderen belügen, doch Gott nicht.

(Fast) alle Menschen waren von David begeistert. Sie mussten nicht aus ihrem Leben berichten, denn David kannte von jedem Wesen den wunden Punkt, den er auch gnadenlos der jeweiligen Person auf den Kopf zusagte. Maria war in solchen Momenten immer anwesend. Aber wie verhielten sich die Menschen? Ja, sie buckelten vor David, aber wehe denn, er war einmal nicht dabei. Ja, da waren fast alle Menschen die Größten! Sie machten sich vor Maria wichtig, was sie alles schon begriffen hatten.

Nein, sie wollte sich nicht beklagen, oder war frustriert. Nein, sie wollte ganz einfach einmal zu Wort kommen, ohne dass man sie unterbrach.

Maria stellte mit Entsetzen fest, dass sie den Faden verloren hatte. Sie glitt in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ab, aber sie vergaß das Hier und Jetzt. Wo befand sie sich jetzt?. Sie beobachtete sich und bemerkte, dass sie sich noch immer im Bad nackt vor dem Spiegel stand. Ja, wer waren die anderen Menschen? Mit Erschrecken musste sie feststellen, dass die Gedankenreise vor einem Spiegel stattfand und sie sich eigentlich nur selber sah. Manchmal zwar winselnd und doch vor Publikum immer versuchen sich größer zu machen, als man eigentlich war. Sie wollte ja keine Maske mehr tragen. Sie wollte sich doch ab heute verändern. Was gaukelten ihr bloß diese verrückten Gedanken vor, dass sie so neben sich stand?

Maria ging aus ihrem Spiegelbild heraus. Sie duschte sich und zog sich an. Jetzt war sie die einfache Marionette, die jeden Morgen das gleiche durchlebte. Sie wusste, dass sie diese Trennung ab heute strikt durchsetzen würde. Ja, sie war eine Marionette, die so funktionierte, wie ihre Logik es ihr vorspielte, aber sie war auch eine andere Maria, die sich selber beobachten konnte. Die Beobachtung gelang ihr zwar nicht immer, aber mit kleinen Babyschritten war sie schon einverstanden. Rom ist auch nicht an einem Tag erbaut worden.

Maria ging aus ihrem Badezimmer weiter in die Küche. Ja, die Marionette funktionierte heute wieder einmal grandios. Wie jeden Morgen machte sie sich als erstes einen Kaffee, danach kam die übliche Morgenzigarette. An manchen Tagen veränderte sich der Ablauf. Sie musste dann einkaufen gehen. Nein, heute wollte der Marionettenspieler nicht, dass Maria vor die Tür musste. Also begann der abgedrehte Tag darin, dass sie sich ins Wohnzimmer begab, wo sich ihre Vermutungen wieder einmal bestätigten. Sie sah ihren Mann David in seinem Lieblingssessel in Büchern verkrochen. Oh Gott, dachte sich Maria, nicht schon wieder. All ihren Frust gegen die Welt wollte sie heute bei David rauslassen. Aber sie hatte wieder einmal keine Chance gegen ihn.

David sagte ihr zwar immer wieder, dass sie seine Muse sei. Ja, an manchen Tagen gefiel es ihr gut, aber es waren auch Tage dabei, wo sie sich fürchterlich darüber aufregen konnte. Die Muse war natürlich auch für den kompletten Haushalt zuständig und sie versuchte vor den Gästen immer wieder ihre Aufgaben perfekt zu meistern. Nein, sagte sich Maria, wobei ihr sehr wohl bewusst war, dass sie aus reinstem Egoismus agierte, so eine Muse wollte sie nicht sein. Sie konnte sich mit dem Gedanken nicht anfreunden, dass ihr Mann nichts mehr im Haushalt machte. Der Tag begann für sie so wundervoll und doch, als sie David vorsichtig, aber doch bestimmend klar machen wollte, dass sie sich damit nicht einverstanden erklären kann, wie ihr gemeinsames Leben abläuft, überkam sie der Frust.

Wieder einmal fühlte sie sich von ihrem Mann kritisiert und wieder einmal unterbrach er das Gespräch. Er gab ihr einfach keine Antwort mehr. Oh, wie sie ihn in diesem Moment hätte auf den „Mond schießen“ können.

Ab heute würde sie alles nur noch ihrem Computer anvertrauen.

Sie würde versuchen, anderen Menschen, die sich von ihren Partnern unterdrückt fühlen und glauben, unglücklich im Schattenreich zu leben, Hoffnung zu geben, dass man aus seiner Tretmühle heraus finden kann. Aber es geht nur, wenn man es auch wirklich selbst will.

Sie wollte damit beginnen, all ihre Gedanken, Beobachtungen und auch Klagen nieder­zu­schreiben, um sich besser kennen zu lernen. Und genau heute war der Tag um damit zu beginnen. Maria wollte es vermeiden, in ihrer Vergangenheit, wo sie sich eigentlich nur schemenhaft erinnern konnte, zu blättern. Aber um nicht ganz den Faden zu verlieren, musste sie damit anfangen – der Anfang der eigentlich immer ein Anfang blieb.

Maria wuchs mit drei Geschwistern in einer kleinen Wohnung in einer Arbeitersiedlung auf. Ihre Kindheit war sehr lehrreich und schön. Ihre Eltern, besonders die Mutter, versuchten trotz Geldschwierigkeiten ihren Kindern alles zu ermöglichen, was in ihrer Macht stand. Marias Mutter war eine hellsichtige Frau. Sie erzählte ihren Kindern einige Dinge aus ihrer Zukunft, wobei sie an manchen Tagen auch in Metaphern sprach, was die Kinder leider nicht immer nachvollziehen konnten. Als Maria 20 Jahre alt war, beschrieb ihre Mutter den zukünftigen Ehemann ihrer Tochter. Sie konnte Maria das Aussehen und den Beruf des Mannes nennen. Als Maria 29 Jahre alt war, erkrankte ihre Mutter an Krebs. Sie musste nicht lange leiden und starb im November 1993 daheim im Kreise ihrer Familie. Dieses Erlebnis prägte Maria und ihre Geschwister.

Ein halbes Jahr später lernte sie durch einen „Zufall“ in ihrem Stammlokal einen jungen Mann namens David kennen. Sie erschrak, war er doch genau das Abbild der Beschreibung ihrer Mutter. Nach einer kurzen Unterhaltung sagte David zu ihr, dass er von ihrer Mutter geschickt wurde, um sie glücklich zu machen. Maria hatte mit keinem Wort erwähnt, dass ihre Mutter vor einem halben Jahr gestorben war und doch wusste er soviel über sie. Um das Geheimnis um ihn noch perfekter zu machen, erwähnte David nach einem wundervollen Abend nichts davon, dass er sie wiedersehen wollte. Es kam auch zu keinem Austausch von Adressen.

David wohnte fast 600 Kilometer von ihr entfernt. Eigentlich wusste sie nichts von ihm. David führte an diesem Abend ein kleines Zauberkunststück mit Spielkarten vor. Die Karte, die Maria von David zog, enthielt nur zwei Worte und zwar „ Hallo Traumfrau“. Nachdem Maria restlos verwirrt war, verabschiedeten sich die beiden, ohne ein Wiedersehen zu vereinbaren. Drei Tage später rief er bei ihr an. Er hatte sich über Bekannte die Telefonnummer von ihr geben lassen. Drei Wochen später brach Maria alle Zelte hinter sich ab und folgte David in seine Heimatstadt.

Im Mai 1994 zog Maria zu David. David redete immer wieder davon, dass sie für ihn die absolute Traumfrau sei und er sie gerne heiraten würde, doch er erwähnte auch immer wieder, dass er ein sehr guter Schauspieler sei und sie nie wüsste, wer er wirklich war. Auf der einen Seite wollte er Maria heiraten, auf der anderen Seite meldete er immer wieder Bedenken an, dass sie im Laufe des Zusammenlebens einige Überraschungen erleben müsste. Da Maria sich ihrer Sache sehr sicher war, heiraten die beiden im Dezember 1994. David besaß zu diesem Zeitpunkt einen kleinen Laden mit HiFi-Geräten. Maria arbeitete ganztags als Sekretärin. Dass David sich immer mehr von materiellen Dingen zu lösen schien, beunruhigte sie. Ihr größter Wunsch war es eigentlich, Kinder zu bekommen und ein ganz normales Familienleben zu führen. Aber dann brach am 11.8.1996 ein komplett neues Leben über die beiden ein. David hatte sich eine Woche zuvor sehr in seine Bücher vertieft, er studierte und studierte. Er schlief nicht, schrieb nur am Computer, aß und trank sehr wenig. Darüber machte sich Maria große Sorgen. Ihr Mann sprach nur noch in Metaphern. Ihr kam David voll­kommen verändert vor. Sie sprachen nicht mehr die gleiche Sprache. Dann veränderte er sich komplett. Er hatte seine Erleuchtung und wusste endlich, wer Er wirklich war. Auch für David war es ein Schock. Er wusste zwar, dass er ein außergewöhnlicher Mensch war, doch was wirklich in ihm schlummerte, offenbarte sich für ihn schlagartig. Es war gleichgültig, mit welchen Dingen er sich beschäftigte, er hatte den göttlichen Code geknackt. Er verstand die Welt in ihrer Perfektion. Maria hatte zu diesem Zeitpunkt sehr große Schwierigkeiten mit ihm. Sie verstand David nicht mehr. Er hatte komplett andere Interessen. Alle normalen Alltäglichkeiten waren für ihn absolut nichtig. Während dieser Zeit lebten beide in unterschiedlichen Welten. David schenkte seinen Mitarbeitern das Geschäft, da er sich nicht mehr mit Banalitäten befassen wollte. Durch den geistigen Durchbruch hatte er ein viel „wertvolleres Geschenk“ erhalten, dessen Ziel es war, diesen Weg ohne „Wenn und Aber“ weiterzugehen. Maria litt während dieser Zeit stark unter David. Es war ihm völlig egal, was sie mit ihrem Leben machte. Er stellte sie vor die Entscheidung mitzugehen oder sich von ihr zu trennen. Er könnte nicht mehr zurück gehen. Maria brauchte nicht lange zu überlegen, sie liebte David und wollte mit ihm zusammen sein. Leider wusste sie aber zu diesem Zeitpunkt noch nicht, was sie erwartete. Ein Jahr später war Maria arbeitslos. Die Firma, in der sie als Sekretärin arbeitete, musste schließen. Oh Gott, dachte sie sich, jetzt beginnt das wahre Leben. Die Ängste um Morgen schnürten ihr die Kehle zu. David nahm die ganze Sache gelassen hin. Maria wollte den Weg Davids gehen, also musste sie sich von ihrer Welt trennen.

Während dieser Zeit lernte ihr Mann eine beruflich erfolgreiche Frau mit Namen Margot kennen. Margot war eine belesene Frau, die sich in Mythologie bestens auskannte. David und sie hatten ein Thema, was sie miteinander verband. Stundenlang konnten die beiden miteinander telefonieren, oder besuchten sich gegenseitig. Maria fühlte sich komplett zurückgesetzt. Ja, David sagte es ihr auch deutlich, dass Maria ihm geistig nicht folgen könnte. Wenn Maria mit David alleine zu Hause war, sprach er mit ihr kein Wort, aber sobald das Telefon klingelte und Margot sich meldete, brach er sein Schweigen und die beiden redeten und redeten. Margot erfuhr von David, dass er sich mit Maria nicht mehr verstehen würde und er nur noch mit ihr reden könnte. Dies gefiel Margot, da sie sich mit David sehr verbunden fühlte und ihn auch als Mann sehr schätzte. Wenn Margot zu Besuch kam, herrschte zwischen ihr und Maria eine frostige Stimmung. Maria wusste sehr wohl, dass sie der geistigen Konkurrenz nicht standhalten konnte. Zwar war Maria fast 14 Jahre jünger, doch sie kam sich vor Margot wie ein Teenager vor. Maria hatte nicht studiert. Außerdem war sie doch nur eine einfache kaufmännische Angestellte. Von Mythologie verstand sie erst recht nichts. Maria hatte nur eine Möglichkeit, sich dem Kampf zu stellen ,und zwar mit den Waffen einer Frau. Aber David spielte dabei nicht mit. Im Gegenteil, er stellte Maria immer wieder auf die Probe. Er reizte ihre Eifersucht, bis sie erkrankte. Ja, Maria hatte es selbst zu verantworten. Ihr Magengeschwür hatte nichts mehr mit Margot oder David zu tun. Nein, ihr verletzter Stolz und ihr Besitzdenken an ihren Mann hatte ihren Magen vergiftet. Während dieser Zeit litt sie sehr. Sie hatte keinen Gesprächspartner, da alle Bekannten sich David zuwandten. Es erschien Maria so, als ob ihr Mann einen magischen Kreis um die Leute spannte und die einzige, die nicht dazugehörte, sie selbst war.

Alles was Maria sich wünschte, war ein ganz normaler Ehemann und Kinder. Nichts von dem erfüllte sich! In ihr verstärkte sich der Wunsch nach einem Kindes. Ja, sie wollte etwas eigenes haben, etwas was ihr ganz alleine gehörte. Aber auch diesmal spielte das Leben nicht mit. Nein, sie sollte kinderlos bleiben und ihren Egoismus zertrümmern, erst dann könnte sich etwas ändern. Alles was sie wollte, war doch nur der Wunsch nach Liebe.




22.02.2001 – 19.00 Uhr

Als Maria die Zeilen auf ihrem Computer sieht, kann sie nur lächeln. Oh Gott, was war ich doch dumm! Ja, es war Egoismus in reinster Form! Wie anmaßend habe ich mich doch aufgeführt, zu bestimmen, was ich will und nicht will. Ja, ich war so selbstgerecht! Ich, Maria, wollte bestimmen, was Gott mir zuzuteilen hat und was nicht. Wer bin ich schon, bestimmen zu wollen, was ich habe möchte? Ein Kind wollte ich haben! Etwas eigenes zum Liebhaben! Wie selbstgefällig!. Danke Gott, dass Du mir diesen Wunsch nicht erfüllt hast. Wie hätte ich jähzorniges Kind ein unschuldiges Baby erziehen sollen?

Achtung Maria, der Beobachter schaltet sich wieder ein. „Was ist im Hier und Jetzt?“

Marias Kopf ist voller Gedanken. Sie hat das Gefühl, als wäre in ihrem Kopf eine unendliche Reise ohne Rückfahrkarte. Nein, kein Zurück! Alles, was sie mitgemacht hat, möchte sie nicht missen. Aber sie möchte nicht mehr zurück. Aber in ihrem Kopf denkt und denkt es. Die Finger gleiten über die Tastatur, als wäre das Buch schon längst fertig geschrieben. Alles ist schon da! Aber die Gedanken in ihrem Kopf lassen sich einfach nicht stoppen. Maria hätte noch so viele Dinge zu erledigen. Maria, die Marionette, müsste ihren Haushalt erledigen. Maria, die Marionette, müsste noch ihre Koffer für eine zukünftige Reise, die raumzeitlich in einer Woche stattfindet, packen. Aber Maria, die Marionette, bleibt sitzen.

Der Beobachter in ihr meldet sich lautstark. „Schreib weiter, dies ist viel wichtiger für Dich als die Banalitäten, die sich so schnell von allein erledigen lassen.“

Also gibt Maria sich ihrem Schicksal hin.

Maria und David haben in ihrer „neuen Welt“ viele Dinge erlebt, die absolut wichtig waren. Viele Menschen, die ihnen ans Herz gewachsen sind. David hat zu diesen Seelen natürlich einen ganz anderen Kontakt. Er strahlt einen Respekt aus, der jenseits von Gut und Böse ist. David liebt die Menschen und die Menschen lieben ihn. Maria hatte während der Zeit viel über sich lernen können. Es reicht nicht, die Ehefrau von diesem Mann zu sein. Sie fühlte sich anfänglich sehr wohl, wenn sie mit David „auftrat“. Ja, sie war die Ehefrau – zwar nicht so wichtig wie David – aber sie sonnte sich schon in seinem Glanz. Irgendwann bemerkte sie aber, dass man sie eigentlich nur akzeptierte, aber nicht immer respektierte. Nachdem viele Menschen – nicht wie erwartet – feststellten mussten, dass Maria eigentlich eine ganz normale Frau war, legte sich ein Schatten auf ihr Dasein. Ja, was wollten eigentlich die Leute von ihr? David beantwortete ihnen nicht alle Fragen und die Menschen waren so neugierig.

Es gefiel ihnen, wenn sie von David hörten, dass Menschen, die seinen geistigen Weg gingen (sich nur um das „Hier und Jetzt“ zu kümmern) in ihrem Alltag abstürzten. Ja, es beflügelte sie sogar! Schadenfreude über Schadenfreude! Wie heißt es doch so schön: „Richte nicht, damit Du nicht gerichtet wirst!“

Viele Schicksale lernten die beiden kennen, aber immer mit einem Unterschied: David versuchte ihnen entweder mit tröstenden oder auch, je nach Egoismus der Menschen, mit harten Worten zu helfen. Maria musste versuchen, sich nicht mit diesen Menschen zu identifizieren. Ihr Mann hatte diesbezüglich kein Problem. Er wusste, dass er sich in einer Traumwelt befand und es in Wirklichkeit außer ihm keine anderer Menschen gab. Ja, David lebte sein System. Er konnte sich Menschen materialisieren, aber auch wieder geistig löschen.




22.02.2001 – 20.00 Uhr

Marias Beobachter meldet sich wieder. Ja, Maria hat im Hier und Jetzt Probleme. David telefoniert mit einer Bekannten. Man unterhält sich über Sanskrit und Hebräisch. Sie bemerkt, dass Davids Stimme energischer ist als ihre Gedanken. Was soll es ihr sagen? Aufhören zu schreiben? Wer hat mehr Macht! Marias Gedanken oder Davids Stimme? Sie beobachtet, dass ihre Gedanken immer schwächer werden. Nein, auch die Stimme ihres Mannes ist nur in ihrem Kopf Dies ist nur eine Prüfung für Maria, sich nicht über Störungen aufzuregen.

Maria versuchte sich schon 1998 zu finden. Sie besuchte in ihrer Jugend die Fachoberschule für Gestaltung. Der damalige Lehrer sagte ihr, dass sie keine künstlerische Ader in sich hätte und niemals etwas mit Malerei machen sollte. Maria war damals total eingeschüchtert. Ja, sie erkannte früher nicht, dass man sich nicht unbedingt an das Wort eines Menschen binden sollte, der darüber richtet, was man tun sollte oder nicht. Maria hatte nicht begriffen, dass ganz allein sie dafür verantwortlich ist, was aus ihr werden kann. Nein, früher wollte sie nachplappern. Man sagt, Du kannst es nicht, also ist es auch Gesetz. Oh, wie trügerisch!

1998 begann sie zu malen. Sie wollte etwas eigenes kreieren und sich nicht mehr so oft an David klammern. Sie begriff, es war nicht ihr Weg, David intellektuell zu folgen. Sie würde sich nur unter Druck setzen. Also konnte sie ihm nur mit dem Herzen folgen.

Die ersten Pinselstriche mit Aquarellfarbe gelangen nicht, aber Maria hatte Ehrgeiz. Ja, sie wollte etwas erschaffen. Sie bemerkte, dass nicht ihre Hand die Bilder malte. Es kam ihr so vor, als wenn eine unsichtbare Kraft den Pinsel lenkte. Danach begann Maria die Malerei mit Ölfarbe.

David bestärkte sie in ihrem Vorhaben, wobei er durchaus auch eigennützlich handelte. Nachdem er nämlich bemerkt hatte, dass seine Ehefrau ihn während seiner schriftstellerischen Phasen regelmäßig störte, musste er sie motivieren, dass sie sich in ihrer Malerei finden könnte. Also malte Maria wie besessen! Sie bemerkte, dass es weder Raum noch Zeit gab, wenn sie sich ihren Bildern hingab. In raschem Tempo waren künstlerische Dinge zustande gekommen, die sie sich nicht in ihren kühnsten Träumen hätte ausdenken können. Was oder wer malte durch sie?, fragte sie sich immer wieder. Die Ergebnisse waren so erstaunlich, dass sie an manchen Tagen fassungslos auf ihre Bilder blickte. Nein, sie hätte weder Farben noch Motiv auswählen können, dafür war sie viel zu gefangen in ihrer Logik. Und wie kamen eigentlich nackte Menschen auf ihre Leinwand, wo sie doch durch ihre Erziehung so spießig war? Was wollten ihr eigentlich die Bilder sagen? Die eigene Logik unterbrechen? – Ja, jetzt hatte sie es! Nicht mehr so angepasst sein an Moralvorstellungen!. Eine große Freude überkam sie. Ja, das war es!! Aber Sekunden später platzte die Erleuchtungsblase. Es klingelte an der Tür und David und sie erhielten Über­raschungsbesuch. Oh Gott, dachte sich Maria, was denken jetzt wohl die Leute von mir. Auf ihrer Staffelei befand sich ein halbnackter Mann mit Engelsflügeln. Ja, dieses Bild hatte zwar Ästhetik, aber auch auf dem ersten Blick etwas Frivoles. Nein, sie hätte mit dem Bild nicht einfach flüchten können. Die Farben waren noch frisch und sie selbst sah mit ihrer farbbeklecksten Latzhose doch etwas verloren aus. Was denken jetzt wohl die Bekannten von mir?, fragte sie sich immer wieder. Flucht? – keine Chance. Selbst wenn sie sich den Weg hätte freimachen können befand sich doch in einer Zimmerecke noch eine andere Leinwand. Und dieses Bild zeigte eine nackte Frau vor dem Spiegel. Nun gut, die Interpretation war frei, aber sie sah in den Gesichtern der Menschen nicht die Qualität des Bildes, sondern die moralischen Gedanken. Sie konnte es ihnen es direkt von der Stirn ablesen. Meine Güte, hat diese Frau Probleme, dachten sie sich. Maria konnte jeden einzelnen Gedanken von ihnen abrastern. Von sexueller Frustration über lesbische Anwandlungen bis zu sexueller Gier und Seitensprüngen war alles dabei. Ja, es waren keine wertfreien Urteilssprüche. Maria trieb es eine beschämende Röte ins Gesicht. Oh Gott, was denken die Leute von mir?

23.02.2001 – 11.15 Uhr

Marias Beobachter meldet sich lautstark. Sie hatte ihn unterdrücken wollen, diese leise Stimme in ihrem Kopf, aber sie hatte keine Chance gegen ihn. Was hatte sie dort aufgeschrieben. Die Sache mit ihrer Malerei hatte einen tieferen Sinn. Alle Menschen, die über sie gerichtet haben, waren nur spiegelbildlich.

Nicht das Außen richtet, sondern immer das Innen. Es waren ihre Gedanken über Moral, die ihr durch die Menschen im Außen begegneten. Ihre Bekannten, an die sie sich im Hier und Jetzt erinnern konnte, waren nur eine Prüfung für sie.

Immer wieder das gleiche Spiel. Lieb sein, nicht auffallen und schon gar nicht das Innen nach Außen kehren - man könnte ja durchschaut werden... Sie war noch so dumm!




23.02.2001 – 11.30 Uhr

Achtung, wieder eine Prüfung für Maria. David telefoniert mit der Bekannten, die sich gestern schon gemeldet hatte. Auch da wieder das gleiche Spiel. Maria merkt, dass die „Marionette Maria“ sich im Hier und Jetzt nicht wohlfühlt. Es ist wieder der gleiche Tag. Sie kann sich nicht konzentrierten. Davids Stimme wird lauter! Maria hat Angst, dass sie die Gedanken, die sie so wundervoll im Kopf hat, verlieren könnte. Der Gedankenfaden wird immer dünner. Was soll es Maria sagen? „Stopp, nicht aufregen, nicht festhalten. Gedanken kommen und gehen. Loslassen können!!“ In Marias Magen entsteht ein Druck. Sie will nicht loslassen, weil sie in sich spürt, dass sie einfach weiterschreiben soll.

Nicht beirren lassen! „Los, Maria, konzentriere Dich! Lasse los!!!“

David und Maria lernten im Jahre 1999 Peter und Simon kennen. Peter war Geschäftsmann in einer ca. 150 km entfernten Stadt und besaß eine große Firma. Sein Sohn Simon stöberte durch „Zufall“ im Internet. Dort fand er die Schriften von David. David wurde seinerzeit angesprochen, ob er seine Weisheiten nicht ins Internet stellen wolle. Da ihr Mann wusste, dass „seine“ Bücher nicht von ihm „geschrieben“ waren, sondern dass ES nur in ihm denkt (‑ nein, keine fremden Stimmen im Kopf – ES schrieb einfach durch ihn), hatte er auch nie einen Anspruch an sein Wissen. Er bekam ES geschenkt und er schenkte ES an andere Menschen weiter. David lebte sein Prinzip zu 100 Prozent. Folglich interessierte es ihn auch nicht, ob Menschen seine Werke ins Internet stellen wollten oder nicht. Nun gut, die Schriften waren im Internet vertreten, mit der Voraussetzung, dass David nichts damit zu tun haben wollte. So also lernten sie Peter und Simon kennen. Da mittlerweile Davids Name in Peters Stadt in aller Munde war, wusste man fast alle Details aus dem Leben von David und Maria. So war auch bekannt, dass sich Maria als Davids Ehefrau selbst finden sollte und sich deshalb der Malerei widmete.

Peter sprach sie an. Er wolle eine Vernissage mit ihren Bildern veranstalten. - Marias Gedanken schwebten zwischen Angst und Egoismus. Angst, sie stecke ja noch in den Babyschuhen der Malerei. Was könnten die Menschen von ihren naiven Bildern denken? Nein, ja nicht sich bloß­stellen! Egoismus, endlich lobt mich ein Mensch, ich kann ja auch etwas. Sie stellte ihre Empfindungen auf eine Waagschale und siehe da, Maria entschied sich für den Egoismus. So konnte sie endlich aus dem Schatten von David treten, dachte sie sich. Die Vernissage wurde mit einem Vortrag von ihrem Mann verbunden. Ihre Bedenken, man könne sie ansprechen, was sie sich bei ihren Bildern gedacht habe, bestätigten sich. Was sollte sie denn sagen? Die Wahrheit! – nur die Wahrheit! Nein, sie war es nicht, die diese Kunstwerke erschaffte, sondern eine andere Kraft - die sie aber eigentlich auch war. Eine Kraft, die aus der „Marionette Maria“ eine kreative Frau machte. Ja, dies gefiel ihr! Sie klopfte sich innerlich selbst auf die Schulter. Wenn sie schon von David nicht gelobt wurde, dann musste sie sich eben selber loben! Ein purer Akt von Egoismus, der ihr aber auch Spaß machte.

Doch die Vernissage wurde dann aber nicht der Erfolg, den sich Maria eigentlich vorgestellt hatte. Alles drehte sich wieder einmal um David. Sie, die Schattenfrau, musste wieder so agieren, wie es sich „die Leute“ vorstellten. „Ja, meinem Mann geht es gut“; „Ja David arbeitet an verschiedenen Werken“; „Ja Davids Vortrag war wieder einmal sehr lehrreich“...

Sie spulte ihre Antworten auf die immer wieder gleich gestellten Fragen marionettenhaft ab.

Aber was war mit ihr? Sie, die doch eigentlich heute hatte glänzen wollen?

Man übersah sie wie immer. Maria wusste, dass sie sich wie ein trotziges Kind verhielt, litt leise vor sich hin. An manchen Tagen ist es halt schwer, sich immer wieder zurückzustellen. Aufschreien wollte sie, wachrütteln. Was wollt ihr eigentlich von mir?, dachte sie sich. - Aber was erwartete sie eigentlich selbst von sich? - Es war einfach zuviel für sie.

Wie ein angeschossenes Tier verkroch sie sich in die ihr zugeteilten Ecke. „Still halten“, war das Motto, „nur nicht auffallen“. Lächeln, obwohl sie am liebsten sofort nach Hause gegangen wäre. Durchhalten!

Maria dachte bei der Vernissage nicht an Geld. David lehrte sie immer wieder, dass man Freude an der Arbeit haben sollte ohne dabei an irgendeine Form der Entlohnung zu denken. Maria Bestreben war insoweit frei von Egoismus. Sie wollte durch ihre Bilder ihre Eindrücke und das Leben mit David wiederspiegeln. Das gelang ihr auch! Aber erkannten die Menschen auch die Tiefe dieser Bilder? Nein, natürlich konnten sie es nicht. Warum? Ganz einfach deshalb, weil Maria sie, bei der Vielzahl ihrer Bilder, ja selber nicht erkannte!

Jeder Mensch hatte einen bestimmten Eindruck von David und Maria. Der Philosoph und Lehrer David mit seiner Ehefrau Maria - der Schattenfrau an seiner Seite. An manchen Tagen nannte ihr Mann sie bei seinen Vorträgen einen Engel - aber noch lange nicht eine Heilige. Nein, heilig war Maria nicht. Sie hatte noch viel an sich zu arbeiten, um sich selber heil (= heilig) zu machen. Noch waren viele dunkle Flecken auf ihrer Seele, die sich nicht so schnell bereinigen ließen. Sie wischte und wischte, aber sie kratzte nur an der Oberfläche. Die Flecken kamen immer wieder durch. Es mangelte ihr an Disziplin und Gottvertrauen. Maria hatte noch einen langen Weg vor sich.

Als sie bezüglich der Vernissage zusagte hatte sie in keiner Weise an Profit gedacht. Im Gegenteil, wenn jemandem ein Bild gefiel, schenkte sie es ihm ganz einfach. Andererseits sagte sie auch nicht nein, wenn jemand unbedingt etwas für die Materialien geben wollte. Nein, Profitdenken war bei ihr nicht vorhanden. Sie konnte sich gut an den Ausspruch ihrer Schwiegermutter erinnern: „Kind, ich will ja nicht viel, nur dass es reicht!“. Maria dachte genauso. Nicht zuviel und nicht zuwenig. Aber wo ist die Mitte? Die Mitte von Zuviel und Zuwenig gab es nicht. Es war eine absolute Selbsttäuschung. Ja, Maria musste zweifellos versuchen loszulassen!

Die größte Freude bereitete es ihr, wenn sie ihre Nichte und die Neffen malte. Ihre Nichte Christin hatte trotz ihrer 2 Jahre eine Ausstrahlung, die sie an manchen Tagen erzittern ließ. Das Aussehen glich ihrer Schwester Dorina. Maria und David nannten Christin liebevoll „Mini Dorina“. Die Seele dieses Kindes hatte eine unergründliche Tiefe - eine Tiefe, die nicht von einem zweijährigen Kinde sein konnte! Die Schöpfung war einfach perfekt!

Maria verschenkte die Bilder der Kinder sehr gerne an ihre Schwester. Dorina hatte eine große Freude daran und war sehr erstaunt darüber, was ihre Schwester auf die Leinwand brachte. Sie besuchte seinerzeit mit Maria die Fachoberschule für Gestaltung, so dass es kein Geheimnis war, dass Maria künstlerisch eigentlich ein Versager war. Marias Schwester war begeistert, dass man trotz der vernichtenden Prognose so wundervolle Bilder malen konnte. Das Leben ihrer Schwester Dorina war viel anstrengender als das von Maria. Dorina war Hausfrau und Mutter. An manchen Tagen beneidete Maria ihre Schwester, hatte diese doch „ein ganz normales Leben“!




23.02.2001 – 12.45 Uhr

Stopp! meldete sich der Beobachter wieder, denn Maria glitt in ihre Vergangenheit ab.

Was ist im „Hier und Jetzt“? - Sie saß am Computer und ließ ihre Finger über die Tastatur gleiten. Wollte sie wirklich mit ihrer Schwester tauschen? Marias Leben war an manchen Tagen auch sehr anstrengend, aber kein Vergleich zu Dorinas Familienleben. Nein, sie wollte nicht tauschen. Jeder Mensch hatte sein Päckchen zu tragen.

"Meine Aufgabe ist nicht Dorinas Aufgabe als Hausfrau und Mutter!“

Nein, Marias Aufgabe war es sich selbst aufzugeben - und zwar die alte Maria mit ihren Moralverstellungen und der eingefleischten Logik einer ganz normalen Frau. Eigene Kinder brauchte sie nicht zum Glücklichsein. Hatte sie nicht in ihrer „Umgebung“ genügend Menschen, die sie täglich neu erschaffte? Ja, sie alle waren ihren geträumten Kinder - wobei sie sich jedoch bei manchen „Traumgestalten“ durchaus wünschte, lieber „verhütet“ zu haben.

Ja, alles war in ihr und alles gehörte zu ihr. Die sympathischen wie auch die unsym­pathischen Menschen. Sie musste nicht mit jedem auf Resonanz sein. Sie wusste, dass sich ihr eigenes Kind, das was sie im Hier und Jetzt erschaffen hatte, als Zeilen am Computer manifestierte. Sie gebar ein Kind mit ihren Eigenschaften. So erfüllten sich doch ihre Vorstellungen. Sie hatte ihr „Wunschkind“.

23.02.2001 – 14.30 Uhr

Maria wunderte sich über sich selbst. Es klingelte pausenlos das Telefon neben ihr, und außerdem tummelten sich mittlerweile drei Besucher in ihrer Küche. David kochte für die Bekannten. Und was machte Maria? Sie blieb an ihrem Computer sitzen und beachtete die Besucher überhaupt nicht. Sie stellte den Leuten Getränke auf den Tisch und ging ins Wohnzimmer, um ihren Gedanken wieder freien Lauf zu lassen. Nein, heute war sie nur ansatzweise die perfekte „Marionette Maria“. Sie dachte nicht über den Teppich im Ess­zimmer nach, den sie eigentlich hätte Staubsaugen müssen. Maria wollte keine perfekte Haus­frau mehr sein. Es interessierte sie einfach nicht mehr.

Loslassen!!! hämmerte es immer wieder in ihrem Kopf. Nur in Deinen Gedanken sind die Besucher da. Es sollte Dir egal sein, was andere von Dir denken!

Maria erinnerte sich an das dritte Treffen mit Peter und Simon. David und sie waren bei Peters Bekannten eingeladen. David sollte an diesem Tag einigen Leuten hilfreich zur Seite stehen, indem er über seine neusten Erkenntnisse philosophierte. Die Leute hörten David aufmerksam zu. Maria fühlte sich an diesem Tage nicht besonders gut. Eine Erkältung machte ihr zu schaffen und überdies war die Wohnung für den Vortrag einfach zu überhitzt. Außerdem nagten Zweifel an ihr. Zweifel über die Gerechtigkeit Gottes, weil sie gerade von ihrer Schwester Dorina erfahren hatte, dass ihr Vater nicht, wie erst vermutet, an einem Bandscheibenvorfall erkrankt war, sondern dass eine Zellveränderung des Knochenmarkes die Ursache seiner Beschwerden war. - Maria wusste weder ein noch aus!

Obwohl David ihr doch immer wieder gesagt hatte, dass alles seinen Sinn habe und Krankheit nur eine Prüfung sei, stürzte das Kartenhaus ihrer eigenen Logik innerhalb weniger Stunden völlig in sich zusammen. Ja, sie hatte begriffen, dass jeder das bekam, was er verdiente, aber wie sah das bei der eigenen Familie aus? Funkstille im Bewusstsein! Diese gemeinen Gedanken, die sie sich selber dachte, gaben keine Ruhe! – Aber dachte sie eigentlich wirklich selber? – Oder war es nicht vielmehr so, dass ES in ihr dachte ? Was waren „ihre eigenen Gedanken“ und was dachte sie nur, weil „ES in ihr“ dachte ?

Oh Gott, erst die Mutter und einige Jahre später der Vater? Nein, nicht jetzt! Immer wieder versuchte sie sich ins „Hier und Jetzt“ zu begeben, doch es gelang ihr nicht. Diese Gedanken waren so hartnäckig! Selbst positives Denken half ihr nichts. Was hatte sie überhaupt von Davids Worten begriffen? Einfach nichts!! Ja, es war so einfach, diese Dinge nach­zuvoll­ziehen, solange sie nicht selbst betroffen war [sie erkannte: „Das ist wie im ‚Splitter-Balken Gleichnis’ im Neuen Testament J“].

Aber wie sah es aus, wenn sie in diesem Lebensfilm der Drehbuchautor war und sie musste einen ihrer Darsteller opfern?

Diese schmerzliche Rolle wollte und konnte sie nicht übernehmen. Nein, immer wieder wollte sie über ihr Leben bestimmen, aber eigene Verantwortung zu übernehmen viel ihr schwer. Ja, was hatte sie wirklich von Davids Worten begriffen?

Die Scham brachte sie fast um den Verstand. David war doch ihr Mann und sie wollte mit ihm den Weg gehen!

Aber schon bei der kleinsten Prüfung kapitulierte Maria! Wie sollte sie ihrem Mann zur Seite stehen, wenn es ihr an Gottvertrauen fehlte?

Heuchler, Heuchler, Heuchler! - diese Worte schossen ihr immer wieder in den Kopf. Wie weit ist es denn wirklich mit Deinem Gottvertrauen? Nichts von dem hast Du begriffen! schrie die Stimme in ihrem Kopf. Du hast kein Gottvertrauen, sondern Kopfvertrauen, das Dir vorgaukelt, dass Du Dich jetzt selbst schuldig fühlen musst. Wo bist Du, wenn es Deinem Vater schlecht geht? Du sitzt hier in einem Zimmer mit Deiner Erkältung und fühlst Dich mies, weil Du nicht Deine Familie unterstützt!

Was hätte Maria denn machen sollen?

Ja, zweifellos war die Diagnose niederschmetternd - aber es stand doch noch nichts fest! Es war nur eine Szene ihres Lebensfilms und einer der Hauptdarsteller geriet in Bedrängnis Wie kam dieser Schauspieler wohl aus dieser Situation wieder heraus?

Gott wird es wieder richten, denn Gott lässt keine Fehler zu, da er unfehlbar ist!

Aber was machte Maria? Sie warf Gott vor, sich nicht intensiv genug um ihren Vater gekümmert zu haben.

Oh, Du Kleingeist Maria!

Sie fühlte sich von Simon und Peter gerichtet, nachdem die beiden sie nach dem Vortrag fragten, wie es ihr denn ginge. Ja, sie fühlte sich schlecht, außerdem ginge es ihrem Vater nicht so gut. Sie merkte, dass sie gefragt wurde und ein Anflug von Schmeichelei kam in ihr hoch. Aber wie reagierten Peter und Simon?

Nachdem die beiden feststellten, dass sie als Ehefrau von David geistig viel weiter sein müsste, fühlte Maria sich unwohl. Oh, wie Faustschläge in die Magengrube trafen sie diese Worte. Ja, was wussten sie denn schon von ihrem Leben? Sie wollte doch nur mitteilen, dass es sie auch noch gab und dass es in ihrem Leben auch Schwierigkeiten gab, die für sie unlös­bar erschienen. Aber was machten die beiden?

Sie richteten über Maria!

So empfand sie es zu diesem Zeitpunkt Aber hatten die beiden mit diesem Urteil nicht vielleicht recht? Ja, das hatten sie! Maria begriff in diesem Moment gar nichts! Sie versuchte sich zu rechtfertigen. Mit einer maßlosen Wut im Bauch verteidigte sie sich.

Vor wem musste sie sich eigentlich rechtfertigen? Etwa nur vor sich selbst?

Ja, sie musste erkennen, dass ihre ausgeträumten Gestalten ihr nur das sagten, was sie im tieferen Sinne auch spürte. Sie wusste, dass es ihr an Gottvertrauen fehlte. Aber musste es ihr so schonungslos - von einem, wie sie es empfand, „Unbeteiligten„- gesagt werden? Mit welchem Recht richtete man über sie?

Warum können sie denn nicht loslassen,? – „David lebt es ihnen doch vor!“, kam ihr eine Stimme entgegen. Ich für meinen Teil habe mich genau geprüft. Es gibt drei Dinge in meinem Leben, die mir etwas bedeuten, aber nach reichlicher Überprüfung meiner Selbst bin ich zu dem Entschluss gekommen, dass mich diesbezüglich nichts treffen kann, wenn der „Lebensfilm schon abgedreht ist. Ich kann von den Dingen loslassen!“, so äußerte sich die Stimme. Maria bemerkte, dass sie in diesem Moment ihren Mund halten müsse. Ja, sie lernte immer wieder Menschen kennen, die so argumentierten. Aber der geringste Anlass ließ ihr Kartenhaus sekundenschnell zusammen­brechen.

Maria kannte das Gefühl sich in einer Situation unverwundbar zu fühlen. Jeder hatte sein „Päckchen“ zu tragen, aber ein Problem, das ihr nichts ausmachte, verursachte bei anderen Menschen Angst. Aber wie sah es mit ihrer Angst aus? Lächelte nicht ihr Gegenüber genauso darüber?

23.02.2001 – 19.30 Uhr

Der Beobachter schrie auf: „Maria, wieder nicht aufgepasst! Was soll es Dir sagen?“

Reiner Egoismus vergiftete sie. Was verstanden die Leute schon von ihr? Musste sie sich wirklich um andere kümmern? Wer waren überhaupt „die anderen“? Hatte sie immer noch nicht begriffen, dass es außer ihr keinen anderen Menschen gab? Sie lebte das Leben, nicht irgendwelche Traumgestalten von ihr! Ja, jetzt konnte man behaupten, „ich sehe doch diese ganzen Menschen um mich herum“.

„Stimmt, Maria!“, sagte der Beobachter. „Aber wo siehst Du diese Leute? Nur in Deinem Kopf! Im Hier und Jetzt siehst Du nur einen Bildschirm vor Dir. Mehr nicht! All das, was Du niedergeschrieben hast, war nur in Deinem Kopf. Du kannst es nicht beweisen, da jeder Mensch eine komplett andere Sicht der Situationen hat. Niemand kann jemals so empfinden, wie Du empfunden hast!“

Wer hatte jetzt recht? Waren nicht all diese Geschichten wirklich nur in ihrem Kopf? Machte Maria nicht nur eine lange Gedankenreise mit Zwischenstopps?

 





24.02.2001 – 10.30 Uhr

Maria fand sich morgens an ihrem Computer wieder. Sie konnte sich nicht daran erinnern, wie sie dort hin gelangt war. Konnte es vielleicht sein, dass der gewohnte morgendliche Ablauf auch nur wieder ein Gedanke in ihrem Kopf war?

Ja! sagte jetzt deutlich ihr Beobachter. Du hast Deinen morgendlichen Ablauf schon längst hinter Dir gelassen, wenn es je diese Situation gab. Es sollte Dir egal sein, los, schreibe weiter!, sagte die Stimme.

Maria setzte ihren Gedankenzug in Bewegung. Wo würde er wohl jetzt stoppen?

Im Jahre 1998 lernten Maria und David Berta kennen. Berta wohnte ca. 300 Kilometer von ihnen entfernt in einem wunderschönen Urlaubsgebiet. Maria freute sich, dass viele Bekanntschaften weit von den beiden entfernt lebten, denn das hatte auch den großen Vorteil, dass man die beiden nicht eben einmal kurz besuchen konnte. Sie liebte es, wenn sie und David an manchen Tagen die absolute Ruhe in ihrer Wohnung hatten. In der ersten Zeit konnte Maria sich schlecht mit dem Gedanken anfreunden, dass ihre Wohnung mit Besuch belagert war. Nicht, dass sie die Menschen nicht liebte, oder dass sie ungastlich war, nein, Maria war ein Mensch, der die Stille liebte. Sie genoss es, sich in ihre eigenen Wände verkrie­chen zu können, wie es ihr beliebte. Eigentlich war sie von Natur aus schüchtern und gehemmt.

Noch nie hatte sie erlebt, dass sich Akademiker so zwanglos in ihrer Wohnung aufhielten. Nein, seit ihrem Berufsleben musste sie erkennen, dass es, wenn sie ihre Arbeit behalten wollte, für sie keinen Widerstand geben durfte. Nur immer schön vor höher gestellten Persön­lichkeiten buckeln. Nicht auffallen! Zuvorkommend, fast kriechend fristete sie bisher ihr Leben. Und jetzt war alles ganz anderes. David zeigte ihr eine ganz andere Welt. Da es nie sein Bestreben war zu missionieren, mussten sich die Leute bei ihm melden. David wollte nichts von ihnen. Wenn jemand vor der Türe stand, half er ihm gerne. Aber er musste niemandem hinterher telefonieren, weil er es sich verbat, einen Kult oder gar eine Sekte zu organisieren. Bei David gab es nur Freiheit, und zwar eine Freiheit, die nichts mit anderen zu tun hatte, keine Rituale, kein Missionieren, keine Regeln. Er hatte nur eine einzige Regel, und zwar die, sich selbst glücklich zu machen - aber nicht auf Kosten des Gegenübers:

„Deine Freiheit spielt sich nur in Deinem Kopf ab, nur Du bist wichtig, kein anderer muss davon erfahren!“, so Davids Worte.

24.02.2001 – 10.45 Uhr

Achtung, Maria, Du verlierst den Faden!, meldete sich ihre Stimme im Kopf. Willst Du David zitieren oder es geht um Dich?

Nein, es geht nur um meine Selbstfindung, nicht um David, reagierte Maria energisch.

Also los, setze die Reise fort!

Maria lernte Berta als liebenswürdige und sehr belesene ältere Frau kennen. Berta erfuhr von David über Helene, Helene über Boris und Jasmin, Boris und Jasmin über Margot. Da all diese ganzen Leuten in verschiedenen Städten wohnten, überraschte es Maria, wie diese stille Post doch funktionierte. Ein gigantischer Ablauf!

Nun gut, Berta besuchte Maria und David. Berta war zwar schon 70 Jahre alt, aber noch sehr rüstig. Auf Maria machte sie schon fast den Eindruck, als sei sie überaktiv. Berta bedankte sich tausendfach bei David, dass sie bei ihm sein konnte. „Ein Wunder, ein Wunder“, stammelte sie immer wieder vor sich hin. Berta hatte viele Fragen an David. David war überrascht, dass eine Frau in ihrem Alter so belesen war, so dass er verschiedenste Bereiche ansprach, wobei sie immer wieder sagte „Ja, das Buch kenne ich, das habe ich daheim“. In machen Augenblicken jedoch erschien Berta als gebrochene Frau, eine Frau, die nicht zugab, bedingt durch einige Schicksalsschläge, mit sich große Probleme zu haben. Berta hörte David gelehrig zu, schlug immer wieder ihr Notizbuch auf, hatte sie doch an David so viele Fragen. Berta übernachtete bei Maria und David. Maria empfand Bertas Besuch durchaus als sehr angenehm, wunderte sich aber doch für einen kurzen Augenblick, dass Berta sich nur mit ihr unterhielt, wenn David das Zimmer verließ. Nachdem David wieder anwesend war, brach sie sofort die Unterhaltung mit ihr ab und widmete sich voll und ganz David. Merkwürdig, dachte Maria, aber das gleiche Phänomen hatte sie schon bei so vielen Leuten erlebt. Alle Menschen hatten vor David großen Respekt und wirkten fast ein wenig eingeschüchtert, obwohl über­haupt kein Anlass dazu bestand. David gab sich in der Unterhaltung immer sehr höflich, aber gelegentlich auch durchaus energisch und er ließ es nicht zu, Zwischenfragen zu stellen, da er von vorn herein immer wusste, welche Frage in welchem Augenblick gestellt wurde. Er hatte wirklich eine enorme Menschenkenntnis und Maria hatte das Gefühl, dass ihr Mann wirklich all die Gedanken seines Gegenübers kannte, ohne sich jemals damit zu brüsten. Nachdem Berta am nächsten Tag natürlich weitere Wunder für sich erlebt hatte, verabschiedete sie sich überschwänglich von den beiden.

David aber gab Berta folgende Regel mit auf den Weg:

„Die Freiheit, die ich Dich lehre, hat nur etwas mit Dir zu tun! Du musst keinen anderen missionieren! Wenn man etwas sehr schönes erleben durfte, ist man nimmermüde, davon zu erzählen, aber man sollte schon abwägen, wem man davon berichtet“, so Davids Worte.



Nachdem David Berta zum Bahnhof gebracht hatte kehrte Stille in ihrer Wohnung ein. Geschafft!, dachte sich Maria. Die übliche Hausarbeit stand wieder einmal an und sie machte sich ans Werk.

Einige Tage später rief Berta bei den beiden an. „Ja, sie wolle sich doch noch einmal ganz herzlich bedanken und sie habe bei ihnen so viele Wunder erleben dürfen. Und außerdem kamen die verschiedensten Menschen zu ihr, wo sie doch sonst so abgeschieden lebte. Kein Mensch hätte sich vorher für sie interessiert, sie habe doch nur einer Nachbarin von David erzählt und diese wiederum ihrer Freundin usw..“

Kurz und gut, Berta sagte zwar, sie habe nicht missioniert, aber David sei doch ein so wunder­volles Geschenk, dass es doch nur natürlich sei, dass ihr größter Wunsch wäre, andere Menschen auch das Wunder erleben zu lassen, das ihr wiederfuhr. Berta wollte sich natürlich für die Gastfreundschaft bedanken und lud die beiden zu sich ein. Sie habe ein großes Haus mit Gästezimmern, wo David und Maria völlig ungestört Urlaub machen könnten...

Zwei Monate später machten sich die beiden auf den Weg zu Berta. Sie begrüßte die beiden sehr herzlich. Es dauerte jedoch nicht lange und schon zückte Berta ihren Notizblock. Natürlich sollte David eigentlich bei ihr Urlaub machen und sie wollte es ihm so schön wie möglich machen, aber sie hätte schon einige Fragen. Und schon legte sie mit einem Riesentempo los. Ja, in diesem Buch steht dies, in jenem Buch das, und in Davids Buch stand etwas ganz anderes. Nachdem David mit Berta jedes Buch einzeln durchgegangen war und ihr erklärt hatte, dass jedes Buch richtig sei, aber auch dass jedes Buch einen bestimmten Standpunkt vertrat, fühlte sich Berta wieder wohl. „Ja, sie wisse nicht mehr, was jetzt richtig sei“, äußerte sie sich.

Nachdem David ihr nachdrücklich sagte, dass sie sich selber eine eigene Meinung bilden und nicht alles nachplappern sollte, was sie gelesen habe, verstummte sie. Ja, sie habe alles verstanden, bekräftigte sie. Es dauerte nur eine kurze Weile und schon stellte Berta neue Fragen. Es waren eigentlich keine neuen Denkansätze, sondern wieder die gleichen Fragen, aber anders formuliert. Maria fiel auf, dass Berta sich in ihrem Redeschwall verfangen hatte. Berta konnte nicht mehr zuhören. Es war so, als wären ihre Ohren versperrt, aber ihr Mundwerk ständig in Bewegung. Allen Gedanken ließ sie freien Lauf. Und wenn David sie immer wieder stoppte, so verstummte sie für einen Augenblick, um aber ihren nicht ausgesprochenen Satz später wieder nachzuschieben. Ja, Berta hatte sich in ihrem Computer­programm „aufgehängt“, bemerkte Maria. Nein, richten wollte sie nicht über Berta, da sie ja wusste, wie schwer es war, permanent eine Stimme im Kopf zu hören, die sie ständig allen möglichen Blödsinn denken ließ. Jetzt aber war es an der Zeit, dass man auch sich selbst stoppen musste! „Was denke ich mir eigentlich für komische Sachen?“ fragte sie sich immer wieder. Genau das gleiche Problem sah sie bei ihrem Gegenüber Berta, die sich einfach nicht bremsen ließ.

Gemeinsam mit Berta besuchten David und Maria Helene. Helene war, wie ihr Name schon ausdrückte, eine sehr elegante und geistig gereifte Dame. Sie hatte David und Maria bereits vor Berta einmal besucht. Sie informierte danach Berta über David.

Helene hatte damals bereits all ihre Möglichkeiten ausgeschöpft Berta zu helfen, aber siehe da, ein Licht im Dunkel tat sich auf und David trat in ihr Leben. Helene verstand sich sehr gut mit David. Maria hatte fast den Eindruck, dass die beiden sich schon länger kannten - was sie auch taten. Es war offen­sichtlich Seelen­verwandtschaft!

Helene trat Berta gegenüber eher kühl auf, worüber sich Maria wunderte, da Berta doch immer wieder behauptet hatte, die beiden seien die besten Freundinnen. Was stimmte dort bloß nicht, fragte sich Maria. Wie konnte man so eine liebenswerte ältere Frau nur so kühl behandeln? Natürlich wird Berta schon ihre Macken haben, stellte Maria ansatzweise selber fest, aber Helene war ca. 15 Jahre jünger als Berta und Berta bemühte sich doch ganz offen­sichtlich wirklich, es allen Leuten recht zu machen. Sie wirkte schon fast verzweifelt in Helenes Anwesenheit. „Achtung“, dachte sich Maria, „alles hat seinen Sinn. Schau Dir die ganze Sache doch einmal objektiver an!“ Maria wunderte sich, dass die beiden trotz ihrer angeblich großen Freundschaft distanziert miteinander umgingen. Maria bemerkte, dass sie sich rein logisch für den Schwächeren der beiden entschied, da sie doch in einigen Dingen eher Berta ähnlich war. Sie war auch keine große Persönlichkeit, sie war eigentlich genauso wie Berta ständig bemüht, ja nicht aufzufallen. Was spielte sich dort bloß ab? Helene war distanziert höflich, Berta buckelte um David und Helene. Nachdem Berta bemerkte, dass David sich mehr um Helene bemühte, änderte sich bei dieser hilflosen gedemütigten Frau der Blick. Maria sah in den Augen Bertas die blanke Eifersucht. Ja, diesen Blick kannte Maria von sich selbst. Oh, wie diese Frau doch leiden musste! Berta bemühte sich aber, ihre Eifer­sucht in den Griff zu bekommen, was ihr für einige Stunden auch gelang. Aber nachdem David und Maria mit Berta Helenes Haus verlassen hatten und wieder bei ihr zuhause waren, brach über sie ein Redeschwall herein, der sich nicht mehr stoppen ließ. Ja, sie wollte doch nur die Freundschaft mit Helene, ja, sie dankte immer wieder Helene, für all das, was sie für sie getan hatte, außerdem seien sie doch die besten Freundinnen, aber Helene kümmere sich nicht um sie. Berta verstand ihre kleine Welt nicht mehr, warum bloß war Helene so abwei­send zu ihr. Es sei doch nichts vorgefallen, bekräftigte sie. David ging nicht auf das Gespräch ein, sondern unterbrach behutsam den Redeschwall und lenkte andere Themen ein, worauf sie sofort einstieg, aber das Thema Helene war trotz allem für sie noch nicht vergessen. Immer wieder machte Berta Ansätze, die Problematik erneut anzusprechen, aber sie stieß bei David auf Granit. „Keine Chance“, wollte Maria sich schon zu Wort melden, „das kenne ich doch aus Erfahrung“, aber sie blieb stumm.

Eigene Erfahrungen machen lehrte sie David:

„Du kannst es nicht verhindern, wenn Kinder trotz Ermahnungen immer wieder auf die „heiße Herdplatte“ fassen möchten“, so predigte ihr Mann.

Also, halte Dich aus dieser Sache heraus, ermahnte Marias Beobachter sie immer wieder.

Berta erzählte von ihren Wundern. Ja, so viele Leute hätten sich schon bei ihr gemeldet, nein, missioniert hätte sie nicht, aber sie wollte doch nur ihren Mitmenschen die gleiche Freude machen, die sie selbst erfahren durfte. Ganz geschickt fädelte sie ein, dass sie ja David einen schönen Urlaub bereiten wollte, er solle sich ja bei ihr wohlfühlen, nein, belästigen wolle sie ihn ja nicht, aber die vielen Leute, denen sie doch eine Freude machen wollte, würden sie ständig anrufen, wann einmal das „Geschenk David“ kommen würde. Und dann wurden die nächsten Tagen von David und Maria verplant. Morgen früh kommt mein Masseur, nachmittags die Nachbarin, ja könnte man denn nicht eine kleine Versammlung in meinem Wohnzimmer stattfinden lassen, wo David nur kurz zu den Leuten sprach, so äußerte sich Berta. David gab sich hin. „In Ordnung, sagte er, wenn Du es willst, Berta, dann rede zu den Leuten“. Aus einem kleinen Treffen mit zwei Personen wurde ein großes Treffen mit 10 Leuten. „Ich weiß gar nicht, wer diese ganzen Menschen sind, ich kenne den größten Teil der in meiner Wohnung ist, gar nicht“, so stammelte Berta. Maria fiel auf, dass das Selbst­wert­gefühl von Berta während des Treffens um den Faktor 100 stieg. Diese gedemütigte Frau von gestern war eine thronende Frau von heute. So kann man also Berta glücklich machen, dachte sie sich. Maria konnte das Gefühl, wie Berta David vorführte, nachvollziehen, aber sie wusste aus eigener Erfahrung, dass es eigentlich nur einer reiner Akt von Egoismus war. Sich mit David aufzuwerten, gelang nur für kurze Zeit. Aber was geschieht, wenn David sich abwendete? Maria kannte die Antwort, aber sie war wachsam, niemanden eine Erfahrungen zu verwehren und hielt ihren Mund.

Einige Tage später meldete sich Helene. Helene wohnte nur ca. 1 Kilometer von Berta entfernt und lud nur David und Maria zum Essen ein. Was sollte es Maria sagen? Würde sich Helene über Berta äußern, und würde sie erzählen, was eigentlich der Grund war, warum sie so distanziert war? Nein, Helene reagierte ganz anders als Maria es erwartet hatte. Sie hatte die Kühle, die sie umgab, komplett abgelegt und der Tag war schön. David lenkte das Thema „Berta“ geschickt im Beisein von Helene ein. „Ja“, sagte David, „Berta hat so viele Probleme mit Dir Helene, ich konnte sie kaum in ihrem Redeschwall stoppen.“ Helene verzog keine Miene. Mit großer Gelassenheit äußerte sie sich nur kurz zu dem Thema. „Ich danke Dir, David, dass Du in Bertas Leben getreten bist. Ich für meinen Teil habe alles mir Mögliche getan. Ich habe kein Problem mit Berta, sondern Berta mit mir. Dies ist nicht mein Problem. Ich fühle mich gut. Mein Gewissen ist rein und mehr konnte ich für sie nicht mehr tun. Alles ist ausgeschöpft. Man sollte immer zwei Seiten hören, aber mir ist es zu mühevoll, etwas aus der Vergangenheit zu erzählen, was mich nicht mehr belastet. Wir sollten diesen schönen Tag doch einfach weiter genießen“. Mit diesen Worten beendete Helene das Thema. Als David und Maria am Abend wieder zu Berta fuhren, empfing Berta die beiden schon mit großer Neugier. Na, hattet ihr einen schönen Tag, fragte sie. Ja, ich hatte auch so schöne Tage mit Helene, ich weiß gar nicht, warum sie mich so mit Verachtung straft?“, hakte Berta nach. David ging nicht weiter auf das Leid von Berta ein. Er wusste, wie er sie stoppen konnte, also ging er auf ein anderes Thema ein, das sie schnell ablenkte. Am nächsten Morgen betrat Maria als erstes Bertas Küche . Sie hatte das Gefühl, dass Berta schon seit Stunden auf die beiden wartete, obwohl es noch früh am Morgen war. Maria erkannte noch nicht, was es ihr sagen sollte. Geschickt versuchte Berta Maria auszufragen. „Ja, wie war denn Euer gestriger Tag mit Helene, hat Helene etwas über mich gesagt“, so begrüßte Berta den Morgen. Maria erkannte noch nicht, dass hinter der Fassade einer liebenswürdigen und demütigen Frau eigentlich ein neugieriges Wesen steckte. Bereitwillig und naiv beantwortete Maria die Fragen. Doch dann erschien David in der Küche. Maria wurde mitten im Satz von Berta unterbrochen. „Ja, David, ich wünsche Dir einen guten Morgen. Na, hast Du gut geschlafen?“, begrüßte Berta David. Er beantwortete brav ihre Fragen. Aber in Sekundenschnelle lenkte Berta das Thema Helene ein. Nein, David ließ sich nicht von Berta beirren. Auch diesmal schaffte sie es nicht, David mit ihrer Neugier zu überlisten. Maria hatte das Gefühl, das die kommende Tage bei Berta sich ständig wiederholten. Nichts änderte sich! Jeden Tag die gleichen Fragen, das gleiche morgendliche Ritual, der Nachmittag, bis hin in den Abend. Ablenkung verschaffte den beiden nur die Besuche bei Helene. Sie war so eine herzliche und großzügige Frau. Helene suchte auch nur ohne eine Spur von Neugier das Gespräch mit Maria. Die beiden konnten über Banalitäten lachen, obwohl Helene Maria sehr geschickt immer wieder für ihr weiteres Leben Impulse gab, ohne sie in ihrer freien Entscheidung zu beeinflussen.

Helene hatte viel Ähnlichkeit mit David. Auch David ließ sie Erfahrungen machen, obwohl er auch im Vorfeld wusste, dass es für Maria schmerzhaft sein könnte. In solchen Momenten verfluchte Maria David innerlich, aber wenn sie über diesen Punkt hinaus war und ihr Geist wieder clean war, dankte sie David dafür. Selber Erfahrungen machen war Davids Motto. Oh, wie recht er doch hatte. Manchmal reagierte Maria überempfindlich, wenn David ihr auf­zeigte, dass sie wieder einmal neben sich stand. Es war verhext, dachte sich Maria, dieser Mann hat immer recht, das wusste sie, aber sie hatte gegen ihn einfach keine Chance. Dass David immer wusste, welche Dummheit Maria zur Zeit rechtfertigte, machte sie wütend auf sich selbst.

Ja, so musste sich auch Berta fühlen. Sie buckelte fast vor David, nahm es aber doch nicht so ernst, dass er sie längst durchschaut hatte und alle ihre Gedanken kannte. Berta hatte kein Problem David anzuhimmeln, aber ihm alles zu glauben fiel ihr doch schwer. Sie fragte ihn immer wieder, David, darf ich dieses, David darf ich jenes. Keine eigene Meinung! Eigentlich gab er nur Tipps, indem er jedem Menschen beide Seiten aufzeigte. Berta begann mittlerweile jeden Satz mit den Worten, David hat dies gesagt, David hat jenes gesagt usw..

Angst, es David nicht recht zu machen, nachlaufen ohne eigene Meinung, aber auf der anderen Seite keine Verantwortung für sich selbst zu übernehmen, da man ja jetzt David hatte, weil David ja gesagt hat. Absolute Herdentiere, dachte sich Maria. Und Maria befand sich mitten unter ihnen.

David und Maria fuhren nach ca. 2 Wochen Aufenthalt bei Berta wieder heim. Ja, viele Erfahrungen hatte Maria gemacht. Sie versuchte alles noch einmal Revue passieren zu lassen. Maria hatte schon vor einiger Zeit gemerkt, dass sich die Menschen um sie herum komplett veränderten, wenn David nicht dabei war. Es wurde geurteilt, gehetzt, sich größer gemacht. Alle Facetten an kleinen Schweinerein lernte sie kennen. Ein Lächeln für David, eine Fratze hinter seinem Rücken. David interessierte sich für das Geschwätz überhaupt nicht. Wenn die beiden unterwegs waren, hatten sie es sich zum Betthupferle gemacht, dass Maria David von Gesprächen während seiner Abwesenheit erzählte. Es waren keine urteilenden Gespräche, sondern absolut wertfrei wiedergegeben. Ja, wie machten sich doch die Menschen groß, wie groß war der Hass und Neid auf die Mitmenschen. Besonders richtend wurde über wohl­situierte Menschen gesprochen. Die Argumente waren so anmaßend. Reiche Menschen sollten nicht ins Himmelreich, nein, spenden sollten die doch erst einmal. Wie wollen die denn Freiheit erlangen? Die sitzen doch nur auf ihrem Geldhaufen. Schaut euch doch die Reichen an, müssen sich Freunde kaufen, sehen nur sich, sehen nicht die armen Leute.

Oh Gott, dachte sich Maria, ihr wurde jetzt erstmalig bewusst, welchen Hass-Attacken sich gut situierte Leute zum Teil aussetzen mussten. Ja, manche von ihnen machten schon ein Spiel mit ihren Mitmenschen. Das Auftrumpfen von Reichtümern machte manchen von ihnen schon Freude, aber wen konnten sie nur damit treffen? Betroffen sein kann nur der, der Spuren von Neid in sich hat. Man kann sich doch darüber freuen, wenn Schmuck oder Autos wie Orden zur Schau gestellt werden. Du musst doch an dem Spiel nicht teilnehmen. Auf die Freiheit! Kann man wirklich sagen, dass es nur ein Spaß der Reichen ist? Machen es nicht auch die Menschen, die es sich eigentlich gar nicht erlauben können? „Ordenträger“ sind sie doch alle.

24.02.2001 – 13.30 Uhr

Marias Beobachter schaltet sich ein. Der Gedanke an Hunger tritt in ihren Geist und prompt meldet sich der Magen. Maria bittet David in nächster Zeit etwas zu kochen. David reagiert wie fast jeden Tag. „Schatz, ich habe noch keinen Hunger, ich möchte noch einige Seiten lesen, dann mache ich uns etwas.“ Ja, Maria hat immer noch ein Problem körperlichen Hunger abzuschalten. Sie merkt, dass sie in solchen Momenten komplett neben sich steht. Dieses Gefühl von Hunger ist für sie ein Teufelskreis, aus dem sie immer wieder schlecht heraus­kommt. Maria wird in solchen Situation eine Furie. Sie kann es nicht mehr steuern, wenn die Marionette Maria etwas essen möchte. Sie kann es zwar rauszögern, aber wehe, das Gefühl nimmt überhand. Sie meckert grundlos an David herum, dass er seine Sachen wegräumen solle, außerdem war dies und jenes, was er ihrer Meinung nach nicht richtig gemacht hätte. Sie benimmt sich wie ein Tier im Käfig, das eine Woche lang auf Diät gesetzt wurde und jeden zerfleischen möchte, der sich dem Gefängnis nur nähert.

Ja, sagt der Beobachter, dieses Problem müssen wir auch noch angehen, Maria. Du hast Dich zwar schon gebessert, aber die Prüfung noch längst nicht geschafft.

Plötzlich meldet sich eine andere Stimme in ihrem Kopf.

Es war die Logik: Na, Maria, hast Du schon Deine Hausarbeit gemacht? Wann willst Du denn endlich damit anfangen? Hinterher kannst Du eine Nachtschicht einlegen, um alles zu bewältigen. Maria kämpft mit den Tränen. Verdammt mit der Logik und Moral. Jetzt hat sie auch noch die Stimme der Moral im Kopf. Schau Maria, wie gehst Du nur mit David um. Sind das vielleicht die Pflichten einer geliebten Ehefrau? Du kümmerst Dich nicht um ihn, lässt ihn einfach in seinem Stuhl sitzen. David wirkt auf sie wie ein Kind, dass sich abgestellt fühlt.

Stopp!, kommt endlich die erlösende Stimme des neutralen Beobachters. Na, wie haben Dir diese Dinge gefallen, die ich Dich habe denken lassen?, fragte die Stimme. Ja, ich bin es! Ich, der die Logik und Moral eingespielt hat. Wie viele Gedanken muss ich Dir noch einspielen, bis es endlich in Dir aufschreit, dass Du diesen ganzen Blödsinn nicht mehr mitmachen willst? Überlege in aller Ruhe. Es gibt nur das Hier und Jetzt. Du siehst weder Hausarbeit noch David. Was sieht Du? Nur einen Bildschirm mit Worten, wobei Du noch nicht mal beweisen kannst, dass Du diese Sätze aufgeschrieben hast. Arme kleingeistige Maria!

Maria und David wurden in den nächsten Monaten sehr oft von Berta eingeladen. Sie verhielt sich gegenüber David sehr unterwürfig, aber sobald Maria Bertas Anruf entgegen nahm, wurde aus der demütigen Frau schon einmal die bestimmende Frau. Sehr geschickt versuchte sie Maria davon zu überzeugen, dass die beiden sie zu einer bestimmten Zeit aufsuchten müssten. „Ja, wäre es nicht schön, wenn Ihr vor Weihnachten kommen könntet, ja, die Leute rufen mich doch immer an, was soll ich ihnen denn sagen?“, argumentierte Berta. „Außerdem könnt Ihr doch bei mir Urlaub machen und ich würde Euch auch nicht belästigen“. Maria bekam den Magendruck zu spüren. Diese Frau wollte doch nur ein schönes Weihnachtsfest verbringen. Sie hatte doch nur einen kleinen Bekanntenkreis, dachte sich Maria. Der Gedanke an eine alleinstehende Frau die tränenreich an Weihnachten denkt, machte Maria mürbe. „Ach weißt Du“, sagte Maria zu Berta, „wir können leider nicht kommen, da David und ich meine Familie besuchen wollten“, versuchte sie sich zu rechtfertigen. Maria hatte das Gefühl, dass ihre Moral an beiden Armen riss. Wie sollte sie es Berta verständnisvoll beibringen, fragte sie sich. Behutsam erzählte Maria von ihren Weihnachtsplänen. „Es tut uns so leid, Berta, aber leider können wir nicht kommen, weißt Du, vielleicht können wir Dich einen Monat später einmal besuchen“, erwiderte sie. Aber dann wendete sich das Blatt. Berta versuchte mit allen Tricks, sie davon zu überzeugen, sie doch zu besuchen. Maria hörte sich die Bitten an, betonte aber immer wieder, dass sich der Plan leider nicht verschieben lässt. Dann veränderte sich die liebenswürdig demütige Frau in ein trotziges Kind. Fast energisch fuhr sie Maria über den Mund, um ihre Vorstellung durchzusetzen. Maria war geschockt. Was steckte in dieser Frau, wenn sie ihren Willen nicht durchsetzen konnte? Wieder hatte Maria etwas gelernt. Jeder Mensch setzte eine Maske auf, auch die, die ja so nett sind (einschließlich auch Maria).

Jeder Tag war ein lehrreicher Tag. Maria und David setzten ihren Plan durch und fuhren in Marias Heimatort, um dort Weihnachten zu feiern. Nachdem die Feiertage vorüber waren, setzten sie zur Heimreise an. Einige Tage später folgte eine Einladung von Boris und Jasmin. Maria und David freuten sich sehr, da auch Helene angekündigt war. Es wurde ein sehr schönes Treffen, wobei Maria aber schon merkte, dass sie ein Gefühl von Stress beschlich. Nein, aus dem Koffer leben, wollte sie nicht. Hier eine Einladung, dort eine Einladung konnte auf Dauer schon sehr anstrengend sein. In solchen Momenten wünschte sich Maria für einen kurzen Augenblick ihr altes Leben zurück.

24.02.2001 – 15.00 Uhr

Marias Beobachter spielte ihr einen Streich. Nachdem sie die letzten Zeilen noch einmal gelesen hatte, beschlich sie das Gefühl, Stress erlebt zu haben. Sie bemerkte, dass sie inner­lich zusammensackte, da sie ja früher soviel Arbeit hatte.

Alles Quatsch, Maria. Fühlst Du Dich jetzt gestresst? Nein, das geht doch nicht, sagte die Stimme. Wie kann man von einer Gedankenreise erschöpft sein? Los, erkläre es mir!

Keine Chance, dachte sich Maria. Nicht nur David holte sie immer wieder ins Hier und Jetzt zurück. Nein, diese Stimme in ihrem Kopf fing jetzt auch noch an zu nerven. Oh Gott, jetzt pochte es in ihrem Kopf. War es ihr Hungergefühl oder die Verkrampfungen im Kopf, dass sie sich unwohl fühlte? Die logische Stimme meldet sich jetzt. Es ist doch völlig klar, wenn Du nichts gegessen hast, wird Dein Blutzuckerspiegel sinken und dies verursacht ein Unwohl­sein.

„Stopp!“, schreit es in ihr auf.

Nein, absoluter Blödsinn, Maria! Höre nicht auf die Logik. Du kannst noch weiterschreiben, Du bist doch noch lange nicht fertig. Mache weiter!

David und Maria nahmen noch einige Einladungen von Berta an. Mit Entsetzen musste Maria aber feststellen, dass sich bei Berta nichts geändert hatte. Auch eine Berta versuchte immer wieder mit Tricks David zu überzeugen, Treffen bei ihr zu veranstalten. David sagte Berta zwar immer wieder, sie solle, wenn sie seine Bücher studieren wolle, es ganz für sich alleine machen, aber Berta ignorierte es. Sie hatte mittlerweile einen Pulk von Leuten um sich geschart. Einmal die Woche trafen sie sich bei Berta und erzählten stolz von ihren Fortschritten. Weit gefehlt mit Freiheit! Diese Treffen, die jedem ja so gut getan haben, waren zum Teil auch reiner Egoaustausch. Klatsch und Tratsch bestimmten die Meetings. Besserwisser, Richter und Mitläufer trafen sich. David schmunzelte, als er davon erfuhr. Was hatte er Berta immer wieder gesagt?

„Berta, Du musst es begreifen, kein anderer. Wenn Du Dich erlöst, erlöst Du automatisch alle anderen mit!“

David konnte sie nicht erreichen. Viel zu viel Stolz trug sie in sich. Stolz, dass sie der Auslöser war, dass Davids Worte mit ihrer Hilfe publik gemacht wurden. Nein, Berta hatte kein Selbstwertgefühl, aber durch David war sie die Quelle, die bestens über sein Leben und seine Termine informiert war. Eines Tages sprach Maria Berta persönlich an. Sie hatte das Gefühl, ihr auch helfen zu können, da sie endlich begriff, dass sie sich alle Erklärungen, die sie abgab, nur selbst erzählte. Sie trennte an diesem Tag bewusst den Beobachter von der Marionette Maria. „Berta“, begann Maria das Gespräch, „kein David kann Dich aufwerten, Du musst mit dem zufrieden sein, was Du bist. Wenn Du nicht zu den erleuchteten Menschen gehörst und immer wieder im Alltag abstürzt, dann stehe dazu. Du musst wissen“, setzte sie fort, „dass all diese Menschen, die David sehen wollen, sich komplett von Dir lösen, sobald er nicht mehr da ist. Kein Mensch will wissen, was Du zu sagen hast, sondern sie kommen ausschließlich wegen David.“ “Ja“, antwortete Berta kleinlaut, „ich weiß, dass es so ist, aber ich freue mich für meine Mit­menschen, wenn sie David sehen. Ich weiß, dass ich absolut unwichtig bin, aber es ist ein schönes Gefühl, David um mich zu haben. Dies ist das Schönste, was ich erleben durfte“. Maria wunderte sich über Bertas Einsicht (die eigentliche Einsicht war, dass Marias es endlich begriff). Hatte sie nicht schon längst begriffen, dass es zwecklos war neben David zu thronen? Bertas Erkenntnis blieb nicht von langer Dauer. Einige Stunden später sollte das Meeting stattfinden. Bertas Beobachter schlief während der Zeit, da sie sich komplett ihrem alten Raster hingab. Natürlich gefiel es ihr auch, dass die verschiedensten Leute da waren. „Ja, Herr Dr. ...., natürlich können sie kommen, David ist ja da usw.“ Da sie mittlerweile Probleme mit ihrem Bein hatte, freute sie sich um so mehr, dass Ärzte ihr bescheidenes Haus aufsuchten. Schnell und mit einer geschickten demütigen Art sprach sie ihr gesundheitliches Defizit an. „Ja“, entschuldigte sie sich immer wieder, wenn David ihr auf den Kopf zusagte, dass sie unbewusst war. „Nicht ich spreche die Leute an, sondern die Leute sprechen mich an. Was soll ich denn machen, wenn man mich fragt?“, gab sie zur Antwort. David ging nicht mehr auf diese Sache ein. Er wusste schon von Maria und all den anderen, dass jeder Mensch einen blinden Fleck besitzt und sich dadurch nicht selbst beobachten kann. Nein, Berta war nicht böse. Sie hatte sich trotz der Ehrlichkeit Davids immer vollkommen anders gesehen.

David hatte Berta vorher gesagt, auf was sie alles aufpassen sollte. Und außerdem sollte sie sich eine eigene Meinung bilden. Bertas Argumente waren von einer unübertrefflichen Kreativität. „Nein, David, ich kann doch nichts dafür, dass Herr Dr. ... mich behandelt, Du bist doch dafür verantwortlich. Du hast es doch so eingefädelt, dass er mich untersucht, nein, ich wäre doch nicht freiwillig dort hingegangen“, sagte Berta. „Ich muss doch das machen, was Gott von mir will, ich gebe mich doch nur hin“, beendete sie ihre Ausreden.

David hatte Berta immer wieder davor gewarnt, nicht vorschnell über andere Menschen zu richten:

„Urteilen und wertfrei Sehen sind zweierlei Maß“, so erzählte es David hundertfach. „Du urteilst, wenn Du in Dir das Gefühl hast, dass die Sache oder der Mensch nicht nach Deiner Logik funktioniert. Wertfrei „Sehen“ ist das Gleiche „sehen“ zu können, ohne dabei das Gefühl zu haben, dass es falsch ist, was Dein Gegenüber macht.“



Sofort meldete sich Berta zu Wort. „Nein, David, Du hast mich nicht verstanden, ich sehe es total wertfrei, aber es ist doch nicht in Ordnung, was Herr ... macht. Ich habe kein Gefühl von urteilen in mir“, versuchte sie sich zu rechtfertigen. Aber Berta ließ den Beobachter einfach links liegen. Erst als David sie ermahnte, bremste sie sich mit den Worten: „Ich habe es ja nicht gesehen, dass haben mir die Leute erzählt, die sind schuld.“

Maria hatte vor David eine absolute Hochachtung mit welchen Engelszungen und einer unendlichen Demut und Geduld er immer wieder die gleichen Erklärungen abgab. Maria kannte mittlerweile auch die Wortwahl Davids. Aber hatte sie selbst eigentlich die Worte verstanden? Stand Maria nicht genauso neben sich wie all die anderen Menschen? Sah sie nicht den Splitter in den Augen der anderen, aber den eigenen Balken nicht? Wie oft sich Maria während dieser Zeit heimlich schämte, daran kann und möchte sie sich auch nicht mehr erinnern. Eines wusste sie aber, es waren unendliche viele Situationen, die sie nicht gemeistert hat.

David hatte zwar eine unendliche Geduld mit den Menschen. Wenn er aber erkannte, dass manche die Prüfungen, die sie hundertfach vorgelegt bekommen hatten, nicht bestanden, änderte er sein Verhalten. Dies bekam auch Berta zu spüren. War sie bisher ihrer Meinung nach der Mittelsmann Davids, über dessen Termine sie bestimmen konnte, änderte sich dies nun schlagartig. David merkte sehr wohl, wenn Menschen versuchten ihn zu vermarkten. Trotz mehrfacher Warnung hörten diese aber nicht zu. So änderte David sein Konzept. Berta konnte nicht mehr über David verfügen. Er ließ sie im unklaren, wann er käme und ob er überhaupt Vorträge geben würde. Als nächstes folgte von ihr ein anklagender Brief. Ja, was hätte sie ihm denn getan, sie hätte sich doch verändert. Nie würde sie gelobt werden, lauteten die Argumente. Und außerdem würde er sie seit geraumer Zeit nur noch kritisieren, wo sie doch nur Liebe und Verständnis sei. David reagierte zum ersten Mal schriftlich. Er zeigte ihr auf, welchen blinden Fleck sie hatte. Außerdem sollte sie diesen Brief mehrere Male lesen und sich Gedanken darüber machen. Er hätte ihr alles schon tausendfach erklärt. Er liebe sie trotzdem, aber sie müsse von ihrem hohen Ross herunterkommen. Bertas erste Reaktion war gekränkte Eitelkeit. Hatte David sie überhaupt nicht verstanden! Was wüsste er schon, was sie in Wahrheit denken würde, argumentierte sie. Berta merkte sehr wohl, dass sie ihre gekränkte Eitelkeit und das Großwerden in Davids Anwesenheit auf die Waagschale legen musste.

Dies war der Punkt. David ließ Berta in ihrer Neugier zwar wissen ließ, dass er in der Nähe sei, aber er suchte sie nicht auf. David wollte Berta in keinerlei Weise strafen. Er überprüfte nur ihr Reden, ob es wirklich so wäre, dass sie von Helene losgelassen hätte und keine Spur von Eifersucht in sich trug. Immer wieder bestätigte Berta es David, sie wäre vollkommen frei von Neid. Es dauerte keine vier Wochen und Berta hatte ihre Prüfung doch noch nicht bestanden. David redete in einer unendlichen Geduld auf Berta ein. An manchen Tagen wurde er auch sehr streng zu ihr. Aber er musste einsehen, dass es zu diesem Zeitpunkt keinen Zweck hatte, das Thema aufzugreifen. David hatte sie nicht aufgegeben, sondern sie tat es. Berta wollte leiden.

24.02.2001 – 19.00 Uhr

Maria hatte nach dem Essen eine kleine Pause eingelegt. Sie empfand eine unendliche körperliche Müdigkeit in sich. Sie hatte immer noch nicht ihre Hausarbeit erledigt. David bereitete ihr liebevoll ein komplettes Mahl zu. Seine Kochkünste waren wie immer ausge­zeichnet und auf Davids Frage, wie es ihr geschmeckt habe, kam wie immer die Antwort - „ausgezeichnet“. Nachdem sie gegessen hatten, räumte sie das Geschirr zusammen und brachte es in die Küche. Achtung, jetzt meldete sich ihre logisches Stimme wieder. Na, solltest Du nicht endlich aufräumen, schau, das Spülbecken wartet auf die Politur, der Fußboden muss gewischt werden. Nein, dachte Maria, heute hatte die Marionette Maria dienstfrei. Es nützte nichts, dass es mittlerweile in ihrem Kopf hämmerte und hämmerte. Los, fange an, Du musst noch Deine Arbeiten erledigen. Aber der Beobachter war stärker. In seiner Anwesenheit, ohne auch nur einen Ton zur Maria zu sagen, thronte er über dem Stimmengewirr in ihrem Kopf. Ja, der Beobachter machte sich über Maria lustig, über diese kleine Gestalt, die keinen eigenen Willen hatte. Maria nahm die Stiche der Logik in Kauf, schnappte sich ihre Kuscheldecke und wollte einfach ihren Geist einschläfern. Weit gefehlt, gerade als sie sich hinlegen wollte, beruhigend die Augen schloss, meldete sich der Beobachter.

Na, Maria, hast Du keine Lust mehr etwas schreiben? Ist Deine Energie genauso kurzlebig wie Deine Beobachtungen? Typisch für Dich Maria. Du möchtest wohl wieder aufgeben? Du hast jetzt nur Angst, mich durch Dich einfach fließen zu lassen. Du musst doch nichts tun. Setze Dich doch einfach an den Computer und lasse Deine Gedanken gleiten. Maria, Du schaffst es!

Maria hörte dem Beobachter kritisch zu. Ja, er hatte recht. Aber sie war körperlich so müde. Der Geist wollte jedoch wohl mit ihr Überstunden machen. Er gab einfach keine Ruhe. Eine Stunde später hatte er sie geschafft. Es kam ihr nicht wie eine volle Stunde vor, nein, viel­leicht waren es auch nur Bruchteile von Sekunden, aber der Gedankenstoß zeigte seine Wirkung. Maria richtete sich auf und schaltete den Computer wieder ein. Keine Chance!, dachte sie sich. Ihr Beobachter war unheimlich hartnäckig, noch strenger als die Logik und Moral. Einfach phantastisch!

Maria erkannte das erste Mal in ihrem Leben, dass es in ihr einen neutralen und zugleich sehr fordernden Beobachter gab. Ja, an manchen Tagen machte er sich schon bemerkbar, aber nur für kurze Zeit. Andere Stimmen wie Moral oder Logik waren durchdringender. Nicht, dass ihr neutraler Beobachter sie vergaß, nein er schaute ihr nur zu. Sah ihr zu, mit welcher Dummheit sie ihr logisches oder moralisches Verhalten stets verteidigte. Aber jetzt machte es ihr einen ungeheuren Spaß, dass diese neutrale Stimme überhand genommen hatte. Sie bemerkte, dass ES in ihr denkt, ohne dass sie irgendeinen Einfluss hätte darauf nehmen können. Aber seit ein paar Tagen gefiel ihr sogar der Gedanke, dass ihr Beobachter zu ihr sprach. Sie konnte ihn inzwischen aus all den Stimmen in ihrem Kopf immer wieder herausfiltern, denn der Beobachter war immer wertfrei. Sicher, er trieb sie auch an. Aber ganz anders als Moral und Logik. Er zeigte ihr auf, wie wenig Freiheit sie doch hatte und wie unwohl man sich fühlen konnte. Seitdem sie ihm oder auch sich die Freiheit gab, hörte es auch auf, permanent dumme und wirre Gedanken in ihrem Kopf zu haben. Danke, mein Freund, dachte sich Maria. Ich werde Dich gut behandeln und versuchen, Dir aufmerksamer zuzuhören.

Maria dachte an Berta. Ja, wie fühlte sich jetzt wohl Berta? Wie kam sie mit ihrem Leid klar? Maria kannte die Empfindung eines Selbstwerteinbruches. War es wirklich das Selbst­wert­gefühl oder nur reiner Egoismus? Sie konnte mittlerweile alles nachvollziehen, was sie sah. Ja, einiges an Dummheiten hatte sie auch schon durchlebt. Auch sie musste erkennen, dass sich ihre Fehler permanent wiederholten und sie diese einfach nicht abschalten konnte. Es brauchte seine Zeit, um zu verstehen, dass sie sich in ihrer Logik verfangen hatte. Nein, sie musste sich einige Male ihre Finger verbrennen. Es war mit Sicherheit sehr lehrreich, aber die Erfahrungen konnten auch ziemlich schmerzvoll sein.

David erklärte es ihr immer sehr einfach: „Wenn ich ein Zen-Meister wäre, müsste ich Dir immer mit einem Stock auf die Finger schlagen, wenn Du (geistig) eingeschlafen bist, damit Du wieder zu Dir kommst!“, sagte er oft.



Maria stellte sich dies immer bildlich vor. Ja, mit dieser Vorstellung konnte sie leben. Und siehe da, sie konnte auch schon eine „angebliche Hornhaut“ auf den Fingerkuppen sehen.

Maria setzte ihren Gedankenzug fort. Jetzt stoppte er an der Haltestelle Boris und Jasmin. Sie kannte die beiden mittlerweile schon drei Jahre. Oh Gott, wie die Zeit vergeht! dachte sie sich. Hatte sie wirklich alles erlebt?“

Nein, sagte diesmal wieder energisch ihr Beobachter. Was ist im Hier und Jetzt ? Wieder nicht aufgepasst, Maria!

Nun gut, sie machte sich wieder bewusst, dass sie komplett in Raum und Zeit versank. Bewusst, dass dies jetzt nur ein Gedanke war, setzte sie ihre Erinnerung fort. Ja, was hatte sie mit Boris und Jasmin erlebt. Sie erfuhr nicht viel über die beiden, es sei denn, David erzählte von ihnen. Boris telefonierte anfänglich sehr oft mit David. Es hatte sich zwischen den beiden eine Männerfreundschaft aufgebaut. Boris verehrte David als Geistwesen, als Mensch war er ihm ein guter Freund. Er studierte die Werke von David sehr gewissenhaft. Man konnte an­hand seiner Reaktionen immer wieder feststellen, dass er David schon in höheren Ebenen folgen konnte.

Ja, man konnte förmlich fühlen, wie einige Menschen spontan auf David reagierten. Frauen, die sich schon immer eine geistige Autorität wünschten, gerieten in Schwärmerei. Ja, dieser Mann gefiel ihnen. Maria bemerkte mit ihrer weiblichen Intuition sofort, wie bei einigen Frauen förmlich Funken übersprangen. David nahm zwar die weibliche Raffinesse wahr, aber ihm ging es nur um die Seelen der Menschen. So sah er wunderschöne Geistwesen, die optisch zwar nicht dem Schönheitsideal entsprachen, aber so eine unendliche Liebe in sich trugen, die mit Worten nicht auszudrücken war. David sah sofort die Schönheit oder die Schatten der Geistwesen. Es war erstaunlich, wie er mit den Menschen umging.

Boris studierte Davids Werke. Jetzt war er an der Reihe. David machte Boris in seinem Heimatort bekannt. Er berichtete von einem Menschen – Boris -, der ihnen auch alles sagen könne, was er als David ihnen auch grob erklären würde. Boris versuchte sein Bestes zu geben. Sicherlich waren die Menschen von Boris Worten beeindruckt, aber es war doch kein Vergleich zu David. (Man hätte aber auch nicht den Fehler machen sollen, die beiden Menschen miteinander zu vergleichen.)

Einige Tage später telefonierten die beiden miteinander.

„ Ja, David, voller Erfolg!“, sagte Boris. „Die Leute bitten mich, zu ihnen zu sprechen. Nein, ich habe nicht missioniert. Sie rufen mich an, und ihr Wille ist mein Befehl“, erzählte er.





David durchschaute die Eitelkeit:

„Ja, wenn es Dir so einen Spaß macht, lieber Boris, dann solltest Du so weitermachen!“, sagte er. „Ich gebe Dir nur einen Ratschlag, bleibe immer in Deiner Mitte. Missioniere nicht und prüfe Dich selbst, ob Du für Deine Arbeit belohnt werden möchtest oder nicht. Du wirst die Früchte ernten, die Du selbst gesät hast“, beendete David das Telefongespräch.

Maria saß neben David auf dem Sofa. Sie hatte alles vom ihm mitgehört.

„Du hast sicherlich Boris alles gesagt, worauf er aufpassen muss“, sagte Maria zu David. „Aber findest Du nicht, dass er in eine EGO – Falle stolpert?“

David stoppte Maria in ihren Aussagen.

„Stopp, Maria“, sagte er, „es gibt keine Person Boris. Nur in Deinem Kopf. Sicher, Du kannst ihn Dir auch erschaffen, indem wir zu ihm fahren. Aber was ist dann mit unserem Wohnzimmer? Wieder hast Du geschlafen, Maria. Außerdem hast Du mich nur telefonieren sehen. Mit wem eigentlich? Vielleicht mit Boris? Meinst Du nicht, dass Boris ein wenig zu groß ist, um in einen Telefonhörer zu kriechen? Außerdem vermutest Du nur, dass ich telefoniert habe. Es wäre doch auch möglich gewesen, dass ich einfach nur mit einer toten Telefonleitung Selbstgespräche führe!

Du solltest versuchen, Maria, immer im Hier und Jetzt zu sein. Du hast weder eine Person Boris gesehen, noch hast Du seine angebliche Stimme gehört, setzte David weiter fort. Außerdem hast Du anhand meiner Aussage sofort gerichtet.

Richte nicht, damit Du nicht gerichtet wirst, Maria. Es sollte Dir völlig egal sein, was in angeblich anderen Welten geschieht, versuche erst einmal Deine Welt zu verstehen und sie „rein von Vorurteilen“ zu halten!“

Maria fühlte sich missverstanden. Sie dachte, nachdem ihr David von Boris erzählt hatte, dass ihre Meinung gefragt sei. Weit gefehlt! Sie hatte den Test wieder einmal nicht bestanden. Kleinlaut, aber doch wütend auf David verließ sie das Zimmer.

„Dann erzähle mir doch nichts mehr, wenn Du sofort dagegen schießt, wenn ich mich nur einmal zu einer Sache äußere!“, wetterte sie.




25.02.2001 – 17. 00 Uhr

Maria stoppte ihren Gedankenzug. Was hatte sie nicht alles schon erlebt. Sie sah die Menschen, die bei ihnen zu Besuch waren, KOMMEN UND GEHEN. Es gab in ihrem Bekannten­kreis viele Leute, die wirklich versuchten in ihrer Mitte zu bleiben. Sicher, einige Rückschläge hatten sie wohl alle einmal erlitten, aber sie fingen sich auch sehr schnell wieder. Bei Boris hatte sie so viele Facetten kennen gelernt, dass man sich bei ihm immer überraschen lassen musste.

Berta zum Beispiel war in ihrer Art eigentlich immer gleich geblieben. David ermahnte Maria sehr oft, dass man allen Menschen die Chance lassen musste, sich verändern zu dürfen:

„Du solltest ihnen nicht immer gleich einen Stempel aufdrücken, Maria.“, sagte er. „Du lässt ihnen keine Möglichkeit sich zu entwickeln. Halte Dich mit Deiner vorgefertigten Meinung zurück.“

Ja, jetzt hatte sie es verstanden. Hatte sie nicht selbst die Regie ihres Lebensfilmens über­nehmen wollen? Sie kannte eine Berta wie sie sich immer verhielt, also musste sie auch genau so eine Berta wiederspiegeln.

Maria ließ keinem die Chance einen völlig anderen Part zu übernehmen. Nur sie wollte (unbewusst) bestimmen.

„Selber denken,selber haben.“, sagte David immer dazu.

Oh Gott, wie behandelt man einen Ehemann, der immer recht hat?, fragte sie sich.

Du bist es, die David erschafft. Was ist er denn eigentlich, wenn Du ihn gedanklich aus­löschst? Nichts! Er ist doch ohne Dich in Deiner Welt überhaupt nicht vorhanden. Wer erzählt Dir eigentlich die ganzen Lebens­weisheiten? David – als Mensch - existiert nur in Deinem Kopf. Du kannst ihn materialisieren oder auch auslöschen. Nur Dein tiefer Glaube, dass es eine Person namens David gibt, lässt Dich von der Wirklichkeit trennen. Du bist der Träumer Deiner Welt. Meinst Du etwa, dass diese Weisheiten von David kommen?

Du erschaffst alle Menschen!

Wie viele „Gedanken-Menschen“ hast Du in Deinem Dasein schon ausgelöscht? Du denkst doch gar nicht mehr an sie!

Haben sie überhaupt jemals existiert? Mache Dir einmal ganz bewusst Gedanken darüber. Wie viele Menschen hast Du wahrgenommen und wie viele nicht? Du hast sie einfach ignoriert, weil sie keinen Platz in Deinem Drehbuch hatten. Aber gab es diese vielen Statisten überhaupt?

Jetzt bist Du ganz und gar verwirrt, sagte Marias Beobachter. Dies ist wieder ein Rätsel für Dich, worüber Du Dir eigentlich noch nie Gedanken gemacht hast. Sicher, alles wurde Dir schon von David erzählt. Aber hast Du es auch „wirklich“ verstanden? Wie soll Deine Umgebung es verstehen, wenn Du es nicht begriffen hast? Arbeite daran, Maria! Damit hast Du noch viel zu tun. Du trennst Dich immer wieder von der Einheit!

Plötzlich meldete sich die „logische Stimme“ Marias.

Mach Dir keine Sorgen, Maria. Du bist eben noch nicht soweit. Außerdem denken doch alle Menschen so wie Du, beruhigte sie die Stimme. Du bist doch immer – soweit – mit Dir zufrieden gewesen. Außerdem hast Du doch David an Deiner Seite. Er kann es doch für Euch beide leben.

„Weg mit Dir!“, schrie Maria auf. „Ich will nicht mehr auf Dich reinfallen. Dies sind doch alles fadenscheinige Erklärungen. Du hemmst mich nur in meiner Entwicklung. Du willst mich nur weiter gefangen halten.“ Maria versuchte ihre Logik zu provozieren: „Na, Du kleine logische Stimme! Was geschieht eigentlich mit Dir, wenn ich jetzt ernsthafter versuchen werde, Dich einfach zu ignorieren? Vielleicht gelingt es mir irgendwann einmal Dich komplett zu zerstören. Ich werde Dich niemals hassen, da auch Du ein Teil von mir bist. Aber Du solltest mich nicht immer bei meinen Versuchen, mich zu ent-wickeln, stören! Sei lieb zu mir und Du darfst bleiben. Aber unterbreche mich nicht immer. Ich werde versuchen, nichts und niemanden abzulehnen. Ich werde aber frei entscheiden, ob ich Dir zuhöre oder nicht. Verstanden?“

Das erste Mal in ihrem Leben fühlte sich Maria – für einige Sekunden – frei. Sie hatte heute die Grenze überschritten. Sie konnte heute auch einmal „NEIN“ zu sich sagen.

Einige Tage später besuchte Boris stolz David. Er erzählten von seinen Erfolgen.

„Weißt Du eigentlich, wie ich die Leute bei mir aufgemischt habe?“, sagte Boris. „Ich habe sie so mit den Weisheiten konfrontiert, dass sie sich erst einmal nicht mehr bei mir melden müssen. Und außerdem habe ich ihnen erst einmal richtig gezeigt, dass sie voller Dogmen sind. Stell Dir vor, da besuchen mich die Leute und prompt sind einige dogmatische Nichtraucher dabei. Ich merkte sehr wohl, dass sie sich unwohl fühlten, aber es ist mein Haus und wem es nicht passt, der sollte doch wegbleiben. Nachdem sich ganz speziell eine fanatische Nichtraucherin herauskristallisierte, habe ich ihr erst einmal ihre Grenzen aufgezeigt. Sie beschwerte sich zwar nicht wegen meines Rauchens, doch hüstelte sie immer vor sich hin. Als ich sie bewusst mit dem Rauch angeblasen hatte, reagierte sie aber prompt.“ „Warum machst Du das?“, fragte sie Boris. Natürlich war er auf solche Sachen vorbereitet. „Weißt Du, ich habe mit dem Rauchen kein Problem, anscheinend leidest Du darunter. Schau doch mal wie dogmatisch Du bist!“, sagte Boris zu ihr. Danach verließ die junge Frau das Treffen.

Stolz erzählte Boris die Geschichte David. „Schau einmal, David, wie kleingeistig doch die Menschen sind. Außerdem wollten die Leute etwas von mir und ich nichts von ihnen. Also, wenn sie schon bei mir sind, müssen sie sich auch danach richten, dass es ganz anders abläuft, als sie es wollen.“, sagte er.

David hörte Boris zu. Anders als Boris es erwartete, sprach David mit ihm:

„Schau mal, lieber Boris, findest Du nicht, dass Du ein absoluter Egoist bist? Was hast Du eigentlich von meinen Schriften verstanden? Nicht viel! Sonst hättest Du Dich nicht so aufgeführt wie ein aufgeblasener Flegel. Das, was Du nicht willst, dass man Dir antut, das tue auch keinem anderen an! Dies habe ich Dir doch immer wiedergesagt.



„Wieso habe ich mich denn falsch verhalten?“, fragte Boris ein wenig beleidigt. „Wenn jemand mit dem Rauchen Probleme hat, ist er doch dogmatisch. Ich habe nach göttlichen Prinzipien gehandelt. Auf die Freiheit, sagst Du doch selbst immer!“, erwiderte er. „Ich gebe meinen Menschen die Freiheit zu rauchen oder es zu lassen. Was soll denn daran falsch sein? Im Gegenteil, jeder hat bei mir die Chance, das zu tun was er möchte!“, rechtfertigte er sich.

„Du hast das Problem nicht erkannt!“, sagte David. „Du, Boris, bist ein starker Raucher. Deine Besucher in der Mehrheit Nichtraucher. Du hättest doch ganz einfach die Mitte finden können, ohne dass Du Deine Mitmenschen provozierst. Keine Frage, Du kannst in Deinem Haus machen, was Du möchtest. Aber Du solltest Dich so verhalten, dass sich auch Deine Gäste wohlfühlen. Deine Art, Leute noch bewusst zu reizen, hat nichts mit „Bewusstsein“ zu tun. Finde Deine Mitte! Ich sage Dir nicht was Du tun solltest, aber denke einmal darüber nach!“, erwiderte David.

Viele Menschen sahen im Leben Davids nur die „Sonnenseite“. Wenn er in der Öffent­lich­keit stand und alle ihm aufmerksam zuhörten, war es sicher für einige Menschen schon beneidenswert. Maria erlebte aber auch die andere Seite der Medaille.

David musste an manchen Tagen von „morgens bis abends“ telefonisch den Leuten die nötige Unterstützung geben. Er redete und redete, bis er schon an Heiserkeit litt. Nie beklagte sich David. Er unterbrach sogar seine Mahlzeiten, wenn ihm Fragen gestellt wurden. Demütig nahm er sich komplett zurück, ohne auch „nur ein Wort der Klage“. Auch zum hundertsten Male erklärte er immer wieder das vorgetragene Problem. Mit einer Engelsgeduld widmete er sich jedem Menschen. Sei es ein Teenager oder Professor. Es war überhaupt kein Unterschied für ihn.

25.02.2001 – 18.15 Uhr

Maria unterbrach ihren Gedanken. Der Beobachter meldete sich wieder bei ihr.

Na, Maria! Wieder etwas dazu gelernt?, fragte er nach.

Maria wusste, was er damit meinte. Sie hatte heute ihren Haushalt in Angriff genommen, da sie für den morgigen Tag Besuch erwartete. Sie hatte sich schon darauf gefreut, auch wenn es jetzt in den letzten Tagen ziemlich stressig für sie war. Vor ein paar Tagen, als Simon sie besuchte, hatte sich Maria schon darauf eingerichtet, dass er das ganze Wochenende blieb. Aber durch einen Zufall brachte er seinen Cousin Holger mit, so dass die beiden nicht bei ihnen übernachten brauchten. Maria hätte damit kein Problem gehabt. Aber sie freute sich trotzdem, dass ihr einiges an Arbeit erspart blieb.

Maria und David wollten in knapp einer Woche mit Helene in den Süden fliegen. Sie hatte deshalb in letzter Zeit doch schon viel „um die Ohren“ gehabt.. Aber trotzdem sagte sie jedem Gast zu. Auch hier kam wieder alles ganz anders als erwartet. Die nächsten Über­nach­tungs­gäste hatten keinen Babysitter gefunden, so dass Maria auch diesmal freie Zeit für ihr Schriftwerk hatte.

Danke, danke, danke!

Lieber Beobachter, ich weiß, was Du mir damit sagen möchtest. Immer wieder klebten ihre Gedanken in der Zukunft oder Vergangenheit.

Es kommt immer anders, als Du denkst, sagte ihr die Stimme.

Diesmal hast Du den Test bestanden. Du hast Dich nicht dazu verleiten lassen in Hektik zu geraten. Mit einer Engels­geduld hast Du Deine Arbeiten erledigt, ohne ein Wort des Klagens. Die Probleme lösen sich doch immer von alleine. Du solltest Dich mehr in Geduld und Gottvertrauen üben.

Diesmal hast Du schon sehr gut reagiert. Aber Du warst noch lange nicht perfekt. Warten wir einmal Deine weitere Entwicklung ab, entgegnete der Beobachter.

25.02.2001 – 19.00 Uhr

Maria, die Marionette, hatte eine kleine Zigarettenpause eingelegt. Als sie auf ihrem Balkon stand, schaute sie in den Himmel. Hatte sie wirklich schon einmal so intensiv die Schönheit der Natur wahrgenommen? Der Halbmond glänzte über dem Kirchturm und die Farben des Himmels gaben der Stimmung noch einen mystischen Kick.

Herrlich! dachte sie sich. Nachdem sie ihren Zigarettenstummel in den Aschenbecher gedrückt hatte, schloss sie die Balkontür hinter sich und ging in ihr Wohnzimmer an den Computer.

David telefonierte schon wieder. Nein! Auch diesmal versuchte sie sich nicht von seiner Stimme ablenken zu lassen. Sie hatte sich immer wieder gewundert, dass die Stimme von David in allen Räumen zu hören war. Es kam ihr manchmal so vor, als sei eine Über­tragungs­anlage in ihrer Wohnung angebracht worden.

Aus allen Winkeln der Wohnung dröhnte seine Stimme tief in ihr Gewissen.

Alles was er sagte, galt nur ihr.

Bei den meisten Telefongesprächen, die David führte, hörte Maria aufmerksam zu.

Es war für sie immer sehr lehrreich zuzuhören, da ihr Mann merkwürdiger Weise immer ihre „eigene Problematik“ ansprach.

War mein Problem das Problem eines Anrufers?

Nein! Jeder Mensch hat seine eigene Welt und doch ist alles nur in meinen Kopf: David, die angeblichen Menschen, die Telefonstimmen, einfach alles. Alles erzählte sie sich nur selber. Wann hatte sie das System endlich begriffen?

„Alles ist nur in Deinem Kopf“, dröhnte es hinter ihr. Es war Davids durchdringende Stimme.

Ja, ja, mein lieber Beobachter! Ich habe aufgepasst. Nur ich bin damit angesprochen!

Maria dachte wieder an Boris. Er war wirklich ein sehr liebenswürdiger Mensch.

David sagte Boris öfter, dass er ein sehr extremer Mensch sei:

„Du musst Deine Mitte finden! Du bist so ein netter Typ. Aber wenn Du die andere Seite von Dir lebst, bist Du voller Egoismus. Du musst lernen, die Menschen zu lieben. In Dir herrscht nochviel zu viel Hass. Lerne mehr Deinen Beobachter einzuschalten, wenn Du merkst, dass Dein Wollen überhand nimmt.“

Maria wusste, was David damit meinte. Hörte sie nicht diesen Satz täglich von ihm? Maria hatte manchmal das Gefühl, dass ihr Beobachter ins Koma fiel. Es war wie verhext! An manchen Tagen rief er nicht ihre Stimme. Hatte er sie dann aufgegeben? So wie David ihr 1000-fach das gleiche sagte und sie ignorierte es, so ignorierte der Beobachter sie jetzt auch.

David und Felix wollten mit Sicherheit Maria nicht damit bestrafen. Sie versuchten nur, Maria Erfahrungen machen zu lassen.

Maria wusste, dass sie durch all ihre Probleme „alleine“ gehen musste. Aber wollte sie sich nicht immer bei anderen Menschen absichern? Es war doch so einfach, die Schuld anderen in die Schuhe zu schieben.

Keine Spur von Freiheit, liebe Maria! sagte der Beobachter. Du solltest Dich jetzt nicht in dem Gedanken verlieren. Du verlierst den Faden. Stopp Dich!!

Und nun wieder zu Boris, dachte sich Maria. David wurde vor einigen Jahren gebeten, wieder einen Vortrag zu halten. Da er zu dem Zeitpunkt einen sehr guten Kontakt zu Boris und Margot hatte, lud er sie kurzentschlossen mit ein. Maria freute sich darüber, dass die beiden sie begleiteten. Mittlerweile bestand auch zwischen ihr und Margot ein kameradschaftliches Verhältnis. Es lag mit Sicherheit nicht daran, dass Maria ihr Problem zu Margot eingesehen hatte, sondern das Margot mit Boris befreundet war. So musste sie nicht mehr ständig aufpassen, dass man ihr David wegnehmen würde. Die Gefahr war für sie gebannt. Maria wurde durch das Verhältnis der beiden viel entspannter. Sie freute sich für beide sehr, dass sie sich so gut verstanden. Hatte sie doch vorher ihr moralisches Urteil über sie gefällt – da Boris verheiratet war – so musste sie sich doch bei den beiden entschuldigen, da sie sich wirklich gut verstanden. Bei Davids Vorträgen waren die drei immer anwesend. Da Boris und Margot in aller Öffentlichkeit immer wieder von David gelobt wurden, veränderten sich die beiden schlagartig. Mit versteckter Arroganz traten sie den Leuten gegenüber. Ja, sie sprachen ihre eigene Sprache und alberten herum. David ließ sich nicht beirren, im Gegenteil, er lobte die beiden über den grünen Klee:

„Boris und Margot sind Engel, aber noch lange keine Heiligen!“, so kündigteer diebeiden an.

Dies gefiel (völlig verständlich) Margot und Boris. Maria empfand es mit Margot und Boris sehr lustig, bemerkte aber schon, dass die Leute im Gespräch mit ihnen massive Probleme hatten. Sie richteten in Gedanken über die beiden, trauten sich aber nicht, es ihnen persönlich zu sagen.

David hatte gesagt, es seien seine Engel, also durfte man sich auch nicht über die beiden beschweren.

Nach den Vorträgen kamen einige Klagen über Boris und Margot durch. David nahm die beiden in Schutz:

„Ihr richtet und richtet über Margot und Boris.“, sagte er. „Kümmert Euch in erster Linie um Eure Welt!“, beendete er das Gespräch.

Margot und Boris fühlten sich sicher. Stolz verkündeten sie David, dass sie nicht provoziert hätten Im Gegenteil! Sie sagten, dass sie keinen Einfluss darauf hätten, wie sie von den Leuten aufgenommen werden. Sie richten nicht, sondern sie werden gerichtet, zitierten beide.

David erfüllte seine Pflichten. Nach einigen Tagen fuhren sie heim. Es dauerte nicht lange, bis die Klagen über Margot und Boris immer lauter wurden. David nahm die beiden immer wieder in Schutz. Maria wunderte sich über Davids Reaktion. Zu jeder Geschichte sollte man doch beide Seiten hören, dachte sie sich. Warum reagierte David so einseitig? Es dauerte nicht lange, bis auch aus dem Heimatort von Boris und Margot die ersten Klagen kamen.

David mischte sich erstmalig in die Geschichte ein:

„Schaut einmal!“, sagte David zu den beiden. „Sicherlich habe ich Euch zwar vor den Leuten in Schutz genommen, aber Ihr habt nichts gelernt. Die Prüfung bestand darin, sich „nicht größer zu machen“ als Ihr seid! Ihr könnt meinen Lehren intellektuell absolut folgen. Aber lebt Ihr es auch?

In den letzten Tagen habt Ihr es ganz und gar nicht bewiesen. Ihr müsst Vorbilder sein, nicht Abziehbilder!

Liebt Euren Nächsten! Ihr sollt aber nicht Eure Mitmenschen provozieren!

Sicher habt ihr mit Eurer Aussage recht, dass Ihr gegen das Urteil Eurer „ausgeträumten Menschen“ nichts machen könnt. Aber müsst Ihr Euch dann so arrogant aufführen? Ihr dachtet sicher, ich hätte Eure Spielchen nicht bemerkt. Glaubt mir! Ich sehe alles! Ich kann all Eure Gedanken lesen. Und ich kenne auch Eure Motivationen.

Lasst uns das Gespräch abbrechen. Es sollte Euch eine Lehre sein!

Margot und Boris starrten David unverständlich an. Zuerst nahm er sie „in Schutz“ und jetzt „haute er sie gnadenlos in die Pfanne“. Was war bloß mit ihm los?

Maria wusste in dem Moment, warum David mit den beiden so streng umging. Er liebte die beiden und wollte ihnen weitere Fehltritte ersparen. Aber konnte man ihnen die Erfahrungen wirklich abnehmen?, fragte sie sich immer wieder. Wenn man einen Fehler nicht eingesehen hat, kann doch auch eine „Moralpredigt“ nicht fruchten.

Als David und Maria wieder alleine in ihrer Wohnung waren, sprach sie ihn darauf an. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass die beiden auch einsahen, was er ihnen gesagt hatte.

Es war von David wieder einer seinen „typischen Widersprüche“.

David versuchte es Maria zu erklären:

„Maria! Dies ist kein Widerspruch! Alles hat zwei Seiten. Das hast Du immer noch nicht verstanden. Sicher haben die beiden mit ihrer Aussage „aus ihrer Sicht“ recht. Aber ist es auch die Wahrheit? Meinst Du nicht, dass die Menschen, die sich von den beiden provoziert fühlten, auch recht hatten? Wie würdest Du entscheiden, wenn Du Richter wärst?“, fragte er Maria.

Sie wusste keine Antwort darauf.

25.02.2001 – 20.10 Uhr

Achtung, Maria! Aufpassen! drang die Stimme durch sie hindurch.

Sie wusste, dass sie sich verfangen hatte. War sie wirklich in der „angeblich damaligen Situation“ wertfrei gewesen? Maria empfand Margot und Boris „ihr gegenüber“ als sehr nett. Aber Maria sah auch die Reaktionen der Menschen. Hätte sie wirklich ein Urteil aussprechen können? Aus Sicht ihrer Logik hätte sie sich für die anderen Menschen entschieden. Aber sie vertrat doch nur ihre „eigene kleingeistige Art von Recht“.

Und was machte der Beobachter?

Ausgeschlafen, meine Kleine? fragte ihr Beobachter.

Oh Gott! Ich habe wieder nicht aufgepasst. Maria bemerkte, dass sie sich in der „angeblichen Situation“ wiederfand. Alles hatte sie noch einmal miterlebt. Und nun kam auch noch ihre „Selbstlüge“ dazu. Maria verhielt sich seinerzeit nicht so „neutral“, wie sie immer geglaubt hatte. Nein! Sie spielte damals auch den „gnadenlosen Richter“.

Maria kam sofort eine „angeblich“ von ihr selbst erlebte Situation in den Sinn.

Auch Maria reagierte genauso wie Margot und Boris.

Sie erinnerte sich daran, dass auch sie versuchte, sich zu rechtfertigen:

„Ich kann doch nichts daran ändern, wenn die Menschen glauben, dass ich eine „dumme Gans“ bin“, jammerte sie.

Maria war auch in diese „EGO - Falle“ getappt.

Vielleicht sind Boris und Margot doch Engel?

Mussten Boris und Margot „seinerzeit“ diesen Part in Marias „Lebensfilm“ spielen, damit die Menschen etwas „lernen“ konnten?

Prompt reingefallen!, sagte sie sich. Jetzt hatte Maria verstanden! Diese Erkenntnis kam mit Sicherheit sehr spät.

Da es sich nur um eine „vermutete Vergangenheit“ handelte, konnte sie sich selbst nicht böse sein. Sie hatte wieder etwas gelernt. Maria bereute ihr damaligen Urteilssprüche.

Aber sollten sie deshalb jetzt Schuldgefühle plagen?

Welche Schuldgefühle?, fragte Marias Beobachter. Du hast doch auch kein schlechtes Gewissen, wenn Du eine Aufgabe aus einer Prüfung nicht lösen kannst. Sicherlich hättest Du dafür lernen können. Aber Du hast es ganz einfach vergessen! Jetzt fällt Dir doch die „Lösung“ ein und Du hast die Chance, „Dein Kreuz“ in das „richtige Kästchen“ einzu­tragen.

Und nun Schluss damit! sagte ihr Beobachter. Du solltest Dich nicht immer wieder in der „Vergangenheit“ verlieren. Heute hast Du eine neue „Erkenntnis“ erworben; vielleicht auch verstanden.
Du kannst mir glauben, meine Kleine, ich werde Dich immer beobachten.
Wir hören uns wieder! sagte die Stimme in ihrem Kopf.

Maria dachte über die Liebensgeschichte von Margot und Boris nach. Die Affäre dauerte nicht lange. Boris hatte wieder Gefallen an seiner eigenen Frau (Weltbild) gefunden.

„Ja, Deine Frau ist Dein Weltbild und der Mann Dein Geist.“, sagte David. „Du solltest Deine Frau lieben und mit dem Mann vereinigen. Ändere Dich und Deine Welt ändert sich mit Dir. Gebe nicht so schnell auf. Und vor allen Dingen meckere nicht an jeder Kleinigkeit herum. Schiebe die Schuld nicht ‚Gott in die Schuhe’. Nur Du kannst das System durchbrechen!“




26.02.2001 – 11.45 Uhr

Nachdem die „Marionette Maria“ ihre Hausfrauenpflichten soweit erfüllt hatte, gab sie sich ihrer schriftstellerischen Aufgabe hin, setzte sich wieder an den Computer und entdeckte sofort einen „Fehler“:

Maria blickte auf den Kalender und sah das Datum: 26.02.2001.

„Ist heute schon wieder der gleiche Tag?“, fragte sie sich. Sie überflog die letzten Zeilen, die sie „wie vermutet“, gestern geschrieben hatte. Ja, alles von „gestern“ war mit dem 26.2. datiert. „Wo ist der 25.02.2001 geblieben?“, fragte ihre logische Stimme? „Du musst den Text korrigieren! Du hast Dein Gestern vergessen.“ Also gab sie sich widerwillig dem Befehl hin. Sie tauschte die Daten aus. „Gab es kein Gestern?“, fragte sie sich. Hatte sie auch richtig auf den Kalender geschaut? Fragen über Fragen stellten sich ihr.

Siehst Du!, meldete sich ihr Beobachter Du hast schon wieder nicht aufgepasst. Verstehst Du denn gar nicht, was ich Dir diktiere? Ich versuche schon die ganze Zeit Dich aufzuwecken und Du träumst einfach so weiter vor Dich hin. Es gibt doch keine Zeit!, hämmerte es jetzt in ihrem Kopf. Du hast doch diese Zeilen geschrieben!, schrie ihr Beobachter mit durch­drin­gen­der Stimme. Was hast Du eigentlich von mir gelernt?
Nichts! Nichts! Nichts! Maria, wir müssen noch hart an Dir arbeiten.

Mit hochrotem Kopf und schlechtem Gewissen hörte Maria diesmal ihrem Beobachter genauer zu.

Was unterscheidet den 25.02. vom 26.02.2001?, fragte er.
Na, hast Du schon eine Antwort? Ich werde Dich jetzt einmal abfragen, ob Du mir auch wirklich geistig folgen kannst, ermahnte er sie.

Okay! sagte Maria Ich glaube, ich habe die Lösung. Überhaupt nicht, stimmt es?

Richtig!, mein Kind, sagte er Aber kannst Du dies auch wirklich nachvollziehen oder plapperst Du es nur wieder so vor Dich hin?

Maria erbat sich eine Denkpause. Ja, worin besteht der Unterschied? Lag es nicht einfach daran, dass man sich immer nur strikt an den Kalender oder an eine Uhr hielt? Was wäre denn, wenn es wirklich keine Zeitvorgabe gab?

Maria versuchte ihren Beobachter zu überlisten, um weiter darüber nachzudenken.

Sie gab sich ihrer „logischen Stimme“ hin. Diese meldete sich „unter dem Vorwand“ an, dass Maria einen Kuchen gebacken hätte und dieser schon längst hätte fertig sein müssen. „Schau sofort in den Backofen. Dein Kuchen verbrennt Dir sonst“. „Und was sagst Du dann morgen Deinen Gästen, wenn Du Dich nicht vorbereitet hast?, hakte die „Moral“ nach.

Schluss! Weg mit Euch!, schrie Maria auf.

Ich weiß, dass ich jetzt gegen Euch keine „Chance“ habe. Entweder muss ich meiner Logik oder meiner Moral nachgeben. Maria verließ ihren Stuhl und ging in die Küche, wo ihr schon Rauchschwaden entgegen kamen. Nein, bitte nicht! hämmerte es in ihrem Kopf. Hoffentlich ist der Kuchen nicht angebrannt. Sie schaute aufgeregt in den Backofen. Glück gehabt!, dachte sie sich, nachdem sie feststellte, dass zwar die Küche eingeräuchert war, aber ihrem Apfelkuchen nichts passiert war. Schnell holte sie ihn aus dem Backofen, reinigte ihre Back­form und stellte den Kuchen auf eine Platte. Sie wollte ihre Arbeit rasch erledigen. Denn es strömten wieder so herrliche Gedanken in sie ein. Sie verließ die Küche und betrat das Wohn­zimmer. Im gleichen Augenblick klingelte das Telefon.

Marius ein alter Bekannter, meldete sich wieder bei ihnen. David hob den Hörer ab und meldete sich. Die ersten Worte Davids ließen Maria erschrecken:

„Marius“, so begann er das Gespräch, „ich habe Dir doch gesagt, dass Du Dich nicht so sehr an Kleinigkeiten festhalten solltest. Alles was mit Dir geschieht, hat auch seinen Sinn. Auch wenn Du ihn noch nicht verstehst!“, sagte David.

Maria erkannte sofort, dass diese Worte nur ihr galten.

Was hättest Du denn gemacht, wenn Dir der Kuchen angebrannt wäre?, fragte sie sich.

Die Welt wäre dadurch auch nicht untergegangen.

Wie viel Zeit verschwendet man doch für Lappalien?

Maria erkannte sofort, dass sie auch Marius war.

Waren diese Worte nicht nur für sie bestimmt?

Ja, gut erkannt!, sagte ihr Beobachter. Er schaltete sich schnell wieder ein. Alles, was Du in Deinem Dasein erlebst, ist wichtig für Dich. Aber Du solltest Dich nicht immer in “Kleinig­keiten“ verlieren!, entgegnete er.

Marius hatte gestern schon völlig verzweifelt angerufen. Seine Freundin hatte die Beziehung mit ihm beendet.

Als er vor einigen Wochen David und Maria besuchte, hielt er stolz ein Bild seiner Freundin in den Händen. „Ich bin ja so glücklich!“, sagte Marius. „Diese Frau ist für mich ein ‚Gottesgeschenk’. Da ich schon so viele Ent­täuschungen mit Frauen erlebt habe, ist es für mich ein absolutes Glücksgefühl, dieses Mädchen kennen lernen zu dürfen.“, schwärmte er. „Nur ein Problem habe ich trotzdem mit ihr.“, erzählte er weiter. „Sie möchte nichts von David hören. Ich weiß, ich soll nicht missionieren, aber es wäre doch so schön, wenn wir beide zusammen den Weg der Freiheit gehen könnten. Ja, und dann ist da noch ein kleines Problem. Sie ist so verschlossen. Nein, ich liebe sie so wie sie ist. Ich bin dankbar, dass sie meine Freundin ist, auch wenn wir uns nicht so oft sehen können. Weißt Du, Maria“, setzte er seinen Wortschwall fort, „eigentlich haben wir uns in letzter Zeit auch sehr oft gestritten. Kannst Du Dich noch erinnern, wie ich Euch beiden von Weihnachten bis Silvester E-Mails geschickt habe? Ich kann mich gut daran erinnern, als sie Ende des Jahres mit mir ‚Schluss’ gemacht hat. Und ich danach absolut ‚fertig’ war. Aber sie ist ja zu mir zurückgekehrt. Wir kennen uns ja erst ein paar Monate. Wir raufen uns auch schon noch zusammen!“, beendete er seinen Satz.

Maria hörte geduldig zu. David versuchte Marius zu erklären, dass er ein Problem mit seiner Freundin hätte. Strikt lehnte er dies ab. „Nein, David, Du hast das nicht verstanden. Ich bin glücklich! Es sind doch nur kleinere Sachen, die mich an ihr stören. Aber ich werde niemals versuchen, sie zu verändern.“, stammelte er weiter.

Ich kann Dich jetzt nicht erreichen, Marius!“, sagte David und verließ den Raum.

Was sollte es Maria sagen?

Stopp! sagte sie sich. Wenn David ihm es nicht erklären konnte, dann sollte auch sie sich komplett raushalten.

Marius setzte sein Gespräch fort. Er wollte eine Erklärung von Maria, wie sie die ganze Sachlage sah.

Sie versuchte mit vorsichtigen Worten sich ihm zu nähern: „Ich möchte Dir jetzt nicht unhöflich erscheinen, Marius, aber ich glaube, dass David Dir eigentlich nur vermitteln wollte, dass Du doch ein Problem mit Deiner Freundin hast. Du würdest doch sonst nicht immer davon reden, dass Du ja eigentlich glücklich bist, aber ...

Wenn Du wirklich komplett mir ihr zufrieden wärest, dann würdest Du nicht immer ein kleines ‚aber’ einflechten“, setzte Maria fort.

Marius verstand ihre Worte nicht. Er fing an, seine Freundin zu verteidigen.

„Meine Freundin hat schon so viele Enttäuschungen mitgemacht. Deshalb kann ich auch verstehen, dass sie so ‚abweisend’ zu mir ist.“

Maria setzte zur Antwort an. „Weißt Du Marius, Du hast doch schon so oft mit David gesprochen. Außerdem ist Dir doch bewusst, wie Du es immer sagst, dass es für Dich keine Zeit gibt. Keine Vergangenheit, keine Zukunft, nur das Hier und Jetzt. Du kannst Dir keine Vergangenheit beweisen. Alles ist von Dir doch nur vermutet. Sicherlich kannst Du Dir jetzt sagen, ich kenne einen Freund, der alles miterlebt hat. Aber wenn doch Du der Träumer Deiner Welt bist, dann erschaffst Du auch diesen Freund. Dein Freund muss genauso reagieren, wie Du ihn machst, da er doch auch nur ein Schauspieler in Deinem Lebenstheater ist. Er hat seine Sprechrolle nur von Dir bekommen. Du bist sein Soufleur. Er kann doch gar nicht anders agieren, wie Du es ihm gedanklich vorschreibst. All diese bösen Erfahrungen Deiner Freundin hast Du doch auch nur von ihr erzählt bekommen. Alle Dinge haben zwei Seiten. Schau einmal, Marius, Du setzt Dich so für Deine Freundin ein. Man könnte glauben, Du wärst bei ihren Erlebnissen dabei gewesen. Was wäre denn, wenn es gar nicht so schlimm war, wie sie es Dir erzählte?

Jeder Mensch verändert sich doch. Das, was früher für Dich die Hölle war, darüber kannst Du doch heute nur lächeln. Man muss sich auch einmal die Finger verbrennen, sonst machst Du doch keine Erfahrungen.

Schau doch einmal das Foto Deiner Freundin an. Sie sieht wie ein ‚trotziges Kind’ aus und nicht wie ein ‚armes, vom Leben gebeuteltes Mädchen’.

Ich rede jetzt wirklich komplett wertfrei zu Dir, Marius., Aber Du sagtest, dass Deine Freundin verschlossen und traurig wäre. Findest Du nicht, dass ihre Augen ziemlich zornig funkeln? Wie viel Hass muss dieses Mädchen in sich tragen?“

Maria legte eine Pause ein. Hatte sie diese Worte nicht eigentlich nur sich selbst erzählt? Musste sie sich nicht immer wieder selbst ins Hier und Jetzt holen? Konnte man einem „ausgeträumten Bekannten“ böse sein, wenn er ihre Worte nicht verstand?

Maria verstand sich doch selber nicht!

David gesellte sich zu Maria und Marius. Da aber das Problem von Marius noch längst nicht gelöst war, löcherte dieser weiter. David und Maria schauten sich verständnisvoll an. David erwähnte noch nebenbei, dass Maria ihm sehr wohl folgen könne und das Problem von Marius erkannt habe. Er und sie hätten auch für ihn eine Lösung im Kopf , aber es würde ihm zu diesem Zeitpunkt nicht helfen. Marius müsse selbst hinter das Geheimnis kommen. David verließ kurz darauf das Zimmer.

Diese Aussage hatte Marius nur noch neugieriger gemacht. Sofort sprach er Maria an: „Wenn Du doch schon die Lösung kennst, dann sei doch bitte so nett und hilf mir. Ich weiß nicht mehr weiter“.

Schnell reagierte Maria. Sie erklärte ihm, dass sie sich absolut nicht einmischen könne. Sie habe auch schon Lehrgeld zahlen müssen, wenn David den Menschen nicht mehr helfen konnte.

Maria dachte sofort an zwei „vermutete Erlebnisse“, die ihr wiederfuhren. Das erste Mal kostete sie ihr Einsatz, helfen zu wollen, eine Beule (Halteschranke auf einem Parkplatz). Beim zweiten Mal eine Zahnwurzelvereiterung (weil sie sich dabei nicht im „Griff“ hatte). Sie sollte sich einfach nicht immer dazu verleiten lassen, sich einzumischen.

Maria erzählte Marius in knappen Worten ihre Erlebnisse. Schnell versuchte sie ihn zu beschwichtigen. Sie erzählte ihm auch, dass sie „bewusst“ aus purem Egoismus handelte, da sie Angst hatte, bestraft zu werden, wenn sie sich einmischen würde. Ihrer Meinung nach hatte sie schon genug „Lehrgeld“ gezahlt.

Zum Glück betrat David das Zimmer.

Marius setzte nochmals zu einem Gespräch mit David an. Dieser ging aber nicht mehr darauf ein. David war Marius gegenüber nicht unhöflich. Aber es war an diesem Tage einfach zwecklos. Marius war den beiden nicht böse. David entspannte sich beim Kochen und lenkte in ein anderes Thema über. Nach dem Essen verabschiedete sich Marius und ging. Einige Monate später änderte sich Marius Leben wieder.
Das Geschenk von Gestern, war (für Marius) ein Alptraum von Morgen.

26.02.2001 – 13.20 Uhr

Wieder klingelte das Telefon. Es war Richard. Mittlerweile hatten David und er schon eine Standleitung. Richard war ein Mann in den Vierzigern. Er hatte wieder einmal Eheprobleme. Maria hatte das Gefühl, dass die beiden immer die gleichen Probleme durchsprachen.

Richard meckerte wieder einmal an der Welt herum. Er beschwerte sich über seine Umwelt. Richard verstand nicht, warum sein Umfeld sich nicht veränderte. Er würde sich doch an die göttlichen Gebote halten.

Maria konnte es nicht mehr hören. Alles hat zwei Seiten. Immer waren die Frauen an der Misere schuld. Maria musste in solchen Fällen immer den armen leidenden Männern zuhören. Mittlerweile hatte sie aber auch gelernt, ihre Meinung kund zu tun, was den Männern ganz und gar nicht passte. Sie wies eigentlich immer nur auf die zwei Seiten der Medaille hin. Die Frauen waren doch so böse zu ihnen. Kein Wort des Verständnisses, warum ihre Ehefrauen so reagierten. Hatten die Männer nicht ihren Samen gesät und mussten jetzt ihre Fehler ernten?

Maria, Du solltest den Faden nicht verlieren, wies sie ihr Beobachter hin. Die Geschichte von Richard solltest Du später erzählen.

Maria stand von ihrem Platz auf und machte eine Zigarettenpause. Sie musste sich geistig sammeln. Sie war nicht mehr wertfrei. An manchen Tagen nervte es sie einfach. Sie konnte es einfach nicht mehr hören.

Stopp, Maria! rief ihr Beobachte. Du richtest!

Dieses arme Wesen hat doch so viele Probleme. Du solltest Dir nicht anmaßen, über ihn zu urteilen. Richard ist nicht in Deiner Welt! Was ist im Hier und Jetzt?

Maria zählte sehr gewissenhaft die Dinge auf:

  1. Sie sah David mit einem Telefonhörer in der Hand in seinem Lieblingsstuhl sitzen.
  2. Kein Richard weit und breit!
  3. Wieder reingefallen!


Eigentlich mochte Maria Richard. Aber einen Richard, der sich nicht immer wie ein trotziges und weinerliches Kind verhielt. Außerdem spielte Richard immer wieder „ganz geschickt“ seine Probleme in den Vordergrund. So war es für alle Beteiligten nie ein entspannendes Gespräch, sondern es wurden immer die gleichen Dinge durchgekaut.

David wies Richard zwar darauf hin, dass er sich freuen würde, wenn er morgen mit Karsten und Jessica mitkäme. Er betonte aber, dass Richard seinen „Frust“ zu Hause lassen sollte.

Lassen wir uns einmal überraschen!, entgegnete Maria.
Außerdem machte Maria immer wieder die gleichen Erfahrungen. Das, was sie nicht wollte, bekam sie garantiert morgen zu sehen.

Also verhalte Dich doch ganz einfach neutral, schlug ihr Beobachter vor.
Das, was Du siehst, wirst Du säen!

Stimmt! dachte sich Maria. Schauen wir uns doch ganz einfach den morgigen Tag an. Aber was ist schon Morgen!

Marias Gedanken hingen an Richard. Es war für sie ein Phänomen, welche Darsteller sich in ihrem Lebensfilm tummelten.

Wenn all diese Menschen David und sie besucht hätten, wäre kein einziger Tag Ruhe in ihrer Wohnung gewesen.

Jetzt hatte Maria das Bedürfnis über Richard und seine Familie zu berichten:

Es war insgesamt eine sehr herzliche Familie.
Richards Bruder Karsten war ganz und gar das Gegen­teil von ihm. Er war herzlich, ohne eine Spur von Unterwürfigkeit. Seine Frau Jessica war eine ruhige und sehr gastfreundliche Frau. Maria verstand sich sehr gut mit ihr. Karsten war aber auch das Gegenteil von seiner Ehefrau. Sprücheklopfend, mit zum Teil auch einem sehr derben Humor, versuchte er sein Leben zu meistern. Auch er musste lernen, sich zurück zu halten. Wenn er jedoch einmal den Bogen überspannt hatte, fand er trotz allem den Weg zu seiner Mitte zurück.
Jessica meisterte ihr Leben, ohne auch nur einmal zu murren. Trotz der Doppelbelastung Familie und Beruf blieb sie stets gleichbleibend freundlich.
Auch die Eltern von Karsten und Richard waren sehr warmherzig. Sie hatten vor David einen riesigen Respekt, ohne ihn dabei anzuhimmeln.
Nur Richard fuhr diese „absolute Demutsschiene“. Er verhielt er sich David gegenüber fast abgöttisch. Dies war zwar mit Sicherheit kein Fehler von ihm, brachte ihn jedoch in seiner Entwicklung nicht weiter.
Durch seine Vorgeschichte war er schon sehr religiös geprägt. Richard war stets darum bemüht gewesen, sein Seelenheil zu finden. Leider verwechselte er es immer wieder mit einem fast unstillbarem Harmoniebedürfnis. Seine Umgebung sollte sich an seine Vorstellung von Leben anpassen. Dies funktionierte natürlich nicht! David ermahnte Richard oft, nicht seine Mitmenschen zu missionieren und riet ihm:
„Du solltest versuchen, Dich „heil“ zu machen, anstatt immer alles „im Außen“ verändern zu wollen!“

Immer und immer wieder redete David auf Richard ein. Er warnte ihn davor, nicht zu missionieren. Aber Richard setzte seinen Kopf durch.

„Warum verhalten sich die Menschen bloß so tierisch? Ich habe schon längst die göttlichen Gebote begriffen. Ich schaue mir meine Umwelt nur an. Nichts haben sie verstanden! Alle wollen ihre Welt retten und ich sehe, wer sich in welchem System befindet. Überall Leid um mich herum!“, beschwerte sich Richard bei David.

„Mir geht es ganz hervorragend. Ich studiere Deine Schriften sehr gewissenhaft, David. Aber warum leiden die Menschen in meiner Umgebung denn so? Ich würde ihnen so gerne helfen. Aber sie wollen mir einfach nicht zuhören“, führte Richard seine Rede fort.

Richard hatte ein so starkes Harmoniebedürfnis, dass ihm nicht auffiel, dass es sich bei ihm schon zu einer Sucht entwickelt hatte. Die ganze Familie scharte er um sich, Freunden fiel er immer wieder um den Hals ...
Er litt mit den Menschen, wenn es seiner Meinung nach Unstimmigkeiten gab, und er versuchte Streitigkeiten oder Frustrationen um ihn herum im Keim zu ersticken.
Alle Freunde in seiner „kleinen Welt“ sollten glücklich und zufrieden sein und eine absolute Einheit bilden. Dabei bemerkte er aber nicht, dass er sich von der Einheit in die Zweiheit begab. Er setzte eine unsichtbare Trennungslinie zwischen sich und seiner Umgebung.
Niemand hatte das Bedürfnis immer mit einem „Schmunzeln auf den Lippen“ und „verklär­tem Augenaufschlag“ durch die Welt zu gehen. Nein! Die Menschen wollten auch einmal ihrem Frust freien Lauf lassen.
Richard verstand seine „kleine Welt“ nicht mehr. Je mehr er in seiner Welt verändern wollte, desto schlimmer wurde sie.

David hatte ihn immer wieder gewarnt:
„Höre auf die Menschen zu missionieren!“, ermahnte er ihn immer wieder. „Du musst Dich glücklich machen, nicht Deine Außenwelt belehren!. Dein Harmoniebedürfnis nervt die Menschen. Lass sie zufrieden! Du bist viel zu einseitig. Die Welt ist perfekt, so wie sie ist. Auch wenn Du mit einigen Dingen nicht einverstanden bist, stoße sie nicht von Dir. Alles hat seinen Sinn!“

Richard bemühte sich David geistig zu folgen, aber seine „Vorstellung von Harmonie“ war stärker. Immer wieder drang in Richard das Bedürfnis durch, seine Mitmenschen davon zu überzeugen, dass sie sich in einer verkehrten Welt bewegten. Er hatte es begriffen! Aber wieso spielte seine Umgebung nicht mit?

David und Maria wurden zum Tag der großen Sonnenfinsternis am 11.8.1999 im Kreis der Familie von Richard und Karsten eingeladen. Die Tage zuvor klingelte bei ihnen pausenlos das Telefon. Jeder wollte wissen, wo die beiden diesen Tag verbringen würden. Zahlreiche Einladungen folgten, aber David äußerte bis zum Schluss nicht, wo er hinfahren würde. Selbst Maria war bis zum Vortag nicht eingeweiht.

Nun gut! Kurzentschlossen fuhren sie zu Richard und Karsten. Der Tag der Sonnenfinsternis fiel nicht vielversprechend aus. Dicke Regenwolken machten sich am Himmel breit. Als die beiden sich auf der Autobahn „Richtung Süden“ befanden, hörten sie unaufhörlich die Nachrichten:

„Im Raum Stuttgart können sie die Sonnenfinsternis erleben“, sagte ein Radiosender. „Im Raum München“ meldete ein anderer.

David und Maria amüsierten sich köstlich über die Radiodurchsagen. Es war doch alles „angeblich“ berechenbar. Aber bis zur letzten Minute wusste niemand darüber Bescheid, wo man das „Ereignis“ am besten erleben konnte. Die beiden ließen sich nicht beirren.

Als die beiden das Haus von Karsten betraten, waren schon alle da. Boris, Jasmin, Karsten, Jessica, Richard, all die Kinder und Großeltern. Es regnete noch unaufhörlich! Langsam, dem Ereignis zugehend, bemerkte David, dass die Kinder immer trauriger wurden, weil sie nichts unter dem bewölkten Himmel von dem Naturschauspiel mitbekamen.

David sprach leise einen „kleinen Satz“ aus:
„Oh Heiland reiß den Himmel auf!“

Einige Minuten später machte eine Wolke direkt vor der Sonne Platz. Die Sonnenfinsternis konnte stattfinden. David erzählte Maria leise den weiteren Ablauf des Naturereignisses. Sicherlich hätte David all die Dinge nachlesen können. Aber nicht in einer solchen Präzision, dachte sich Maria. Sie schaute ihren Ehemann fassungslos an. Er lächelte sie an und sagte ihr beiläufig, dass es gar nicht mehr so interessant sei, wenn man es schon tausendfach mitge­macht hätte. Mit diesen Worten ließ er Maria allein. Ich muss nicht alles verstehen, dachte sie sich.

Nach der Sonnenfinsternis, die für alle ein absolutes Erlebnis war, setzten sie sich an den Tisch.

Eindringlich warnte David die Freunde.
„Wenn Ihr Euch jetzt Fehltritte erlaubt, werden Euch diese sehr schnell einholen. Nicht wie in der angeblichen Vergangenheit geraume Zeit später, sondern innerhalb kürzester Zeit werdet ihr Eure Ernte haben. Alles wird ab heute um den Faktor 10 angezogen. Ihr solltet Euch massiver beobachten, was ihr jetzt aus Eurem Leben macht!“

Nach dem kurzen Wortlaut Davids gingen sie alle zum gemütlichen Teil über.

Boris befand sich zu dieser Zeit in einer tiefen Krise. Nachdem er wieder in Jasmins Haus eingezogen war, hatte er massiv mit sich zu kämpfen. Tiefe Eifersucht quälte ihn! Jasmin ging es nach der Episode ihres Mannes mit Margot sicherlich auch nicht immer sehr gut. Aber sie nahm ihr Leben selbst in den Griff. Jasmin hatte alles viel besser ohne Boris organisieren können. Keiner redete ihr in ihr Leben rein. Eine neu gewonnene Freiheit mit ihren Kindern machte sie unheimlich stark. Nachdem Boris aber Margot verlassen hatte, musste sich Jasmin wieder komplett auf ihn einstellen. Sie nahm ihn zwar wieder herzlich auf, blieb aber trotz allem ihm gegenüber distanziert.

Die Zeit heilt doch die Wunden, dachte sich Maria, als sie die beiden beobachtete. Jasmin war gut gelaunt. Man merkte ihr aber schon eine unterdrückte Gereiztheit ihrem Mann gegenüber an. Boris hatte an diesem Tag ein unendliches Leid in sich. Wie ein demütiges Tier folgte er seiner Frau auf Schritt und Tritt.

David äußerte sich als erstes dazu:
„Boris, Du demonstrierst zwar eine unendliche Demut. Aber tief in Dir bist Du voller Arroganz. Du willst, dass Deine Freunde Dich bemitleiden. Warum spielst Du uns jetzt so ein Schauspiel vor?“, fragte er ihn.

Boris antwortete nicht. Er war so wütend auf die ganze Welt, die ihn doch so sehr strafte. Keiner seiner Bekannten kümmerte sich um ihn, denn sie sahen ein, dass alles zwei Seiten hatte. Eigentlich hatte Boris die Situation selbst verursacht. Er hatte seinerzeit seine Frau und die Kinder verlassen. Wie seine Frau sich dabei fühlte, interessierte ihn „seinerzeit“ überhaupt nicht. Alle seine Bekannten wussten über diese Geschichte Bescheid. Sicher verurteilten viele Boris, aber es traute sich doch niemand, dies vor David kund zu tun.

Richard packte das „Helfersyndrom“. Er hörte Boris Leiden zu und gab ihm einige Ratschläge. Richard konnte sich zwar nicht in die Situation hinein versetzen, denn es hatte in seiner „kleinen Welt“ bisher keinen Grund zur Eifersucht gegeben. Seine „kleine Welt“ war perfekt.

Boris und Richard waren ganz und gar mit sich beschäftigt.
David sah den beiden nur zu.
Er gab ihnen noch einige Tipps mit auf den Weg, bevor er sich mit Maria verabschiedete.

„Was hast Du den beiden noch gesagt?“ fragte Maria ihn während des Heimwegs.

David lächelte in sich herein und antwortete:

„Ich habe den beiden nur gesagt, dass sie sich in nächster Zeit sehr gut verstehen werden, mehr nicht.“

Einige Tage später erzählte Richard stolz, wie er versucht habe, Boris zu helfen. „Ich kann mich zwar nicht in Boris hinein versetzen,“, sagte er, „aber ich habe mein Bestes gegeben. Kein Mensch hat sich um ihn gekümmert.“

David hörte ihm aufmerksam zu und gab ihm die passende Antwort:
„Richard, dies ist Deine Welt! Dass Du in die Schöpfung eingegriffen hast, dafür konntest auch Du nichts. Aber Du solltest davon auch lernen. Es war ganz allein Dein Film. Ich habe Euch am Tisch gesagt, dass Euch seit der Sonnenfinsternis alles viel schneller einholt. Beobachte Dich, wie Du in nächster Zeit agieren wirst. Du solltest Dir Dein Leben wie ein Zuschauer ansehen. Springe nicht auf die Lebensbühne, wenn Dir Dinge eingespielt werden, mit denen Du nicht einverstanden bist. Ich kann Dir nur im Moment nur das sagen. Ob Du es jetzt verstehen wirst, weiß ich nicht, aber ich wollte es Dir nur ‚gesagt’ haben.“

Es dauerte nicht lange und Richard meldete sich wieder bei David. Seine „kleine heile Welt“ sei eingestürzt, erzählte er tränenreich. „Meine Frau und meine Freunde wenden sich von mir ab. Außerdem werde ich vor lauter Eifersucht noch krank!“

David gab ihm den Tipp, er solle sich mit Boris in Verbindung setzen:
„Boris kennt all die Gefühle die Du jetzt empfindest. Spreche mit ihm, so könnt ihr Euch selbst heilen. Beobachtet Euch beide, wie Eure Eifersucht Euch zerstört. Ihr solltet nicht immer über Eure Frauen richten, denn Ihr beide habt den Samen gesät, dessen Ernte Ihr jetzt in Euren Händen tragt. Habt Ihr mir denn gar nicht zugehört? Immer und immer wieder sage ich Euch das gleiche: Alles hat seinen Sinn! Über das Leid von gestern könnt ihr morgen schon wieder lachen!

Mit diesen Worten legte David den Hörer auf.

Es ist nun einige Zeit vergangen und Richard hat sein Problem noch nicht gelöst. Er spult immer noch den „gleichen Lebensfilm ab“.

„Ich liebe meine Frau! Aber ich kann einfach nicht von ihr loslassen. Wenn ich mich mit meiner Frau an manchen Tagen sehr gut verstehe, möchte ich den Zustand festhalten. Aber meine Frau distanziert sich dann immer mehr von mir.“, sagte Richard. „Ich verstehe es nicht! David, Du sagst doch immer, dass Du an allem Schuld wärst. Ich bin doch von jeder Schuld freigesprochen. Ich versuche mich doch zu beobachten. Wenn ich solche Situationen von Gott eingespielt bekomme, kann ich mich doch nicht dagegen wehren. Alle anderen sind dann dafür verantwortlich, doch nicht ich!“, verteidigte er sich. „Ich bin doch in meiner Ruhe und halte die göttlichen Gebote. Warum bekomme ich dann solche Bilder eingespielt? Das ist doch nicht gerecht!“, jammerte Richard weiter.

Maria kannte die Argumente der Menschen. Sie hatte während dieser Zeit viel gelernt. Sie pochten immer wieder darauf, dass sie Davids Schriften blind folgten, um den Weg der Freiheit zu gehen. Aber ihr Welt hätte sich noch nicht verändert.

David sagte ihnen in solchen Momenten immer wieder das Gleiche:
„Nicht mir sollt Ihr glauben, sondern Ihr solltet endlich einmal Euch selbst glauben und vertrauen. Wie oft sage ich zu Euch, Ihr sollt nicht nachplappern? Ob Ihr positives Denken übt, meditiert oder Euch betrinkt, all diese Dinge machen Euch nicht frei. Sie sind nur ein kurzer Schmerzkiller, aber die Ursache ist dadurch nicht behoben. Mir ist es doch vollkommen egal, was Ihr aus Eurem Leben macht. Ich liebe Euch und wünsche mir, dass Ihr Euch endlich glücklich und frei macht. Ich habe darauf keinen Einfluss. Ich muss doch in Eurer Welt nicht leben. Bringt Euch zur Ruhe, dann verändert sich Eure Welt. Wie oft habe ich Euch das schon gesagt? Ihr seid Herdentiere! Ihr wollt alle nicht selbst denken und dementsprechend auch nicht für Eure Handlungen verantwortlich sein! Immer nur nach-denken und Euch dann einen Schuldigen suchen, wenn nach Eurem Ermessen nicht der Erfolg eingetreten ist, den ihr Euch erhofft habt!“

David sagte es mit einer unendlichen Geduld immer und immer wieder. Aber die Menschen (einschließlich Maria) hörten nicht richtig zu.

In solchen Momenten hatte Maria großes Mitgefühl mit ihm. David mühte sich immer wieder ab, den Menschen zu helfen. Aber manche von ihnen wollten nur ihrem Egoismus freien Lauf lassen. Ja, die Welt und die Menschen sind ja so schlecht, spukte es in den leidenden Köpfen herum.

26.02.2001 – 20.00 Uhr

Maria bemerkte eine kleine gedankliche Schwäche in sich. Sie litt nicht darunter. Es hatte alles seinen Sinn.

Was soll das schon wieder Maria?, meldete sich ihr Beobachter. Du hast heute eine Gedan­kenschwäche? Was machst Du morgen? Glaubst Du denn wirklich, dass es ein Morgen gibt ?

Gelächter machte sich in ihrem Kopf breit.
Maria bemerkte, dass ihre Finger viel schneller über die Tastatur glitten, wenn sich ihr Beobachter meldete. Sie hatte das Gefühl, dass er ihr noch so viel zu sagen hatte.
Sie brauchte gar nicht mehr in ihre Vergangenheit oder Zukunft abzugleiten, denn ihr Beobachter hatte noch so viel für sie vorbereitet.

Sie schaute kurz auf die letzten Zeilen, die sie wie „vermutet“, in den Computer geschrieben hatte:
Wer war eigentlich die Person, die „angeblich“ so viel erlebt hatte?

Maria begab sich von ihrem Computer nach Außen in die Kälte um eine Zigarettenpause zu machen. Und sofort kam ihr eine Erleuchtung!

Sie zog gierig an ihrer Zigarette und drückte sie fast zur Hälfte aus.

Los!, befahl ihr eine Stimme. Setze Dich sofort an den Computer und schreibe weiter!

Brav hörte Maria auf ihren Beobachter und befolgte den Befehl.

Sie dachte noch einmal über die letzten Zeilen nach. Das Gefühl der Eifersucht war ihr bekannt. Damals hörte ihr jedoch außer ihrer Familie niemand zu. An manchen Tagen war es schon peinlich gewesen, dass sie sich so beschwert hatte.

Ein Bild aus der Vergangenheit stieg in ihr hoch:
„Seinerzeit“ litt Maria unter starken Magenbeschwerden. Sie ging brav zum Arzt und ihr Magen wurde geröntgt. Einige Minuten später wurde sie zu ihrem Radiologien bestellt.
„Ja, Frau ..., sie haben ein Magengeschwür. Schauen sie doch einmal! Hier sieht man ganz deutlich, dass sich ein Loch im Magen befindet. Aber keine Angst, Frau ... , sie gehen zu ihrem Hausarzt und bekommen die nötigten Medikamente!“
Brav nickte Maria ihrem Arzt zu. Eigentlich jedoch sah sie nur ein Röntgenbild und erkannte darauf gar nichts!

„Du darfst jetzt bloß nicht auffallen!“, dachte sich Maria. „Dein Arzt hält Dich für dumm, wenn Du es nicht erkennen kannst. Also der Diagnose einfach zustimmen!“

Achtung Maria! „Des Kaisers neue Kleider“!

Ein Arzt hielt eine Folie hin, die er Röntgenbild nannte. Eine Arzthelferin bestimmte, dass es das Bild von „Marias Magen“ war. „Dort steht doch schließlich Ihr Name darauf!“ Was wäre, wenn ihr Röntgenbild nur vertauscht wurde? Kann mir irgendjemand denn beweisen, dass es mein Magen war? Hatte sie selbst schon einmal ihren Magen gesehen? Nein! Wie soll ein „angeblicher“ Magen ein „angebliches“ Loch haben?

Die Frage ist gar nicht so dumm!, sagte ihr Beobachter. Dies ist das erste Mal, dass Du wirklich einmal darüber nachdenkst, was Dir von Deinem angeblichen„Außen“ gesagt wird.
Sicher, jeder Arzt kann Dir alles logisch erklären. Aber willst Du wirklich alles glauben? Nur weil ein Arzt bestimmte, dass Du Organe hast, muss Du es doch nicht glauben. Auf die Freiheit!, sagte ihr Beobachter.
Kannst Du Dich noch an Deine Magenspiegelungen erinnern?, fragte sie ihr Beobachter.
Ich will jetzt nicht mit Dir darüber diskutieren, ob Du es jemals erlebt hast. Aber mache doch diesen Gedankensprung. Bei diesen sogenannten Magenspiegelungen hat Dir noch nicht einmal ein Arzt Deinen Magen gezeigt. Du siehst nur Röntgenbilder oder Gastroskopiebilder. Mehr nicht! Wie kann er dann beurteilen, dass es sich um eine Magenkrankheit handelt? Dumm nickend hast Du alles gefressen, was man Dir gesagt hat! Du sollst jetzt nicht einen Mediziner verurteilen. Nein Maria, Du solltest nur einmal darüber nachdenken, was Du alles glaubst, nur weil es Dir jemand vorsagt!
Du bist ein Herdentier, Maria. Immer schön mit der Masse gehen!

David telefonierte schon wieder. Vor einer Minute rief ihn ein alter Freund aus Amerika an. Maria fühlte sich wieder komplett gestört. Sie bemerkte, dass sie ihren Faden verlor. „Was soll es mir jetzt sagen?“, fragte sich Maria. David sprach immer energischer. Er sprach auch das Thema „Medizin“ an. Aber galt es ihr, ihm zuzuhören?

Ja, natürlich! sagte der Beobachter.

David hatte vor einiger Zeit durch „Zufall“, den es ja bekanntlich nicht gab, einen Bericht über einen Mediziner entdeckt, der Fehler der Schulmedizin aufgedeckt hatte. Dieser Mann wurde aufgrund eines Medienfalls boykottiert. Seine Bücher erhielt man in keiner Buch­hand­lung. Im Internet war er vertreten. Aber dieser Mensch hatte keine Chance, dass man ihm zuhörte.

David erklärte telefonisch seinem Freund:
„Sicherlich lebt dieser Mediziner auch noch in der Raumzeit, aber er zeigt komplett neue Denkanstösse auf. Spricht man seinen Namen aus, weiß jeder, dass dieser Mensch einmal negativ in der Presse war. Keiner hat sich auch nur die Mühe gemacht, die andere Seite der Geschichte zu hören. Hat man diesem Arzt jemals das Recht eingeräumt, seine Sicht preiszugeben? Nein, Ihr habt ihm sofort einen Stempel aufgedrückt. Befasst Euch doch einmal mit seinen Büchern, dann werdet Ihr vielleicht einiges verstehen!“

Dieser Mediziner berichtete in seinen Büchern, dass sich sämtliche Krankheiten in den meisten Fällen von selbst heilen. Ausgangspunkt ist immer ein Konflikt. Sicherlich war diese Erkenntnis nicht neu. Aber anhand von Beispielen hat er die ganzen Psychosen und Konflikte sehr gut erklärt. Maria setzte sich auch damit auseinander.
Sie hatte sich darüber gewundert, dass sie vor einiger Zeit eine Krampfader entdeckte.
Wann materialisierte sich eigentlich dieses unschöne Ding?
Maria konnte sich genau daran erinnern, dass sie das „Übel“ entdeckte, als Margot mit Boris zusammen war. Wer war jetzt daran schuld? Maria natürlich! Sie konnte Margot keine Schuld daran geben. Es war ganz alleine ihre Eifersucht, die sie vergiftete. Warum trat dieses Phänomen erst viel später auf?
Maria blätterte in dem Medizinerbuch.
Krampfader: Ursache dafür ein „ungewolltes Kind“, das man nicht annehmen wollte.
Auf den Zeilen gelesen betraf es natürlich Maria nicht, da sie ja kinderlos war. Aber war das ungewollte Kind nicht Margot? Ihre ausgeträumte Gestalt Margot war ein Kind von ihr, aber dieses Kind wollte Maria in ihrem Traum nicht haben. Also trat diese Verkrampfung, sprich Krampfader auf.
Hätte Maria es vermeiden können?
Nein! Dieses Erlebnis war für sie sehr heilsam!

Maria klopfte sich seinerzeit auf die Schulter. Sie glaubte, dass sie die Prüfung EIFERSUCHT bestanden habe. Sie war sogar davon überzeugt!
Aber weit gefehlt!
Maria fühlte sich nur sicher, nachdem Margot sich mit Boris zusammen tat. Es war doch nur eine kurze Erholungsphase für Maria. Sie erinnerte sich daran, dass sie siegessicher behauptete, ihre Eifersucht in den Griff bekommen zu haben. Wenn sie aber weiter in ihrer Vergangenheit zurückging, kamen schon immer wieder einige Eifersuchtsattacken auf.
Nach Margot hatte sie bezüglich Frauen noch einige Prüfungen zu bestehen.
Maria hatte an manchen Tagen schon gelitten, wenn sie sah, wie unverschämt sich manche Frauen David näherten. Wie sie sich zum Teil auch Maria gegenüber verhielten, war manchmal an Frechheit kaum zu übertreffen.

Aber man kann immer nur den treffen, der sich auch treffen lässt, liebe Maria, sagte ihr Beobachter. Sicherlich kannst Du Dich an das Gefühl Deiner Eifersucht erinnern. Aber hast Du wirklich gelitten? Was ist im Hier und Jetzt?
Dein lieber Ehemann telefoniert zur Zeit und Du hast mit ihm keinerlei Probleme.
Siehst Du Konkurrenz?
Mit wem muss Du eigentlich konkurrieren?
Mit Deinen ausgeträumten Kindern?
Du bist so dumm, Maria!
Einen demütigen Menschen kann nichts und niemanden demütigen.
Aber wie weit ist es eigentlich mit Deiner Demut bestellt?

Oh Gott!, stöhnte Maria. Es ist alles nicht so einfach, wie ich mir denke.

Nachdem Maria sich bezüglich ihrer Eifersucht gegenüber Frauen gebessert hatte, tauchten Männer auf, die David auch liebten. Nein, David war nicht homosexuell! Er liebte nur die Seelen der einzelnen Menschen. Egal ob männlich oder weiblich, alt oder jung, reif oder unreif.

Endlich hörte David auf zu telefonieren. Jetzt hatte Maria auch keine Kraft mehr in den Fingern, all die Gedanken aufzuschreiben, die in sie einströmten.

Schluss für heute!, sagte ihr Beobachter.
Du verlierst Deinen Faden. Es wäre besser, wenn wir aufhören!




28.02.2001 – 13.15 Uhr

Maria fand sich an ihrem Computer wieder. Vorher hatte sie ihre Marionette (Maria) beauftragt, ihren Haushalt zu erledigen. Rasch, aber mit einer unendlichen Ruhe packte sie ihre Sachen zusammen. Morgen war ja der große Auftritt. Zuerst würden sie zu Helene fahren und am 3.3. in den Süden fliegen. Nach ca. 14 Tagen ist dann auch diese Tour zu Ende.

Blödsinn!, meldete sich ihr Beobachter. Du kannst nur jetzt daran denken, Maria!
Du bist schon wieder in der Zukunft. Sicherlich musst Du Dich dem Geschehen hingeben, aber Du solltest nicht immer daran kleben bleiben. Was ist schon Morgen, was sind 14 Tage? Nur ein Gedanke im Hier und Jetzt. Schauen wir einmal, was Du nach diesen angeblichen 14 Tagen noch in Deinem Kopf hast. Ich werde Dich dementsprechend abfragen. Sei also immer wachsam!

„Ja, ja, schon gut“, sagte Maria. „Es war mir jetzt wirklich bewusst, dass ich mich gedanklich in der Zukunft befand. Aber es war nicht so ernst gemeint!“, beruhigte sie ihren Beobachter.

Maria war sich auch heute bewusst, dass ihre Anfangszeilen mit dem 28.02. datiert waren. Kein Fehler im System, sagte sie sich. Der angeblich gestrige Tag war nur ein Gedanke in ihrem Kopf. Sie hätte sich so gerne wieder an den Computer gesetzt. Aber sie erwarteten für den 27.02. Besuch.

Auch in solchen Situationen muss Du Dich hingeben, sagte sie sich.
Ja, was sollte sie eigentlich erzählen?
Vielleicht sollte sie über den gestrigen Tag berichten, der sowieso nicht existierte ?
Es war doch sowieso alles nur ein Traum!

Stimmt, sagte ihr Beobachter, es war nur ein Traum. Aber alle „vermuteten Erlebnisse“, sind auch sehr lehrreich. Was hast Du von Deinem angeblichen „Gestern“ gelernt?

Maria versuchte sich zu konzentrieren. Gute Frage!, sagte sich Maria.

Karsten, Jessica und Richard kamen gestern zu Besuch. Es war ein langer Tag für sie, da es bis in die Abendstunden ging.
Maria hatte wieder einiges gelernt:
Sie sollte immer wachsam bleiben.
Sie sollte nicht richten und urteilen.
Sie sollte sich nicht in der Raumzeit verlieren.

Aber in manchen Momenten fiel es ihr schon schwer.
Ihr tat es leid, als sie Richard mit dem Leidensgesicht sah.
Maria kannte diesen leidvollen Blick bestens von sich selbst. Unbewusst und dann doch auch irgendwie wieder voll bewusst wollte man sich damit doch nur in den Vordergrund stellen.

Nachdem Richard von David ermahnt wurde, sich seinem Frust nicht hinzugeben, spürte man deutlich dessen Verkrampfung. Richard kämpfte schon mit den Tränen und betonte immer wieder, dass er endlich versuchen wolle, sich von seinem Problem zu lösen. David sprach immer und immer wieder davon, dass es nicht darum ging, dass er seine Frau und Kinder verlassen solle. Er solle nur versuchen, sich geistig von seiner Frau zu lösen, um sie wirklich in seinem Herzen zu tragen:

„Woran hältst Du eigentlich fest, Richard?“, fragte David. „Nur an einer Gestalt in Deinem Traum. Siehst Du jetzt Deine Frau, oder denkst Du nur an sie? Hast Du die letzten 10 Minuten an Deine Frau gedacht, als ich Dir etwas erklärt habe?“

Richard verneinte. „Ja, ich weiß, dass sie nur ein Gedanke von mir ist, sagte er, aber ich kann noch nicht damit umgehen!“

David erklärte es ihm wieder:
„Richard, Du sagst zwar, dass sie nur eine Traumgestalt von Dir ist. Aber tief in Deinem Herzen weißt Du, dass sie sich irgendwo in Eurem Haus aufhält. Siehst Du sie jetzt? Das was Du lebst, Richard, ist spiritueller Materialismus. Ich höre immer wieder von den Menschen das Gleiche. Sie predigen von Einheit und nur geistigen Erscheinungen. Aber lebt wirklich auch nur einer von Euch diese Einheit? Nein, Ihr redet davon, aber kein Mensch hält sich daran, weil Ihr tiefgläubige Materialisten seid. Ihr glaubt an ein Leben nach dem Tod, und wehe denn, Ihr werdet krank. Dann lauft Ihr ganz schnell zu Euren Ärzten, um wieder gesund zu werden. Ich habe kein Vorurteil gegen Ärzte, das wisst Ihr. Aber alle Ihr ‚Sprücheklopfer’ habt unheimliche Angst, dass Euer kleines Leben irgendwann einmal enden muss. Du kannst nicht sterben, wenn Du nicht vorher geboren wurdest und Du wirst geboren, um irgendwann einmal zu sterben. Es ist doch nur Eure materielle Erscheinung die vergeht, nicht Euer Geist! Wenn Ihr mein System versteht, werdet Ihr feststellen, dass Euer Geist Euch ewig bleibt!

Maria schaute David an. Sie verstand, dass alles, was er sagte, nur ihr persönlich galt. Sagte David das wirklich oder sprach ihr Beobachter in ihr?
War David vielleicht doch nur eine Kasperpuppe, wie er immer wieder behauptete?

Immer wieder sagte David das gleiche:
„Ihr solltet verstehen, dass nur Ihr existiert. Ich bin nichts, wenn Ihr mich nicht träumt. Seht diesen David nur als eine Puppe an, die Ihr vor Euch hinstellt. Ich bin nicht mehr oder weniger als Ihr!“

Jetzt konnte Maria seinen Worten endlich folgen: Sicherlich war David - diese Figur in ihrem Traum - nur eine Gestalt, die sich ihr Geist austräumte.
Aber redete David dann wirklich?

Nein! Es war nur ihre Stimme, ihr Beobachter oder etwas ganz anderes in ihr. Es war ihr egal, wie sie ihn nennen sollte. Diese Stimme, die aus David sprach, war nur sie selbst. Ein höheres Bewusstsein von ihr selbst.

Jetzt ist der Groschen gefallen, meldete sich ihr Beobachter. Liebe Maria, wie lange sage ich es Dir schon? Ich hoffe nur für Dich, dass Du auch immer wieder daran denkst, dass es keinen Menschen außer Dir gibt. Alle Stimmen um Dich herum sind Deine Stimmen. Du glaubst, dass Deine Traumgestalten zu Dir sprechen. Weit gefehlt! Du bist es! Wie kannst Du Dein Gegenüber verurteilen, wenn Du es selber bist? Du strafst Dich doch immer nur selber!
Du bist auch die Stimme von Richard, die immer wieder sagt: „Ich kann doch nicht, ich kann doch nicht!“
Nicht er sagt es. Du bist es selbst, liebe Maria! Du lebst in einer Schizophrenie. Wenn Du doch einmal länger in Deinem Kopf wach wärest, könnte ich Dir so viele Dinge erzählen, die Dir mit Sicherheit Dein Leben leichter machen würden. Aber Du schläfst viel zu schnell ein, sagte der Beobachter.

Marias Blick wanderte in Richtung David, der sich mit Büchern in der Hand und völlig vertieft in seinem Sessel aufhielt. Maria sah sich David heute einmal genauer an.

Im Augenblick kann David nur schweigen, meldete sich ihr Beobachter. Weißt Du auch warum? Ich sage es Dir! Weil niemand diese Kasperpuppe bewegt!
Schau Maria, ich rede doch jetzt in Deinem Kopf. David kann jetzt nichts sagen, weil ich die Stimme Davids bin und trotz allem auch Deine Stimme bin. Du verstehst es noch nicht, aber irgendwann wirst Du nachvollziehen können, was ich damit meine!

28.02.2001 – 14.15 Uhr

Maria lebte jetzt zeitlos. Als sie auf die Uhr schaute, konnte sie sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass sie angeblich schon seit einer Stunde schrieb. Just in diesem Moment bewegte jemand David. Diese Puppe von ihr stand jetzt aus seinem Sessel auf, um etwas zu kochen.
„Das klappt ja hervorragend!“, sagte sich Maria.
Sie wollte David nicht damit abwerten, dass er eine willenlose Puppe sei. Es ging ja nur um das Prinzip, das sie zu durchschauen hatte. Es war egal, ob es David, Richard oder Jessica war. Sie war nur der Beobachter eines Puppenspiels. Wie diese angeblichen Traumgestalten funktionierten sollte ihr doch in diesem Moment völlig egal sein. Sie sollte sich nicht daran festhalten alles durchschauen zu wollen. Nein, auf einen Ego-Trip wollte sie sich nicht einlassen!

Du musst nicht alles wissen, liebe Maria, sagte ihr Beobachter. Du solltest Dir nur einmal Gedanken darüber machen, wie Du funktionierst. Du siehst, Du hast absolut keinen freien Willen. ES denkt doch einfach nur in Dir. Bist Du diejenige, die ihre Gedanken steuert? Nein, meine Liebe, Du hast keine Freiheit zu bestimmen, was Du Dir jetzt denkst oder was Du in 10 Minuten machen wirst. Ich weiß es, sagte ihr Beobachter, Du nicht. Lasse Dich doch einfach überraschen, ohne irgendein Wollen in Dir, alles nachvollziehen zu können. Dazu fehlt Dir noch sehr viel an Wachsamkeit und geistiger Entwicklung. Warte es einfach ab! Es gibt doch keine Zeit und deshalb musst Du nicht traurig sein, wenn Du merkst, dass Du nur ein ganz kleines Licht in Deiner Welt bist. Du siehst doch selbst, dass Du Deine Gedanken nicht festhalten kannst. Es klappt nicht! Wenn ich möchte, das ES in Dir denkt, funktioniert das System. Du kannst als Mensch gar nichts steuern. Nur Dein Geist kann Dir Gedanken einspielen, die Du Dir als Wesen anschauen musst. Wenn Du mehr auf mich hören würdest, führte der Beobachter weiter aus, ginge es Dir viel besser. Aber Du wächst und wächst! Sicherlich kommt auch wieder ein Stillstand in Dir. Aber Du solltest versuchen immer wachsam zu bleiben!

Maria sprach mit David. Sie hatte ihn darum gebeten, die letzten Zeilen, die sie schreiben musste, zu lesen. Er erfüllte ihre Bitte und setzte sich an den Bildschirm. Nach einigen Minuten stand David auf und ging in die Küche, um zu kochen. Maria folgte ihm und fragte David, was er davon hielt.

Was er dazu sagte überraschte sie:
„Ich glaube, Maria, jetzt hast Du es. Du solltest aber versuchen, immer so aufmerksam zu sein. Kannst Du Dich daran erinnern, wie ich Dir immer sagte, dass ich nicht die acht Bücher geschrieben habe, sondern das ES durch mich schrieb. ES dachte in mir.
Ich, als David, konnte es niemals geschrieben haben. Ich bin doch viel zu dumm dafür, sage ich Dir doch immer. Kannst Du Dich jetzt in mich hinein versetzen, wenn ich sagte, dass ES in mir denkt und ich keine Chance hatte, nicht zu schreiben?

Maria verstand David. Sie konnte es jetzt auch nachempfinden, was er meinte. Aber es war kein Vergleich zu Davids Schriften. Diese waren doch voller Weisheiten und Inspiration. Alle Fachgebiete, von Mathematik über Physik, Mythologie und Sprachen waren vertreten. Aber Maria hatte doch nur ihre Erlebnisse aufgeschrieben. Es waren keine genialen Weisheiten oder umfangreiche Verknüpfungen verschiedenster Fachbereiche.
Nein! Sie war sich sicher, dass es in erster Linie um ihr Erwachen ging und es vollkommen egal war, was andere über diese Lektüre dachten.

Schreibe nur für Dich, sagte der Beobachter. Du solltest kein Kaufmannsdenken in Dir haben. Was ich später damit machen werde, sage ich Dir im Hier und Jetzt.
Mache Dir keine Gedanken darüber!
Denn Du bist noch nicht soweit, dass Du es verstehen kannst.
Schreibe weiter!

28.02.2001 – 15.30 Uhr

Das Telefon klingelte. David befand sich zu diesem Zeitpunkt im Badezimmer. Maria nahm den Hörer ab und die Telefonstimme kündigte an, dass es Boris war.
„Na“, sagte er, „wir haben uns ja schon lange nicht mehr gesprochen. Ich glaube in diesem Jahr noch gar nicht“. Mit einem Lachen wünschte er ihr noch nachträglich ein schönes neues Jahr. Boris fragte Maria, ob sie schon ihre Koffer für den Urlaub gepackt habe. Sie antwortete brav, dass sie mit ihren Reisevorbereitungen fertig sei. Außerdem sei sie noch nie auf dieser Insel gewesen. Sie könne daher weder enttäuscht noch erfreut sein. Sicherlich freue sie sich darüber, in den Süden zu fliegen, um dort Urlaub zu machen, aber sie wäre auch sehr gern daheim.

Boris erwiderte sofort, dass es ihm sehr gut ginge, seitdem er seine Firma aufgegeben habe und nur noch zu Hause sei. Auch wenn einige Bekannte von ihm das nicht nachvollziehen könnten, sei er doch glücklich, so ein Leben führen zu können. Er hätte komplett jegliches Zeitgefühl verloren, alles rennt nur noch an ihm vorbei. Sicher, er könne auch verreisen, aber David würde zu ihm nur sagen, dass es in seiner Situation Flucht wäre und er damit nicht weiterkommen würde. „Nein“, sagte Boris, „ich habe keine Lust das Haus zu verlassen. Übrigens“, führte er weiter fort, „meine Ex-Frau wohnt in Spanien“.

„Lade Dich doch ein“, sagte Maria zu ihm. „Nicht jeder Urlaub ist Flucht. David und ich sind auch sehr gerne zu hause, aber wenn ihn jemand bittet, zu ihm zu kommen, gibt er sich hin. Ich glaube, dass dieser Urlaub nicht mit Arbeit verbunden ist. Keine Vorträge und somit wohl auch keine Anstrengung für David“.

Boris lenkte in ein anderes Thema ein. „Übrigens“, begann er, „hat David mir gesagt, dass Du schreibst, Maria. Sicherlich habe ich in meinem Leben schon sehr viel erlebt. Ich würde aber kein Buch schreiben, selbst wenn ich es könnte. Auch meine Frau sprach mich deshalb schon an, ob ich meine Erlebnisse nicht für meine Kinder aufschreiben wolle. Aber was sollte mir das bringen? Es ist doch alles nur ‚vermutete Vergangenheit’.“

„Stimmt“, erwiderte Maria, „aber das, was ich schreibe, ist nicht meine Biographie. Ich habe noch nicht so viel erlebt, dass ich ein ganzen Buch über mich schreiben könnte. Ich versuche mich selbst zu finden. Mehr nicht!“

Sie war froh, dass David zur Tür reingekommen war und sie den Hörer abgeben konnte. Maria wollte Boris nicht erklären, warum und was sie eigentlich schrieb. Es waren doch nur Gedanken, das wusste sie doch selbst. Außerdem stimmte es sie ein wenig ärgerlich, dass David es wieder jemandem erzählt hatte. Eigentlich wollte sie geheim halten, dass sie sich schriftstellerisch betätigte. Die Phase der Malerei war im Augenblick vorüber und sie widmete sich halt anderen Dingen zu.

Willst Du gelobt oder getadelt werden, Maria?
Mache die Dinge, die Dir Spaß machen.
Du musst nicht anderen gefallen, sondern nur Dir.
Kein Mensch interessiert sich dafür, was Du tust.
Es ist Dein Leben!

Maria versuchte sich geistig wieder zu fangen. Nein! Sie schrieb nicht das Buch. Auch hatte sie nie gewollt, sich einfach an den Computer zu setzen, um jetzt zu schreiben. Sicher hatte sie vor Monaten schon davon gesprochen, einmal all ihre Erlebnisse mit David nieder­zu­schreiben. Auch der Titel war schon längst durchdacht. Aber nicht Maria schrieb dieses Buch, sondern ein Geist, bzw. ihr ganz persönlicher Beobachter in ihrem Kopf. Die Marionette Maria führte nur die Befehle aus.

Ich brauche doch geschickte und schnelle Finger, sagte der Beobachter, um alles niederschreiben zu lassen. Ich benutze Dich nur wie einen Kugelschreiber, aber das Denken übernehme ich. Nichts, außer Deiner Fingerfertigkeit auf der Computertastatur ist von Dir und dann ist doch wieder alles von Dir. Aber nur in dem Moment, wo Du die Dinge auch verstehst. Im Moment benötigte ich nur jemanden zum Schreiben, sagte er und verschwand wieder.

Maria dachte nach. Vor einem halben Jahr hatte sie noch brav aushilfsweise für 3 Monate in einem Krankenhaus als Schreibkraft gearbeitet. Sie kannte den Arbeitgeber von früher, da sie schon einmal für ein halbes Jahr dort beschäftigt war. Maria konnte sich noch genau daran erinnern, als der Anruf des Sekretariats kam. Helene war seinerzeit zu Besuch und Maria konnte sich vor Freude kaum halten. „Ja, sicher komme ich gerne wieder“, sagte sie. Außerdem war es ihr sehr recht, dass es kein Austausch ihrer ehemaligen Kolleginnen gab. Nur diesmal lehnte sie komplette Sekretariatsaufgaben ab. „Nein, wenn ich wiederkomme, möchte ich nur noch als Schreibkraft tätig sein“, antwortete sie.

Gott sei Dank hatte sich die Krankenhausverwaltung darauf eingelassen. „Nein, Sekretärinnen haben wir genug, wir brauchen nur jemanden aushilfsweise zum Schreiben.“, kam die Antwort. „Denken Sie über die Entscheidung noch einmal nach und rufen sie uns nächste Woche wieder an“. „Danke, danke, danke“, sagte sich Maria immer wieder.

Große Freude überkam sie und nach dem Telefongespräch ging sie sofort zu Helene, um ihr alles zu berichten. „Gut, sagte Helene, mache das, was Dir Spaß macht. Schau Dir wieder einmal eine andere Filmspur an, damit Du aus Deiner eigenen auch einmal rauskommst. Sicherlich ist es ist immer sehr lehrreich, David bei Vorträgen zu begleiten oder sich um die Gäste zu kümmern. Aber ich finde Du bist zu jung, um in dieser Spur ausharren zu müssen!“, sagte Helene.

Sie sprach genau das aus, was sich Maria schon vor Monaten gedacht hatte. Maria wollte aus ihrer eigenen Filmspur heraus, um wieder in ihrer Außenwelt etwas zu tun. „Du solltest alles beobachten, aber immer bei Dir selbst bleiben“, beendete Helene das Gespräch.

Maria hatte Wochen zuvor die Tageszeitung studiert, ob vielleicht eine ihren Fähigkeiten entsprechende Arbeitsstelle inseriert wurde. Die Stellenanzeigen waren zahlreich, doch war kein Inserat dabei, was sie ansprach. Entweder fehlten ihr Sprachkenntnisse oder Qualifi­ka­tio­nen im EDV-Bereich. Sie wollte sich schon längst weiterbilden, doch es fehlte ihr bisher an Ehrgeiz. Es war wie verhext! Immer wenn in ihr Frustrationen und Lebensängste hoch kamen, geschah nichts. Aber in den Momenten, wo sie gar nicht mehr daran gedacht hatte, wieder arbeiten zu gehen, meldete sich ihr ehemaliger Arbeitgeber.

„Was soll ich nun tun?“, fragte sie David. „Es würde mir wieder Spaß machen, auf die Arbeit zu gehen. Aber was soll es mir sagen?“

David hielt sich aus ihrer Sache komplett heraus:
„Mache das, was Du willst“, sagte er, „nicht meine Meinung ist gefragt. Den einzigen Tipp den ich Dir geben kann ist, dass Du dabei wirkliche Freude empfinden und keinen Gedanken an Geldverdienen hegen solltest. Sicher ist es vollkommen korrekt, wenn Du für Deine Arbeit entlohnt wirst, aber es sollte nicht Dein Ziel sein, wieder in die Außenwelt und Materie abzusacken!“

Maria rief am Wochenanfang sofort im Krankenhaus an. „Ja, ich komme gerne!“, hörte sie sich sagen. Gehaltsfragen blieben bei ihr strikt aus. Nein, des Geldes wegen wollte sie den Job nicht, sagte sie sich. Nachdem sie ihren Wunsch geäußert hatte, nur als Schreibkraft tätig sein zu wollen, fragte sie nur nach der Arbeitszeit und Länge des Arbeitsverhältnisses. Die Antworten der Kranken­haus­verwaltung - Halbtagskraft für drei Monate - deckten sich mit ihren Vorstellungen.

Maria freute sich schon auf ihren ersten Arbeitstag. Vorher musste sie aber noch mit ihrem Mann eine Vortragsreise antreten, da sie dort auch ihren Zahnarzt wieder traf, der den Rest seiner Behandlung abschließen wollte. Nach dieser Reise meldete sie sich sofort wieder im Krankenhaus, um mitzuteilen, dass sie zurück sei und ihren Dienst antreten könne.

Mit freudiger Erwartung setzte sie sich am Tage des Dienstbeginns ins Auto und fuhr zu ihrem neuen (alten) Arbeitsplatz. Nachdem sie mit der Verwaltung die Formalitäten erledigt hatte, ging sie weiter in ihr ehemaliges Büro. Sie trat durch die Tür und stutzte ein wenig. Sicherlich erkannte Maria ihre ehemaligen Kolleginnen wieder, aber in diesem Moment fühlte sie sich komplett verloren. Ihre ehemalige Kollegin Renate dachte, Maria habe sie nicht sofort erkannt und fragte Maria, sie wisse wohl nicht mehr, wer sie sei.
Sofort spulte Maria ihre Erinnerung ab. „Ja, Du hast Dich ein bisschen verändert, Renate“, sagte sie.
Maria hoffte, dass sie aus dieser peinlichen Lage wieder herauskommen würde.
Dann ergriff Kollegin Sabine das Wort. „Maria, Du weißt ja noch, wie man die Berichte schreibt. Du kannst Dich dort hinsetzen und schon einmal anfangen“.
Renate rettete die Situation, nachdem sie erkannt hatte, wie verloren sich Maria dort fühlte.
„Ich weiß, Maria, es ist fast 5 Jahre her, seitdem Du bei uns warst und außerdem warst Du damals auch nur aushilfsweise bei uns tätig. Ich zeige Dir alles, damit Du Dich wieder einfinden kannst.“

Durch die Hilfe ihrer Kolleginnen fand sich Maria schnell wieder zurecht. Sie überraschte ihre Mitmenschen schon immer wieder, da Maria radikal bemerkte, dass sie die vergangene Zeit komplett ausgelöscht hatte.
Ihre einzige Sorge war jedoch, dass sie all ihr Wissen über die Medizin verloren habe. Sie setzte sich das erste Mal an den Computer, schaltete das Diktiergerät ein, nahm die bespro­chene Kassette, legte sie ein und setzte den Kopfhörer auf.
Maria erschrak! Sie befand sich in einer komplett anderen Welt mit einer komplett anderen Sprache.

Maria! meldete sich ihre innere Stimme. Du kannst es!

Stell Dich nicht so an! Lass Dir nicht anmerken, dass Du schon alles vergessen hattest. Wenn Du keine Angst hast und an mich glaubst, öffne ich Dein Wissen wieder. Also vertraue mir!

Maria hatte keine andere Möglichkeit, als ihrer inneren Stimmen zu folgen. Sie wollte nicht ihr Gesicht verlieren und tippte voller Gottvertrauen die ersten Worte, die sie über den Kopfhörer vernahm, in den Computer. Es klappt doch!, dachte sie sich.
Ihre Kolleginnen waren erstaunt, dass sie sich doch schon nach so kurzer Zeit wieder in das Geschehen einfand. Maria sagte nichts von ihrem Deal mit ihrer inneren Stimme, da sie sehr wohl wusste, dass man weder missionieren noch sich über andere erheben sollte. All ihre Gedanken behielt sie für sich. Wenn sich ihre Kolleginnen über alltägliche Dinge unterhielten, versuchte sich Maria, so neutral wie es nur ging, am Gespräch zu beteiligen.

Maria befand sich in ihrer Außenwelt. So hatte sie es gewollt und nun musste sie sich auch wieder zurecht finden. Sie erlebte diese Zeit wie einen langen Tag. Täglich setzte sie sich ins Auto und fuhr zu ihrer Arbeitsstelle, wobei sie jeweils noch kurz in ihrem Auto auf dem Parkplatz eine Zigarettenpause machte. Und täglich schaute sie in den Himmel und lächelte ihrem Beobachter zu.
Maria schmunzelte selbst über den Unsinn, dass sie ihren Beobachter in den Wolken vermutete, aber sie setzte einfach den Gedanken Davids fort.
Er sagte ihr immer, dass sie hier auf Erden nur eine Marionette sei, wohingegen ihr Geist es sich in Wirklichkeit auf einer Wolke gemütlich gemacht hätte und sie ständig beobachtete. Maria gefiel dieser Gedanke. Also konnte sie auch mit ruhigem Gewissen ihrem Übergeist zuzwinkern.
Sie bemerkte aber schnell, dass sie, je näher sie dem Verwaltungstrakt kam, komplett umschaltete. Sie hatte ihre Marionette Maria aktiviert und ihren Beobachter ruhig gestellt. Sicherlich meldete er sich auch ab und zu. Aber Maria und er führten einen stillen Dialog, ohne dass sie es sich anmerken ließen.

In früheren Zeiten hatte sie auch oft unter der Hilflosigkeit von älteren und kranken Menschen gelitten, die sie in der Klinik sah. Aber jetzt hatte sie einen absolut wertfreien Abstand zu ihren Bildern, die sie sich austräumte. Sie sah keine leidenden Menschen mehr, sehr wohl noch ihre Ängste. Aber die Diagnosen der Patienten interessierte sie nicht mehr. Nicht, dass sie gefühlskalt war. Sie hatte endlich zu ihnen einen Abstand gefunden, unter dem sie nicht mehr mit litt. Sie sah die Schönheiten der Menschen und all ihr Leid, aber sie wollte sich nicht mehr darüber grämen. Sie hatte kein Mitleid mehr, sondern nur noch Mitgefühl. Die Gefühlstrennung funktionierte hervorragend bei ihr. Sie freute sich über jeden neuen Tag, den sie dort erleben konnte. Sie lernte viele nette Menschen kennen, da sie sich komplett in ihrer Einstellung veränderte.
Lächle in einen Spiegel und er lächelt zurück, ziehe eine Fratze und Du siehst eine Fratze!
Diese Worte beherzigte Maria täglich. Die Zeit verging wie im Flug und ihr letzter Arbeitstag näherte sich erschreckend schnell. Maria freute sich wieder auf diese Pause, da man ihr versichert hatte, sie sofort wieder anzurufen, wenn Arbeit anfiele. An ihrem letzten Tag verabschiedete sie sich ganz herzlich und wünschte sich insgeheim, dass es nicht nur so daher gesagt war und dass man sie hoffentlich wieder anrufen würde. Maria beobachtete sich ganz genau. Sie war gefühlsmäßig in einen Strudel geraten. Sie wusste, dass eine kleine Auszeit sie wieder zu neuen Kräften beflügeln könne und sie hatte wieder so viele Gedanken im Kopf, was sie als nächstes wieder auf ihre Leinwände produzieren konnte.
Auf der anderen Seite war sie doch sehr traurig darüber, dass sie nicht mehr arbeiten konnte. Die große Prüfung für sie war, dass sie wieder „ihre Mitte“ finden musste. Sie sollte nicht darunter leiden, dass sie wieder in ihre „alltägliche Lebensschiene“ mit David rutschte.

Maria hatte keinerlei Probleme mit David. Doch die Umstände zeigten ihr immer wieder auf, dass sie nur die Schattenfrau ihres Mannes war.

Während ihrer beruflichen Tätigkeit war nur ihr Können gefragt. Nur sie als Arbeitskraft war wichtig. Diese Sache hatte nichts mit David zu tun. Nein, sie war wichtig und sie musste sich alleine beweisen. Kein Mensch sah die Verbindung zwischen ihr und ihrem Mann.
Niemand wusste, welches Leben Maria mit David führte.
Hier war sie eine Arbeitskraft unter vielen, aber dennoch die Schreibkraft mit dem Namen Maria.
Dies war ein wundervolles Gefühl.

Die Monate vergingen, ohne dass sie von der Krankenhausverwaltung angerufen wurde. Die erste Zeit ging es Maria gut, weil sie sich zwar ständig daran erinnerte, aber sich immer wieder sagte, dass alles seinen Sinn habe.

Du sollst nichts Wollen, sagte ihre innere Stimme. Es kommt, wie es kommen soll, Du hast keinerlei Einfluss darauf. Wenn Du nichts mehr willst, bekommst Du ALLES.

Ja, es war schwer sich immer wieder daran zu halten. Maria bemerkte, dass sich schon nach kurzer Zeit eine Frustration breit machte. Sie versuchte diese zu unterdrücken, was ihr aber nicht immer gelang. Die Pufferzone war in diesen Momenten David. Der arme Kerl musste all ihre schlechten Launen aushalten. An manchen Tagen tat ihr David unendlich leid. Er konnte für diese Situation doch gar nichts, sagte sie sich immer wieder. Aber trotz allem behandelte sie ihn ungerecht. David hatte sie schon längst durchschaut und sah es Maria sofort an, wie sehr sie unter ihrem Wollen litt, aber er äußerte sich nie dazu. Es waren seit dem letzten Arbeitstag mittlerweile fast 12 Wochen vergangen und nichts tat sich.

Dies ist die Situation im Hier und Jetzt, meldete sich jetzt ihr Beobachter. Du kannst darüber verärgert sein, Du kannst Dich aber der Lage gegenüber auch völlig neutral verhalten, liebe Maria. Du musst Dich in Geduld üben. Warum meldet sich jetzt keine Außenwelt und möchte Dich wieder als Arbeitskraft haben? Hast Du Dich jemals gefragt, warum Du in einem Stillstand bist? Du hast noch unendliches Wollen in Dir. Du hast nichts begriffen. Wenn ich Dir eine Münze gebe, dann nimm sie an, ohne Dich darüber zu freuen oder verärgert zu sein, wenn ich sie wieder zurück haben möchte, gebe sie mir, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken sofort zurück. Sicher, wenn Dir die Münze nicht gefällt, wirst Du schon zusehen, dass Du sie so schnell wie möglich wieder los wirst. Aber was ist mit einer Münze, die Dir gefällt? Diese wirst Du mit Sicherheit nicht so schnell wieder hergeben wollen. Du wirst daran festhalten! Wenn Du mir die Münze freiwillig zurück gibst, bekommst Du eine viel schönere dafür. Wenn Du daran festhältst, nehme ich Dir beide weg. So einfach ist das System, kleines Mädchen. Na, was hast Du davon verstanden? Nicht viel, stimmts, sagte ihr Beobachter. Deine gute Münze war der „Job“, dann wollte ich die Münze wieder zurück haben und Du gabst mir diese auch. So, jetzt erwartest Du natürlich eine viel schönere dafür, weil Du mir die erste Münze wieder zurück gegeben hast. Aber dies ist reine Berechnung von Dir, mein liebes Kind. Du hast im Herzen gehofft, dass Du sofort wieder Deinen alten Job zurückbekommst. Ein paar Wochen warst Du schon ruhig und geduldig, aber nachdem sich nichts tat, wurdest Du wütend. Auf wen eigentlich, Maria? Sicher nicht auf Dich! Denn sonst hättest Du David nicht immer angemeckert. Also, wer war nun schuld? Du bist schuld, weil Du ein starkes Wollen in Dir hattest. Du wolltest bestimmen, wann es Dir wieder genehm ist, dass Du Deine Arbeit wieder aufnimmst. Warum eigentlich, Maria? Bist Du mit Deiner jetzigen Lage nicht zufrieden? Prima, jetzt kommen wir der Sache näher. Also nicht nur Wollen hat Dich vergiftet, nein auch ein kräftiger Schub an Egoismus. Du warst auf einmal Maria und nicht mehr die Schattenfrau. Die Rolle hättest Du ganz einfach annehmen können, wohl wissend, dass sich alles im Leben wieder verändert. Vielleicht war es auch nur gut für Dich, dass sich Dein ehemaliger Arbeitgeber nicht gemeldet hat. Es wären vielleicht Situationen eingetreten, die Dir nicht gepasst hätten. Siehst Du, alles hat zwei Seiten. Du kennst nur die eine Seite einer leidenden Maria, die andere Seite ist Dir nicht bekannt. Alles hat seinen Sinn, auch wenn Du im Moment noch zu dumm bist, dieses zu verstehen. Ich hoffe, Du kannst mir gedanklich folgen. Es hilft Dir nicht, wenn Du nur die Gedanken eintippst, die ich Dir eingebe. Du solltest daraus lernen, nicht nur etwas niederschreiben, ohne auch nur einmal den Sinn zu verstehen. Mache etwas aus Dir, Maria, los strenge Dich an!

28.02.2001 – 17.52 Uhr

Nachdem sie vorher ihre Spülmaschine ausgeräumt hatte setzte sich Maria wieder an ihren Computer.

Na, Maria, wieder da? Erklang es in ihrem Kopf. Hast Du nicht bemerkt, dass Du schon seit einigen Minuten Schmerzen im Nacken- und Schulterbereich verspürst. Na, aufgewacht, meine Liebe? Ich habe Dir doch gerade ein kleines Warnsignal an den Körper geschickt. Deine logische Stimme in Dir wird jetzt sagen: Maria, das ist Deine schlechte Haltung. Ist doch völlig klar, dass man in so einer gekrümmten Lage Rückenschmerzen bekommt. Und außerdem sagen die Mediziner dazu, dass ...

Stopp, schrie Maria. Ich will diesen ganzen Mist nicht hören. Ich befinde mich in der Zeit. Mein Problem ist in der Zeit und damit auch zur Zeit mein Problem. Es hört sich im Augenblick ziemlich verworren an, aber ich habe es verstanden, und das reicht. Die Schmerzen im Rückenbereich sind jetzt für mich erklärbar. Auf meinen Schultern liegt mein Zeitproblem, dass ich mit mir herumschleppe.

Da musst Du Dich doch nicht wundern, sagte der Beobachter. Du hast Dir doch noch nie Gedanken über die „Zeit“ gemacht. Immer willst Du eine Lösung von David oder irgend­einem Buch. Nie hast Du Dir eine eigene Meinung gebildet. Siehst Du, Du brauchst nur mich, also Dich, für Dein Leben. Dir ist doch hoffentlich aufgefallen, dass wir uns eine Seite weiter befinden? Na, haben wir beiden vielleicht jetzt die Zeit überschritten? fragte der Beobachter Maria.

Im gleichen Augenblick kam für Maria die Lösung. Sie hatte doch sehr darunter gelitten, dass man die Bilder, die sie malte, eigentlich nur deshalb haben wollte, da man sie mit David in Verbindung brachte. Wäre sie für sich allein gewesen, hätte kein Mensch Interesse daran gehabt. Nicht, dass sie ihre Kunstwerke damit abwerten wollte, denn auch diese waren ja nur durch sie gemalt worden, nein, es störte sie nur. Aber was wollte sie eigentlich? Sie wollte als eigenständige Person neben David stehen und nicht als Kombination angesehen werden. Ihre Bilder hatten nichts mit David zu tun. Im höheren Sinne schon, aber nicht auf der materiellen Ebene. Maria wollte nicht die Frau im Schatten Davids sein. Deshalb gefiel ihr auch die Arbeit im Krankenhaus so gut, weil es dort David gar nicht gab, nur sie.

Es ist ein reiner Akt von Egoismus, sagte ihr Beobachter. Du warst nicht mit dem zufrieden, was Du hattest. Weißt Du eigentlich, wie viele Menschen Dich um David beneiden? Und Du trittst Dein Leben mit Füßen. Nichts begriffen! Du musst Dich weder in einer Tätigkeit als Schreibkraft beweisen noch als Malerin. Was hast Du eigentlich dagegen, dass Du eine Schattenfrau bist? Ich gab Dir doch den Namen in voller Absicht! Hast Du eigentlich einmal darüber nachgedacht, warum ich Dich so liebevoll nenne? Auch eine Schattenfrau hat zwei Seiten. Aber diesen Sinn verstehst Du jetzt noch nicht. Nun gut, lass uns weiter machen. Du hast doch jetzt begriffen, dass Du Dich nicht in der Außenwelt beweisen musst oder kannst. Stimmts?

Ja, nickte Maria, einverstanden!

Also bleibt Dir doch nur eine Möglichkeit. Du musst Deine Innenwelt begreifen und Dich dort finden. Im Außen kannst Du Dich noch so abstrampeln, es nützt Dir nichts. Aber Du könntest Dich mit Deiner Außenwelt auch arrangieren. Was hältst Du davon, wenn Du im Außen die Schattenfrau Davids bleibst, aber Dich im Innern von allen Dingen löst. Keine Angst, David sollte schon in Deinem Herzen bleiben, aber Du solltest ihn nicht mehr als Besitz ansehen. Du musst ohne Davids Hilfe Deinen Mann (Geist) stehen. Dein Ehemann kann Dir mit Sicherheit dabei helfen, aber, liebe Maria, gehen musst Du alleine. Hast Du denn in letzter Zeit viel an David gedacht? Ich glaube nicht! Du hast mir (Dir) zugehört. Kein David weit und breit und trotzdem Weisheiten, die Dich doch erschaudern ließen.

28.02.2001 – 18.30 Uhr

Schlaftrunken schaltete sich ein spontaner Gedanke in Marias Kopf ein. Oh Gott, uns läuft die Zeit davon. Ab morgen habe ich für eine bestimmte Zeit keine Möglichkeit mehr, weiter zu schreiben.

Blödsinn, meldete sich ihr Beobachter. Diesen Gedanken lasse ich Dir noch einmal durchgehen. Du solltest wachsamer werden, ermahnte er sie trotz allem.

Marias Erinnerungen spielten ihr jetzt einen Streich. Leise spielte sich ihre moralische Stimme wieder ins Geschehen. Na, Maria, sagte die Moral, da haben wir aber noch ein kleines Problem. Du möchtest doch sicher darüber reden? Nein, antwortete Maria energisch, dies bleibt ein Geheimnis. Ich muss mich nicht entblößen. Du und ich wissen doch beide, dass es noch nicht an der Zeit ist, darüber zu reden.

Der Beobachter schaltete sich dazu. Nein, Maria, Du kannst auch etwas für Dich behalten. Höre nicht auf die Moral, sondern bleibe immer bei Dir. Du hast in den letzten Tagen schon viel gelernt. Wir wollen diese ganze Sache auch nicht übertreiben. Du weißt, Du hast noch ein Problem, aber dies werden wir irgendwann einmal gemeinsam lösen.

David fragte Maria, ob er ihr Dokument ausdrucken lassen sollte, um es morgen Helene zu zeigen. Marias Antwort kam spontan. „Nein, David, ich glaube, es ist besser, wenn sie es nicht liest“, sagte sie betroffen.

Maria dachte jetzt über ihre Antwort nach. Wer sagte eigentlich nein? Ihr Beobachter, ihre Logik oder ihre Moral? Na, nun meldet Euch doch endlich, rief Maria ihnen lautlos zu. Wer ist denn von Euch so feige?

Wer hat Angst, dass Du gelobt oder getadelt wirst!, meldete sich der Beobachter. Aus welcher Motivation heraus hast Du so gehandelt, Maria? Hast Du Angst, dass Helene Dich danach ablehnt? Oder besteht die Angst darin, dass Du Dich offenbarst? Du musst doch vor Helenes Reaktion keine Angst haben? Es sollte Dir doch völlig egal sein, was andere von Dir denken. Sie wird Dir Impulse geben, mehr nicht. Und wenn es ihr gefällt, dann kannst Du Dich auch darüber freuen, ohne überheblich zu werden, sagte ihr Beobachter. Lass David für Dich entscheiden! Denn Du und David seid eine Einheit. Außerdem kam nicht Dir der Gedanke, es Helene mitzubringen, sondern David. Aber Du bist auch David und Helene, redete er weiter. Also hast Du Angst vor Dir selbst? Du träumst doch die Welt, aber nicht Deine Mitspieler in dem Lebenstraum. Du kennst nicht das Drehbuch und an manchen Tagen darfst Du Dich als Regieassistent fühlen. Selber Regie führen kannst Du noch nicht. Du wärst nicht mehr Herr der Lage, ein wahres Chaos würde ausbrechen. Also muss man Dich noch an die Hand nehmen.

Maria, kannst Du Dich daran erinnern, als Du Deine hellseherischen Fähigkeiten wieder erlangt hast? fragte ihr Beobachter. Denke einmal darüber nach, wie schwer es für Dich war, mit dieser Fähigkeit auch umzugehen. Du hattest in Deiner Jugend Probleme damit. Also nahm ich sie Dir wieder. Vor einiger Zeit dachte ich, dass es nun wieder möglich sei, Dich in kleinen Schritten diesen Fähigkeiten wieder anzunähern. Die erste kleine Prüfung hast Du seinerzeit gut gemeistert. Aber dann kam der Punkt, als Du es David erzähltest. Was hat er Dir immer wieder gesagt?

„Maria, Du weißt, dass Du die Hellsichtigkeit von Deiner Mutter geerbt hast, wenn ich es Dir raum­zeit­lich nur so erklären kann. Aber Du musst versuchen, damit auch umgehen zu können. Du hast so viele Dinge vorhergesagt, die auch eintrafen. Aber Du hast dabei die Regie übernommen und so mussten Deine Mitspieler diese Rolle auch ausführen. Du siehst nur in jeweils eine Lebensspur von unendlich vielen Möglichkeiten. Damit versperrst Du Deinen ‚Mitspielern’ die Möglichkeit, auch andere Rollen zu übernehmen. Das, was Du säest, wirst Du auch ernten. Denke einmal darüber nach“, sagte David, „außerdem kann Deine Hellsichtigkeit auch zu einem Ego-Trip werden. Sei auf der Hut!“

Maria fühlte sich von David missverstanden. Nein, sie wollte niemandem einen Stempel aufdrücken. Sie wollte ihren Mitspielern die Möglichkeit überlassen, auch in andere Spuren zu springen. Aber sie hatte einfach keine Chance, wenn sich die Stimme in ihrem Kopf meldete und sie einfach alles herausplapperte. Sie war nicht mehr Herr über die Dinge, wenn sie ES aussprach, was in ihrem Kopf vor sich ging. Es war für Maria an manchen Tagen sehr schwer, ihren Stolz auf diese Gabe zu unterdrücken, besonders, weil David es oft bei den verschiedensten Leuten erwähnte. Sicherlich betonte er auch immer wieder, dass er seine Frau auch über die Schattenseiten aufgeklärt habe, aber Maria fühlte sich trotz allem nicht gut dabei. Sie hatte das Gefühl, dass jeder Mensch nachvollziehen konnte, was David sagte, nur sie nicht. Maria versuchte ihrem Mann immer wieder zu erklären, dass sie überhaupt keinen Einfluss darauf hätte, wenn sie solche Dinge aussprach. Aber erkannte sie schon, dass sich ein Gefühl von Über­heb­lich­keit einschlich?

Maria hatte das Gefühl, dass sie einen riesengroßen Prüfungsbogen auferlegt bekam. Die Frage der Hellsichtigkeit hatte sich damit schon erledigt. Sie konnte heute ein Kreuz auf ihren Bogen machen. Ja, sie hatte es verstanden! Achtung, Hellsichtigkeit hat zwei Seiten! Am besten ist es, wenn man den Mund hält und sich nicht damit wichtig macht. War es wirklich Hellsichtigkeit oder nur gut kombinierte Menschenkenntnis?, fragte sie sich. Egal, lass das Problem einfach wieder los.

„Du musst nicht Probleme lösen, sondern Dich vom Problem lösen!“, sagte David immer wieder.

Ja, lieber Beobachter, auch diesen Satz hast Du mir jetzt eingegeben. Ich weiß, ich kann meinem Mann gar nicht nachplappern, da ich die meisten Weisheiten von ihm und seinem System gar nicht verstanden habe.

Du musst nur Dich verstehen, meldete sich der Beobachter. Ich bin doch Dein Prüfungs­lehrer. Du kannst alle belügen, Dich selbst belügen, aber mich nicht, meine Liebe. Ich frage Dich ab, ob Du es wirklich begriffen hast. Ich merke doch sofort, was an Dir vorbei rauscht und was Du wirklich nachvollziehen kannst. Du kannst mich nicht hinters Licht führen, Maria. Versuche es erst gar nicht!

Mit hochrotem Kopf versuchte sich Maria wieder zu sammeln. Nein, sie würde niemals ihren Beobachter anlügen, sagte sie immer wieder vor sich hin.

28.02.2001 – 19.15 Uhr

Dies ist heute Dein letztes Kapitel, dachte sich Maria. Eigentlich schade, dass sie aufhören musste zu schreiben. Hatte sie doch noch so viele Dinge im Kopf, die unbedingt noch aufgeschrieben werden mussten.

Dummkopf, sagte ihr Beobachter.

Maria verstand, dass sie sich nicht an Gedanken klammern konnte. Sie schaute auf den Bild­schirm und entdeckte, dass sie innerhalb kürzester Zeit schon so viel aufgeschrieben hatte.

Der Beobachter lässt Dich nicht im Stich, kam in ihr eine Stimme hoch. Keine Angst, ich bin noch lange nicht mit Dir fertig – und es folgte ein Lachen in ihrem Kopf.

Unwillkürlich musste auch Maria lächeln. Ja, hatte sie da nicht in einer vermuteten Vergangenheit einen Mitspieler namens Rudolf?

Sie blieb an einer Stelle in ihrem Lebenstraum stehen. Ja, Rudolf! Auch er hatte massive Probleme damit, Gedanken festzuhalten. Alles Gesagte musste mit einem Diktiergerät fest­gehalten werden. Jeder Gedanke, jede Vision musste er aufschreiben, diktieren oder Notizen davon machen. Er befand sich nie im Hier und Jetzt. Rudolf hatte bereits keine Möglichkeit mehr aus seinem Gedankengespinst heraus zu kommen. Es wurde schon zu einer Sucht von ihm. Er schrieb jede Vision auf. Da er Akademiker war und nicht als Spinner dargestellt werden wollte, verfasste er seine Schriftstücke unter einem Pseudonym. Maria dachte sich öfter, dass es schon merkwürdig war, dass Rudolf zwar immer wieder betonte, er müsse Beruf und Privatleben trennen, er wolle doch nicht als verrückt gelten. Aber ihr fiel auch auf, dass er immer wieder bei ihr und auch bei anderen Leuten betonte, er habe Visionen. Rudolf schrieb sehr amüsante Geschichten, die er erlebt hatte. Aber alle Gedanken, die in ihn einströmten, schrieb er auch auf, so dass es sehr beschwerlich war, ihm zu folgen. Er führte alle Daten an, selbst die, die schon 10 Jahre und mehr zurück lagen. Es war für ihn sehr schön festzustellen, dass ihn seine Gedanken immer wieder einholten. Aber dies war eigentlich nur ein Beweis dafür, dass er sich schon „früher“ alles gedacht hatte, was sich jetzt bestätigte. Rudolf und seine Familie hatten Deck­namen, die Mitmenschen um ihn herum beschrieb er in seinen Schriftstücken jedoch mit den richtigen Namen.

Leben und leben lassen, dachte sich Maria. Auch sie schrieb unter Pseudonym. Aber alle Mitspieler in ihrem Lebenstraum benannte sie auch um. Dies war kein Akt der Angst, dass sich jemand darüber hätte aufregen können, nein, ihre Motivation war eine ganz andere. Sie taufte all ihre Traumgestalten um, da es so unwichtig war, welchen Namen sie trugen. Man hätte ihnen auch Namen von Märchengestalten geben können, da ihr Leben ja auch nur ein einziges Märchen war.

Vollkommen unerheblich, wie Deine Darsteller heißen, meldete sich ihr Beobachter. Du schreibst doch nur für Dich und aus einer vermuteten Vergangenheit. Die Personen um Dich herum sind allesamt Engel, die Dir helfen, Dich selbst zu finden. Du hättest sie auch Uriel, Raphael, Loki usw. nennen können. Aber jede Umbenennung Deiner Darsteller hat seinen Sinn. Du wirst ihn dann erkennen, wenn Du soweit bist. Mache Dir darüber keine Sorgen. Du sollst kein Problem lösen, sondern Dich von dem Problem. Abgemacht? fragte ihr Beobachter.

Maria nickte stillschweigend.




13.03.2001 – 16.15 Uhr

Der Urlaub war vorbei und heute waren David und Maria wieder zuhause. David erledigte die Post und hörte den Anrufbeantworter ab – 27 Mitteilungen, von denen nur zwei Anrufer auf das Band gesprochen hatten. Alle anderen hatten schon vorher aufgelegt. Maria hatte in der Zeit schon ihre Koffer ausgepackt und die Wäsche für die Waschmaschine vorsortiert. In Windeseile hatte sie alles erledigt und setzte sich an den Computer.

Ja, liebe Maria, meldete sich ihr Beobachter. Du hast soviel im Kopf und doch herrscht in Deiner Gefühlswelt Leere. Kannst Du Dich noch an alle Dinge erinnern, die Du Deinem Glauben nach erlebt hast?, fragte sie der Beobachter.

Maria stutzte! Wo sollte sie denn beginnen? Sie fand keinen richtigen Anfang.

Also schreibe uns die wichtigsten Dinge auf, sagte er. Achtung, aufgepasst! Du und ich wissen beide, dass Du Dich nicht immer wertfrei geäußert hast. Auch Deine Gedanken spielten Dir oft einen Streich. Erinnerst Du Dich Maria?, fragte er.

Ja, wo sollte sie bloß anfangen?, fragte sie sich. Du darfst kein „Wollen“ in Dir haben, Du sollest die Dinge so aufschreiben, wie Du sie erlebt hast. Kein Nachplappern, keine Anmaß­ungen, keine Anpassungen!!, sagte sie sich immer wieder.

Okay! Auf in den Kampf!, lachte ihr Beobachter.

Maria las ihre letzten Zeilen. Sie bemerkte, dass sie sich jetzt einem anderen Thema zuwenden wollte. Ihr war es jetzt nicht danach, irgendetwas aufzuschreiben, was sie zur Zeit nicht interessierte.

Also erinnerte sie sich, wie sie und David am 1.3.2000 zu Helene fuhren. Anschließend ging der Urlaub Richtung Süden weiter. Nachdem die Urlaubswoche beendet war, blieben die beiden noch für ein paar Tage bei Helene, weil Maria einen Kurzausflug zu ihrem Zahnarzt machen musste. Einen Tag danach war die Abreise der beiden. Maria kam es vor, als wenn sie nur einen langen Tag hinter sich gebracht hätte, anstatt vermutete 13 Tage. Dieser eine Tag war so lange und auch sehr schön, dass sie ihn in ein großes Päckchen zusammen packte. Dieser Gedanke gefiel Maria. Ein Päckchen mit einer Schleife verziert und zum Öffnen bereit, wenn der Tag der Übergabe kam. Und dieser Tag war heute. Das Geschenk war ein zer­brochener Spiegel. Diese vielen Scherben, in denen sie sich spiegeln konnte und in denen sie sich auch immer nur selbst sah.

Also Maria, sagte ihr Beobachter, erzähle nun von all diesen Scherben, die Du Menschen nennst, in denen Du Dich immer wieder selber siehst.

Nun gut, sagte sich Maria, ich beschreibe meine Spiegelsplitter.
Die Abende waren immer sehr schön und lehrreich. Alles, was Maria beobachten konnte, konnte sie nachvollziehen. Einige Gespräche drehten sich um versteckte Unzufriedenheit, innere Leere, Angst vor dem Alter und Leben, Angst, nicht mehr begehrenswert zu sein, Unruhe in sich, Verlustangst, Sturheit, Missverständnisse.
Marias Beobachter war hochaktiv. Tausende Gedanken schossen ihr durch den Kopf. Ja, alles was ihre Gegenüber sagten, konnte sie verstehen. All die Ängste trug sie auch noch in sich oder sie hatte sie zeitweise verdrängt. Maria beobachtete, wie David mit den jeweiligen Leuten sprach. Alles was er sagte, galt auch ihr, seiner Frau. Er sprach in einer ganz direkten Art mit den Bekannten und zeigte ihnen ihr Problem auf. Maria versuchte beide Seiten zu verstehen. Sie erlebte auch tiefe Gespräche, geistige Anregungen, Gelächter, Fröhlichkeit und Freundlichkeit. Alle Dinge waren vertreten. Sehr abwechslungsreich und doch so hoch­inter­essant. Maria beobachtete all diese Erlebnisse. Sie erkannte, wo sich ihre Gegenüber verfan­gen hatten, versuchte aber immer wieder, sich selbst zu beobachten.

Marias Beobachter schaltete sich ein. Na, hast Du Dich auch wirklich in den Menschen wiedererkannt? Kannst Du Dich auch daran erinnern, dass Du manchmal eingeschlafen bist, wenn Dir die Menschen schonungslos die Wahrheit gesagt haben? Warst Du nicht auch in Deinem „vermuteten Leben“ öfter beleidigt?

Ja! sagte Maria.

Siehst Du, wenn Du in einen Spiegel hinein lächelst, lächelt er zurück. Ziehst Du eine Fratze, erscheint Dir auch eine Fratze. Verstanden, Maria?, fragte der Beobachter.
Was ist eigentlich das Problem?
Es ist doch nur ein Frust, der sich ausbreitet, wenn Du nicht mit den Sachen, die Dich umgeben, einverstanden bist. Auch Du hast diese Leere in Dir, die sich in Deinen Menschen wiederspiegelt. Innere Leere kannst Du aber auch umkehren! Nicht jammern, sondern auch einmal versuchen, diese Leere in Kreativität umzuwandeln.

Du musst Dich nichtrechtfertigen! Du musst dazu stehen, was Du tust. Es sollte Dir vollkommen egal sein, wie andere Menschen von Dir denken. Du solltest Dich weder ge­schmeichelt fühlen, wenn Dich jemand lobt, noch beleidigt sein, wenn Dich jemand tadelt. Was sollte es Dir sagen?, liebe Maria. Alle Facetten hast Du erlebt. Du musst Dich nicht verteidigen! Versuche die Menschen zu verstehen. Jeder ausgeträumte Mensch von Dir hat ein eigenes Programm, ein Unterprogramm, von einem riesengroßen Komplex, der sich Maria nennt. Fühlst Du Dich dabei wohler, wenn Du in einem schönen Programm mitspielen möchtest und das schlechte Dir nicht gefällt? Du musst Dich mit allen Programmen arrangieren, ohne Dich dabei zu verlieren. Es ist doch immer das gleiche Problem. Die Menschen wollen geliebt werden, verbiegen sich in ihrer Individualität, um nicht unangenehm aufzufallen. Es sollte Dir vollkommen egal sein, was diese Gegenüber von Dir denken. Du musst kein schlechtes Gewissen haben, einen Fehler gemacht zu haben. Kannst Du Dich an die Gespräche erinnern, wo Du an manchen Tagen völlig verunsichert warst, weil Du dachtest, Du hättest Dich falsch verhalten? Kannst Du Dich erinnern, dass Du nicht bei Deiner eigenen Meinung geblieben bist oder Dir gar auch auf die Lippen gebissen hast, um ja nichts falsches zu sagen? Du hast doch beobachten können, wie die Menschen David umgarnen. Alle Menschen tragen eine Maske. Aber es sollte Dir doch völlig egal sein, es ist doch nicht Deine Maske. Du musst doch nicht in deren Welt leben, Maria. Du hast in Deiner Welt noch so viel zu tun!

13.03.2001 – 19.30 Uhr

Maria setzte sich wieder an den Computer. Sie hatte vor einer Stunde mit ihrer Schwester telefoniert. Dorina und sie unterhielten sich über eine gemeinsame Bekannte von ihnen. Diese Bekannte hieß Mechthild. Mechthild war eine junge Frau und alleinstehend. Dorina und Maria kannten sie eigentlich als eine liebenswerte und gütige Frau. Irgendwann setzt jedoch jeder Mensch seine Maske ab. Ihre Schwester berichtete, dass Mechthilds Freundin Carmen eine herbe Enttäuschung mitgemacht hatte.

Carmen war eine glücklich verheiratete Frau. Zur Zeit hatte sie jedoch mit einer kleinen Unzufriedenheit zu kämpfen, weil sie für sich noch nicht die richtige Aufgabe gefunden hatte. Carmen unternahm viele Versuche, neben ihrem Mann bestehen zu können. Da ihre Kinder schon aus dem Haus waren, empfand sie es als sehr schwer, eine sinnvolle Tätigkeit zu finden. Sie brauchte nicht mehr berufstätig zu sein, da ihr Ehemann Jens finanziell unabhängig war und sie langweilte sich an manchen Tagen. Sicherlich hätte sie auch wieder in ihren Beruf zurückkehren können. Aber in ihrem Alter war es nicht einfach, noch einmal von vorne zu beginnen. Carmen freute sich immer darüber, dass sich ihr Mann und Mechthild sehr gut verstanden. Niemals sprühte auch nur ein Funke Eifersucht über, da sie sich ihres Mannes sehr sicher war und er ihr zwar bestätigte, dass die gemeinsame Freundin eine sehr liebenswerte Frau war, aber absolut nicht sein Typ sei.

Eines Tages erwähnte Jens im Beisein von Mechthild, dass sich seine Frau in einer kleinen Krise befand. Da sich die gemeinsame Freundin immer als eine sehr neutrale Frau verhielt, plauderte das Ehepaar über seine Problematik. Jens lobte immer wieder seine Ehefrau, erwähnte aber auch öfter, dass sie in manchen Dingen sehr unselbständig war. Er war aber erfreut, dass sie für sich eine Aufgabe fand, die sie befriedigte und war mächtig stolz auf sie. Mechthild freute sich mit den beiden. Doch eines Tages änderte sie sich schlagartig. Carmen wunderte sich über Mechthild, dass sie zwar sehr freundlich zu Jens war, aber sobald er bei den gemeinsamen Besuchen nicht dabei war, sie ständig verunsicherte und Kritik ausübte. Carmen hörte sich all die Dinge an, stimmte Mechthild auch manchmal zu, wunderte sich aber, dass sie sich immer mehr in ihr Eheleben einmischte. Sie riet ihr, sich nicht immer zu sehr an ihren Mann zu hängen, da sie schon längst bemerkte, dass Jens sich sichtlich unwohl fühlte. Er hätte es zwar nie zugegeben, betonte Mechthild, aber anhand seiner Reaktionen bemerke man, dass er es nur des lieben Friedens Willen über sich ergeben ließe. Jens wäre zu gutmütig und würde ihr als Ehefrau nie ehrlich sagen, dass es ihm zuviel sei, betonte Mechthild. Also müsse sie ihr halt einmal sagen, dass sie sich zurückhalten und ihn nicht so bedrängen sollte. Carmen war überrascht. Sie hatte nie das Gefühl, dass sich ihr Ehemann in ihrer Anwesenheit unwohl fühlte. Im Gegenteil, er suchte immer wieder ihre Nähe und war sehr aufmerksam zu ihr, ohne sich zu verstellen. Außerdem redeten die beiden Frauen über die neue Aufgabe, die sich Carmen ausgesucht hatte. Mechthild riet ihr, das Hobby zu unterlassen, da sie ja nur versuchen würde, sich damit in den Vordergrund zu stellen.

Dorina redete und redete. Maria hörte ihr gespannt zu. Sie kannte Carmen und Mechthild nicht sehr gut, aber sie konnte auch einige Dinge nachvollziehen.
„Du, Dorina“, fragte Maria ihre Schwester, „weißt Du was mich wundert? Du kennst doch einige Bekannte von Mechthild. In ihrem Freundeskreiskreis waren doch auch sehr viele Ehepaare. Kannst Du Dich daran erinnern?“

„Sicher“, sagte Dorina, „aber die meisten Bekannten von Mechthild sind entweder getrennt lebend, oder befinden sich zur Zeit in einer Krise“. Dorina erwähnte, dass Mechthild sich sowohl mit den Männern als auch mit den Frauen verstanden hatte. Aber irgendwann wurden Mechthilds Freundinnen unzufrieden und sie nörgelten ständig an ihren Ehemännern herum. Es war schon fast unheimlich, da sich Mechthild im Beisein der Ehepaare immer sehr neutral verhielt. Man hatte schon fast das Gefühl, dass sie sich auf die Seite der Männer schlug, obwohl sie sich aber immer wieder mit deren Ehefrauen verabredet hatte. Es lag eine dicke, dunkle Wolke über den Beziehungen und keiner wusste genau, warum. Von heute auf morgen kamen aufgestaute Gefühle ans Tageslicht und es war schon fast eine Frust-Epidemie.
Mechthild schaute sich die zerstörten Beziehungen nur an.
Dorina erwähnte, dass sie Carmen vor ca. zwei Monaten in der Stadt getroffen hatte. Carmen war schon fast dazu geneigt, ihrer Freundin Mechthild zu vertrauen und ihre Ratschläge zu befolgen, bis sie sich mit einigen Bekannten unterhielt und ihr alle Frauen bestätigten, dass Mechthild ihnen Tipps gab, sich mehr von den Ehemännern zu distanzieren und ihren eigenen Weg zu gehen. Nur eine Frau spielte bei Mechthild nicht mit. Und zwar Carmen!

Carmen hatte das Spiel ihrer Freundin durchschaut, ohne darüber lange verärgert zu sein. Sie sah eigentlich in ihrer Freundin nur eine hilflose Frau, die mit ihrer gespielten Geselligkeit und ihrem Freiheitsdrang nur einsam war und bewusst versuchte, Partnerschaften zu zerstören.
Carmen ging ihren eigenen Weg. Sie und ihr Mann waren zwar weiterhin mit Mechthild befreundet, doch sie distanzierten sich innerlich immer mehr von ihrer Freundin. Carmen war ihr wirklich nicht böse, da sie das Problem von Mechthild durchschaut hatte und schon fast Mitleid für diese Frau empfand.

Carmen war durch ihre Erfahrungen selbstbewusst geworden. Ihre Freundin Mechthild hatte ihr unbewusst die Augen geöffnet. Endlich konnte sie sich frei entscheiden und trug dafür auch die Verantwortung. Carmen bemerkte, dass sie die Freiheit ihrer Freundin schon bewunderte. Dadurch erkannte sie aber auch, dass sie ein ganz anderer Typ war und dass nicht alle Menschen gleich waren. Das, was für Mechthild gut war, war noch lange nicht gut für sie.

Carmen und ihr Mann Jens führen weiterhin eine wundervolle Ehe. Und wenn sich wieder eine kleine Krise einschleicht, dann denkt Carmen an ihre frühere Problematik und freut sich, nicht auf die Ratschläge ihrer Freundin gehört zu haben.

Dorina erinnerte sich jetzt an die Geschichte von Jens und Carmen, da sich im Bekanntenkreis von Mechthild wieder ein Paar getrennt habe. Da Dorina ein sehr gutes Erinnerungsvermögen hat, konnte sie sofort kombinieren, wer wohl hinter dieser Trennung stecken konnte.

Maria hörte sich die neue Geschichte in Kurzfassung an. Auch dort handelte es sich um die gleiche Problematik. Mechthild konnte es einfach nicht lassen, sich einzumischen. „Arme Frau“, sagte Maria zu Dorina. „Überlege Dir einmal, wie viel Energie Mechthild in ihren Plan stecken muss, um ihr Ziel zu erreichen. Was hat sie eigentlich davon? Nichts! Und welches Problem hat Mechthild?“

Achtung, sagte Marias Beobachter. Du kannst diese Frau nicht verurteilen! Sie sucht nur auf einer anderen Ebene die Liebe, die sie nie erfuhr. Deshalb muss sie Freundschaften oder Ehen zerstören, um sich besser zu fühlen. Es sollte Dir jedoch völlig egal sein, ob diese Frau leidet oder nicht. Auch Carmen ist nicht unschuldig an dieser Geschichte. Fast wäre sie darauf hereingefallen, nur weil sie keine eigene Meinung hatte. Und außerdem, liebe Maria, hast Du all diese Erlebnisse gesehen? Du vermutest sie doch nur! Ergreife keine Partei für irgendeine Person! Jeder hat sein Päckchen zu tragen. Richte nicht, sonst wirst Du gerichtet, erinnerst Du Dich? sagte der Beobachter. Jeder sucht nach Liebe und jeder drückt diesen Wunsch anders aus. Du weißt doch, wenn Menschen der leidenschaftlichen Liebe verfallen sind, dann sind sie nicht mehr zurechnungsfähig. Du kannst Dich doch selber daran erinnern, wie es Dir seinerzeit erging. Du musst verzeihen! Und zwar nur Dir selbst!

13.03.2001 – 22.00 Uhr

Maria beschloss, den heutigen Tag noch einmal Revue passieren zu lassen. Was sollten ihr all die Eindrücke sagen? Sicher nicht, ihre Menschen zu verurteilen.

Du musst sehr wohl aufpassen, liebe Maria, sagte ihr Beobachter. Du sollst jeden Menschen lieben, aber ihm nicht hinterher laufen. Alles ist für Dich interessant. Ich versuche Dich durch solche Geschichten nur daran zu erinnern, was mit Dir geschieht, wenn Du keine eigene Meinung hast. Nicht stur auf einem Gleis stehen bleiben, sehr wohl aber immer beobachten, was Deine Intuitionen sagen. Du musst es keinem recht machen, außer Dir. Versuche Dich und David glücklich zu machen, alles andere muss Dir völlig egal sein. Willst Du wirklich so frustriert sein wie Dein momentaner Spiegel? Dies sind doch Deine Ausgeburten! Behalte Deinen Pfad zum Glücklichsein und kümmere Dich nicht um andere. Wenn Du Dich zufrieden stellst, wirst Du auch andere Bilder sehen. Und mache Dir keine Gedanken darüber, ob Du David nachplapperst oder nicht. Wenn Du die Worte verstanden hast, plapperst Du nicht nach. Du solltest viel mehr auf Deine eigene Stimme hören, was sie Dir mitteilt. Eigene Meinung! Das, was für andere gut erscheint, heißt noch lange nicht, dass es für Dich richtig ist. Jeder Mensch hat seine Prüfungen. Aber sie unterscheiden sich auch nach Reifegrad. Das Hauptproblem bei allen Leuten ist das Bedürfnis nach Liebe und Harmonie. Du musst Dich in keinerlei Weise verbiegen. Wenn Du Dich gut fühlst, dann lebe so, wie es Dir gefällt, aber nicht auf Kosten anderer. Lebst Du auf Kosten anderer, wenn Du deren Ratschläge nicht befolgst? Ein klares Nein! Du musst eigene Meinung haben.

Liebe Maria, jetzt mache ich mit Dir ein Gedankenspiel. Überlege einmal, was ich tue, wenn ich ein „Rad schlage“? Du hängst einmal mit den Händen in der Luft und einmal mit den Beinen. Dann dreht Du Dich blitzschnell einmal herum. So, jetzt denke darüber nach.

Maria grübelte kurz und antwortete ihrem Beobachter. „Ich glaube“, sagte sie, „wenn ich keinen Boden unter den Füßen habe und keinen Halt mit den Händen finde und mich dann auch noch einmal im Kreis herum drehe, bin ich eigentlich bei einem „Ratschlag – Radschlag“ genauso schlau wie vorher. Du kannst Dich nirgendwo festhalten und wirst durchgeschleudert“, beendete Maria ihr Gedankenspiel. „Und was ist dann?“, fragte sie sich. „Dann bin ich nur verwirrt. Aber mein Gleichgewicht muss ich selber wieder ausloten“.

Also, sagte der Beobachter, helfen Dir diese gut gemeinten Ratschläge?

Nein, sagte Maria, ich muss alles selber erfahren und versuchen, meine „Mitte“ zu finden, also auch mein Gleichgewicht zu halten.
Super, danke lieber Beobachter, sagte Maria. Wieder etwas gelernt!

Maria überflog die letzten Zeilen. Sie hatte in letzter Zeit soviel gelernt und doch hatte sie viele Dinge einfach vergessen. Sie war sich in manchen Momenten bewusst, dass sie viel Quatsch erzählte, aber sie hörte nicht auf die warnende Stimme ihrer Intuition.

Du hättest Dir viele Erfahrungen ersparen können, sagte ihr Beobachter, wenn Du Dir selbst mehr vertraut hättest. Aber anscheinend warst Du noch nicht soweit. Ich habe mit Dir eine unendliche Geduld, was aber nicht heißen soll, dass Du weiterschlafen solltest. Meine Prüfung werden für Dich immer härter, wenn Du Dich nicht bemühst. Irgendwann einmal muss Du auch alleine laufen können. Ich kann Dich nicht immer aus Deinem Schlamassel ziehen! Deine Fehler werden Dir immer wieder eingespielt, bis Du es begriffen hast, beendete ihr Beobachter das Gespräch.


14.03.2001 – 11.30 Uhr

Maria setzte sich wieder an den Computer. David telefonierte schon wieder. Seit sie gestern wieder zu Hause waren, klingelte unaufhörlich das Telefon.

14.03.2001 – 11.35 Uhr

Maria wollte mit ihrem Mann (nachdem er den Telefonhörer aufgelegt hatte) eine Zigaretten­pause machen. Gerade als sie in Richtung Küche gingen, klingelte wieder das Telefon. Eine ehemalige Freundin von Margot meldete sich wieder. Barbara rief nicht regelmäßig an, nur wenn sie wirklich nicht mehr weiter wusste. Aber ihr Problem schleppte sie mittlerweile schon zwei Jahre mit sich herum.

Was sollte es Maria sagen? War sie etwa in einer Zeitschleife verfangen? Hatte sich in all den angeblichen Jahren überhaupt nichts geändert? Wurde Maria in einem Tag festgehalten? Wer kann all die Menschen erlösen? Sie, diese kleine Gestalt, die sich Maria nannte, hatte doch gar nicht die Macht dazu, all ihren Mitmenschen zu helfen.
Ich kann doch nicht die Welt verändern, sagte sie sich.

Doch!, kam die mahnende Stimme ihres Beobachters. Du kannst Deine Welt umgestalten, aber willst Du es wirklich? Bist Du mit den Bildern, die Du siehst, nicht einverstanden? Schau doch einmal, wenn Du zum Beispiel die Situation von Barbara und all den Menschen um Dich herum ändern würdest, wäre es sinnvoll? Meinst Du nicht, dass Du zum Beispiel einer Person namens Barbara, die Erfahrungen wegnehmen würdest, wenn Du sie glücklich sehen würdest. Wenn alle Menschen, die zur Zeit Liebeskummer haben, ihre jeweiligen Partner genauso verändern könnten, wie sie es wollen, was machen sie dann? Sicher, im Moment geht es ihnen sicher sehr gut. Aber was ist, wenn die Partnerschaftsprobleme aus dem Weg geräumt werden? Glaube mir, jeder Mensch findet dann sofort ein anderes Problem. Wenn es nicht um Liebeskummer geht, dann fallen Deinen Menschen Arbeits­platz­probleme, Geldprobleme, Krankheiten usw. ein. Du wirst sehr wenige Menschen in Deiner Welt finden, die wirklich von sich behaupten können, dass sie mit sich und ihrer Umwelt zufrieden sind. Was hilft es Dir dann, wenn Du ein Problem Deiner Menschheit beseitigen könntest und ihnen fallen sofort wieder andere Dinge ein, mit denen sie sich rumschlagen? Hast Du Dir darüber einmal Gedanken gemacht? Du wärst ein Müllmann, der immer wieder die vollen Eimer der Menschen entleeren müsste. Was hilft es Dir, wenn Du immer wieder die Probleme wegräumen würdest? Du hättest unendlich viel zu tun, um die Frustration Deiner Mitmenschen wegzuräumen. Willst Du das wirklich?

Maria dachte über die Dinge nach. Ich möchte nicht darüber entscheiden, welche Probleme beseitigt werden oder nicht. Du hast recht, lieber Beobachter, ich habe nicht genau darüber nachgedacht. Ich würde die Welt verändern wollen und in die Schöpfung eingreifen. Ich könnte niemanden helfen, da ich selbst Hilfe brauche. Aber ich muss mich erlösen und kein Mensch kann mir dabei helfen. Wenn ich zum Beispiel Partnerschaftsprobleme habe, kann mir doch ein „Dritter“ nicht helfen!

Maria erinnerte sich an ein Wortspiel, das ihr jetzt im Kopf herum ging.
„Impulse“, sagte sie sich. Was ist ein Impuls? Ein Pulsschlag ist ein regelmäßiger oder manchmal auch unruhiger Takt. Wenn ich einen Impuls bekomme, dann ist es doch nur so, dass ich entweder mit dem Tipp auf Resonanz bin, wenn es mir gefällt, oder ich werde bei diesem Impuls unruhig, wenn ich nicht damit einverstanden bin. Was nützen mir dann die ganzen Tipps oder Impulse? Nichts! Es wäre doch langweilig und ohne Bewegung, wenn ich immer in Einklang bin. Ich muss meine Mitte finden und auch in der Mitte bleiben. Wenn ich in mir unruhig bin, sagte sich Maria, schaltet sich mein Beobachter doch viel öfter ein, als wenn ich ruhig und zufrieden bin. Sicher, mein Seelenheil strebe ich schon an, aber da ich noch so viel zu lernen habe, gerate ich auch einmal aus dem Takt!

Was ist eigentlich mit Taktgefühl?, fragte der Beobachter. Hast Du über dieses Wort schon einmal nachgedacht? Wann sagt man, ein Mensch habe Taktgefühl? Doch nur dann, wenn er sich distanzierend neutral verhält. Dieser Mensch hat mit Sicherheit in seinen Gedanken auch andere Worte, die er am liebsten seinen Mitmenschen mitteilen würde.

Es war sehr interessant, wie oft man Stellung zur ihrem Eheleben nahm. Alle Facetten hatte Maria sich mittlerweile anhören müssen, wie sie mit David umzugehen hatte. Einmal war sie zu dominant, dann zu kriecherisch, respektlos, oder zu bemutternd, zu nervig, zu phleg­matisch, zu anspruchsvoll, zu anspruchslos, unselbständig oder zu fordernd, dann ließ sie sich bedienen, war zu undankbar oder, in einfachen Worten ausgedrückt, sie würde alles falsch machen.

Maria machte sich bei all den Meinungen immer Gedanken darüber, ob es „wirklich“ nicht richtig sei, wie sie mit David umging. Maria war in solchen Momenten ziemlich verunsichert. Ihr Mann bestätigte zwar immer wieder, dass er mit ihr vollkommen zufrieden sei, aber handelte er wirklich nur aus Demut? Wünschte er sich vielleicht in seinem tiefsten Inneren eine komplett andere Frau und wollte ihr nur nicht wehtun?

Achtung! meldete sich ihr Beobachter. Ausgeträumt? Siehst Du, Maria, Du hast all Deine Verunsicherungen oder auch Frustrationen jetzt niedergeschrieben. All diese Sachen habe ich Dich jetzt denken lassen und Du hattest keinerlei Einfluss darauf, was Du jetzt tust. Du hast keine Freiheit in Deinem Denken. Sicherlich ist Deine Prüfung auch nicht so einfach, aber Du solltest alles, was Du Dir jetzt denkst, vergessen.
All diese Verwirrspiele Deiner „angeblichen Mitmenschen“ solltest Du als eine Aufgabe betrachten, Dich zu finden und genau nur das machen, was Deine Intuition Dir sagt.
Wenn Du siehst, dass David glücklich ist, sollte es Dich nicht verunsichern, wenn eine „angebliche Außenwelt“ Dir sagt, dass Du einige Dinge nicht richtig machst. Du hast Dich doch so lange wohlgefühlt. Nur ein Windhauch an verschiedener Meinung lässt Dich umfallen. Wem musst Du gefallen? Nur Dir! Und wenn Du damit zufrieden bist, sollte es Dir völlig egal sein, was andere von Dir denken. Es hilft Dir nicht, Dich zu verkriechen und David nicht mehr zu begleiten. Was nützt es Dir dann? Nichts! Kein Mensch will von Dir, dass Du als Begleiterin Deines Mannes oder auch Muse zu einer Powerfrau mutierst.
Wer sagt eigentlich, dass diese sogenannten Superfrauen besser sind als Du? Eine Karriere­frau ist doch nicht besser als eine nicht berufstätige Mutter. Warum strebt man eine Karriere an? Man möchte doch nur sich und anderen beweisen, wie selbständig und intelligent man ist. Nur weil man nicht in den Vordergrund gestellt werden möchte und lieber im Hintergrund bleiben möchte, ist man doch kein minderwertiger Mensch. Jeder hat eine andere Aufgabe. Du kannst aus einem Gärtner, der sich am liebsten in der Natur aufhält, nicht einen vielreisenden Manager machen. Dies ist doch nicht Sinn der Schöpfung. Was für den einen gut ist, da kann ein anderer darunter leiden.

Stell Dir doch einmal vor, Du müsstest den Part Deines Mannes übernehmen? Du bist doch gar nicht der Typ dazu. Kannst Du Dich daran erinnern, wie oft Dir gesagt wurde, dass Du ohne David nichts bist? Wolltest Du eigentlich etwas besonderes sein? Am Anfang hat es Dir mit Sicherheit gefallen, durch ihn auch in den Vordergrund zu geraten. Aber kannst Du Dich auch erinnern, wie unwohl Du Dich gefühlt hast? Wie sehr hast Du Dich gesträubt, irgendwelche Termine mit den Leuten auszumachen. Sicherlich sagte David immer, ihm wäre es egal und man solle es mit Dir ausmachen. Aber Du warst in erster Linie immer verunsichert. Du bist nicht seine Sekretärin. Du bist an seiner Seite, nicht mehr oder weniger. Mache etwas daraus!

Kannst Du Dich an all die Schmeicheleien oder auch bösartigen Kommentare erinnern? Alles hast Du kennen gelernt. Weißt Du noch, wie Du Dich bei manchen Vorträgen schon fast versteckt hast, damit man nicht erkennen kann, dass Du seine Ehefrau bist?
Kannst Du Dich erinnern, wie man Dir gesagt hat, dass man sich freuen würde, Dich wiederzusehen? Du weißt doch selber, dass dies alles Floskeln waren. Zuerst beachtet man Dich nicht, aber bei der Verabschiedung bedankt man sich für Deine Anwesenheit. Ist doch wirklich seltsam?

Maria, Du und ich wissen sehr wohl, dass Du nicht in den Vordergrund gehörst. Aber Du solltest Dich auch nicht verstecken. Du hast diesen Mann geheiratet und nun Du bist die Frau an seiner Seite, die ihn und Dich glücklich zu machen hat. Es ist doch völlig egal, was Deine „ausgeträumten Gestalten“ zu sagen haben. Du kannst sie doch einfach auslöschen. Warum solltest Du Dich grämen oder nachtragend sein? David interessiert es doch auch nicht, ob er für manche Menschen etwas Besonderes ist oder ein angeblicher Schwätzer. Dein Mann (Geist) lebt es Dir doch vor. Also halte Dich doch daran!




14.03.2001 – 13.30 Uhr

Wieder einmal meldete sich das Telefon. Maria hatte das Gefühl, dass sich die Menschen zusammen geschlossen hatten, um heute ihre Probleme loszuwerden. Sie ließ sich heute aber nicht davon ablenken. Maria vernahm einen Satz von David aus dem Hintergrund:
„Du musst Dir selbst bewusst sein, was Du tust.“

Dieser Satz klang in ihren Ohren.

Maria dachte darüber nach, ob sie ihren Beobachter taufen lassen sollte. Einen persönlichen Namen für den intimsten Freund in ihrer Welt, dachte sie.

Maria dachte über Richard nach. Er hatte heute auch schon angerufen, um seine Probleme abzulassen. Einen Ablass machen, dachte sich Maria. Das Wort klang wie Aderlass.

Was ist eigentlich ein Aderlass?, fragte ihr Beobachter. Es hat doch etwas mit Blut zu tun.

„Blut steht für Egoismus“, lehrte sie David. Schönes Wortspiel!

Richard hatte David mitgeteilt, dass seine Ehefrau einen Freund habe. Endlich hatte er es geschafft, dass sich seine tiefsten Bedenken erfüllt hatten. Wie lange wollte sich dieser arme Mensch denn noch quälen? Richard hatte sich oft bei David telefonisch gemeldet. David sprach schon so lange davon, dass er sich nichts erhoffen sollte. Wenn Richard seine Frau glücklich machen wollte, sollte er sich auch so verhalten. Er sollte sie nicht mehr bedrängen. Immer wieder fiel der Satz: Selber denken, selber haben!

Marius rief gestern an. David und Maria waren noch gar nicht lange daheim, da klingelte schon das Telefon.
Marius war immer noch frustriert, aber er versuchte sich in Ruhe zu halten. David sagte ihm immer wieder, dass er sich gedulden sollte. Vielleicht war seine ehemalige Freundin doch nicht richtig für ihn. Er sollte sich doch einfach überraschen lassen, was danach kommt. Marius verstand die Worte theoretisch, aber er ließ sich noch ein Hintertürchen auf.
„Ja“, sagte Marius, „ich habe mir doch seinerzeit wegen meiner Freundin ein Motorrad gekauft. Ich habe es noch nicht verkauft“, redete er weiter, „es kann ja sein, dass sie zu mir zurückkehrt.“
David schüttelte mit dem Kopf und beendete schnell das Gespräch mit den Worten, dass er nichts begriffen habe und darüber nachdenken sollte.

14.03.2001 – 14.00 Uhr

David ging in die Küche um zu kochen. Er blickte auf dem Weg dort hin kurz auf ihren Bild­schirm.
„Alles bist Du!“, sagte er und verschwand.

„Hat David dies gesagt oder mein Beobachter?“, fragte sich Maria. Sie konnte nicht unter­scheiden, welche Stimme sie vernahm.

Du solltest nicht darüber nachgrübeln, wer jetzt zu Dir spricht, liebe Maria. Du solltest versuchen, auf den Sinn der Worte zu achten, sagte ihr Beobachter in großer Deutlichkeit. Alles bist doch Du! Wie hast Du es doch so schön beschrieben Spiegelsplitter, kannst Du Dich daran erinnern? Wenn Du alle Splitter aneinander legst, wirst Du irgendwann Dich selber sehen. Ob dieses Gesamtbild dann ein liebenswertes Gesicht oder eine Fratze zeigt, liegt ganz alleine an Dir. Aber ich vertraue Dir und glaube fest an Dich, dass Du Deinen eigenen Weg ins Glück finden wirst. Ich beobachte Dich ja schon länger und ich sehe, wie Du gewachsen bist. Nicht sehr viel, aber schon zu unserer Zufriedenheit. Was aber nicht bedeuten soll, dass Du Dich ausruhen solltest, beendete ihr Beobachter das Gespräch.

14.03.2001 – 17.30 Uhr

Maria schaltete wieder den Computer ein. Ihr Blick fiel auf den Absatz, der um 13.30 Uhr geschrieben wurde. In diesem Kapitel wollte Maria ihrem Beobachter einen Namen geben. Sie überlegte nur kurz. Spontan fiel ihr ein Name ein, den sie auch mit einem kleinen frechen Kater verband, und zwar „Felix“. „Das ist ab heute Dein Name, mein lieber Beobachter. Ich möchte Dich doch persönlich ansprechen können!“, flüsterte Maria ihrer Stimme zu.

Einverstanden!, hörte sie ihren Beobachter reden. Ich glaube, ich könnte mich daran ge­wöhnen. Ab heute kannst Du mich mit Felix anreden.

Danke! sagte Maria still in ihrem Kopf und lächelte.

14.03.2001 – 17.40 Uhr

David telefonierte mit Simon. Anscheinend ging es ihm sehr gut. David sagte oft zu Maria, dass ihm Simon viel Spaß bereite, da er versuche, den Worten zu folgen und sie umzusetzen.

Maria erinnerte sich an eine Zeit, wo zwischen ihr und Simon unterschwellig eine Rivalität herrschte. Simon konnte nicht verstehen, wieso Maria ganz normal mit David umging. Er hatte viel zu viel Respekt vor David, so dass er sich schon fast unterwürfig verhielt. David ermahnte ihn, dass er nicht angebetet werden wollte. Auch Maria sprach mit Simon, dass sie das Gefühl habe, er würde sich in einer Sackgasse befinden. Sie erklärte ihm, dass es schon einige Bekannte gab, die David zu sehr verehrten. Sie wollte ihm die Enttäuschung nehmen, dass ihr Mann nicht angebetet werden wollte, sondern es ihm einzig allein nur um seine Freiheit ging.

Simon wehrte sich in den Anfängen und verhielt sich David gegenüber schon fast zu respektvoll, so dass er nur noch verkrampft wirkte. Da Maria an manchen Tagen das Gefühl hatte, dass Simon schon fast in Trance verfiel, wenn er zu Besuch war, suchte sie auch das Gespräch zu seinem Vater Peter. Sie berichtete von den vielen Menschen, die es „verkehrt“ verstanden und David nur noch anhimmelten und sich völlig ehrfürchtig verhielten. Simon hatte es irgendwann einmal verstanden und fand nach einiger Zeit seine Mitte. Er hatte auch soweit die Probleme mit Maria in den Griff bekommen. Simon hatte mit Sicherheit keine böse Absicht gehegt, doch er hatte wohl das Gefühl, dass sie mit David zu normal umging und sie wohl schon fast zu respektlos war. In den Anfängen gab er Maria schon einige kleine Seitenhiebe. Auch wollte er sie wohl darüber aufklären, dass sie wohl nicht wüsste, mit wem sie eigentlich verheiratet war.

„Ja“, sagte Maria zu Simon, „David ist ein ganz besonderer Mensch. Aber Du musst davon ausgehen, dass er auch mein Ehemann ist. Und wenn David den Part des Kochens übernommen hat, so ist das für ihn keine Qual, sondern ein Hobby, wo er seine Kreativität „praktisch“ ausleben kann. Außerdem lebe ich schon eine Weile mit ihm zusammen, so dass ich auch seine kleinen menschlichen Macken kenne.“

Es gab von ihrer Seite durchaus einige Dinge, die sie an manchen Tagen störten. David war schon ein bequemer Mensch, aber man konnte ihm nie Faulheit vorwerfen. Jeden Tag hatte er sich geistig betätigt. Ob er Bücher schrieb, Bücher studierte oder stundenlang telefonierte, um den Menschen zu helfen. Aber sie und David hatten sich geeinigt, dass Maria für all die anderen Arbeiten zuständig war. An manchen Tagen hatte sie schon einmal einen Frust, aber mittlerweile hatte sie sich damit abgefunden und empfand auch Freude an ihrer Arbeit. Sie hätte niemals den Part von ihrem Mann übernehmen wollen, war doch seine Arbeit viel umfangreicher und geistvoller als ihre kleinen Aufgaben. Sie war jetzt mit ihrem Leben einverstanden.

Viel Egoismus musste für diese Einsicht dafür weggeräumt werden, meine Kleine. Aber es hat sich doch gelohnt, hörte sie ihren Beobachter Felix sprechen.

Hallo Felix!, sagte Maria. Es gefiel ihr jetzt sehr gut, dass sie ihren Beobachter und Freund persönlich ansprechen konnte.

Im gleichen Augenblick klingelte das Telefon. Karsten meldete sich. Er hatte einen totalen Frust. Aber er konnte über sich und die Dinge lachen.

„Das ist doch schön, sagte David zu ihm. Auch Du wirst noch begreifen. Immerhin kannst Du über Deine Dummheiten lachen und verfällst nicht in Tränen. Mach Dir keine Sorgen, Karsten, Du weißt, man prüft Dich so lange, bist Du wirklich Deine Fehler begriffen hast. Du solltest Dich über nichts und niemanden aufregen. Anschauen, beobachten, davon lernen und wieder vergessen. So einfach ist das!

David legte den Telefonhörer auf.

Maria versuchte wieder den Faden zu finden. Sie wollte eigentlich noch ihre Schwester Karin anrufen, aber sie musste noch bis 19.00 Uhr warten. Ja, über Karin konnte sie auch etwas schreiben. Maria wollte ihrer Schwester das Manuskript zur Korrektur geben. Aber dazu später.

Maria wollte jetzt endlich ansetzen über „Patricia“ zu berichten.
Sie lernten die junge Frau vor fast zwei Jahren kennen. Patricia hatte eigentlich überhaupt keine Sorgen. Sie hatte einen lieben Freund, einen Arbeitsplatz der ihr gefiel, finanziell hatte sie auch keine Probleme. Kurz und gut, eigentlich alles zufriedenstellend. Was Patricia aber plagte, waren ihre Angstneurosen. Früher hatte sie überhaupt keine Ängste, berichtete sie. Aber von heute auf morgen packten sie wahre Attacken. Vor vielen Dingen hatte sie Angst. Angst, dass ihre Wohnung über sie einstürzte, Angst vor Ampeln, die sich in Monster verwan­delten, Flugangst, Angst vor dem Autofahren und vor Fahrstühlen, Höhenangst, Platz­angst usw. Alle Paniken waren in ihr vorhanden. Viele Ärzte, Heilpraktiker und Therapeuten hatte sie schon in ihrem jungen Leben aufgesucht. Aber ihrer Meinung nach konnte ihr keiner helfen.
Vor ca. zwei Jahren hielt David einen Vortrag in der Nähe ihres Heimatortes. Ein Freund von ihr überredete sie, sich doch diesen Mann einmal anzuhören. Patricia war sofort Feuer und Flamme, da sie keine andere Möglichkeit mehr ausschöpfen konnte.

So lernten David und Maria Patricia kennen. Sie war eine nette Frau. Sehr höflich, aber sie wirkte auf Maria unheimlich verklemmt (was Maria aus ihrer eigenen vermuteten Vergangen­heit kannte). Ein befreundeter Mediziner von Patricia erwähnte ihr Problem, nachdem er auch nur noch hilflos mit anschauen konnte, wie sie sich selbst zerstörte. Kein Mensch wusste eine Lösung. Allerdings hatte dieser Arzt aber am Anfang kurz erwähnt, dass er sich sehr oft um Patricia kümmern musste. Wie dies im Detail ausgesehen hatte, erlebte Maria nach einiger Zeit hautnah mit. Zuerst unterhielten sich David und Patricia. David hörte ihr zu und baute sie in den Anfängen moralisch auf. Dann folgten fast wöchentliche Anrufe, später besuchte Patricia die beiden über das Wochenende. Danach folgten wieder stundenlange Gespräche. Da David in der Nähe des Heimatortes von Patricia öfter Vorträge hielt, nahm Patricia David regelmäßig in Anspruch, dass er sich um sie kümmern sollte. David verhielt sich meist freundlich, doch ließ er es nicht zu, dass sie sich zu sehr an ihn hängte. Immer wieder wurden die gleichen Themen durchgesprochen, Maria hatte schon fast das Gefühl, sie wurden förmlich durchgekaut. Patricia versuchte tränenreich immer wieder ihren Willen durchzusetzen, um mit ihrem Problem in den Vordergrund zu gelangen. Sie versicherte zwar immer wieder, dass sie unendlich unter dieser Angst litt, aber es war auch versteckter Egoismus.

Es gibt viele Formen in den Mittelpunkt zu gelangen.
Und was war immer wieder das Fazit: Alle Menschen wollen geliebt werden!
Mit allen Tricks versuchte sie krampfhaft „Liebe“ zu erkämpfen. David war an einem Punkt angelangt, wo er Patricia sagte, dass sie alleine mit ihrem Problem umgehen müsse, da er ihr nicht helfen könne. habe Er habe alles versucht, aber sie würde einfach nicht auf ihn hören:
„Anscheinend scheinst Du Freude daran zu haben, Patricia, Dich zu quälen. Kein Mensch kann Dich aus Deiner „gedachten Misere“ heraus holen. Man merkt bei Dir auch ganz deutlich, dass Du keinerlei Anstalten machst, Dir Mühe zu geben. Ich habe Dir immer wieder gesagt, dass Du alles auch von zwei Seiten sehen kannst. Du brauchst doch keine Flugangst zu haben, wenn Du nicht in den Urlaub fährst. Wenn Du Angst vor dem Fahrstuhl hast, benutze doch die Treppe. Du machst Dir Ängste, obwohl Dich diese Probleme doch gar nicht betreffen. Du hast Angst, dass Deine Zimmerdecke auf Dich einstürzt, dann wieder Angst, das Haus zu verlassen. Du handelst vollkommen „schizophren“. Du musst Dich überwinden! Sieh doch einige Dinge auch einmal positiv. Deine Wohnung kann doch auch ein gemütliches Nest sein. Du schaust in den Himmel und siehst ein Flugzeug. Dann stellst Du Dir vor, Du sitzt in diesem Flieger und stürzt ab. Warum machst Du Dir solche Gedanken, die doch gar nicht nötig sind?“

Immer wieder erzählte David Patricia das gleiche. Bis zu dem Tag, an dem David wieder einmal einen Vortrag hielt und sie sich durch ihr Problem in den Vordergrund stellen wollte. David sprach zwar in einer liebevollen, aber auch sehr direkten Art zu ihr, Patricia jedoch hatte an diesem Tag etwas anderes erwartet. Sie wollte von ihm in den Arm genommen und getröstet werden. Diesen Gefallen tat ihr David aber nicht, so dass sie die nächsten drei Tage nur noch stur vor sich hin schmollte. Nach diesem Vortrag meldete sie sich nicht mehr.

Ein Jahr später wurde David gebeten, wieder einen Vortrag in der Region zu halten. David sagte zu. Als erstes lief Maria Patricia über den Weg. Sie hatte ihren Freund mitgebracht und schien sichtlich gelöster. Sie hatte wohl für sich den Weg geschafft, weniger angstvoll durchs Leben zu gehen. David war sichtlich erfreut über diese Veränderung.
„Siehst Du?“, ermahnte David Maria. Verändere Dich und die Welt um Dich herum verändert sich mit Dir.“

Maria schnaufte langsam durch. Wenn es so einfach wäre, dann wollte sie nie wieder den Geduldsfaden verlieren. Patricia war erlöst!

Maria und David verbrachten ein wunderschönes, zum Teil aber auch sehr anstrengendes Wochenende.

Seit diesem Zeitpunkt hörte Maria nichts mehr von Patricia. Bis zum heutigen Tag.
Patricia verfiel ihrer alten Logik.

Vorsicht, Maria, meldete sich Felix, ihr Beobachter, Du hast auch noch so viele Ängste in Dir. Du musst Dich auf die Welt einer angeblichen Patricia nicht stürzen. Behebe Deine Fehler und kümmere Dich nicht um die anderen, ermahnte er sie. Du hast doch auch Flugangst gehabt. Kannst Du Dich daran erinnern? Wie oft hast Du auch ein flaues Gefühl in der Magengegend verspürt, wenn Du mit dem Auto unterwegs warst. Sicher, viele Leute um Dich herum könnten sich darüber amüsieren. Du solltest nicht darüber richten, welche Angst schlimmer ist als die andere. Beobachte Dich, wenn Dein Magendruck überhand nimmt, einverstanden?




16.03.2001 – 17.45 Uhr

Maria bereitete sich schon geistig darauf vor, ihrer Schwester Karin das Manuskript zuzusenden. Sie hatte keine Bedenken, wenn sie es lesen würde. Ganz im Gegenteil. Karin war, wie ihre Schwester Dorina, mitunter auch die einzige, die Maria gut kannte und sich neutral der Sache gegenüber äußern konnte. Karin lebte ca. 600 Kilometer von ihr entfernt, war schon seit über 20 Jahren verheiratet und blieb wie Maria kinderlos. Sie hatte sehr viel Power und Kreativität in sich, die sie in ihrem Beruf nicht völlig ausleben konnte. Karin bemühte sich, ihren Weg zu finden. Maria war schon gespannt, was ihre Schwester dazu sagen würde. Sie hatte auch einmal David kennengelernt. Vielleicht war es ein Egotrip von Maria – aber man muss auch alles ausleben können, sonst hat man keine Erfahrungen gemacht.

Sicher, sagte jetzt Felix zu Maria. Du wirst von Karin einen völlig anderen Kommentar hören als von anderen Menschen. Aber höre Dir beide Seiten an. Karin kann grob nach­voll­ziehen, wie Du Deine Ehejahre mit David verlebt hast. Sie kennt Dich und David. Die Jugendzeit war für Euch beide interessant. Da Du mit Deinen Schwestern und Deinem Bruder die „vermut­lich“ gleiche Kindheit hattest, weiß Karin, dass es in der Familie sehr bescheiden zuging. Alle Geschwister mussten versuchen, sich zu verwirklichen. Keinem ist irgendetwas in den Schoss gefallen. Diesbezüglich habt Ihr durch Eure gemeinsamen Erfahrungen die gleiche Wellenlänge. Aber Du musst Dich damit abfinden, dass solange Menschen David anhimmeln, sie nur einseitig und nicht einsichtig sind. Sie können nicht anderes funktionieren. Du darfst sie nicht verurteilen, da Du auch diese Menschen bist. Außerdem, liebe Maria, alle diese Menschen existieren nur als Gedanken in Deinem Kopf. Wenn Du sie materialisierst, sind sie da. Aber der schönste Trick ist doch, dass Du alles auch wieder auslöschen kannst. Versuche es einmal damit! Hast Du all diese Dinge wirklich erlebt, oder sind sie nur geträumt? Los, Maria, beweise es mir! sagte Felix.

Ich kann nicht, dass weißt Du doch, lieber Felix. Ich werde versuchen, mich besser zu kontrollieren!

Alle Kommentare, die Du gehört hast, können Dich bestärken. Bei den einen fühlst Du Dich gut, bei den anderen missverstanden. Entweder hast Du das Gefühl, man schmeichelt Dir oder Du fühlst Dich kritisiert. Überlege doch einmal! Von welchen Dingen kannst Du am meisten lernen? Nun, liebe Maria, natürlich von „Kritik“. Du musst immer versuchen, Dich über diese Dinge zu erheben. Du hast alles nicht erlebt und doch hast Du wieder einmal etwas gelernt. Schau einmal, wie oft warst Du einseitig, aber nicht einsichtig. Alles hat zwei Seiten. Selbst wenn Du Dir im Moment einige Dinge nicht erklären kannst. Jeder hat ein bisschen Recht. Du solltest Dich nicht immer nur auf eine Seite stellen. Stelle Dir doch einmal vor, Du hast einen Baukasten. Viele kleine unterschiedliche Bausteine ergeben später ein Bauwerk. Dieser Turm bist Du. Du solltest in Deinen Handlungen vorsichtiger sein und nur zur reinen Beobachtung werden. Nicht immer vorschnell urteilen, wer Dir sympathisch ist und wer nicht. Gerade die, die Dir nicht nach dem Mund reden, sind die wichtigsten. Du lernst auch die andere Seite kennen, was noch lange nicht heißt, dass diese Seite die richtigere ist, verstanden?


16.03.2001 – 18.30 Uhr

Maria dachte an Clarissa. Sie war eine sehr attraktive und gesellige Frau um die 50 Jahre alt. Clarissa hatte einen wundervollen Humor, der Maria immer wieder erheiterte. Sie war auch eine gute Beobachterin. Selten hatte Maria so eine Frau kennen gelernt. Clarissa war einfach herzerfrischend mit einer großen Portion an Geist. Maria und David verstanden sich sehr gut mit ihr. Als die beiden sich kennen lernten, war Clarissa ein wenig gehemmt, da sie schon seit vielen Jahren auf dem spirituellen Weg war und vielen sogenannten Meistern begegnet war. Clarissa spürte Davids großen Geist und wirkte beim ersten Treffen schon sehr verkrampft. Aber mit der Zeit legte es sich und sie taute förmlich auf, was Maria und David sehr gut gefiel. David sagte immer wieder zu Maria, dass Clarissa für ihn eine „Bereicherung“ sei. Sie war eine sehr unterhaltsame Frau, die aber auch in ihrem tiefsten Inneren verletzbar war. Maria verstand sich mit ihr sehr gut. An manchen Tagen wirkte sie wie ein trauriges Kind, konnte sich aber in Windeseile wieder fangen und lachte über ihre Erfahrungen. Maria bewunderte Clarissa, wie sie mit den Dingen umging. Sie ist immer mit sich sehr kritisch umgegangen und sah ihre vermutlichen Fehler sehr schnell ein. Ihre zum Teil kindliche Art machte Maria großen Spaß. Sie ging mit Kritik sehr gut um. Manchmal litt Maria mit Clarissa förmlich mit, da die beiden gedanklich sehr gut miteinander verbunden waren. An manchen Tagen verstand man Clarissa völlig falsch und sie wollte einige Dinge richtig stellen. Wenn man ihr über den Mund fuhr, verkroch sie sich lächelnd in ihre Ecke. Maria konnte sehr viel von ihr lernen.

Clarissa zeigte nie, wenn sie sich ärgerte. Es tat Maria aber leid, wenn sie sah, dass Clarissa sehr schnell verunsichert war. Als Hilfe hatte sie sich ein Schild an den Spiegel gehängt – sei Du selbst. Maria kannte dieses Problem. Auch sie war sich nicht ihrer selbst bewusst. Es war sehr lehrreich, Clarissa kennen gelernt zu haben. Clarissa probierte mutig wie ein Kind all die Dinge aus, die sie sich in den Kopf gesetzt hatte. Sie hatte auch kein Problem damit, wenn es nicht so gut lief, wie sie es sich vorgestellt hatte. Sofort sprang der Funke zu einem anderen Focus um, ohne dass sie länger darüber nachgrübelte.
Ihr war eine riesige Portion Charme mit in die Wiege gelegt worden. Sie hatte durch die weibliche Art in sich viel erreichen können. Maria bewunderte diese Gabe von Clarissa. Sie wäre sicher auch diesen charmanten Weg gegangen, anstatt wie andere Frauen den harten Weg zu gehen.

Achtung, aufpassen, Maria, meldete sich Felix. Alles hat zwei Seiten. Du weißt, dass der charmante Weg sicher auch seine Tücken hat. Du musst Dich bei vielen Menschen so verbiegen, um nicht negativ aufzufallen. Außerdem hast Du mit der Eifersucht der Menschen zu kämpfen. Wie viele Menschen beneiden wohl Clarissa und wollen genauso sein wie sie? Weißt Du eigentlich, wie viel Feindseligkeit ihr unterschwellig entgegen tritt?
Glaube mir, Clarissas Weg ist ein beschwerlicher Weg. Sie wird sich ganz sicher finden, mache Dir darüber keine Gedanken Maria.
Clarissa glaubt fest an David und David liebt sie und wird sie nie im Stich lassen. Er wird ihr immer zur Seite stehen. Außerdem, liebe Maria, es gibt keine Clarissa, wenn Du nicht an sie denkst. Du solltest aufmerksamer Deinen Gedanken folgen!, sagte Felix.


16.03.2001 – 19.30 Uhr

Maria fühlte eine unendliche Leere im Kopf. Sie hatte das Gefühl, als wären alle Er­inner­ungen ausgelöscht worden. Vielleicht ist dies auch ein gutes Zeichen dafür, dass sie in ihrer Welt einen Tag übersprungen hat? Eine Flut von Ruhe durchströmte ihren Körper.

Maria erinnerte sich an das gestrige Gespräch mit ihrem Bruder Thorsten. Er wurde vor einigen Monaten von seiner Frau geschieden. Im letzten Jahr hatten er und ihr Vater Maria und David besucht. Die beiden blieben ca. 1 Woche. Thorsten hatte noch nie von den Lehren Davids gehört. Als er sich mit David unterhielt, sprang der geistige Funke über. Im Februar dieses Jahres besuchte Thorsten mit Dorina (die sich ein familienfreies Wochenende gönnen konnte) Maria und David. Die vier hatten viel Spaß zusammen. Thorsten versuchte David geistig zu folgen, was ihm erstaunlicher Weise mit Leichtigkeit gelang. Er wusste, dass er ihm nicht unbedingt mit dem Intellekt folgen musste, sondern er nahm den Weg der Praxis. Maria wunderte sich über Thorsten, wie schnell er das System begriffen hatte. Diese unendliche Ruhe, die er ausstrahlte, war beneidenswert.

Als Maria mit Thorsten telefonierte und sie über ein kleines Problem sprachen, konnte er sie mit Davids Worten beruhigen. „Weißt Du Maria, sagte er, wir sind noch lange nicht so weit wie David. Wir sind eben noch sehr kleine Kinder. Aber wir lernen doch noch. Sicher, auch ich habe an manchen Tagen meine Prüfungen, aber Davids System ist perfekt. Ich schaue mir meine Bilder an, die mir vorgelegt werden. Auch ich verspüre manchmal noch das Gefühl, dass ich mich innerlich aufregen könnte. Aber ich weiß, dass ich diese Personen sofort wieder auslöschen kann und ihnen aufgrund ihrer Logik nicht böse sein kann. Du weißt doch, alle, die Dich kritisieren wollen, bestärken Dich in Deinem Selbstbewusstsein. Du musst Dich nicht verstellen. Schau Dir Deine Bilder an und lasse es nicht zu, dass Du Dich betroffen fühlst“, sagte Thorsten.

Maria spürte eine unendliche Ruhe in sich. Ja, Thorsten hatte ihr die richtigen Worte gesagt, die sie im Moment hören musste.

Maria erinnerte sich an das Telefongespräch mit Karin. Auch sie wählte die gleichen Worte wie Thorsten. Sie hätte nie geglaubt, dass zwei unterschiedliche Menschen den gleichen Wortlaut hatten. Interessant, dachte sich Maria, es waren ihre Geschwister, die untereinander nicht viel Kontakt hatten, aber beide hatten das System verstanden.
„Du musst Dich nicht aufregen, sagte Karin. Siehe es so wie ein Puzzlespiel. Du hast ver­schiedene Teile, die Du aus dem Abstand heraus verbinden kannst. Zuerst hast Du viele Stücke, mit denen Du im Augenblick nichts anfangen kannst, aber von einer höheren Warte aus siehst Du alles ein. Auch wenn Du Deine Gedanken aufschreibst, kannst Du am besten und neutralsten verknüpfen. Alles, was Du vorher übersehen hast, bildet nach und nach ein Bild von einem Menschen. Du musst nur aufmerksam sein, sagte sie. Du kannst von den Menschen so viel lernen, vor allen Dingen auch, wie man es nicht machen sollte. Es sind doch zum Teil so arme Seelen, die Dir eigentlich nur leid tun können“.

Maria dachte über dieses Gespräch nach. Auch ihre Schwester hatte ihr einen sehr wertvollen Tipp gegeben. Sei Du selbst - dachte sich Maria. Du musst Dich nicht verstellen.

Wenn Du Dich über irgendeinen Menschen aufregst, dann hat er Macht über Dich, meldete sich Felix.

Was sagte David immer wieder zu den Menschen?
„Ihr habt Macht, wenn Euch nichts mehr etwas aus-Macht!

 



17.03.2001 – 14.45 Uhr

Maria setzte sich wieder an den Computer. Das Telefon klingelte schon wieder. Seitdem die beiden zurück gekommen waren, lief der Telefonhörer an manchen Tagen schon heiß. Alle Bekannten hatten massive Probleme und zwar in erster Linie mit ihren Partnern.

Gestern rief Karsten an, um mitzuteilen, das Boris David eine E-Mail geschickt hatte. Heute morgen schauten David und Maria nach. Boris war wieder auf seinem Nullpunkt angelangt. Maria konnte ihn gut verstehen. Auch Boris hatte aus seiner Sicht her recht. Er hatte massive Probleme mit sich und seiner Welt. Boris hatte theoretisch alles begriffen, doch scheiterte er seiner Aussage nach immer wieder an der Praxis.

Ja, meldete sich Felix, der praktische Teil ist mitunter der wichtigste Teil. Du kannst sicher viele Dinge theoretisch nachvollziehen, aber wie sieht es mit der Praxis aus?
Maria, auch Du solltest Dich besser beobachten. Du weißt, dass ich Dir immer wieder einige Aufgaben, die Du wirklich einmal bewältigen solltest, einspiele. Aber wie sieht es mit Deinen Lösungen aus? Dein Problem ist die Unsicherheit, wie Du Dich benehmen solltest. Du weißt in der Theorie genau, was Du machen sollst, aber Du fällst immer wieder im praktischen Teil durch.

Maria, Du solltest versuchen, Dich nicht von irgendwelchen Gedanken­gespinsten beein­flussen zu lassen. Du weißt, dass alle Gedanken in Deinem Kopf einen Sinn haben, aber Du solltest immer versuchen, alles auszufiltern. Was regt Dich zum Beispiel jetzt auf? Was bohrt in Deinem Herzen, was Dir Schmerzen zufügt? Welche Dinge erachtest Du für wichtig und welche für unwichtig? Nichts und niemand kann Dich verletzen, wenn Du es nicht zulässt. Kein Mensch hat das Recht, Dich zu kritisieren. Nur Du solltest Dich selbst kritisieren!

Du hast doch in all den Jahren gesehen, was sich hinter den Masken der Menschen verbirgt. Nach einem Treffen zeigen sich alle von der schönsten Seite und wenn Du sie länger kennst, verfinstert sich die Sonnenseite und die ersten Schatten machen sich über dem Gesicht breit (Du bist doch genauso, liebe Maria).
Warte ab und Du siehst, wie die lächelnde Fassade abbröckelt und der wahre Mensch zum Vorschein kommt. Jeder Mensch hat seine Schwachstellen. Du erkennst sie am besten, wenn Du den wunden Punkt eines jeden getroffen hast. Erst dann weißt Du, welche Facetten er noch in sich trägt, sagte Felix zu ihr.

Maria beobachtete sich jetzt sehr gewissenhaft. Was wollte ihr Beobachter nur damit sagen? Sicher, ich kenne einige Schwachstellen von mir. Aber durch die vielen Reisen mit David habe ich immer mehr Knackpunkte an mir erleben müssen. Wie verhält man sich eigentlich richtig? lieber Beobachter, fragte Maria zaghaft nach.

Du solltest das sein, was Du in Wirklichkeit bist.
Jeder Mensch ist etwas ganz wertvolles. Aber die meisten Deiner Spezies verstecken dieses Geschenk hinter einer Maske. Wenn Du ein guter Beobachter bist, dann wirst Du erkennen, dass sie alle mit Dir spielen wollen. Die vielen Reisen mit David hätten Dich stärken und nicht runterziehen sollen. Du kannst nichts daran ändern, wenn Du nicht respektiert wirst. Du bist doch all die Menschen und Du selbst akzeptierst, geschweige denn, respektierst Dich doch auch nicht. Du kannst froh darüber sein, dass Du manchmal so naiv bist. Es ist doch ein Gottesgeschenk in dieser Welt zu sein!

Außerdem, liebe Maria, ist diese Welt doch nur ein Spiel, und dieses Spiel nennt sich:
„Mensch ärgere Dich nicht“. Wenn Du dies einmal begriffen hast, sind wir beide der Wahrheit ein Stück näher gekommen. Solange Du nicht mit Dir zufrieden bist, sind all Deine Traumgestalten es auch nicht. Sei Du selbst (denke dabei an Clarissa), sagte Felix. Du kannst Deine Welt nur verändern, indem Du Dich änderst.

Schau einmal, Boris ist im Grunde genommen ein sehr liebenswürdiger Mensch. Er schreit förmlich seinen ganzen Frust heraus. Boris weiß theoretisch alles schon, aber in der Praxis hadert er noch mit seinem Schicksal. Eigentlich ist er der ehrlichste Mensch, dem Du begegnet bist. Sicher hat er seine Schwachstellen, aber er ist nicht verheuchelt. Er sagt gerade heraus, was ihn stört und versucht sich selber aus seinem Dilemma heraus zu holen. In all seinem Frust steckt mit Sicherheit auch ein Körnchen Wahrheit. Nicht viele Menschen offenbaren ihren Egoismus so direkt wie Boris. Maria, Du solltest es als Prüfung ansehen, wie Du auf solche Bilder reagierst. Sicher ist, Du solltest Boris nicht nacheifern, sondern all Deine Gedanken, die Dich belasten, ausfiltern.

Maria erinnerte sich an ein Gespräch mit David, das sie beim Essen führten. Sie wollte ihrem Mann zaghaft etwas durch die Blume mitteilen, was er ihrer Meinung nach bei einer bestimm­ten Person nicht sah.
David schmunzelte in sich hinein:
„Maria, ich weiß, was Du mir sagen möchtest, aber Du bist im Augenblick nicht ganz wertfrei. Auch wenn ich Dir manchmal ziemlich naiv und unwissend erscheine, sehe ich sehr wohl alles in Deiner Welt. Ich weiß, was Du mir mitteilen möchtest. Meinst Du, mir ist entgangen, was sich hier abspielt? Ich kenne alle Gedanken der Menschen und auch deren Pläne. Du solltest aber auch wissen, dass diese besagten Personen auch an sich arbeiten. Ich sehe ihre Knackpunkte und auch ihre Ausreden. Du weißt, dass es in der Vergangenheit einige Personen gab, die mich als Mensch ausschlachten wollten. Sicher kannst Du Dich auch daran erinnern, dass ich immer wieder gesagt habe, dass ich mich vielen Dingen hingebe. Aber ich erkenne sehr wohl, welche Motivation dahinter steckt. Alle Menschen, die sich so lieblich gaben, haben doch nur im Sinne ihrer Mitmenschen gehandelt. Wie oft habe ich den Spruch gehört, dass sie nur den anderen helfen wollten. Kannst Du Dich daran erinnern, dass es doch immer ganz anders war als sie vorgaben? Es ging doch in erster Linie um die eigene Selbstdarstellung. Du weißt doch, dass ich bei einigen Bekannten nur das Aushängeschild war, damit sie wieder in die Öffent­lichkeit gelangen konnten. Aber ich habe mich immer rechtzeitig zurück­gezogen. Wenn es für die Mitmenschen ersichtlich war, welchen Plan die jeweilige Person hegte, habe ich mich dem nicht mehr hingegeben. Es ist nicht mein Ziel, dass einige Menschen versuchen, durch mich größer zu werden. Wie oft habe ich gesagt, dass ich als Person total unwichtig bin. Ich würde mich freuen, wenn die Menschen sich genauso unwichtig nehmen wie ich es bei mir empfinde. Für mich zählt nur die Seele des Menschen und nicht ihr Bankkonto oder Titel. Mein Ziel ist es, dass sich alle Menschen wirklich demütig und klein verhalten, einsehen, dass sie nichts wissen und an ihren Verurteilungen arbeiten!“, beendete David seinen Monolog.

Maria hatte in all den Jahren viele Menschen KOMMEN, aber auch wieder GEHEN sehen.

Aber was ist schon Zeit?, rief Felix ihr zu. Du hast versucht, Dich im Hier und Jetzt zu finden. Ich sehe, dass Du Dich bemühst, aber Du bist noch lange nicht an Deinem Ziel. Du hast noch viele Dinge aufzuarbeiten. Wie heißt es doch so schön: Du sollst nicht nach­tragend sein!. Es bedeutet doch nur, dass Du Deine Last nicht nachtragen solltest. Lege sie einfach ab und Du kannst leichter Deinen Weg weitergehen. Maria, Du hast versucht, Dich mühevoll zu beobachten. Es sollte kein Zwang dahinter sein. Aber Deine Beobachtungen sind nicht immer wertfrei. Auch daran solltest Du arbeiten!

Ich weiß, rief Maria Felix zu, aber Du weißt doch, dass ich noch in den Babyschuhen stecke.
Felix jedoch redete unaufhörlich weiter auf sie ein.

Maria, ich habe Dich so viele Geschichten denken lassen. Aber kannst Du Dich wirklich noch an all diese Sachen erinnern? Du solltest sehr wohl versuchen, aus Deiner vermutlichen Vergangenheit zu lernen, aber alles, was Du begriffen hast, solltest Du endgültig ablegen. Es stört Dich nur in Deiner Entwicklung.

Wer ist Boris?
Warst Du wirklich im Urlaub?
Bist Du heute morgen aufgewacht?
Fragen über Fragen.
Kannst Du mir wirklich all das, was ich Dich habe aufschreiben lassen, beweisen? Es sind doch nur Gedanken in Deinem Kopf.
Hast Du all diese Geschichten wirklich erlebt oder hast Du einen „Spielfilm“ erlebt? Es spielt keine Rolle mehr, wer Boris, Richard, Helene oder Jasmin war. All die Namen lösen in Deinem Kopf nur eine Geschichte aus, es waren nur Märchen oder Fabeln, mehr nicht. Wenn Du dies erkannt hast, bist Du schon einen großen Schritt weiter. Wie kann eine Märchen­gestalt mit Dir in den Urlaub fahren? Hast Du darüber schon einmal nachgedacht? Ist es nicht absolut unwichtig, was Du alles erlebt hast? Du hast Dich doch verändert. Du bist ruhiger und geduldiger geworden. Eines sollte Dir aber auch klar werden. Wenn in Deiner (Traum) Welt Menschen zufrieden oder unzufrieden sind, sollte es Dir vollkommen egal sein . Du solltest Dir nur darüber klar werden, dass all die Dinge ihren Sinn haben.

Rette nicht die Welt, sondern rette nur Dich. Denn Du bist der Träumer Deiner Welt, Kein anderer hat Macht darüber, ob es in Deinem Traum Krieg oder Frieden gibt. Wenn Du Dich erlöst, erlöst Du Deine Märchengestalten mit. Wer in seiner Welt Frieden stiften will, sät das Böse. Du hast diesen Ausspruch schon so oft von David gehört.

David erklärte es folgendermaßen:
Es ist doch ganz einfach. Wenn Du mit Deiner Welt nicht zufrieden bist, versuchst Du, Deinen Frieden zu schaffen und wirfst Gott vor, er hätte eine schlechte Schöpfung gemacht.“

Alles hat für den Reifeprozess seine Richtigkeit. Wie kannst Du Menschen glücklich machen? Nur, in dem Du ihnen das gibst, was sie wollen. Wenn sie es nicht bekommen, werden sie unzufrieden und jammern herum. Du hast es doch schon so oft miterlebt. Jeder Mensch meckert an seiner Welt herum, ohne dass er auch nur auf die Idee käme, dass er dafür selbst verantwortlich ist. Maria, Du weißt sehr wohl, dass Deine innere Unzu­friedenheit diesbezüglich nichts anderes war. Du wolltest Achtung und Respekt. Aber von wem eigentlich? Du bekommst beides, wenn Du Dich selber liebst und Dich respektierst. Nur Du bist wichtig! Du kannst Deine Welt verändern, ohne dass Du Deine Traumgestalten verbiegen musst. Jeder Mensch lebt in der Welt, die er sich selber macht, auch DU.

Maria bemerkte, dass sich Felix in Rage redete.

Stopp! rief sie ihm zu. Ich weiß, ich weiß! All diese Dinge habe ich schon tausendfach von David gehört, aber anscheinend sind sie mir noch nicht in Fleisch und Blut übergegangen. Ich verspreche Dir ab heute hoch und heilig, dass ich mich bessern werde, sagte Maria.

Gut, abgemacht! sagte Felix. Wenn Du wieder mit Deiner Welt unzufrieden bist, werde ich Dich daran erinnern und Dich so lange alles aufschreiben lassen, bist Du es begriffen hast. Anscheinend bist Du sehr schwerfällig im Verstehen, liebe Maria, sagte er. Du hast all diese Weisheiten tausendfach von David gehört. Du hast fast alles theoretisch schon verstanden. Aber ich musste Dir einen Wink geben, weil Du es in der Praxis noch nicht begriffen hast. Glaube mir, ich werde Dich nie im Stich lassen. Ich werde Dich immer wieder beobachten. Und falls Du wieder in Dein altes Raster zurückfällst, werde ich mich Dir zeigen. Verstanden? fragte Felix.

Verstanden! entgegnete Maria.

Du musst keine Angst vor mir haben und es als Drohung auffassen, sprach Felix weiter. Aber all Deine kleinen Fehler, die Dich in nächster Zeit erfahren lasse, zeige ich Dir auf. Ich liebe Dich und mich, sagte Felix zu Maria. Denn ICH BIN DU und ohne Dich existiere ich nicht. Also lasse mich doch bitte am Leben. Wir brauchen uns gegenseitig!

Maria war gerührt von seinen Worten und nickte in sich hinein. Sie schaltete den Bildschirm aus und verschwand.




13.05.2001 – 17.55 Uhr

Maria setzte sich wieder an den Computer. Nachdem sie einige Male von Felix aus dem Konzept gebracht wurde, gab sie ihm einfach nach. Sie erinnerte sich daran, dass sich diese liebevolle, aber auch sehr energische Stimme am 10.05.2001 beim Sonnenbaden wieder gemel­det hatte.

Hallo Maria, es ist wieder Zeit aufzuwachen. Ich habe Dich lange genug schlafen lassen, hörte sie die eindringliche Stimme in ihrem Kopf sagen.
Ich bin es, meine Kleine, sagte er freundlich und ich möchte Dich wieder einmal an mich erinnern. Na, lang ist es her, seit wir uns das letzte Mal schriftlich unterhielten? Ich habe Dich immer beobachtet.
Also, in der letzten Zeit warst Du sehr friedvoll und einsichtig, bis auf einige kleine Ausrutscher. Aber alles in allem machst Du Dich ganz gut, sagte Felix.

Maria hörte ihm aufmerksam zu. Achtung! sagte sie sich. Jetzt bloß keine Eitelkeit zeigen. Nein, diesmal war alles ganz anders. Sie wusste nicht im geringsten, was sie vor einigen Monaten alles aufgeschrieben hatte. Es war im Hier und Jetzt auch alles unwichtig geworden. Sie hatte in ihrer Erinnerung viel erlebt und doch nicht durchlebt. Sie fühlte sich nur noch als eine Figur in ihrem Lebensfilm. Sie hatte zur Zeit nicht mehr das Gefühl, dass sie sich noch sehr wichtig nahm. Sicherlich, in einige kleine Egofallen tappte sie immer noch hinein, aber sie musste sich nicht mehr vor anderen rechtfertigen, sondern sie hatte endlich erkannt, dass sie all ihre Fehler selber „ausbadenmusste.

Maria hatte viele Facetten ihrer Darsteller kennen gelernt. Kein Mensch war unfehlbar, aber das schönste an diesem Lebensfilm war doch, dass sie sich nur die Bilder wertfrei anschauen musste. Endlich hatte sie erkannt, dass sie wirklich all die Menschen so leben lassen musste, wie sie waren. Auch sie gehörte zu den kleinen, ungnädigen Richtern, die immer wieder Fehler bei anderen Menschen sahen. Aber es waren in Wirklichkeit keine Fehler, sondern nur „Lehrfilme“, die ihr Gott einspielte.

Sie erinnerte sich an den letzten Besuch von Clarissa und ihrem Sohn Matthias. Die beiden hatten sich drei Tage Zeit genommen, um sie und David zu besuchen. Maria freute sich aufrichtig auf den Besuch, da sie in letzter Zeit verstärkt spürte, dass sie mit Clarissa eine ganz bestimmte Seelenverwandtschaft verband. Maria spürte sehr oft, dass sie sich mit Clarissa nonverbal unterhalten konnte. Es waren viele kleine Dinge, die sie beide immer wieder zum Lachen brachten. Den Auslöser für diesen „Kick“ bekamen beide, als Clarissa Helene besuchte und David und Maria auch anwesend waren. Durch „Zufall“ meldeten sich Bekannte bei Helene an, die sich kurz mit David unterhalten wollten. Alle saßen brav an Helenes großem, runden Tisch und hörten aufmerksam zu. Auf einmal überkam Maria in dieser andächtigen Situation ein leiser Lachanfall. Sie konnte sich nicht erklären, was mit ihr geschah, aber sie empfand eine unheimliche Situationskomik Mit schamhaftem Gesicht blickte sie in die Tischrunde und schaute auf Clarissa. Beide schauten sich sekundenlang in die Augen und dann brach auch Clarissa in Gelächter aus. Maria und sie mussten sich krampfhaft zusammenreißen, dass dieser Lachanfall nicht überhand nahm. Clarissa biss sich auf die Lippen, Maria versuchte mit gesenktem Haupt diesem Anfall standzuhalten. Aber beide hatten keine Chance. Immer wieder trafen sich ihre Blicke und beide prusteten in sich hinein. David ergriff als erster das Wort. Freundlich blickte er beide an und nahm es auf die humorvolle Art, dass die beiden ihn unterbrachen. Der Rest der Tischrunde schaute die beiden zum Teil ungläubig, aber auch unverständlich an. Es war Maria und Clarissa eigentlich egal und sie verbrachten die übrige Zeit des kleinen Vortrages zwischen verhaltenen Lach­krämpfen. Als dann alle gegangen waren, schauten sich Clarissa und Maria an und nickten. Beide hatten verstanden. Tags darauf sprach Clarissa Maria an und erklärte ihren Lachanfall. „Weißt Du Maria, als ich meinen Lachanfall bekam, fühlte ich mich ganz intensiv wie Du. Ich konnte mich so gut in Dich hinein versetzen. Ich beobachtete diese Tischrunde und sah durch Deine Augen diese ganze Situationskomik. Es war herrlich, alles so zu beobachten“, sagte Clarissa.

Maria musste zu Clarissas Ausführungen nichts weiter sagen. Sie hatte verstanden. Es gab in den Anfängen so viele Dinge, um die Maria beneidet wurde. Aber sie konnte den Menschen nicht erklären, dass alles zwei Seiten hatte. Es ging in keinerlei Weise darum, dass sie sich über David beschweren wollte, nein, im Gegenteil. Mit David war sie vollkommen einverstanden, es war etwas ganz anderes. Es war die Seite der Schattenfrau, die an manchen Tagen schon recht stressig war. David und sie bekamen viele Einladungen, die sie auch brav annahmen. Bei den meisten Besuchen handelte es sich nur darum, dass David reden musste. Er nahm seinen Part demütig an und erfüllte seine Pflichten. Maria saß immer wortlos an seiner Seite und hörte zu. David hatte zwischen all den Einladungen zusätzlich auch noch die vielen Telefongespräche, die immer nebenher abliefen. Immer und immer wieder musste er jedem Menschen auf seine Weise helfen. Maria kannte die meisten Beispiele von David im Wortlaut, so dass sie viele Dinge auch auswendig nachsagen konnte. Aber jeder Mensch hörte diese Beispiele zum ersten Mal und wenn David viele Menschen kannte, musste er sich auch wiederholen. Es war keineswegs so, dass David ihnen nichts anderes hätte sagen können, aber die meisten Menschen konnten ihm nicht folgen. An manchen Tagen versuchte sich Maria körperlich auszuschalten, ihr Geist blieb aber immer wach. David versuchte in seinen Reden immer wieder, die Leute zu verunsichern, indem er sagte, dass er vergesslich sei und sich so naiv darstellte, als wenn er den Faden verloren hätte. Weit gefehlt! In diesen Momenten hatte Maria ihren Einsatz, indem sie Davids letzte Worte wiederholte. Sie wusste tief im Innern, dass diese Vorträge nur ihr galten und dass sie, trotz aller Wiederholungen, immer aufpassen musste, was er sagte. Es fiel ihr nicht schwer, da die Stimme Davids ständig in ihrem Kopf kreiste.

Hallo Maria, rief Felix ihr zu, jetzt hast Du Deinen Faden verloren. Ich weiß, dass Du immer etwas ausführlicher denkst, aber Du solltest Dich nicht im Detail verlieren. Wir waren doch bei der Geschichte über Clarissa!

Stimmt! sagte Maria zu Felix. Ich bleibe jetzt in meiner Erinnerung von einem „vermuteten Besuch“ Clarissas.

Maria und David hatten viel Spaß mit Clarissa und ihrem Sohn. Maria war sehr verwundert, dass sich ihr Mann so locker und lustig benahm. Es schien ihm richtig Freude zu machen, auch einmal einfach nur gelöst zu sein, ohne ständig zu philosophieren. Maria hatte David seit Ewigkeiten nicht mehr so beschwingt gesehen und es bereitete ihr genauso viel Freude wie ihm.

David wurde von Clarissa gebeten, ihr wieder die Haare zu schneiden.. Er war auch ein perfekter Hausfriseur und man hatte das Gefühl, dass die Haare danach besser wuchsen. Matthias sprach David darauf an, dass er auch gerne bereit wäre, sich eine neue Friseur verpassen zu lassen.

„Nein“, sagte David zu ihm, „Dir muss ich noch nicht die Haare stutzen. Matthias, Du weißt ja, dass aus mythologischer Sicht Haare für Gedanken stehen.“

Leicht schmunzelnd stand David von seinem Stuhl auf und widmete sich Clarissa.

„Ich werde Dir einige Zentimeter Deiner Haare schneiden und Du wirst sehen, Du wirst danach viel jugendlicher aussehen! sagte er zu Clarissa und widmete sich seinem Werk. Nachdem die beiden fertig waren, kamen sie zurück in die Küche. Clarissa sah mit ihrer neuen Friseur wirklich toll aus. Eigentlich müssten noch ca. 2 Zentimeter abgeschnitten werden, dann sieht es noch besser aus, sagte David zu Clarissa. Sie strahlte wie ein Sonnenschein und es bereitete ihr große Freude einen weiteren „Kick“ für ihre Entwicklung bekommen zu haben.

Maria sprach Clarissa auf das Manuskript „Schattenfrau“ an. „Wenn es Dich wirklich inter­essiert, dann kann David Dir die Seiten ausdrucken.“ Clarissa nickte zustimmend und David druckte die Seiten aus. Im Vorfeld sagte Maria zu ihr, dass ihre Schwester Dorina das Manuskript auch bekommen hatte und es so spannend fand, dass sie bis zum Morgengrauen darin gelesen hatte.

Nachdem es an dem Abend schon ziemlich spät war, beschlossen alle ins Bett zu gehen. Maria vermutete schon, dass Clarissa eine kurze Nacht vor sich hatte. Auch sie würde nicht einfach aufhören können, zu lesen.

Am nächsten Morgen kam Clarissa Maria strahlend entgegen und umarmte sie. Clarissa hatte bis zum Morgengrauen gelesen und konnte sich in Maria wieder erkennen. Maria wunderte sich nicht mehr, dass die Leute so regierten. Die ausgedruckten Seiten der „Schattenfrau“ lasen bisher nur ihre Geschwister und ein ehemaliger Mitarbeiter von David. Alle Leser hatten das gleiche empfunden und zwar, dass sie sich absolut in diesem Manuskript wieder erkannten.

Das schönste Kompliment kam von einem ehemaligen Mitarbeiter Davids. Durch „Zufall“ war er einen Tag vor Marias Geburtstag in der Nähe und kam für einen Kurzbesuch vorbei. Da Maria sich mit ihm immer sehr gut verstanden hatte, empfand sie es als eine große Freude, dass er sie besuchte. Er umarmte Maria mit den Worten „Hallo, meine Große, Deine Schattenfrau ist absolut super. Es war sehr hilfreich für mich. Du hast sehr neutral geschrieben und zwar genau das, was wirklich ist.“

Maria freute sich mit ihm. Es war keine Spur von Egoismus in ihr, als sie dieses Kompliment hörte. Ganz im Gegenteil, sie empfand eine tiefe Freude, dass sie ihm helfen konnte, indem sie sich einfach nur so beschrieb, wie sie empfand.

Maria, Du wunderst Dich darüber, dass die Leute sich in unserem Schriftstück wieder erkennen? Überlege doch einmal! Du träumst doch diese Menschen nur aus. Deine Geschwister zum Beispiel sind doch auch Teile von Dir und deshalb sind diese Personen auch „Duckmäuser“. Bedenke doch einmal, dass die beiden anderen auch so fühlen wie Du und dass Du Dich deshalb mit den beiden anderen auch so gut verstehst. Du musst nur erwachen, dann erwachen auch die Menschen um Dich. Wenn Du einem Power-Menschen dieses Manuskript in die Hand gibst, dann wirst Du eine andere Reaktion erleben. Solche Menschen fühlen sich nicht als Duckmäuser, nein, im Gegenteil, sie lieben sich und müssen sich nicht mehr beweisen, weil sie mit sich vollkommen zufrieden sind.

Wenn Du eine kleine Ameise bist und Du Dich in einem Ameisenstaat zurecht finden musst, ist dies Deine Aufgabe. Aber Du musst nicht darunter leiden. Du kannst für Dich erkennen, dass Du eine ganz wertvolle Ameise bist und im Verbund mit Deinem Volk stehst. Wenn Du Dir darüber im Klaren bist, dann verändert sich die Welt. Du musst Dir nicht beweisen, dass Du einmalig bist, es reicht vollkommen aus, dass Du Dir dessen bewusst bist. Sicherlich gibt es in diesem Staat auch Tiere, die eine ganz andere Rolle haben als Du - zum Beispiel Aufseher oder Oberhäupter.
Du Maria, solltest nur Deine Aufgabe erfüllen und glücklich Dein Leben genießen. Du solltest Dich nicht daran stören, dass es noch andere Ameisen gibt, die sich wichtig nehmen und andere kommandieren müssen. Lebe Dein Leben und störe Dich nicht an solchen Machtgestalten.

13.05.2001 – 20.00 Uhr

Maria wurde aus ihrem Gedankengespinst gerissen. Vor ca. 2 Stunden hatte Davids Bruder angerufen und kurz erwähnt, dass ein junger Mann bei ihm sei und ihn besuchen wolle. David hatte kaum Kontakt zu seinem Bruder. Er bedankte sich für die Information und bei dieser Gelegenheit machten die beiden einen Termin aus um sich wieder einmal zu sehen. Merkwürdige „Zufälle“, dachte sich Maria.

Na gut, dieser junge Mann klingelte ungefähr 45 Minuten später an der Haustür. Maria stellte ihm etwas zu Trinken hin und schrieb ungehindert an ihrem Manuskript weiter, obwohl David sich im Hintergrund mit dem Besucher unterhielt. Um ca. 20.00 Uhr beendete David das Gespräch und fragte den jungen Teenager, ob er heute noch zurückfahren wolle. Immerhin wohnte er ca. 300 Kilometer von den beiden entfernt. Er nickte, berichtete aber, dass er mit Zug gekommen sei und nicht wüsste, wann eine Bahn fahren würde. David nahm seinen Auto­schlüssel und sagte dem Jungen, dass er ihn zum Bahnhof fahren würde und sich solange mit ihm unterhalten würde, bis der Zug käme. Der junge Mann war sehr überrascht, bedankte sich artig bei Maria für die nette Gastfreundschaft und David und er fuhren zum Bahnhof.

Maria erwähnte diese Episode jetzt nur kurz deshalb, weil sie so gerührt war, dass David sich diesem Teenager annahm und ihn auch noch zum Bahnhof fuhr. Sie kannte David gut genug, um zu wissen, dass er eigentlich nur ungern das Haus verließ und an manchen Tagen musste sie schon betteln, damit er sich überhaupt einmal bewegte. Von dieser Situation konnte sie sehr viel lernen, obwohl es oberflächlich betrachtet eigentlich nur eine Nichtigkeit war. Aber als sie sah, wie demütig David mit der Sache umging, schämte sie sich. Hätte sie in dieser Situation auch so reagiert? Ein völlig fremdes Wesen ohne Ankündigung wird ins Haus gelassen, David redetet mit ihm und bringt ihn anschließend noch zum Zug. Einfach merkwürdig!

Nach einer halben Stunde war David wieder da. Maria sprach ihn auf die Situation an und er schmunzelte in sich hinein.

„Maria, es geht hier nicht nur um diesen kleinen Burschen, sondern ich wusste, dass sich mein Bruder melden würde. Ich habe schon gestern ganz intensiv an ihn gedacht und plötzlich meldet er sich. Ist das nicht ein schöner Zufall?“, fragte David und blickte sie grinsend an.



14.05.2001 – 11.45 Uhr

Maria fand sich am Computer wieder. Da sie heute schon den ganzen Tag einen inneren Drang verspürte, wieder schreiben zu müssen, gab sie sich hin. Ihr Beobachter Felix ließ ihr einfach keine Ruhe und sie wusste ganz genau, dass sie gegen ihn niemals eine Chance hatte, sich ihm in den Weg zu stellen.

Schlaues Mädchen, sagte Felix in ihrem Kopf. Ich wusste doch, dass Du mir folgst. Wir beide wissen genau, dass wir an nichts und niemandem festhalten sollen. Aber da Du erst auf dem Weg der Erkenntnis bist, muss ich mich immer wieder einmischen. Wir halten jetzt ganz bewusst unseren Gedanken fest, da er sehr lehrreich für Deine „Zukunft“ sein wird.

Überlege einmal Maria, warum David immer wieder die Menschen verunsichert. Als ihr Euch neulich – also wieder ein Gedanke im Hier und Jetzt – unterhalten habt, hast Du David ganz bewusst darauf angesprochen, warum er einige Dinge zu bestimmten Menschen sagt und andere ganz bewusst nichts davon wissen lässt. Du dachtest immer, dass Dein Mann eine kleine Plaudertasche sei, da er viele Dinge aussprach, die Du diesen Menschen nie gesagt hättest. Es ist auch richtig so, immer nur zu beobachten und Dich niemals in irgendwelches Gerede einzumischen. Es wird eh schon genug über Euch erzählt, was Euch aber niemals belasten sollte. Für David ist es bestimmt kein Problem, Du aber Maria musst noch viel daran arbeiten. Aber jetzt zur Sache! Du weißt, dass ich Dir diesen Gedanken habe denken lassen und dass es Dir wie Schuppen von den Augen fiel, als Du das erste Mal spürtest, warum David so agiert. David weiß immer, warum er wem was sagt. Du hast zu wenig Vertrauen in ihn. Überlege doch einmal, wie er immer wieder Clarissa mit einer ganz bestimmten Sache verunsichert hat.

Maria erinnerte sich noch ganz genau, um welche Episode es sich hierbei drehte. Es handelte sich um die Geschichte mit dem Mathematikbuch, dass David – wieder einmal „rein zufällig“ – bei Clarissa in der Bibliothek gefunden hatte. Clarissa musste sich gar nicht mit dem Inhalt beschäftigen, sondern es ging ganz allein um die Tatsache, dass David immer, wenn er diese Geschichte erzählte, erwähnte, dass er das Buch bei Clarissa gefunden habe und dass genau dieses Buch ihrem Vater gehörte, der seinerzeit als Architekt arbeitete. Clarissa hatte diese Geschichte mit Sicherheit tausendfach bei Vorträgen oder auch im privaten Rahmen gehört, bis sie eines Tages drucksend auf David zuging und ihm sagte, dass die Geschichte zwar eigentlich stimmte, sie wollte ihm auch nicht widersprechen, aber ihr Vater sei gar kein Architekt gewesen! David nahm sie herzlich in den Arm und sagte ihr lächelnd, dass sie endlich – nachdem er diese Geschichte so oft erzählt hatte – zu ihm kam und es richtig stellte. Wobei er ihr ebenfalls erklärte, dass auch diese Definition nicht falsch sei. Ihr leiblicher Vater sei vielleicht kein Architekt gewesen, aber er sprach von ihrem „wahren Vater“, der ein meisterhafter und perfekter Architekt sei. Erst dann fiel auch bei Clarissa der „Groschen“. Lauthals lachend drückte sie David an sich und hatte endlich verstanden, um was es überhaupt ging.

Die nächste Geschichte mit Clarissa war etwas unheimlich. David erzählte immer wieder von einer Episode, die er mit ihr erlebt habe. Es handelte sich dabei um eine „nicht ganz so korrekte Wiedergabe Davids“, die Clarissa und Maria immer wieder verunsicherte. Bei jeder Gelegenheit erzählte er ganz ernsthaft, dass er seinerzeit Clarissa auf ihre Prüfung ganz bewusst hingewiesen hätte und ihr auch ganz bestimmt gesagt hätte, dass sie sich nicht darauf einlassen sollte. Der erste Teil der Geschichte war korrekt, doch beim zweiten Teil hatte er es ihr nicht so deutlich gesagt - erst nachdem das „Kind schon in den Brunnen gefallen war“. Clarissa selbst hatte von diesem Erlebnis sehr viel gelernt und sie bedankte sich bei David, dass sie auch die Erkenntnis bekam, einmal wieder nicht nur von süßen Früchten zu naschen, sondern auch von bitteren. Aber in einem Punkt waren weder Clarissa noch Maria völlig einverstanden. Es ging immer wieder um die Aussage, dass David davor gewarnt habe, sich in das Erlebnis zu stürzen. David hatte keine klare Aussage gemacht, erst später, oder vielleicht auch zwischen den Zeilen. Aber er hatte es nicht in der Deutlichkeit gesagt, wie er es behaup­tete. Maria hatte immer den gleichen Part, sie mischte sich immer ein und stellte es ihrer Meinung nach richtig, oder, wenn Clarissa anwesend war, meldete sie sich zu Wort und korrigierte die Aussage. David schmunzelte und gab den beiden nach. Maria wunderte sich, warum er es immer wieder erzählte und schon darauf vorbereitet war, dass sich jemand zu Wort meldete und seine Aussage richtig stellte.

Erst einige Tage später kam Marias Erleuchtung. Sie sprach David darauf an und sagte ihm ihre Vermutung auf den Kopf zu. „Weißt Du David“, sagte Maria, „ich glaube, Du provozierst Clarissa liebevoll, um sie aus der Reserve zu locken, damit auch sie eine eigene Meinung hat und sich auch einmal „gegen Dich stellt“. David lächelte in sich hinein. Maria bohrte weiter nach. „Ich kann mich zum Beispiel an die Geschichte mit dem besagten Buch von Clarissa erinnern. Es ging doch seinerzeit um den angeblichen Vater der Architekt war“. Erst jetzt fiel Maria auf, dass David ein perfektes Spiel spielte. „Jetzt weiß ich auch, warum Du einem Bekannten eine Geschichte erzähltest, wo Du hundertprozentig davon überzeugt warst, dass Deine Aussagen verdreht wiedergegeben würden und genau dieser Person weiter getratscht würde. Du wusstest genau, warum Du gerade diesem Menschen diese Sache erzähltest. Du provozierst den einen, um den anderen herauszufordern.“ Warum war ihr nicht sofort aufgefallen, welches Spiel David spielte?

Maria sagte David ihre Empfindungen auf den Kopf zu. Anhand seiner Reaktion wusste sie, dass sie völlig richtig lag. Erst dann schmunzelte David und sagte ihr, dass sie ihn endlich in dieser Sache verstanden hätte.

„Ich mache nichts ohne Grund, dass musst Du Dir merken. Es wäre nur schön, wenn es Dir sofort auffallen würde, dass ich mir immer etwas dabei denke. Zu der verkehrt verstanden Geschichte, die weiter getratscht wurde, will ich Dir nur sagen, dass ich nichts umsonst mache. Ich wollte die beiden herausfordern, um zu sehen, ob ihnen wirklich Lob oder Kritik egal ist“, sagte David.

Maria verstand ihren Mann. Wenn eine der Personen danach auf David nicht gut zu sprechen war, oder hinter seinem Rücken redete, konnte man sehen, wie weit diese Person in Wirk­lich­keit war. Wo war dann diese absolute Ruhe?

Jeder Mensch hatte seine individuelle Prüfung. David bohrte nur nach Reizauslösern. Er demonstrierte damit, wie weit die Menschen „wirklich“ waren. Fühlten sie sich gekränkt, sah er sofort, dass noch einige „Leichen im Keller“ waren.

Maria dachte über die kleine Episode nach, als Clarissa zu Besuch bei Helene war und ihre bequeme Hose vergessen hatte. Dies war insofern überhaupt kein Problem. David hatte eine neue Ersatzhose dabei, die ihm eigentlich zu eng war. Er erzählte Clarissa davon und es war erstaunlich, wie gut ihr diese Hose stand. Außerdem schenkte ihr David noch einen Pullover dazu. Es waren ganz einfache Kleidungsstücke, über die sich Clarissa sehr freute. Sie waren außerordentlich bequem und erfüllten ihren Zweck, so dass sie sich wohlfühlte. Sie umarmte beide ganz herzlich und man spürte, dass sie durch diese einfache Kleidung eine unheimliche Power entwickelte. Clarissa war immer sehr elegant angezogen, aber man musste wirklich sagen, dass sie auch in den ganz einfachen Sachen von David sehr gut aussah. Maria erkannte im nachhinein, dass auch diese Situation ihren Sinn hatte.

 

Ihr Mann erzählte immer wieder, dass die „Frau“ für „Welt“ und der „Mann“ für „Geist“ stand. Durch diese kleine nebensächliche Veränderung legte Clarissa ihre „alte Sachen“ ab und schlüpfte in „männliche (geistige) Kleidungsstücke. Erst Wochen später sah Maria den Sinn dieser Aktion. Ihr war es auch nicht aufgefallen, dass David Monate zuvor durch „Zufall“ Clarissa zwei Seidenschlafanzüge geschenkt hatte, die zuvor jahrelang unbenutzt in seinem Schrank gelegen hatten. Zu einem angemessenen Zeitpunkt schenkte er Clarissa diese Pyjama. Sollte sie sich etwa mit dem Geist schlafen legen und auch wieder darin aufwachen?! Als David dann vor wenigen Tagen noch ihre Haar schnitt, war für ihn wohl die Veränderung Clarissas komplett. Er stutzte sie liebevoll zurecht, obwohl es nicht sofort offensichtlich war, was er mit ihr vor hatte.

Hallo Maria, rief Felix ihr zu. Ich glaube, jetzt hast Du diese Aktion verstanden. Warum kommt Dir die Lösung erst so spät? Du bist zu unaufmerksam! Es soll jetzt aber nicht bedeuten, dass Du akribisch jede Reaktion Davids analysieren solltest. Dies wäre ein völliger Wahn und Du würdest Dich darin verlieren. Sei immer auf der Hut, was um Dich herum geschieht.

14.05.2001 – 15.10 Uhr

Maria dachte über viele kleine Episoden nach, die sie „angeblich“ erlebt hatte. Alles was im ersten Moment unerheblich erschien, war im nachhinein sehr wichtig für die Entwicklung der Menschen. Zum ersten Mal spürte Maria, dass eine ganz bestimmte Reaktion – je nach Reifegrad der Menschen – entweder eine Glückseligkeit auslöste oder einen absoluten Horrortrip.

Sie wunderte sich, dass David einige bestimmte Menschen als sehr reife Seelen bezeichnete. Er lobte sie immer wieder vor anderen und sah anhand der Reaktionen, wie weit diese Wesen „wirklich“ waren. Sicherlich schmerzte es viele Menschen – einschließlich einer früheren Maria – dass man selbst eine so unreife Seele war und die anderen viel weiter waren. Aber dies war doch völliger Quatsch. David lobte diese Bekannten schon, aber immer wieder mit der Einschränkung, dass sie sich nichts darauf einbilden sollten, da sie (David vermied eigentlich das Wort „Inkarnation“ – es sei zu raumzeitlich, er konnte es aber nicht anders ausdrücken, da die Menschen ihn nicht verstehen würden) in früheren Leben alles schon durchlebt hätten und deshalb auf dieser geistigen Reifestufe seien.

„Kein Mensch ist wertvoller oder weniger wertvoll wie der andere, es gibt nur reife und weniger reife Menschen.“, betonte David immer wieder. „Der größte Fehler, den Menschen machen können ist, dass sie sich auf ihre Reife etwas einbilden und meinen, dass sie etwas ‚besseres’ seien.“

David warnte die Menschen immer wieder davor. Sicherlich machten sich genau diese „reife Seelen“ im Beisein Davids klein, aber was hinter den Kulissen stattfand, war bühnenreif. Jeder von ihnen holte den „Joker“ heraus und jeder auf eine ganz bestimmte Weise. Es gab Menschen, die Leute um sich scharten, um ihnen das Wissen zu vermitteln. Andere wiederum machten diese Aktionen heimlich, waren sich aber trotz allem sehr bewusst darüber, dass sie „auserwählte, reife Seelen“ waren. David erzählte ihnen immer wieder davon, dass man sicherlich eine große Freude mit seinen Büchern haben konnte, wenn man den intellektuellen Weg geht. Aber große Vorsicht war geboten, sich damit nicht besser zu machen und außer­dem den praktischen Teil dabei nicht aus den Augen zu verlieren. Immer wieder warnte er davor, dass man intellektuell nicht weiterkäme, wenn man das Prinzip nicht auch lebe. Wenn man alles nur rational verstanden habe, plappere man ihm genauso nach, wie alle anderen auch.

David erkannte, dass er viele Dinge tausendfach erzählen musste und trotz allem fielen viele Menschen auf ihren Ego-Trip herein.

Maria wunderte sich darüber, dass (bis auf wenige Ausnahmen) ausgerechnet die Menschen sich z.T. untereinander nicht verstanden, die angeblich zu dem „ausgewählten Reife-Seelen-Kreis“ gehörten. Sicherlich sah jeder von ihnen den Splitter in den Augen der anderen, aber der eigene Balken machte sie blind. David erzählte genau diesen Menschen immer wieder das gleiche. Da zwei dieser besagten „reifen Seelen“ immer wieder abstürzten, da sie sich intellektuell haushoch überlegen fühlten, war es für die anderen natürlich ein gefundenes Fressen, über diese Menschen zu urteilen. Der angebliche „Heiligen­schein“ blinkte nicht mehr so stark und einige „Erdenwesen“ übten sich schon in einer gewissen Schadenfreude.
Obwohl David immer wieder betonte, dass man über diese Menschen niemals richten sollte, da sie eine höhere Prüfung zu bewältigen hätten und er diese Geschichten nur erzählte, damit die anderen Leute davon lernen konnten, merkte Maria schon, dass man nicht davor gefeit war, zu urteilen.

Erinnerst Du Dich Maria, dass auch Du über diese Menschen gerichtet hast? Du warst auch nicht immer wertfrei. Eines muss ich Dir aber zugute halten, Du zeigtest nie Schadenfreude oder Spott für diese Menschen. Du hast zwar versucht, Dich neutral zu verhalten, aber Du hattest öfter das Gefühl, dass diese Wesen nicht richtig handelten. Man sieht immer den Splitter im Auge der anderen, aber niemals den Balken in den eigenen Augen. Du siehst doch, dass auch auf diesem sogenannten spirituellen Weg Konkurrenzdenken herrscht.
Wenn all die Menschen verstehen würden, dass außer ihnen keine anderen Lebewesen existieren, sondern dass auch sie selbst nur eine Traumgestalt in ihrem eigenen Film sind, wie sollte dann auch nur eine Spur von Neid auftauchen? Diese Menschen bekämpfen in ihrer Eifersucht doch nur sich selbst.

Maria dachte über Davids Worte nach. Einige Menschen lobte er, die seines Erachtens intellektuell die Sache meisterten. Er wies aber immer wieder darauf hin, dass der praktische Teil genauso wichtig sei und genau diese Leute daran arbeiten sollten. Andere definierte er als reife Seelen, ohne eine Begründung dafür abzugeben. Auch Maria verfiel dem Wahn, diese Menschen als „erleuchtete Wesen“ anzusehen. Sicherlich war es ganz einfach, wenn man selbst nicht darüber nachdachte, sondern wie ein Herdentier dem Rudel folgte, ohne sich eine eigene Meinung darüber zu bilden. Maria hatte vor ihrer eigenen Courage Angst, da sie glaubte, sie sei zu blind dafür, einige Sachen zu überprüfen. (DES KAISERS NEUE KLEIDER).

Sie sollte nicht urteilen, also gab sie sich hin. Es gab auch viele Menschen, die genauso darüber dachten und diese „Erleuchteten“ anhimmelten, bis auf wenige Ausnahmen, die sich selbst ein Bild über diese Menschen machten. Maria verstand die Leute anfänglich nicht, da sie ihrer Meinung nach doch hätten „erkennen müssen“, dass sie genau diesen „weisen Menschen“ den Rücken kehrten. Hatte sie denn nichts von Davids Worten begriffen? Aber weit gefehlt! Es war einfach phänomenal, wie sich mit der Zeit alles aufklärte und sich dabei zeigte, dass eigentlich ALLES spiegelverkehrt war.

Felix meldete sich wieder zu Wort. Maria, hast Du eigentlich einmal darüber nachgedacht, warum diese Menschen so groß wurden und einige von ihnen einem Ego-Trip verfielen? Du und all die anderen habt sie zu auserwählten Menschen gemacht. Ihr habt diese Seelen dazu animiert, sich über die anderen zu erheben. Ihr habt nie darüber nachgedacht, sondern seid wie schlafende Wesen den anderen gefolgt. Ich habt den Geltungsdrang geradezu schürt, wenn ihr diese sogenannten Weisen brav nickend anbetet. Es steht hier nicht zur Debatte, ob diese Menschen wirklich erleuchtet sind oder nicht, sondern es geht einzig alleine um die Tatsache, dass ihr alle Schlafwandler ohne eigene Meinung seid. Wenn ihr Euch nur einmal selbst beobachten würdet, brauchtet Ihr keinen Außenstehenden, der Euch angeblich völlig neutral in die Schranken weist. Auch diese „reifen“ Menschen sind in einem Raster und können nur so agieren, wie es ihrer eigenen Logik entspricht.

Ich, liebe Maria, bin völlig wertfrei. Ich urteile und richte nicht! Du kannst mir vertrauen und ich lasse Dich genau das denken, was Dir in Deinem Kopf herum geht. Ich werde versuchen, Dich in die Schranken zu weisen, wenn Du Dich in Deiner Logik verirrst. Wenn Du all den Menschen die Freiheit gibt, musst Du aber auch zulassen, dass sie so sein dürfen, wie Gott es bestimmt. Du schränkst sie ein, wenn Du sie in Deine Wertevorstellung pressen möchtest.

Ich habe jetzt ein ganz banales Beispiel für Dich. Stell Dir doch bitte die Gattung „Tier“ vor - und nun zwei unterschiedliche Kreaturen Wenn Du eine Katze siehst, weißt Du im wesentlichen, wie dieses Tier reagiert. Und nun stelle Dir einen Hund vor. Auch dieses Tier hat seine ganz eigenen Verhaltensmuster. Du kannst keine Katze zum Bellen bringen und keinen Hund zum Miauen. Die Katze entspricht einem eigenwilligen Wesen, das seine Ruhe braucht. Der Hund braucht seine Bewegung. Ihr Menschen macht Euch keine Gedanken darüber, die Verhaltensmuster dieser unterschiedlichen Tiere zu verändern. Ihr wisst ganz genau, dass eine Katze eine Katze ist und ein Hund ein Hund usw.

Zweites Beispiel: Stell Dir doch bitte die Gattung „Mensch“ vor – und nun zwei unter­schied­liche Personen. Denke bitte an Clarissa und Berta oder Thorsten und Boris. Grob gerastert erkennt man den erheblichen Unterschied zwischen den Personen, aber Ihr Men­schen versucht immer wieder, die anderen zu bekehren. Ihr lasst sie nicht so leben, wie es der Schöpfer bestimmt hat und somit begeht Ihr den großen Fehler, dass Ihr meint, diese Wesen seien falsch programmiert. Was maßt Ihr Euch eigentlich an? Felix wurde immer energischer und setzte sein Reden fort. Wer bestimmt eigentlich, was richtig ist und was falsch? Die meisten Menschen richten und richten und richten. Was wollt ihr eigentlich richtig stellen? Ist ein Nichtraucher ein besserer Mensch als ein Raucher? Und nun werde ich deutlicher! Wenn Du ein geselliges und spontanes Wesen mit einer ruhigen und belesenen Person vergleichen müsstest, wer wäre für Euch Menschen die reifere Seele?
Na, Maria, in Deiner Logik ist Dir David sehr angenehm, weil Du auf der einen Seite ein sehr zurückgezogener Mensch bist, aber auf der anderen Seite auch mit Deinem Mann in die Öffentlichkeit musst. Der Wechsel zwischen Ruhe und Hektik ist sehr ausgeglichen.

Jetzt denke einmal über so viele Bekannte nach, die glauben, dass es zu der „geistigen Reife“ gehört, nur zu lesen, kein Fernsehen, keine Zeitschriften, kein Smalltalk, keine Menschen um sich zu scharen, weil man meint, man könnte sich mit niemanden mehr unterhalten, weil man ja jetzt so weise sei, usw. Findest Du nicht, dass es sich alles ziemlich esoterisch anhört?

Glaube mir, Maria, Gott hat die Welt nicht erschaffen, dass man in Askese sein Dasein fristen muss. Die Welt ist so vielfältig. Man muss nicht mit allen Dingen auf Resonanz sein, aber Ihr Menschen solltet nicht alles ablehnen, weil Ihr glaubt, Ihr seid dadurch bessere Wesen!

14.05.2001 – 17.15 Uhr

Marias Gedanken schweiften ab zu Simon. Der letzte Satz von Felix hämmerte noch in ihrem Kopf. Simon war am letzten Wochenende bei den beiden zu Besuch. David berichtete immer wieder davon, dass Simon trotz seines jungen Erdenalters eine reife Seele sei. Die beiden hatten früher mehr Kontakt zueinander, aber nachdem auch Simon sich von David abnabeln musste, sah man sich nicht so oft. Beim vorletzten Besuch wunderte sich Maria, dass David sich völlig anderes verhielt als gewohnt. Maria hatte jede Menge Bügelwäsche und musste sich an die Arbeit machen. David hatte ihr vor Wochen eine moderne Bügelstation geschenkt, die aber für sie einen kleinen Haken hatte und zwar die „Kindersicherung“ am Wassertank.

Marie könnte heute noch darüber lachen, wie dumm sie sich angestellt hatte.

Nach einigen Versuchen klappte es immer wunderbar, das Wasser nach­zufüllen. Der Dreh­knopf des Wassertanks hatte eine Windung, die eigentlich völlig unkompliziert war. Es lag definitiv nur an der Kindersicherung. Maria hatte öfter Probleme mit diesem System, was eigentlich in ihrem Alter bei Gott nicht hätte passieren dürfen.

Kurz und gut, nach mehrmaligen Versuchen klappte es mit diesem Knopf sehr gut, aber auf einmal stürzte ihr „System“ ab. Sie fühlte sich von David beobachtet und prompt lief nichts mehr. Simon schaute lächelnd zu, nachdem David vor lauter Unverständnis aus seinem Stuhl sprang und deutlich machte, dass Maria „wohl zu dumm für eine Kinder­sicherung“ sei. Maria fühlte sich in diesem Moment gedemütigt. Warum reagierte er so auf­brausend wegen dieser Lappalie? Sie versuchte ruhig zu bleiben und sich nicht provozieren zu lassen.

David hingegen schaute zu Simon herüber und sagte, dass er nichts umsonst tue. „Das Problem mit der Kindersicherung ist in dieser Situation für Simon bestimmt, nicht für Dich. Es ist doch so leicht, dieses Prinzip zu ‚durchschauen’.“

Maria hatte das Gefühl, dass Simon mit dieser Aussage noch nicht viel anfangen konnte.

Beim letzten Besuch entschlüsselte David sein Geheimnis. Er redete mit Maria darüber.

„Simon kann mir geistig absolut folgen, er arbeitet auch selbständig weiter. Aber bei ihm ist das Problem, dass er so viele Dinge erst sieht, nachdem ich ihn darauf hinweise. Er kann alles nachvollziehen, was ich sage, aber er bleibt in seinem System und kann noch nicht selbständig über seine Grenzen hinaus denken“.

Die zweite Situation mit Simon war zwar für Maria eindeutig, aber für diesen jungen Mann noch nicht. Nicht, dass Maria sich schlauer fühlte als er, sondern sie kannte die Problematik aus eigener Erfahrung.

David schaltete den Fernseher ein. Obwohl ihm absolut bewusst war, dass Simon weiterhin große Probleme mit seichten Fernsehsendungen hatte, schaltete ihr Mann zwischen Reality-Shows, Daily-Soaps, Verkaufssendern und Talk-Shows hin und her. Maria beobachtete, wie Simon reagierte. Sie hatte erfahrungsgemäß schon im Vorfeld gewusst, wie er reagieren würde. Simon hatte ein großes Problem mit diesen seichten Fernsehbildern. Immer, wenn er bei ihnen zu Besuch war, spielten sich in seinem Leben die gleichen Reaktionen ab. Er lehnte es völlig ab, sich diese Dinge anzuschauen. Er ging nicht aus dem Wohnzimmer, sondern er amüsierte sich fast urteilend über diese Dinge oder nahm sich „bewusst ein Kissen“ vor die Augen.

Maria beobachtete, wie David sich verhielt. Völlig teilnahmslos nahm er die Fernbedienung und schaltete immer wieder die gleichen Kanäle ein, völlig bewusst, dass Simon damit noch ein großes Problem hatte. Er spielte ihm immer wieder die gleichen Bilder ein. Es war ein Spiel, dass David mit Simon spielte, bis er nicht mehr so reagierte, wie bisher. Für Maria war es offensichtlich, was David mit ihm vor hatte. Dass David auch in ihrem Beisein öfter die Fernsehkanäle wechselte war nichts Neues für sie, aber er schaute sich diese Shows oder Soaps nicht so intensiv an, im Gegenteil, er schaltete meist sofort um, wenn diese über den Bildschirm flackerten.

Simon musste lernen, sich „mit allen Dingen“ auseinander zu setzen, ohne urteilend zu reagieren. Maria fragte sich nur, wie oft David dieses Spiel mit Simon noch würde spielen müssen.

24.05.2001 – 17.50 Uhr

Maria fand sich am Computer wieder. Sie erinnerte sich grob daran, dass sie sich für eine Weile auf dem Balkon gesonnt hatte. Sie dachte über „Gott und die Welt“ nach.

Hallo Maria, ich bin es wieder, Dein Felix. Du bist Gott für Deine Welt, also hast Du nur über Dich nachgedacht. Verstanden?

Ja, sagte Maria leise zu Felix, ich habe Dich verstanden. Also muss ich mich wieder an den Computer setzen, da mir einfach eine Geschichte nicht aus dem Kopf geht. Ich weiß, dies ist nur ein riesiger Gedanke in meinem Kopf. Ich kann nicht beweisen, dass ich dies alles erlebt habe, aber ich bin immer noch nicht hinter den „eigentlichen Sinn“ gekommen. Vielleicht gehen mir dann die Lichter auf, wenn ich alles niederschreibe, dachte sich Maria.

26.05.2001 – 11.05 Uhr

Maria begab sich schon in den frühen Morgenstunden an den Computer, weil sie sich später im Sonnenschein noch brutzeln wollte. Es war zu früh sich in die Sonne zu legen, so dass sie sich zunächst an den Bildschirm setzte. Der erste Gedanke war, dass sie die „besagte Geschichte“, die sie im Kopf hatte, eigentlich schon fast fertig geschrieben hatte. Aber eine Stimme gab ihr ein – natürlich handelte es sich um Felix – diesen Part einfach auszulöschen. Also begab sie sich als erstens daran, sowohl im Computer als auch in ihrem Gedanken-Computer die Geschichte einfach auszulöschen. Eines aber wollte sie trotz allem in Kurzfassung aufschreiben, nämlich die ganze Symbolik dieser Szene ihres Lebensfilms.

Sie ereignete sich vor ca. einer Woche. David und Maria bekamen für drei Tage Besuch. Sie wunderte sich, dass sich ca. 20 Meter vor der Haustür – eigentlich direkt in einer Kreuzung zwischen ihrer Strasse und einer Querstrasse – eine Baustelle befand. Da Maria am Vortag zum Einkaufen gefahren war und diesbezüglich keinerlei Hindernisse oder Vorboten einer Sperre bemerkt hatte, war sie überrascht, woher diese Baustelle wohl kam.

Liebe Maria, sagte Felix, natürlich nur aus Dir. Er schmunzelte und ließ Maria weiter­schreiben.

An dieser besagten Baustelle wurde die Strasse für einen Spalt aufgerissen und irgendetwas an den „Wasserrohren“ repariert. Ihr Straßenname hatte etwas mit einem Haus zu tun, die Querstraße mit einer Tür. Der Durchgang zum „Haus“ war somit versperrt und man konnte auch nicht durch die „Tür“ gehen (fahren). In einfacher Sprache ausgedrückt, das „Haus“ – „Innenleben“ war blockiert.

Da die Besucher aus verschiedenen Städten kamen, hatten die ersten Gäste die Möglichkeit noch an der Baustelle herum zu fahren. Die junge Frau, die etwa eine halbe Stunde später kam, rief aufgeregt über ihr Handy den Bekannten von David an. Der junge Mann erklärte ihr den Weg. Er sagte ihr, dass sie einen kleinen Umweg über einen Berg machen müsste, um in die Wohnung von David zu gelangen. Der junge Mann hieß Joachim und war ein sehr netter und ehrlicher Mensch. Er brachte eine Bekannte von David mit, sie trug den Namen Regina. Da die beiden eine große Ruhe in sich trugen und absolutes Vertrauen in David und seine Lehren hatten, war es für sie kein Problem, an dieser „Baustelle – oder auch Hindernis“ – vorbei zu fahren. Nur die junge Frau namens Corinna war in sich noch nicht völlig gereift. Sie trug noch viel Wollen in sich und konnte somit die Baustelle nicht umfahren, sondern musste einen Umweg über einen Berg in Kauf nehmen. Corinna machte sich darüber aber keine Gedanken, da sie andere Dinge im Kopf hatte, die sie mehr interessierten. Maria war schon darüber erstaunt, was vor ihrem Haus ablief, konnte sich aber diesbezüglich noch keinen Reim darauf machen. Es war nur so nett anzusehen, dass Corinna und Joachim sich über Handy (Maria kam ein Gedankenblitz – Handy hat doch auch etwas mit einer Hand zu tun) unterhielten und Joachim telefonisch Anweisungen gab, wie sie das Hindernis umfahren musste. Joachim nahm somit Corinna buchstäblich an die Hand, um sie über einen Umweg zum Ziel zu bringen.

Am nächsten Tag wurde wegen der Baustelle auch noch zwischen 12.00 und 16.00 Uhr das Wasser abgedreht. Während dieser Stunden stand die Zeit (die es nicht gab) still. Alte Strukturen der Menschen kamen hoch, die wie ein „Kloß im Hals“ stecken blieben. Nachdem das Wasser (Zeit) wieder aufgedreht worden war, veränderte sich der Lebensfilm ins komplette Gegenteil. Alles was vorher in Harmonie, Geduld und Liebe war, änderte sich schlagartig zur anderen Seite. Durch die stehen gebliebene Zeit konnte nichts mehr fließen oder sich entwickeln. Es war einfach ein Phänomen, dachte sich Maria. Ich habe noch nie so klar die Bilder vor mir gesehen, mit all den Zeichen und Wundern.

Siehst Du Maria, meldete sich Felix zu Wort, alles hat seinen Sinn. Du warst in Deiner Beob­achtung nicht immer aufmerksam. Du musst trainieren (ohne Dir lange den Kopf zu ze­rbrechen), viel früher darauf zu kommen, was Dir die Dinge sagen sollen. Aber ich habe unendliche Geduld mit Dir und ich freue mich, dass Du, wenn auch verspätet, einsichtig und nicht immer einseitig bist.

Heute morgen (wenn es diesen Zwischenfall jemals gegeben haben sollte) hast Du die Geschichte, also somit auch Deine Vergangenheit, verändert. Du hast sie einfach ausgelöscht und ich habe Dir einen „viel schöneren und einsichtigeren Gedanken“ gegeben. So einfach ist das Prinzip, das David lehrt.

Maria hatte David darüber informiert, dass sie eine Passage in ihrem Schriftwerk gelöscht hatte. David lächelte nur und sagte, dass man von alten Gedanken loslassen müsste, dann kämen automatisch viel schönere Dinge zum Vorschein.

Maria wurde von einem unendlichen Glücksgefühl übermannt. „Ja, jetzt kann ich mich auch genau daran erinnern, dass die ganze Episode oder das Märchen wie Puzzlestücke zusammen passen“, rief sie laut vor sich hin.

Maria erinnerte sich auch schlagartig daran, dass David immer wieder Joachim lobte, dass er ein sehr ehrlicher Mensch sei (natürlich hatte auch er seine Macken). Außerdem hatte Joachim vor einigen Tagen auch das Schriftwerk von David mitgebracht, das er sich seinerzeit besorgte. Das Buch war ein großes und sehr gepflegtes Werk in einer Schatulle. Joachim bat David eine Widmung hinein zuschreiben. Normalerweise tat David dies nur in Einzelfällen, da er keinerlei Stolz in sich trug, sich zu „verewigen“, aber für Joachim tat er es gerne. Die Widmung war teilweise in Latein geschrieben und als Abschluss in Deutsch. David schrieb folgendes: Ohne das Anhauchen Gottes gibt es keinen großen Mann – werde Liebe und werde frei, dass ist Dein Ziel.

Er übersetzte Joachim das Geschriebene, aber einige Tage später telefonierten die beiden noch einmal, weil er den „Sinn der Worte“ vergessen hatte.

Aber nun weiter zu der „eigentlichen Geschichte“.
Nachdem sich die „Filmspur“ nach dem Zwischenfall mit dem „Wasser – Zeit“ verändert hatte, musste sich Maria permanent bemühen, sich nicht zu sehr mit den Wesen zu identifizieren. Es sollte nur ein Lehrfilm sein, der ihr zeigen sollte, wie schnell Situationen umkippen und etwas völlig unerwartetes eintreten konnte.

Maria erinnerte sich, dass David spät am Abend noch mit Corinna und Regina ein „I-GING“ warf. David las das Ergebnis laut am Tisch vor und es war gigantisch, was in dem Buch stand. Es war genau die Situation beschrieben, in der sich Corinna und Joachim befanden. Regina freute sich, mit welchen Worten alles beschrieben wurde, Joachim verstand, dass er in diesem „Part“ die Rolle eines Hauptdarstellers hatte, der nur dieser „Person Corinna“ aufzeigen musste, dass Freiheit und Liebe wichtig waren. Er - als Person - war dabei völlig unwichtig.

Corinna hingegen bezog es auf die Person Joachims und sagte selbst, dass sie den Inhalt überhaupt nicht verstanden hätte. Auch nach einigen kleinen Übersetzungen Davids konnte sie nur einen Funken dessen verstehen, was die Übersetzung ihr sagen sollte. David wies sie (auch Joachim) immer wieder darauf hin, dass die Person „Joachim“ nicht wichtig sei, sondern dass es um einen Mann (Geist) gehe, der ihr den Weg zeigen würde.

„Corinna“, sagte David, „Du bist zwar körperlich eine Frau (Welt), aber in Wirklichkeit bist Du Mann (Geist). Joachim ist Deine Frau (Welt). Das gleiche gilt für jeden Menschen. Ob seine körperliche Erscheinung Mann oder Frau ist, spielt keine Rolle. Alles ausgeträumten Wesen sind weiblich (Welt) und der Geist bleibt immer „männlich“. Ich muss raumzeitlich sprechen, da Ihr noch keine andere Sprache beherrscht. In Wirklichkeit ist alles ganz anders und dann seid Ihr eh wieder alle nur eins. Aber ich kann es Euch nicht besser erklären. Nicht, weil ich es nicht anders ausdrücken könnte, aber Ihr würdet mich nicht verstehen, also lasse ich es.“, beendete David sein Reden.

Joachim versuchte (mit Sicherheit auch unbewusst), Corinna (geistig) die Hand zu reichen, um ihr eine ganz andere Logik zu zeigen, und zwar ausschließlich „seine LOGIK“.

Aber Corinna versuchte mit ihrer „alten Struktur“ Joachim in ihre LOGIK zu ziehen, was natürlich scheiterte. Sie versuchte alle weiblichen Tricks anzuwenden (Schmollen, Tränen, Trotz usw.), aber nichts änderte die Situation.

Vor dieser Episode erwähnte Maria noch eine Erinnerung aus ihrem eigenen „angeblichen“ Leben. Sie erzählte lächelnd ihre Dummheiten von früher und zwar, dass sie seinerzeit alles dran setzte, um David auf ihre Seite zu ziehen.

Maria hatte mittlerweile aus ihren Fehlern gelernt. Da sie ihr Mann genauso „dickköpfig“ empfand, wie sie selbst, versuchte auch sie mit allen Mitteln ihn unter Druck zu setzen. Auch Maria scheiterte an ihrem EGO.
Bis sie eines Tages erkannte, dass Davids angebliche „Sturheit“ in Wirklichkeit gar keine war, sondern, dass er bewusst ohne WENN und ABER seinen Weg (zu Gott) ging.

David sagte ihr auch immer wieder, dass es ihr freigestellt sei, ob sie gehen wollte oder bei ihm bleiben möchte. Da er seinen Weg gefunden hatte, würde ihn nichts mehr davon abbringen, diesen Weg weiterzugehen, obwohl er sie liebte. Aber er erwähnte immer wieder, dass er Gott über alles liebte und sie erst an zweiter Stelle käme.

Maria fiel es wie „Schuppen von den Augen“. Sie hatte verstanden!

Dies war nur ein „Kurz­film aus ihrer Vergangenheit“, der ihr aufzeigen sollte, wie blind und trotzig sie sich seinerzeit verhalten hatte. Auch David oder Joachim hatten keine Chance, Corinna zu helfen. Maria wusste endlich, dass auch sie eine „frühere Corinna“ war. Sicherlich versuchte sie Corinna zu helfen, indem sie sich zu ihren Dummheiten bekannte, aber sie hatte keine Chance. Es war wie damals, als David sie ebenfalls nicht erreichen konnte. Für Corinna war es sicherlich auch sehr schwer, sich ihrem ganzen „Publikum“ zu offenbaren. Maria musste völlig wertfrei zugeben, dass Corinna in diesem „Bühnenstück“ die Rolle einer Hauptdarstellerin hatte, die einen wirklich „ganz blöden Part“ hatte. Maria hätte niemals mit ihr tauschen wollen.

Hallo Maria! rief Felix. Hast Du nun Deine Lektion gelernt? Du hättest nicht über diese Erlebnisse richten sollen. Sicherlich war Deine vermutete Vergangenheit auch nicht so rosig, als Du mit weiblicher Raffinesse versuchtest, David vom Gegenteil zu überzeugen. Du darfst Dich nicht komplett identifizieren, sondern Du musst den groben Charakter verstehen. Du solltest diese Menschen lieben. Auch Du hattest diese Facette in Dir. Da Du aber auch viel Liebe in Dir hast und nicht so berechnend bist, kamst Du aus dieser Phase schneller heraus. Du weißt, David hatte Dich früher (vermutete Vergangenheit) so gereizt, dass Du mit seiner Hilfe einen Sprung nach vorne machen konntest. Aber nur durch seine Liebe hast Du den Absprung geschafft. Also richte nicht über irgendwelche Menschen, die noch in dieser Phase stecken.

26.05.2001 – 15.18 Uhr

Maria stand von ihrer Sonnenliege auf, um sich wieder an den Computer zu setzen. Felix ließ ihr einfach keine Ruhe und sie musste sich ihm hingeben. Er spielte ihr pausenlos ihre „vermutete Vergangenheit“ ein und sie schämte sich entsetzlich. Außerdem spielte er ihr immer wieder das Wort „Reue“ ein.

Maria kam zu der Erkenntnis, dass sie in ihrem Leben viele Dinge tat, wo sie komplett neben sich stand und aus reinem Egoismus agierte. Manchmal spielten auch Rachegelüste mit, die sie wohl jahrelang unterdrückt hatte. Sie konnte sich nicht mehr an die Person „Maria“ erinnern Sie wusste nicht einmal wie sie in jungen Jahren ausgesehen hatte. Vielleicht auch deswegen, weil sie die „alte Maria“ aus ihrem „neuen Leben“ schon ausgelöscht hatte? Sie brauchte keine Psychoanalyse von sich, warum so ein kleines törichtes Mädchen so funktionierte. Nein, es ging jetzt um „Reue“.

Maria bereute aufrichtig ihre Fehler. Aber sie litt nicht mehr darunter, da diese Geschichten eigentlich aus ihrem Kopf gestrichen waren. Ja, bis zum heutigen Tag. Maria stand vor dem „JÜNGSTEN GERICHT“ J.

Maria erinnerte sich, wie sie mit 16 Jahren die erste „festere Freundschaft“ zu einem jungen Mann hatte. Peter hieß er und er entsprach genau den Vorstellungen Marias. Er war ca. 3 oder 4 Jahre älter als sie, fast 1,90 m groß und dunkelhaarig. Er war der perfekte Macho, zu dem sich Maria hingezogen fühlte. Nachdem er Maria für ein paar Monate demütigte – wie ein kleiner Macho es eben tat – beendete er die lapidare Beziehung und trennte sich von seinem Spielzeug Maria. Sie litt unter diesen Demütigungen. Aber es machte sie eigentlich nur wütend, dass der erste Freund in ihrem Leben sie so eiskalt abservierte.

Erst einige Monate später erkannte sie, dass dieser junge Mann in einem Elternhaus aufwuchs, wo die Mutter ständig gemaßregelt wurde und sich in keinerlei Weise getraute, ihrem Sohn oder ihrem Mann „Paroli zu bieten“. Stumm nahm sie ihre missliche Lage hin, ohne auch nur ein Wort der Klage. Ihr Sohn entwickelte sich zu einem Tyrannen, wie es ihr Mann auch schon war. Peters Schwester war schon in jungen Jahren ausgezogen, da sie in dem Eltern­haus litt (sie wurde genauso behandelt wie ihre Mutter), sowohl von ihrem Bruder als auch von ihrem Vater – obwohl sie einige Jahre älter war als Peter.

Kurzum Maria hatte eine „große Erfahrung“ gemacht, die sie in ihrem Leben nie mehr wiederholen wollte. Aber sie hatte ihre Lektion nicht begriffen.

Nur zwei Jahre später begegnete sie wiederum einem typischen „Macho“. Er wohnte ca. 20 Kilometer von ihr entfernt und war auch einige Jahre älter als sie. Jörg hieß dieser Mann und er verkörperte natürlich wieder (in Marias Augen) das Idealbild eines Mannes. Sein Beruf war Fliesenleger. Jörg war in jungen Jahren schon einmal verheiratet gewesen, aber seine damalige Frau (auch noch ein halbes Kind) ließ sich seinerzeit scheiden.

Maria liebte an Jörg mit Sicherheit nur die „äußere Erscheinung“. Es störte sie überhaupt nicht, dass er Arbeiter war und sie in der Zeit die Fachoberschule besuchte. Maria hatte kein Problem damit, aber Jörg. Er fühlte sich an ihrer Seite minderwertig, obwohl sie ihm nie einen Anlass dazu gab. (Maria glaubte es zumindest immer, da sie sich keinerlei Schuld bewusst war – ob es der „Wirklichkeit entsprach, konnte sie heute nicht mehr sagen).

Jörgs Elternhaus war eine einzige Showbühne. Seine Mutter war um einige Jahre älter als ihr Mann und die beiden spielten vor Publikum immer das harmonische Ehepaar, ohne jegliche Probleme. Aber diese Frau litt unter ständiger Eifersucht. Ihr Mann hatte zahlreiche Affären und sie sah, dass sie in ihrem Alter keine Chance hatte, zu konkurrieren (fünfzehn Jahre Altersunterschied waren optisch gewaltig). Jörgs Mutter hasste Maria, obwohl sie ihr nichts getan hatte. Im Gegenteil, sie versuchte immer wieder Kontakt zu ihr zu bekommen, aber ihre „Schwiegermutter in spe“ hatte massive Probleme mit ihr. Sie war eine launenhafte Frau, die auf jedes „jüngere Wesen“ eifersüchtig war. Der tiefe Groll in ihr, dass Maria ihr den Sohn auch noch nehmen würde, machten sie zur Furie. Der Zustand wurde noch heftiger, nachdem die beiden beschlossen, sich zu verloben. Jörgs Elternhaus lag ungefähr 10 min. zu Fuß von den beiden entfernt. Die Situation zwischen den beiden (Dank der zukünftigen Schwiegermutter) wurde immer unerträglicher und Jörgs Verhalten wurde zunehmend aggressiver.

Maria konnte sich an eine „ausschlaggebende Situation“ erinnern, in der Jörg ihr nach einem Diskotheken-Besuch grundlos eine Ohrfeige verpasste. Er entschuldige sich sofort dafür, machte aber Maria dafür verantwortlich, da sie ihn angeblich eifersüchtig gemacht hätte. In Maria veränderte sich alles schlagartig. Sie wohnte mittlerweile mit Jörg zusammen und sie hasste ihn dafür. Was sie aber noch wütender gemacht hatte, war die Tatsache, dass es für sie kein Zurück gab. Sie wollte sich wegen dieser Ohrfeige nicht bei ihren Eltern beschweren, sonst hätte ihre Mutter ihr mit Sicherheit gesagt, dass sie wieder zurückkommen sollte.

(Marias Mutter war von Anfang an gegen diese Beziehung. Sie ließ es sich aber nicht weiter anmerken). Maria konnte sich nur an die Situation erinnern, als sie ihrer Mutter sagte, dass sie zu Jörg ziehen wollte. Ihr Mutter weinte laut vor sich hin und versuchte ihr diesen Plan auszureden. Nachdem sie aber erkennen musste, dass ihre Tochter zu stur war, ihr zu glauben, warf sie Maria ein „Glas“ hinterher. So hatte Maria ihre Mutter noch nie erlebt. Aber nach diesem Erlebnis sagte sie kein Wort mehr zu der Beziehung zwischen Maria und Jörg.

Nachdem die Stimmung zwischen Jörg und ihr nach dieser Ohrfeige immer frostiger wurde, beschloss Maria, sich mit Jörg in einer anderen Stadt eine Wohnung zu nehmen. Marias Schwiegermutter intrigierte weiterhin und Jörg saß zwischen zwei Stühlen. Sonntags ging er immer alleine zum Essen zu seiner Mutter. Maria war immer ausgeladen. Außerdem veränderte sich Jörgs Verhalten insofern, dass er heimlich seine geschiedene Frau wieder anrief. Da diese aber Skrupel hatte, sich wieder mit ihm einzulassen (sie aber dennoch immer noch in ihn verliebt war), beschloss Maria, Jörg die Freiheit zu geben. Da er sich noch nicht von Maria trennen wollte (er aber wieder Kontakt zu seiner Exfrau haben wollte), animierte ihn Maria, sich ruhig mit dieser Frau zu treffen. (Ob die beiden es jemals getan haben, war Maria völlig egal, denn sie hatte nur einen Wunsch, ihren Verlobten los zu werden).

Nachdem sich die Lage zuspitzte, zeigte ihr Verlobter Einsicht und die beiden zogen in eine andere Stadt, um noch einmal die Beziehung zu retten. Es dauerte nicht lange und Jörg wurde immer unzufriedener. Er hielt sich öfter in seinem Heimatort auf und so war Maria sehr oft alleine. Die Situation, die alles veränderte, ließ nicht lange auf sich warten. Eines Abends kam Jörg leicht angetrunken von seiner Arbeit nach hause. Maria wusste nicht, was er dort erlebt hatte, aber es dauerte nur Sekunden und schon hatte Jörg sie am Kragen gepackt und schüttelte sie durch. Maria schrie ihn an, dass er sofort aufhören solle und er setzte sich weinend neben sie. Aus seinem Mund kam aber keine Reue, sondern Vorwürfe über Vorwürfe, die er monatelang in sich hineingefresse hatte.

Maria stand mechanisch auf und ging ins Schlafzimmer und schloss die Tür ab. Am nächsten Morgen war die Stimmung frostiger denn je. Dieser Abend hatte alles in Maria zerstört. Sie empfand keinerlei Zuneigung mehr und sie versuchte mit ihm darüber zu reden, dass sie sich wohl besser trennen sollten. Aber dieser macho-artige Mann kam weinend zu Maria, entschuldigte sich vielfach und sagte ihr, dass er sich nicht trennen wolle. Maria hatte ihm schon bei der ersten Ohrfeige mit Trennung gedroht und ihm immer wieder gesagt, dass so etwas nie mehr vorkommen dürfe, sonst verließe sie ihn.

Nun gut, Maria verzieh ihm nur in ihrem äußerlichen Verhalten. Nachdem sie ihre aufgesprungene Lippe und die blauen Flecken an Hals und Brust sah, schwor sie Rache. Sie kochte weiterhin für Jörg, aber mit so einem Widerwillen, dass sie zum Beispiel die Lebensmittel bewusst nicht abwusch, ja, sie spuckte auch bei jeder Mahlzeit in sein Essen. Da sie nie mit ihm zusammen aß, spielte es auch keine Rolle. Eine ausschlaggebende Situation kam einige Tage später. Jörg war seit geraumer Zeit sehr nett zu ihr, aber Maria konnte beim besten Willen nichts mehr für ihn empfinden. Eines Tages lag er in der Badewanne und Maria betrat den Raum. Ihr Blick fiel auf Jörg und spontan zum Haarfön. Der erste Gedanke war, ob das Gerät wohl bis ins Badewasser reichen würde. Sie nahm den Fön, schaute auf ihren Verlobten und ... ja und kam wieder zur Besinnung. Nein, dies war auch keine Lösung, dröhnte eine Stimme in ihrem Kopf. Sofort am nächsten Tag packte sie einige Sachen zusammen. Jörg fragte zwar nach, was sie damit machen würde, aber sie beruhigte ihn, dass sie für diese Dinge keinen Platz hätte und die Kartons wieder bei ihren Eltern lagern wollte. Maria hatte mittlerweile Angst vor einer Aussprache mit ihm, weil sie nicht wusste, ob er noch einmal gewalttätig werden könnte. Sie packte und packte und ließ ihren Bruder oder auch Freunde kommen, um die ganzen Sachen abzuholen. Da Maria schon seit Wochen nicht mehr das Schlafzimmer mit ihrem Verlobten teilte, dachte sie sich, dass es offensichtlich für ihn wäre, dass sie auszog. Als sie ihm aber eines Tages sagte, dass sie sich von ihm trennen würde, verstand er die Welt nicht mehr.

Kopfschüttelnd ließ er sie aber dennoch gehen. Nachdem Maria wieder bei ihren Eltern eingezogen war, kam einige Tage später Jörg zu Besuch und weinte bitterliche Tränen, dass sie doch wieder zurückkommen solle. Maria blieb hart und er registrierte, dass er keine Chance mehr hatte. Sofort änderte sich sein Verhalten. Maria war schon fast versucht gewesen, ihm nachzugeben, aber genau in diesem Moment stellte er Ansprüche auf Kleinigkeiten, die er von ihr wieder zurück haben wollte. Maria verstand, dass sie endgültig den Schlussstrich ziehen musste. So endete recht sang- und klanglos ihre zweite längere Beziehung zu einem Mann.

Maria holte sich wieder ins „Hier und Jetzt“. „Ja, ich bereue meine Fehler. Aber es war wie ein großer Alptraum für mich“. Nach diesen Episoden veränderte sich auch Maria. Nach ihrer „Entlobung“ traf sie „durch Zufall“ ihren alten Freund Peter wieder. Er war so charmant, dass sie ihn kaum wieder erkannte. Marias Mutter schaute dem Schauspiel mit Bedenken zu, aber Maria versicherte ihr, dass sie jetzt an der Reihe sei und sich nie mehr so demütigen lassen würde.

Marias Rachefeldzug gelang auf Anhieb. Nachdem sich Peter geschmeichelt fühlte und sie sich dann eines Tages wieder mit ihm traf, bemerkte er sofort ihre Veränderung. Sie war für ihn eine selbständige Frau geworden, die er nicht mehr herumkommandieren konnte. Maria flirtete mit Peter und sagte auch zu, mit ihm in seine Wohnung zu fahren. Und dann geschah etwas, womit er nie gerechnet hatte. Maria ließ ihn einfach stehen und erfüllte nicht seine Wünsche. Nein, demütig musste er sie nach Hause fahren und sie hatte diesbezüglich das erste wirkliche Erfolgserlebnis in ihrem Leben.

Maria glaubte, ständig auf dieser Erfolgsschiene fahren zu können, irrte sich aber mächtig. Sie hatte sich zu einem kleinen Monster entwickelt, die versuchte, mit Männern zu spielen. Sie liebte es, mit Männern zu flirten und Beute zu machen. Aber sobald sie ihr Ziel erreicht hatte, wurden diese Objekte langweilig. Sie hatte in ihrem Leben mit Sicherheit viele Männer un­glücklich gemacht, aber sie befand sich auf dem Gerechtigkeits-Trip und hatte sich nicht unter Kontrolle. Sicherlich, ihre Rachegelüste an Männern konnte sie kurzzeitig stillen, aber sie empfand immer wieder ein schlechtes Gewissen für ihre Handlungen. Keine Frage, auch Maria musste Enttäuschungen hinnehmen, aber sie hatte mittlerweile gelernt, damit umzugehen.

Maria schaute sich die letzten Zeilen noch einmal an und wunderte sich, dass sie über eine Person namens „Maria“ schrieb, zu der sie absolut keinen Bezug mehr hatte. Es war ihr nur für kurze Zeit ein Alptraum eingespielt worden, aus dem sie lernen sollte!

„Jeder Mensch bekommt das, was er verdient!“, rief ihr Felix zu. „Ich habe Dich all diese Dinge jetzt denken lassen und Du hattest keine Chance, Dich dagegen zu wehren. Aber Du musst Dir keine Gedanken darüber machen, dass all diese Dinge wirklich geschehen sind, nein, es sind nur Gedanken im „Hier und Jetzt“, die Dich bereuen lassen sollten. Du weißt, dass Du mit vielen Enttäuschungen leben musstest, aber zum Glück war dies nur ein einziger großer Alptraum, an den Du Dich „Hier und Jetzt“ erinnern kannst. Außerdem hast Du aus diesen Erfahrungen gelernt. Du musstest so viele Dinge hinnehmen, bis Dir David über den Weg lief. Kannst Du Dich noch daran erinnern, dass Du seinerzeit erst ein Erdenalter von 30 Jahren erreichen musstest, um diesen Traummann kennen zu lernen? Musstest Du nicht durch Deine ersten Erfahrungen lernen, Dich unterzuordnen, ohne Dich dabei aufzugeben? Hast Du nicht seinerzeit Deinen Absprung gut geschafft? Du warst immer auf der Suche nach einem „richtigen Traummann“ und Jahre später hast Du ihn auch bekommen. Diese „angeblichen aufgeblasenen Männer“ waren nur „aufgeblasene Schöngeister“, die sobald man sie anfasste, zerplatzten. Auch sie waren wichtige Begleiter in Deinem Leben, aber Du musstest sie nicht festhalten. Durch Deine Art Dich zu verhalten, musstest Du solange Männer vergraulen, bis David auftauchte. Er hätte zu einem früheren Zeitpunkt in Deiner Entwicklung keine Chance gehabt, Dich geistig zu erreichen. Dies ist aber nur eine „rein raumzeitliche Erklärung“, damit Du die Dinge mit Deiner Logik fassen kannst.

In der „Wirklichkeit“ aber hat es nie einen David gegeben, der Dich hätte kennen lernen können. Du hast ihn eines Tages von einem höheren Wesen geschickt bekommen und erst dann wurde er materialisiert. Was lange währt, wird endlich gut! Das Zauberwort ist und bleibt Geduld!“

Maria erinnerte sich immer wieder an die Worte ihrer Mutter, dass ihr zukünftiger „Mann“ sie von ihrem „hohen Ross“ herunter holen werde. In all den Jahren hatte es niemand geschafft, auch nur annähernd Marias Geheimnis zu lüften oder ihre Festung (Maske) zu durchbrechen. Deshalb erschrak sie seinerzeit auch so darüber, dass David behauptete, er sei von ihrer Mutter geschickt worden, um sie glücklich zu machen und dass niemand sie besser kennen würde, als er. Wie recht er doch hatte!

Es war wirklich schon fast unheimlich, wie David mit ihr umging. Er zeigte ihr immer wieder ihre Grenzen auf, ohne dass je darüber gesprochen wurde. Auch hatten die beiden nie ein Hehl daraus gemacht, dass sowohl Maria als auch David eine eigene Vergangenheit hatten, die sie aber nie erwähnten. Maria wunderte sich manchmal, dass David Episoden aus seiner Vergangenheit erzählte, die sie noch nie gehört hatte. Er war und blieb für sie weiterhin ein Geheimnis.

Sie dachte über die kleine Geschichte nach, die sich seinerzeit bei ihrer Schwiegermutter ereignete. Damals hatte Maria großes Interesse daran zu erfahren, wie es ihrer Mutter wohl im „Jenseits“ gehen würde. Maria hatte – bereits bevor sie David kennen lernte – immer wieder versucht zu pendeln. Dieser Kontakt funktionierte solange, bis sie David begegnete. Sie erinnerte sich genau an die Worte ihrer Mutter, als sie beim letzten Mal pendelte: „Tut mir leid, aber der Mann stört!“ Maria erschrak, als kurze Zeit später das Telefon klingelte und David sie das erste Mal anrief. Es war schon erstaunlich, wie sehr David offensichtlich mit ihrer Mutter verbunden war!

Kurz und gut, obwohl Maria immer wieder Kontakt zu ihrer Mutter haben „wollte“, klappte gar nichts mehr!. Ihr Mann sagte ihr immer wieder, dass sie ihre Mutter loslassen müsse, denn nur die innige Verbundenheit des Herzens zähle. Außerdem ermahnte er Maria immer wieder, sie solle nicht so neugierig sein, weil sie es ihrer Mutter dadurch nur unnötig schwer mache, gehen zu können. Nach einigen Monaten hatte Maria verstanden und stellte ihr trotziges Wollen in den Hintergrund.

Eines Tages waren sie und David bei ihrer Schwiegermutter eingeladen. Maria wusste nicht mehr, wie die drei eigentlich auf das Thema gekommen waren, aber es war für sie schon sehr verwunderlich, als Davids Mutter sagte, dass sie vor Jahren solch eine Angst um ihren Sohn gehabt hatte, weil er beinahe gestorben sei. Maria wurde hellhörig. Er hatte diese Geschichte nie erwähnt. David schmunzelte und sagte Maria, dass er sie gerne schon längst darüber informiert hätte. Da sie aber so neugierig auf die jenseitige Welt war, sah er keinen Sinn darin, ihr von diesem Erlebnis zu erzählen. Davids Mutter schaute Maria fassungslos an. „Hat David Dir diese Geschichte noch nie erzählt? Nun gut, mein Sohn hatte vor Jahren eine sehr starke Lungenentzündung und musste ins Krankenhaus. Das Fieber stieg unaufhörlich und auf einmal war er für einige Zeit klinisch tot. Nur durch Reanimation holte man ihn wieder zurück. Gott sei Dank, ich hatte damals schon gedacht, wir hätten ihn verloren!“, erzählte sie.

Maria wurde kreidebleich und schaute David verblüfft an. „Warum hast Du mir nie davon erzählt David?“, fragte sie vorwurfsvoll. David lächelte sie an und erwiderte in kurzen und knappen Worten:

„Weil es eine völlig uninteressante Geschichte ist, die es mir nicht wert war, Dir davon zu erzählen. Außerdem warst Du seinerzeit viel zu neugierig. Und nun bitte ich Dich, mich nicht mit diesem Erlebnis zu löchern, weil ich Dir nicht davon erzählen kann. Nicht, weil es ein Geheimnis ist, sondern weil Du meine Worte nicht verstehen würdest!“



Maria versuchte einige Tage später, doch noch etwas über diese Geschichte zu hören, aber David blockte immer wieder ab. Bis Maria eines Tages einsah, dass man David keine Geheimnisse entlocken konnte. Wenn er ihr etwas zu erzählen hatte, dann würde er es auch freiwillig machen, dachte sie sich, und nervte ihn nicht weiter.




26.05.2001 – 18.15 Uhr

Maria ging ein Licht auf! David hatte sie seit geraumer Zeit immer „meine Hexe“ genannt. Wenn David und sie abends ins Bett gingen, war es für viele Leute ein Phänomen, dass sie so eng aneinander gekuschelt schliefen, dass sie nur eine Hälfte des Ehebettes benötigten. Auch wenn sie unterwegs waren und bei Bekannten schliefen, wunderten sich diese, dass die beiden immer nur eine kleine Schlafstelle benötigten. In dieser engen Schlafposition sagte David Maria oft, dass sie „Hexenhaare“ hätte. Sicherlich waren Marias Haare von Natur aus ein wenig rötlich getönt und naturgewellt. Aber war sie deswegen schon eine HEXE?

Felix schaltete sich ein.

Maria, Du dummes Kind! Haare stehen doch für Gedanken.

Hexe: Zaunreiterin – allgem. Bezeichnung für Gottheiten, Geistwesen und Menschen weiblichen Geschlechts mit außergewöhnlichen Fähigkeiten – mit meist als negativ bewerteten Eigenschaften.

Hexen: Waldfrauen, Waldgöttinnen, die eng mit den Walküren verbunden sind. Die Grund­lagen des Hexentums stammen aus dem germanischen Altertum. Bei den Heiden waren die Hexen als weise Frauen bekannt, bis dann die Kirche das Gesetz Mose übernahm, welches jede Hexe oder Zauberin zum Tode verdammte.

Maria, wenn Du eine Hexe wärest, dann wärest Du, wenn es viele Inkarnation gäbe, sicher schon oft gestorben. Erinnerst Du Dich daran, dass David immer wieder sagte, dass er vom Geist her schon uralt sei? Vielleicht seid ihr schon immer verbunden gewesen?

Du solltest Dir einmal Gedanken darüber machen, wieso Du David zum Mann hast!

Maria hatte über diesen Gedanken schon sehr oft nachgedacht, aber sie hatte die Lösung noch nicht gefunden. Sie erinnerte sich, dass David ihr aus heiterem Himmel gesagt hatte, sie sei seine Hexe, als Joachim, Corinna und Regina zu Besuch kamen. Außerdem habe sie mehr von ihrer Mutter geerbt als sie glauben würde:

„Maria, Du kommst mit Sicherheit in den Himmel, denn die Hölle hast Du schon hinter Dir!“, sagte David.

Maria lächelte ihren Mann an und nahm den Kugelschreiber, der „rein zufällig“ auf dem Tisch lag, und fragte David, ob er ihr das auch schriftlich geben könne.

David lächelte sie an und sie verstand nonverbal, was er eigentlich damit meinte.




28.05.2001 – 11.30 Uhr

Maria fand sich am Computer wieder. Sie hatte sich vorher einen Kaffee gemacht und stellte ihn nun neben sich auf den Schreibtisch. Felix ließ ihr keine Ruhe und hämmerte ihr den gestrigen Traum ein. Diesmal handelte es sich (wirklich) um einen Traum, an den sie sich plötzlich ganz genau erinnern konnte. Eigentlich wollte sie diesen „Alptraum“ schnell ver­gessen, aber Felix ließ nicht locker.

Na, meine, kleine Maria! Ich weiß, dass Du diesen Alptraum verdrängen wolltest, aber ich habe ihn Dir wieder eingespielt. Der Inhalt des Traumes ist zur Zeit für Dich unerheblich, aber die Metapher, die dahinter steckt, ist sehr lehrreich für Dich!

„Ich weiß ja, mein lieber Felix, Dich kann ich nicht täuschen, sagte Maria. Also gut, ich „würge“ mir diesen Alptraum noch einmal hoch. Du weißt am besten, was sich in mir abgespielt hat!

ALPTRAUM:

Als David und sie abends zu Bett gegangen waren, kuschelten die beiden noch und erlebten eine sehr schöne Nacht. Maria schaute sich Davids Gesicht sehr genau an und bemerkte eine Veränderung. Er sah für sie ein wenig dämonisch aus. Da es ihr fast schon ein wenig unheimlich war, versuchte sie die Situation ins Lächerliche zu ziehen. Sie grinste ihn an und sagte ihm, dass er im Augenblick aussähe wie ein kleiner Teufel und wenn er in dieser Nacht ein Kind gezeugt hätte, würde sicher auf seiner Kopfhaut das Zeichen 666 stehen. Maria kannte diese Gruselmärchen auch nur aus dem Fernsehen oder aus alten Mythologien und schwatzte natürlich alles Gelesene nach. David schaute sie streng an und sagte ihr, dass sie mit solchen Dingen keine Witze treiben sollte, da die Sache zu „ernst“ sei.

Komisch? dachte sich Maria. Diese Reaktion hatte sie ganz und gar nicht erwartet, da David eigentlich immer wusste, wann sie scherzte und wann nicht. Ehrfürchtig gestand sie, dass sie sich nichts dabei gedacht hätte und lächelte ihn verlegen an.

In dieser Nacht überkam Maria der Alptraum.

Sie träumte, sie sei mit David in einem Vergnügungspark. Maria befand sich auf allen „Geräten“ immer einen Waggon hinter ihm und sie sah, dass er vor ihren Augen ungeniert mit einer anderen Frau flirtete. Maria schaute sich in ihrem Traum an, wie wütend sie auf ihren Mann war, da er offensichtlich vor ihr keinen Respekt hatte und sie deutlich provozierte. Sie trottete immer wieder hinter David her. Er war aber damit beschäftigt , diese Frau nicht aus seinen Armen zu lassen. Innige Umarmungen und heiße Küsse folgten und Maria sah sich selbst aus einer gewissen Entfernung leiden.

Dabei hatte sie das Gefühl, dass über der Traumgestalt Maria ein völlig neutraler Beobachter stand, der sie zwang, sich diese Bilder anzuschauen.

Kurz und gut! Plötzlich stürzte vor ihren Augen das Gerüst einer „Achterbahn“ ein und begrub sie unter den Trümmern. Sie konnte sich „verletzt“ bergen. Sie sah auch, dass David und diese Frau vor ihren Augen innig umarmt weiter liefen und ihnen offensichtlich nichts passiert. war Sie machten auch keine Anstalten Maria zu helfen. Im Gegenteil! Sie lachten sie aus. Leicht blutend schlich sie hinter den beiden her bis zu ihrem Elternhaus.

Komischerweise war die ganze Familie anwesend (auch ihre verstorbene Mutter). Aber kein Mensch sah, dass Maria „verletzt“ war. David stellte ihrer Familie die neue Frau an seiner Seite vor und sagte Maria, dass er sich von ihr scheiden lassen wollte.

Maria erkannte in ihrem Alptraum, was ihr Traum-Beobachter ihr für „Prüfungen“ einspielte. Sie sah, dass sie Loslassen musste und dass „eine Welt einstürzte“, wenn ihr Mann sich einer anderen Frau zuwandte. Ihre körperlichen Verletzungen taten nicht weh, sondern nur die „seelischen“ Blutspuren (Egospuren). Maria spürte eine ungeheure Angst in sich aufsteigen und...

Maria wachte voller Unbehangen auf und sah David ruhig schlafend neben sich liegen. Da ihr Mann zwar körperlich schlief, aber geistig immer hellwach war (sie hatte öfter das Gefühl, er stelle sich nur schlafend, um sie zu beobachten), tippte sie ihn kurz an.

Maria wollte David umarmen und stellte mit Entsetzen fest, dass sein Schlafanzug völlig durchgeschwitzt war. Sie sprach ihn leise darauf an. Er antwortete ihr, dass er es wisse, aber keine Lust habe sich umzuziehen. Maria stand für David auf, besorgte ihm einen neuen Schlafanzug und er zog sich um. Die beiden legten sich wieder ins Bett und Maria wollte sich einem neuen Traum widmen, aber die letzte Szene des Alptraumes tauchte immer wieder in ihrem Kopf auf.

Nun gut, dachte sich Maria. Jetzt versuchen wir doch einmal den Film weiter zu spielen, aber dann führe ich Regie. Maria holte sich ganz bewusst das letzte Standbild in ihren Kopf und versuchte ein „Happyend „zu finden.

Die erste Filmspur bestand darin, dass Maria sich blutend zum Telefonhörer schleppte und ein Krankenhaus anrief. Kurze Zeit später trafen Notärzte ein, die sie sofort behandelten. Der „Traumarzt“ war wütend auf Marias Familie, die lächelnd zuschaute, wie sie winselnd am Boden lag. Ein Arzt schaute auf David (der mit seiner neuen „Flamme“ ruhig kuschelnd da saß und sich sichtlich über die Situation freute) und schrie ihn an, dass er ihn und ihre Familie wegen „unterlassener Hilfeleistung“ anzeigen wolle.

Nein, schrie Maria auf. Nicht meine Familie. Nur mein Mann trägt die Schuld.

Kleine Rachelüste waren in ihr hochgestiegen, die bewirkten, dass nur er für ihre Notlage verantwortlich war. David schmunzelte und sagte spontan, dass es ihn nicht interessiere, wenn man ihn verklagte. Außerdem könne man ihn ruhig einsperren, da er auch noch in der kleinsten Zelle „frei“ wäre. Maria schaute ihren Mann entgeistert an, der sich seiner neuen Freundin wieder vergnügt zuwandte.

Stopp! schrie Maria ihrem Regisseur zu. Dieses Ende gefällt mir nicht.

Nun gut, dachte sich Maria, jetzt kommt die zweite Variante.

Sie nahm das Standbild in ihrem Alptraum hervor, als sie auf der Krankenbahre lag. Sie wurde ins Krankenhaus gefahren und ein wundervoller und netter Arzt behandelte sie und sie verliebten sich.

Stopp! schrie Maria auf. Dieses Happyend ist fürchterlich.

Ich will, dass David wieder als Darsteller aufgenommen wird. Außerdem konnte sie sich nicht in irgendeinen anderen Mann verlieben, da sie David liebte und er ihr Ehemann war.

Also gut, dachte sich Maria, jetzt muss ich nur noch versuchen, David wieder in dem Alptraum auftauchen zu lassen.

Bis zu dem Punkt, an dem sie sich mit dem wundervollen Arzt zusammen tat, sah sie David vor sich. Er hatte während ihres Kranken­aufenthaltes seine Sachen gepackt und war zu seiner neuen Freundin gezogen. Jetzt war er aber wieder da und erzählte, dass seine neue Partnerin ihn vor die Tür gesetzt hätte, da er viel zu anstrengend für sie sei.

David schaute Maria mit traurigen Augen an und sagte ihr, dass er die Scheidungsklage wieder zurückziehen und zu ihr zurückkehren wolle. Maria triumphierte innerlich und sagte ihm, dass sie aber jetzt nicht von ihrem neuen Partner loslassen wolle und er sich, wenn er wieder mit ihr zusammenleben wolle, damit abfinden müsse, auch den anderen Mann zu akzeptieren.

Maria hatte keinerlei Interesse an diesem Mann, da sie David zurück haben wollte. Aber sie versuchte ihren Joker auszuspielen. David schaute sie an und sagte ihr, dass sie alles machen könne, was sie wolle. Er würde auch damit leben, dass sie einen Liebhaber habe. Das einzige, was zähle war, dass sie glücklich sei und er wolle sie wieder glücklich machen.

Nein! schrie es in Maria auf. Dies ist auch kein Happyend, was mir zusagt.

Ich habe keine Lust mehr, verschiedene Filmspuren zu durchleben.

Ich habe versucht, selbst Regie über einen Traum zu führen und erlebe Dinge, die danach noch grausamer sind, als die Ausgangsbasis.

Halt! schrie sie jetzt lauter in sich auf.

Ich will diese Bilder nicht mehr sehen und ich will mich auch nicht mehr einmischen. Ich habe erkannt, dass ich durch mein „Wollen“ die Dinge nur noch schlimmer mache.

Und dann, ja und dann schlief Maria ruhig in Davids Armen ein.

Na, mein kleines dummes Kind, wieder etwas gelernt? Siehst Du, Maria, dieser „angebliche Alptraum“, an den Du Dich nur erinnern konntest, weil ich ihn Dir wieder eingespielt habe (ob Du ihn wirklich erlebt hast, darüber wollen wir erst gar nicht reden) sollte Dir aufzeigen, dass Du Dich als „Kleingeist“ nicht in Deine „Lebens-Träume“ einmischen solltest.

Du musst Dir diese Dinge anschauen, ob Du willst oder nicht.

Und wenn Du meinst, Du könntest Dir (aus Deiner Logik heraus) ein Happyend aussuchen, gelingt es Dir nicht. Du kannst Dir viele Filmspuren ausdenken, aber Du wirst sicher auch erkannt haben, dass keine schöner wird, als die andere. Im Gegenteil, Du machst es nur noch schlimmer.

Du musst Dir all die Bilder anschauen, die noch tief in Deiner Seele schlummern. Dieses Beispiel sollte Dir nur zeigen, dass Du Dich als „kleines törichtes Mädchen“ nicht einmischen solltest. Ich muss ja wohl nicht erwähnen, dass Du noch Probleme hast, David loszulassen und dass Dein Gerechtigkeitssinn Dir immer wieder im Weg steht.

Wenn Du keine Angst mehr davor hast, werden Dir diese Bilder nicht mehr eingespielt werden. Kein höheres Wesen legt Dir Steine in den Weg. Du bist es, der sich unglücklich macht, nicht die anderen. Du siehst, dass Du selbst in Deinen Alpträumen immer wieder von David lernen kannst. „Es“ hat Dich auf die Probe gestellt und Du bist geradewegs in die „eigene Falle“ getappt. Aber gräme Dich nicht, meine Kleine, diese Dinge wirst auch Du noch verstehen!

28.05.2001 – 12.50 Uhr

Maria las sich die letzten Zeilen, die ihr Felix diktiert hatte, noch einmal durch. Dieser kleine Geist in ihrem Kopf hatte einfach so unglaublich viel Macht über sie.

Maria drehte sich kurz zu David um, der versunken in seinem Lieblingsstuhl saß und sich seinen Büchern widmete. Ihr Blick fiel zu dem Bücherregal und dann weiter zu einer Marionette. Diese Marionette war ein kleiner Richter mit Aktentasche und einem recht netten Gesicht. Maria hatte diese Puppe über ein Bücherregal am „Spielerkreuz“ an der Wand aufgehängt. Zum ersten Mal nach Jahren sah sie, dass das sogenannte „Spielerkreuz“ nur aus zwei Holzstäben bestand die zu einem „Kreuz“ zusammen geleimt waren. Maria hatte seinerzeit einen Nagel in die Wand geschlagen und hatte die Marionette mit dem Kreuz befestigt. Zum ersten Mal fiel ihr auf, dass dieses Kreuz eigentlich wie „ein kirchliches Relikt“ aussah. Aber noch faszinierender war, dass durch dieses „Kreuz“ Fäden verbunden waren und eine Puppe dadurch ihren Halt fand.

Felix meldete sich zu Wort. Hey, Maria, spinnen wir uns einmal einen Gedanken aus. Diese Sache mit der Marionette, dem Kreuz und den Fäden nennen wir als (Hirn) Gespinst einmal ein „Fadenkreuz“.

Maria war irritiert und konnte sich keinen Reim darauf machen. Da sie keinerlei Infor­ma­tio­nen von Felix dazu erhielt, fragte sie David, was die Bedeutung eines Fadenkreuzes sei. David legte sein Buch zur Seite und nahm stattdessen zwei Etymologie­bücher zur Hand und begann in einfachen Worten Maria eine Erklärung zu geben:

Ein „Fadenkreuz hat etwas mit einem Gewehr (Gewähr) zu tun.

Das Fadenkreuz zeigt Dir den Zielpunkt“ an. Interessanterweise hat das Gewehr auch etwas mit Patronen (Kugeln) zu tun. –

Patron: (lat. patronus) = Schutzherr, Schirmherr, rechtlicher Vertreter (insbesondere der Schutz­befohlenen, Freigelassenen und Klienten), entlehnt einer Bildung zu lat. pater – Vater, Hausherr.

Patrone: Metallhülse mit Treibladung und Geschoss für Feuerwaffen, Patron (16.Jh.) von frz. Patron m., das selbst aus lat. patronus entlehnt ist und zusätzlich zu den aus dem Lat. bzw. Mlat. übernommenen Verwendungen Schutzherr, Schutzheiliger schon in afrz. Zeit die Bedeutung Muster, Modell entwickelt, die später auch das Mlat. aufweist. Musterform ist eigentlich die Vaterform, nach der etwas entsteht (da der Vater für die Gestalt und Art des Sohnes als Vorbild gilt).

Hallo Maria, sind das nicht geniale Wortspiele? Alles hat seinen Sinn und Du weißt doch noch ganz genau, wie oft Du erwähntest, dass Du eine Marionette seiest. Du hängst genauso an den Fäden wie all die anderen Menschen, die Du Dir austräumst. Aber Du hast Dir noch nie Gedanken darüber gemacht, warum Marionetten am Kreuz hängen. Wer das Kreuz bewegt, ist Dir klar. Es ist Gott. Aber es sollte Dir jetzt klar sein, dass Dein „Vater“, („Gott“) sich im Zentrum befindet.

Maria wurde leichenblass. Ja, lieber Felix, wie immer hast Du recht. Warum bin ich denn nicht von alleine darauf gekommen?

Felix lachte laut auf. Du dummes Kind! Du hast Dir noch nie darüber Gedanken gemacht, was für eine Schönheit in all den Dingen liegt. Warum hat David mit seinen Büchern so eine große Freude? Er sieht in allen Sprachen und vor allen Dingen in der Ursprache Verknüpfungen, die alle lückenlos zusammen passen.

 

Er sieht in den Worten die Schöpfung und erkennt deshalb, dass alle Dinge im Leben ihren Sinn haben.

Maria, Du solltest versuchen, Dich auch einmal auf diese Dinge einzulassen und mit klaren Augen in die Welt hinein sehen. David hat dieses Prinzip vollkommen verstanden.

Du könntest noch so viel von ihm lernen, wenn Du Dich nicht immer dagegen sträuben würdest.

28.05.2001 – 13.30 Uhr

Maria erinnerte sich an die letzten Telefongespräche mit ihrem Bruder Thorsten.

Stopp! meldete sich Felix sofort zu Wort. Du kannst Dich nur im Hier und Jetzt daran erinnern. Ob diese Gespräch wirklich stattgefunden hat, kannst Du nicht beweisen. Außerdem hast Du in Deiner „angeblichen Vergangenheit“ nur einen Telefonhörer in der Hand gehabt und hast doch eigentlich nur mit Dir „Selbstgespräche“ geführt.

So, meine Kleine, jetzt bringe ich Dich nicht mehr aus dem Konzept. Wir beide wissen doch ganz genau, dass diese Personen nur in “Deinem Kopf existieren“ und Du sie vielleicht auch einmal „materialisieren“ kannst. Aber jetzt sind all die Anrufe oder Personen nur Gedanken in Deinem Kopf, mehr nicht. Ich muss Dich immer wieder einmal daran erinnern. Sonst verfälltst Du wieder Deinem „alten Glauben“, dass es außerhalb von Dir eine Welt gibt.

Okay, schreibe jetzt Deine bzw. meine Gedanken auf!

Maria fühlte sich ertappt. Felix kannte wirklich all ihre Gedanken. Nun gut, dachte sie sich, jetzt werde ich mir einige Dinge aus meinem Geist ziehen.

Die Telefongespräche mit Thorsten waren für Maria immer eine Bereicherung, da er so große geistige Sprünge machte, dass sie immer wieder irritiert war. Wenn Maria sich in eine Sache verfangen hatte, gab er ihr immer einen kleinen Wink und sie holte sich wieder ins Hier und Jetzt zurück. Beim Lesen der ersten 60 Seiten der „Schattenfrau“ hatte Thorsten eine Erleuch­tung nach der anderen gehabt, und das, obwohl er sich erst seit kurzer Zeit mit den Lehren Davids befasste. Maria wunderte sich, wie schnell er die Theorie in die Praxis umsetzen konnte, ohne abgehoben zu klingen.

David versicherte Thorsten immer wieder, dass er sich keine Gedanken darüber machen solle, wenn er vieles in seinen Büchern nicht verstehe:

Der praktische Teil wäre viel wichtiger als die Theorie; aber wenn man den intellektuellen Weg gehen möchte, sollte man ihn nur einschlagen, wenn es einen wirklich interessiert und sich nicht kasteien. Jeder hat einen anderen Weg wie er zu sich selber findet, aber der entscheidende Punkt sei Liebe. Nicht die rein logische Liebe, die jeder Mensch lebt, sondern die reine Liebe. Außerdem kommt man mit Intellekt nicht immer weiter, denn zuviel Wissen kann auch im Wege stehen und man verbaut sich damit alles. Lieben und Loslassen sei die Devise.

David telefonierte auch nie sehr lange mit Thorsten, da er wusste, dass Marias Bruder keinen Führer brauchte und er „sein Leben selber in den Griff“ bekommen würde. Thorsten verstand dies auf Anhieb und sagte Maria, dass er das nicht als Desinteresse auffasse (Thorsten rief nur selten an), sondern er sei davon überzeugt, dass David ihm alles gesagt hätte, was im Moment für ihn wichtig sei und jetzt müsse er versuchen, diese Dinge umzusetzen.

Wenn Thorsten anrief, berichtete er von den vielen „kleinen Wundern“, die er erlebte. Er war in keinerlei Weise abgehoben, sondern er versuchte den Dingen auf den Grund zu gehen und erlebte eine Freude nach der anderen, wenn er sah, wie perfekt die Schöpfung funktionierte. Auch ihn holte immer wieder seine Vergangenheit ein, aber er wusste, dass es für ihn wichtig war, jetzt anders mit den Dingen umzugehen. Er beobachte die Menschen ohne über sie zu richten und er konnte sie auch wieder geistig auslöschen. Thorsten bemühte sich hinter das Geheimnis zu kommen.

Eines Tages rief Thorsten an und berichtete, dass Gabriel ihn besuchen wolle. Gabriel war Clarissas jüngerer Bruder, der sich seit einiger Zeit bemühte, sein Leben in den Griff zu bekommen. Als Maria und David Gabriel kennen lernten, wirkte er sehr verkrampft und traurig Das hatte sich aber mittlerweile Dank Davids Hilfe sehr geändert.

Gabriel wurde durch Marias Ehemann ein komplett anderer Mensch. Er hatte seine Lebensfreude wiedergefunden, nachdem er seine „Tarnung“ fallen gelassen hatte. Gabriel war ein sehr humorvoller, selbst­ironischer Mensch. Die genialsten Briefe oder E-Mails, die David erhielt, waren von Gabriel. Maria und David konnten herzhaft über seine Zeilen lachen.

Eines Tages sprach Maria Gabriel auf seine geistvollen Briefe an. Sie bemerkte sofort, dass sich Gabriel für dieses Kompliment schämte und verdruckst gab er zu, dass er genau wisse, dass er diese Zeilen nie selbst geschrieben habe. Er könne sich am besten schriftlich ausdrücken und sei selbst ver­wun­dert darüber, was er alles schriebe. David hatte für Gabriel einige Prüfungen vorbereitet, die er auch gut meisterte. Es waren viele Dinge, vor denen er Angst hatte und David „kitzelte“ sie förmlich aus ihm heraus.

Maria konnte sich an eine Situation erinnern, als sie, David und Gabriel bei Clarissa zu Besuch waren. Clarissa schlug vor, einen kleinen Ausflug in die Umgebung ihres Heimatortes zu unternehmen. Sie führte ihre Besucher zu einer Seilbahn und erwähnte, dass sie vorhabe, mit ihren Gästen die Gondel zu besteigen, um eine winzige Hütte in 1.200 Meter Höhe aufzusuchen. Gabriel wurde kreidebleich und auch Maria spürte einen winzigen Anflug von Höhenangst in sich. Clarissa bemerkte die Unruhe ihres Bruders.

Gabriel wollte sofort zurück zum Auto gehen, um heimzufahren, da er panische Höhenangst hatte. Er fragte seine Schwester, wieso sie ihn nicht informiert habe, wo der Ausflug hingehen sollte, denn dann hätte er garantiert abgesagt. Genau aber das wollte Clarissa nicht, da sie wusste, dass sich auch ihr Bruder seinen Ängsten stellen müsse, genauso wie sie es tat.

David versuchte Gabriel damit aufzumuntern, dass er sich vorstellen sollte, was alles mit der Gondel passieren könnte. Natürlich waren Davids Witzeleien in Gabriels Vorstellung mit Sicherheit nicht passend, aber er versuchte, cool zu bleiben. Nachdem David Gabriel mitgeteilt hatte, dass er mit ihm nicht in eine Gondel steigen wolle, da diese sicherlich abstürzen werde, denn er sei doch ein „Pechvogel“, ermahnte Maria David, seinen „göttlichen Humor“ zu bremsen. Sie bestiegen mit Gabriel und einem Skifahrer die Gondel.

Nachdem David sah, wie bleich Gabriel mittlerweile geworden war, machte er ihm Mut:

„Gabriel, hast Du denn gar nichts von meinen Lehren verstanden?“, fragte er ihn. „Wovor hast Du Angst, wenn Du doch weißt, dass es keine Außenwelt gibt? Du kleiner Narr hast kein Gottvertrauen!“

Gabriel versuchte sich in Ruhe zu bringen und erkannte, dass er bei dieser „Prüfung“ versagt hatte. Als sie alle auf der Hütte angelangt waren, konnte sich Gabriel ein wenig entspannen. David nahm ihn beiseite und führte mit ihm ein reines „Männergespräch“. Anschließend wirkte Gabriel den ganzen Tag über lockerer, bis zu dem Moment, als sie auf dem Rückweg wieder die Gondel besteigen mussten. Gabriel wurde immer ruhiger, bestieg tapfer die Gondel und war danach heilfroh, wieder unten zu sein.

Einige Tage später verabschiedeten sich David und Maria von Clarissa und fuhren heim. Sie nahmen auch Gabriel mit, da sie für diese Reise eine Fahrgemeinschaft gebildet hatten. Als die drei zuhause angekommen waren, sprach Gabriel Maria auf die „Gondel­fahrt“ an. „Weißt Du, Maria“, druckste er herum, „sicherlich habe ich Höhenangst, aber das Beschämende an der Sache war, dass Du mit in der Gondel gesessen bist. Ich habe mich so mies gefühlt, weil Du mitbekommen hast, dass ich so ein Angsthase war. Das war eigentlich das Schlimmste an der ganzen Sache“, sagte Gabriel. Maria stutzte ein wenig über dieses Geständnis, da sie eigentlich immer diejenige war, die Gabriel wieder aufbaute, wenn David ein wenig strenger zu ihm gewesen war. „Gabriel, ich hätte jetzt nicht gedacht, dass Du damit ein Problem hast. Wir haben doch immer wieder gesagt, dass ich in Verbindung zu David kein weibliches Wesen bin, sondern einfach nur ein Kumpel bin. Du musst Dich doch vor einem „Freund“ nicht genieren?“, entgegnete Maria. „Ja, ja, ich weiß“, sagte Gabriel, „aber ich bin halt noch so dumm, dass mir solche Dinge eben noch passieren!“

Maria kannte Gabriels Problem. Er hatte sich in seiner „vermuteten Vergangenheit“ sehr oft „klein“ gemacht hatte. Sie versuchte ihn immer wieder moralisch aufzubauen, musste dabei aber aufpassen, ihn nicht zu sehr zu loben. Nicht, weil die Gefahr bestand, dass sich Gabriel „groß“ fühlte. Nein, im Gegenteil! Es war eher beschämend für ihn, „gelobt“ zu werden. Wenn Gabriel mit Maria telefonierte oder er zu Besuch kam, bemerkte sie immer sofort, wenn ihn etwas bedrückte und sie sprach ihn dann darauf an. An manchen Tagen versuchte er sich herauszureden, was ihm aber nicht gelang. Er wusste, dass sein „Kumpel“ Maria nicht locker lassen würde und redete dann doch. David überließ es Maria, sich öfter mit Gabriel zu unterhalten, da er wusste, dass sie in „klaren Worten“ zu ihm sprechen konnte. Gabriel verstand zwar auch David, aber in manchen Situationen wusste er nicht, was er meinte. Dann versuchte Maria ihm die Dinge zu erklären. Sie kannte die Situationen, wenn einige Leute Davids Worten nicht immer folgen konnten. Da Maria aber auch nur ein kleiner Geist war, konnte sie es einigen Menschen in ihrer Sprache erklären.

Da Gabriel und Marias Bruder nicht weit voneinander entfernt wohnten, gab David Thorstens Telefonnummer an Gabriel weiter, damit er einen Gesprächspartner hatte.

Nun gut, Thorsten und Gabriel verabredeten sich und die beiden verstanden sich auf Anhieb sehr gut. Unabhängig voneinander berichteten sie, dass der Austausch sehr wertvoll für sie gewesen sei und dass der eine vom anderen sehr viel lernen könne. Maria freute sich besonders für ihren Bruder. Da Thorsten in seiner Umgebung niemanden hatte, mit dem er sich über Davids Lehren austauschen konnte, war für ihn Gabriel eine Bereicherung.

Thorsten erwähnte auch, dass ihm die Lektüre von Marias Manuskript sehr geholfen habe, da ihr „Felix“ in so klaren Worten sprach, die man leicht nachvollziehen konnte. Mittlerweile war es den „Schattenfrau-Lesern“ geläufig, dass nur noch das Code-Wort „Felix“ genannt werden musste, um sich wieder ins Hier und Jetzt zu holen. Ein weiteres Phänomen bestand darin, dass die meisten Leser erkannten, dass auch sie einen „Felix“ hatten, den sie nun verstärkt einsetzten. Maria freute sich über diese Entwicklung, ohne den geringsten Anflug von „Eitelkeit“ in sich zu tragen.. Sie wusste, dass nicht sie dieses Buch geschrieben hatte, sondern dass ES ganz allein der Verdienst ihres Beobachters „Felix“ war.

28.05.2001 – 14.50 Uhr

Vor einer Stunde (ja, ja, lieber Felix, es gibt keine Zeit ...) rief das „Geistwesen“ (ich weiß, die Personen sind nur Gedanken in meinem Kopf ...) Gabriel an, um Bescheid zu sagen, dass er jetzt losfahre. David, Maria und Gabriel wollten für ungefähr eine Woche Clarissa besuchen. Gabriel wollte bei ihnen vorbei kommen, damit sie morgen zu dritt fahren konnten.

David nahm das Gespräch entgegen und lachte auf.„Maria, das war Gabriel. Er sagte, dass er jetzt losfahren wolle und verabschiedete sich mit den Worten ‚Bis gleich!’. Daraufhin habe ich gesagt, wenn er jetzt erst losfahre, solle er sagen, bis später, da er eine ca. fünfstündige Autofahrt vor sich habe. Daraufhin entgegnete Gabriel, dass es keine Zeit gäbe, also könne er nur ‚Bis gleich!’ sagen.

Ich habe ihm geantwortet, dass dies die geistreichste Antwort gewesen sei, die er je von sich gegeben habe.“

28.05.2001 – 15.00 Uhr

Maria stand vor ihrem Stuhl auf und holte sich eine Kleinigkeit zu Essen. Nachdem sie festgestellt hatte, dass sie den ganzen Tag noch nichts gegessen hatte, kamen sogleich die „rein logischen Erklärungen“.

„David, ich muss jetzt ein wenig essen, weil ich leichte Kreislaufprobleme habe“, sagte sie. Im Nachhinein war es natürlich wieder absolutes Geschwätz, was sie da von sich gab, aber sie hatte keine Chance, die Erklärung zu unterdrücken.

Schon passiert! meldete sich Felix zu Wort. Nun gut, Du hast innerhalb von wenigen Minuten Dein Geschwätz durchschaut. Also verzeihe ich Dir. Eigentlich solltest Du froh sein, dass Du Kreislaufprobleme hast. Denn erst dann verlässt Du deinen „rotierenden Lebenskreis“. Ich glaube, darüber hast Du noch nie nachgedacht.

Maria erinnerte sich an Gespräche zwischen ihr und Karin. Sie wunderte sich darüber, dass sich ihre Schwester zur Zeit so viele Gedanken über ihre Gesundheit machte. Auch plagten sie insgeheim Gedanken über die Zukunft. Maria musste sich in keinerlei Weise in die Angelegenheiten ihrer Familie einmischen, da sie mittlerweile erkannt hatte, dass jeder sein Leben so führen musste, wie er es für richtig hielt. Sicherlich hätte Maria missionieren können, aber dann hätte sie nichts begriffen. Sie machte sich eigentlich nur Gedanken darüber, wie schwer es sich ihre Schwester machte.

Felix meldete sich zu Wort. Hey Maria, ausgeschlafen? Wie oft muss ich Dir denn noch sagen, dass Du neutral bleiben sollst. Du musst Dich nicht um eine „angebliche Familie“ kümmern, die nur in Deinem Geist existiert. Leben und leben lassen! Ich weiß, es ist schon sehr schwer für Dich anzunehmen, dass diese Personen nur Gedanken in Deinem Kopf sind. Sicherlich haben auch diese Menschen-Gedanken ihre eigene Welt, in der sie leben. Aber können eigentlich Gedanken in Deinem Kopf leiden?

Wenn Du all diese Menschen als Märchenfiguren ansiehst, könntest Du Dich vielleicht in das Geschehen hinein-(leiden) -fallen lassen. Aber was nützt es Dir dann? Glaubst Du etwa, dass sich an der Lage etwas ändert, wenn Du den Schmerz oder das Leid nachvollziehen könntest?

Wenn sich ein (vor Dir gedachter) Mensch „schlecht“ fühlt, dann hat es immer eine Ursache. Und wenn ein (von Dir gedachter) Mensch über Dich „schlecht“ redet, dann musst Du Dich doch nicht schlecht fühlen. Was wehrt sich dann in Deinem Geist?

Purer Egoismus! Du glaubst, Du bist ein „guter“ Mensch. Und überhaupt, wie soll das denn funktionieren, dass (von Dir gedachte) Gedankengespinste gegen Dich rebellieren?

Du rebellierst doch nur gegen Dich selbst. Außerdem habe ich Dir schon einige Male versucht zu erklären, dass alles nur Traumbilder sind und Du kannst sie einfach auslöschen. Du bist ein Gott in Deiner Welt und Du richtest und urteilst darüber, wie Deine Menschen (Spiegelbilder) sein müssen.

Mit welchem Recht richtest Du? Sicher, Du bekommst einige Menschen (Facetten von Dir) vorgesetzt. Aber Du musst auch versuchen, sie anzunehmen. Und wenn Du diese Spiegelbilder erkannt und überwunden hast, dann musst Du sie loslassen.

 

Wenn Du zum Beispiel eine Person kennen lernst, die sehr gerne über andere Leute Geschichten erzählt, dann spielt dieses Wesen eine Rolle, die Dir aufzeigen soll, was Du eventuell noch in Dir hast. Wenn Du die Prüfung bestehst und weißt, dass es nur ein Schauspiel ist und Du einsichtig Deine eigenen Fehler bereust, kannst Du Dich von dieser Person lösen, denn Du hast die Aufgabe bestanden.

Die Aufgabe besteht darin, das Problem oder die Person geistig auf‑zu‑geben. Du musst erkennen, welchen Konflikt Du hast.

David hat Dir die Sache mit dem Konflikt erklärt. Konflikt von lat. Conflictus = Zusammenschlagen, Zusammenstoßen bzw. zusammenfalten (in eins). Ihr Menschen versucht, Konflikte zu lösen, aber Ihr müsst das Gegenteil tun. Konflikt ist nur ein anderes Wort für Liebe. Ihr müsst es vereinigen. Also, liebe Maria, Du musst all die Dinge, unter denen Du leidest, mit Liebe vereinen. Wenn Du Deine Fehler bereust, hast Du sie mit Liebe vereinigt. Du musst Dir aber nicht immer wieder den gleichen Fehler (oder die dazugehörigen Personen) ansehen, wenn Du ihn begriffen hast. Wenn Du ihn überwunden hast, kannst Du Dich davon lösen und die Bilder in Deinem Kopf verändern sich.

Es gibt noch so viele Dinge, die ich Dir zu erzählen habe, aber ich weiß, dass Du noch nicht soviel aufnehmen kannst. Ich hole Dir jetzt in Deinen Gedanken eine Person hervor.

Stelle Dir bitte einen Menschen vor, der Probleme hat, „aufzutreten“. Erinnern wir uns an die Person Berta, die seinerzeit diese Prüfung vorgelegt bekommen hat. Wir unterhalten uns nicht darüber, warum diese Prüfung auferlegt wurde und welche Motivation dahinter steckt.

Es geht ganz allein um die Tatsache, dass man Probleme mit den Beinen hat. So, und nun stelle Dir vor, dass diese Person zum Beispiel eine Krücke in der Hand hält. Eine Krücke dient dazu, dass man sich abstützen kann und einen gewissen Halt darin findet. Sie hilft Dir beim Gehen, kann Dir aber nicht den Weg weisen. Denn Gehen musst Du immer alleine. Diese Krücke (vergleiche sie mit Menschen) darfst Du nie dazu benutzen, Dich nicht zu bemühen, freiwillig (geistig) gehen zu wollen, sondern sie dient Dir nur im Moment als eine Art „Sicherheit“, weil Du noch nicht Dein Gleichgewicht halten kannst. Du solltest lernen, dass Dich eine Krücke in Deiner Entwicklung nicht weiter bringt, wenn Du glaubst, sie wäre bis zu Deinem Lebensende nötig. Danke ihr, aber halte Dich nicht daran fest. Sie ist nur ein Wegbegleiter. Wenn Du wieder Dein Gleichgewicht gefunden hast, solltest Du sie auch nicht in eine Kammer sperren, weil Du glaubst, sie irgendwann einmal wieder zu brauchen. Das wäre reines Kaufmannsdenken! Nein, das Zauberwort heißt L O S L A S S E N !!!

28.05.2001 – 17.15 Uhr

Maria kam vom Bad direkt ins Wohnzimmer und setzte sich wieder an den Bildschirm. Sie hatte sich schon einmal die Haare gewaschen, denn David, Gabriel und sie wollten am nächsten Tag Clarissa besuchen. Da Maria ihre Koffer schon bis auf ein paar Kleinigkeiten gepackt hatte, war nicht mehr viel vorzubereiten. Während sie ihre Haare wusch, meldete sich wieder ein neuer Gedanke in ihrem Kopf. Sie machte sich das erste Mal in ihrem Leben Gedanken über Tiere im Zoo.

David erwähnte dieses Beispiel sehr oft, weil er immer wieder betonte, dass man Menschen niemals verurteilen sollte:

„Man sollte die Welt wie einen riesengroßen Zoo betrachten. Es gibt die verschiedensten Kreaturen und man urteilt nicht über die Arten der Tiere, sondern schaut sie sich nur urteilsfrei an.“ Er betonte immer wieder, dass man sich die Welt anschauen sollte, wie einen großen Tierpark, ohne das Gefühl zu haben, man sei als Mensch ein viel weiter entwickeltes Wesen als die Tiere.

Ein Gedankenblitz tauchte in Maria auf. Endlich begriff sie wieder einen Bruchteil der Metapher. Maria störte es eigentlich schon seit ihrer „angeblichen Kindheit“, dass es Menschen gab, die sich über das Aussehen ihrer Mitmenschen lustig machten. Es war ihr immer völlig egal, ob die Menschen in ihrer Umgebung (sei es am Arbeitsplatz oder im Bekanntenkreis) irgend­welche sogenannten „Schönheitsfehler“ hatten. Maria hatte sehr wohl auch ihre Meinung darüber, wer ihrem Schönheitsideal entsprach. Da sie selbst auch nicht zu den auserwählten „Schönheiten dieser Welt“ gehörte, hätte sie nicht über andere Menschen richten wollen? Sicherlich schaute auch sie sich mit Vorliebe attraktive Männer an. Den größten Spaß hatte sie mit ganz normalen Durchschnittsmenschen, wie sie es selbst auch war.

Sie erinnerte sich an einen sehr netten Arbeitskollegen. Dieser junge Mann war fast 1,90 m groß und entsprach wohl nicht dem eigentlichen Schönheitsideal. Er hatte ihr dabei geholfen, die theoretische Fahrprüfung zu bestehen. Maria und er sahen sich nicht oft, da er im Außen­dienst beschäftigt war. Weil er ca. 150 km von ihr entfernt wohnte, nutzte er am Wochenende die Gelegenheit nach Hause zu fahren, so dass es für beide unmöglich war, sich einmal in Marias Heimatort zu treffen. Eines Tages hatte er aber Zeit für sie und sie gingen abends miteinander aus. Sie besuchten Marias Stammkneipe und unterhielten sich lange. Er lud sie auch ein, ihn einmal in seinem Heimatort zu besuchen. Maria hatte Bedenken, da er ihr offenbarte, dass sie dann das ganze Wochenende bei ihm verbringen müsse, weil die Strecke für einen Abend zu weit sei. Selbstverständlich sagte er ihr zu, dass er sie in einem Gästezimmer unterbringen wolle. Maria hatte moralische Bedenken, da er ihr Arbeitskollege war.

In der Firma, in der sie beide arbeiteten, hatten sie einen Vorgesetzten, der sich einen Spaß daraus machte, seinen Kollegen(innen) die (seine) Wahrheit an den Kopf zu werfen. Dieser Vorgesetzte versuchte sich trotz seiner 50 Jahre immer jugendlich zu kleiden, was leider öfter fehl schlug. Er war kein Adonis und hatte durchaus seine Schönheitsfehler. Aber er kritisierte ständig an seinen Mitarbeitern herum. Die einen wies er darauf hin, dass sie zu dick seien, die nächsten hatten Sprachfehler, über die er sich lustig machte oder die Kleidung passte ihm nicht. Permanent hatte er an seinen Mitarbeitern etwas herumzunörgeln. Wenn er genügend Witze über Äußerlichkeiten gemacht hatte, fielen ihm sofort andere Themen ein, die z.B. das Privatleben betrafen. Maria war zum diesem Zeitpunkt eine sehr schlanke, junge Frau, die es liebte, kurze Röcke oder Shorts zu tragen. Wenn sie über den Flur ging, rief er ihr immer hinterher, sie solle doch lieber lange Hosen tragen, da sie Fußballer-Beine habe. Sie seien zu durchtrainiert für eine Frau und es sei ein massiver Makel. Nachdem er herausgefunden hatte dass der junge Kollege Maria in ihrem Büro besucht und sich noch einmal für den Abend bedankt hatte, wartete er einige Minuten bis Maria ihren Arbeitsplatz verließ. Sie ging über den Flur und lächelte dem jungen Mann zu. In dem Moment rannte der Vorgesetzte aus der Tür, stellte sich provokant vor die beiden hin und lachte lauthals. „Was wollen sie denn mit dem da?“, fragte er Maria. „Schauen sie ihn sich doch an! Er hat das ganze Gesicht voller Pickel. Er sieht doch pubertierend aus! Außerdem ist er doch viel zu jung für sie. Sie sollten auf echte Kerle stehen und nicht auf solche Milchgesichter“, rief er schadenfroh.

Maria und der junge Mann schauten sich verdutzt an. Ihr blieben die Worte im Halse stecken über solche richtenden Worte. Nach dieser Episode sah Maria den jungen Mann immer seltener und er grüßte sie nur noch flüchtig. Sie verstand die Welt nicht mehr, da sie ihm doch das Leid nicht angetan hatte. Aber da sie ihn aus Feigheit nicht in „Schutz genommen hatte, nahm er vielleicht an, dass Maria genauso darüber dachte – was aber überhaupt nicht der Fall war. Es dauerte dann auch nicht lange, bis sich ihr junger Kollege versetzen ließ und das Kapitel „wahre Freundschaft im Büro“ hatte sich erledigt.

Seit diesem Zeitpunkt schmerzten Maria die Urteilssprüche anderer sehr. Kein Mensch hat sich sein Aussehen rausgesucht, sagte sie sich immer wieder. Sicher, es gab eine große Viel­falt an Schönheits­idealen, aber den jeweiligen Fehler bestimmter Personen konkret anzu­sprechen, widerte Maria an. Sie hatte auch massive Probleme damit, wenn sie mitbekam, wie andere die (angeblichen) äußerlichen Makel ihrer Mitmenschen durchhetzten. War es nicht völlig egal, ob jemand ein Paar Kilo zuviel auf den Hüften trug oder nicht? Maria versuchte immer wieder, sich in deren Lage zu versetzen. Und Maria hatte genügend Schönheitsfehler, die es zu kritisieren gab.

Was wäre denn, wenn Du ständig kritisiert würdest, dass Dein „Hintern“ zu dick sei? Das, was Du nicht willst, dass man es Dir antut, das tue auch keinem anderen an, war ihre Devise.

Maria erinnerte sich an die Tiere im Zoo. War nicht die Andersartigkeit dieser Kreaturen etwas wundervolles? Konnte man die Menschen nicht auch in ihrer Vielfalt lieben? Wer richtete darüber, ob diese unterschiedlichen Menschen dem Schönheitsideal glichen oder nicht? Es war der ganz normale Durchschnittsmensch, der sich anmaßte, der Schöpfung einen Fehler nachweisen zu wollen.

Felix meldete sich wieder zu Wort. Gut gemacht, meine kleine Maria. Jetzt musst Du auch versuchen, die unterschiedlichsten Charaktere zu lieben und Dich nicht immer einzumischen.

Maria erinnerte sich an Dorinas und Thorstens Besuch Anfang des Jahres. David hatte Thorsten eine ganz moderne Kurzhaarfrisur verpasst. Es ging ihm dabei nicht darum, ihren Bruder in ein Schönheitsideal zu pressen, sondern David half ihm dabei, sich seiner selbst bewusst zu werden. Er musste lernen, einerseits über den Dingen zu stehen und andererseits ohne Wenn und Aber zu sich selbst zu stehen, egal ob es jemandem gefiel oder nicht. Diese Worte galten auch eindeutig für Maria.

Maria erinnerte sich immer wieder an Davids Worte:

Es sei für ihn die größte Beleidigung, wenn man ihm sagen würde, er sei ein ganz normaler Mensch. Ein normaler (normierter) Mensch kann nicht mehr wachsen, da er sich in eine selbst auferlegte Schablone presst. Das schönste Kompliment sei dagegen ein ganz verrücktes Wesen zu sein.

Selig sind die Verrückten, denn die sehen das Himmelreich!



28.05.2001 – 18.30 Uhr

Maria dachte über das letzte Gespräch nach, das sie beim Essen mit David geführt hatte. Sie hatte durch Felix so viele Fragen beantwortet bekommen, aber eine Sache blieb noch offen.

Sie sprach ihren Mann direkt an: „David, wenn ich doch der Träumer meiner Welt bin, dann sind doch logischerweise alle Personen, die ich austräume aus mir. Wenn ich mir aber vorstelle, dass Du ein ganz besonderer Mensch mit ganz besonderen Aufgaben bist, dann habe ich Dich doch so erschaffen. Ich habe Dich als Mensch, natürlich mit der Einschränkung, wenn ich Dich anschaue, sozusagen fast immer um mich. Die Menschen, die ich für meine Erklärung leider trennen muss, die Dich nur besuchen, löschen Dich – wenn sie nicht an Dich denken – aus ihrer Welt aus. Du, David, bist mein Seelengefährte, der mich ständig begleitet. Aber wenn ich dafür verantwortlich bin, wie Du geschaffen bist, dann stellt sich für mich die Frage, warum ich Dich in meiner Welt so quäle? Ich denke an die vielen Gespräche mit den Menschen, an die Missverständnisse, an das Leid usw. Meine Frage geht ausschließlich von Geist zu Geist, ich denke dabei in keinerlei Weise an die Personen David und Maria. Ich wundere mich nur darüber, was in meinem Geist steckt, dass ich so einen wundervollen, außergewöhnlichen Menschen austräume. Was will mir mein Geist eigentlich damit sagen?“

David schaute sie verwundert an und sagte ihr, dass er ihr keine Antwort geben könne, wenn sie sich in der Raumzeit verstricken würde. Wenn sie aber solche Gedankengespinste austräume, hätten all diese Dinge einen Grund, den er ihr nicht sagen könne. Sicherlich sei ihr Geist nur ein Bruchteil vom Ganzen, aber sie solle unendlich dankbar sein, dieses Leben führen zu dürfen.

Maria spürte eine unendliche Dankbarkeit in sich, aber sie erschrak auch vor der Verantwortung, der sie mit Sicherheit nicht gewachsen war. Schnell versuchte sie wieder einen klaren Gedanken zu fassen, was ihr aber nicht gelang.

Felix machte sich wieder bemerkbar.

Maria, Du solltest nicht weiter darüber nachgrübeln, warum Du David an die Seite gestellt bekommen hast. Ich kann Dir in deiner augenblicklichen Entwicklungsstufe die Antwort noch nicht geben. Du selbst wirst Dir eines Tages dessen bewusst werden, warum Du auf der Welt bist.

Glaube mir, David weiß es ganz genau. Aber es wäre verantwortungslos, Dich jetzt mit Sachen zu konfrontieren, denen Du noch nicht gewachsen bist. Du solltest ehrfürchtig dem Schöpfer danken, dass Du da sein darfst. Jeder Mensch hat seine Aufgaben, auch Du!

Maria erinnerte sich an die Worte, die David nach ihrem tiefsinnigen Gespräch noch gesagt hatte:

„Du bist meine Konkubine (Beischläferin). Dieses Wort fließt auch in ein anderes Wort über und zwar der Kubus (Würfel – 3. Potenz math.). Du solltest vielleicht einmal in Deiner Vergangenheit blättern, um zu erkennen, dass diese Dinge viel mit Deinem „Mädchennamen“ zu tun haben. Ich würde Dir so gerne alles erklären, aber Dein Geist reicht dazu noch nicht aus“, sagte David und ging ins Wohnzimmer.

Einige Minuten später schaute Maria ins Wohnzimmer und erblickte David in einem tiefen körperlichen Schlaf auf der Couch. Er musste wieder einmal eine (geistig) sehr anstrengende Nacht verbracht haben. Sie erinnerte sich an den durchgeschwitzten Schlafanzug. Marias Verdacht bestätigte sich damit.

28.05.2001 – 19.00 Uhr

Felix meldete sich an diesem Abend noch einmal schriftlich zu Wort.

Liebe Maria! Wir werden uns für heute verabschieden. Ich glaube, ich habe Dich heute zu sehr verwirrt und überfordert. Es tut mir leid!

Nein, rief Maria ihrem Begleiter zu. Du musst Dich nicht bei mir entschuldigen. Ich habe es herausgefordert und nun muss ich zusehen, wie ich mit meinen Gedanken fertig werde.

Ich werde mich gleich meinen Hausfrauenarbeiten widmen, um mich ein wenig abzulenken. Die einzigen Gedanken, die mich erschüttert haben, waren die, dass ich dafür verantwortlich bin, wie es David geht, sagte Maria kleinlaut.

Maria wusste, dass alles, was sie in den letzten Tagen aufgeschrieben hatte, sehr wichtig für ihren weiteren Lebensweg war. Sie musste selber erkennen, wo ihre Schwächen noch tief in ihren Wurzeln vergraben waren. Ja, sie konnte nicht mehr alles unterdrücken. Sie musste einmal alles herauslassen, was sie leiden ließ. Sie musste diese Zwiegespräche mit Felix führen, um in ihrer Entwicklung vielleicht ein Stück nach vorne zu kommen. All die Ängste, die in ihr schlummerten, vernebelten ihren Geist. Sie musste sich von ihnen lösen und dann wäre sie frei.

Maria verfiel in eine tiefe Betrübnis. Was hatte sie eigentlich gelernt? David hatte unendliche Geduld mit ihr. Felix erinnerte sie immer wieder an ihre Schwächen. Maria versuchte auf ihre Art sich den beiden hinzugeben.

Sie war wieder am Anfang angelangt. All diese „schönen oder auch weniger schönen Erlebnisse“ in ihrem Kopf machten sie nur noch „verwirrter“. Sie hatte das Gefühl, dass sie wieder einmal gar nichts begriffen hatte. Sicherlich hatte sie einige Knackpunkte von sich erfahren. Aber es waren noch so viele „Leichen im Keller“, die sie zu beseitigen hatte.

Die kniffligste aller Fragen war der wirkliche Sinn ihres Dasein.

 

Zum einen wusste sie, dass sie in der Lage sein sollte, sich glücklich zu machen. Aber es gab doch bestimmt noch diesen tieferen Sinn in Bezug auf David, der ihr Kopfzerbrechen bereitete. Sie wollte niemals, dass ihrem Mann Leid zugefügt würde. Aber war sie nicht dafür verantwortlich, dass ihre ausgeträumten Menschen Probleme hatten?

Felix rief Maria leise zu: Ändere Dich und es ändert sich die Welt. Ich liebe Dich, meine Kleine, auch wenn Du noch so ungeduldig bist. Ich werde Dich weiterhin beobachten und wenn es sein muss, mich auch wieder bei Dir melden, um Dich wieder wachzurütteln.


15.06. 2001 – 18.18 Uhr

Maria sonnte sich auf ihrem Balkon. Eine ihr längst vertraute, eindringliche Stimme rief immer wieder laut ihren Namen.

Maria!! Hallo, Du kleines Menschenkind! Hörst Du mich? Hey, glaubst Du etwa, Du könntest mich überlisten, indem Du versuchst, mich zu ignorieren? Maria, Mariaaaaaaaaa ...!

Maria versuchte sich taub zu stellen. Sie wollte diesen herrlichen Sonnentag genießen, ohne sich über irgendwelche Dinge oder auch über „Felix“ Gedanken zu machen.

Maria!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

Mittlerweile wurde es für Maria nervig. Sie wollte nicht auf-hören, was dieses Wesen ihr zu sagen hatte. Ein Gedankenkonstrukt schoss ihr durch den Kopf. Sie sah sich selbst auf einer Strasse stehen und ihr Kopf glich einem Reh mit gespitzten Ohren. Sie wurde von einem riesigen Lichtstrahl geblendet, horchte auf, wusste aber nicht, was sie tun sollte.

Sollte sie sich überfahren lassen oder einfach weglaufen? Und dann sah sie sich nach einem ohren­betäubenden Lärm plötzlich auf der Strasse liegen.

Okay! dachte sie sich Dann muss ich mich wohl heute hingeben.

Felix spielte Maria sofort ein neues Gedankenbild ein. Sie sah sich in einem wunderschönen Haus herumlaufen. Eine Stimme befahl ihr in den Keller zu gehen.

Schon als Kind hatte Maria immer Angst davor gehabt, in einen Keller zu gehen. Die finstere Atmosphäre und die Kälte jagten ihr immer einen Schauer über den Rücken. In solchen Momenten stellte sie sich vor, dass hinter irgendeiner Tür “Monster“ lauerten, um sie in die Hölle zu holen. Die andere Variante war auch nicht besser. Sie stellte sich vor, dass in ihrem Elternhaus all die Nachbarn als Untote herumliefen und sie als nächstes geholt werden sollte. (Maria dachte an Patricias Ängste. Sie konnte sich gut in dieses „geglaubte Wesen“ hinein denken).

Diese Gedankenbilder waren nur Kindheitserinnerungen von Maria, die ihr parallel in ihrem Kopf eingespielt wurden.

In ihrem jetzigen Gedanken-Hauptfilm hatte Maria Angst. Sie wollte der Aufforderung, in diesen „Gedankenkeller“ zu gehen, nicht folgen. Aber wie immer hatte sie keine Chance. Sie wusste, dass ihr „Felix“ diese Situation einspielte und er mit ihr machen konnte, was er wollte. Sie war nur eine „Marionette“ für ihn.

Nun gut, Maria ging zur Kellertür und sah mit Schrecken, dass darauf in großen Lettern UNTERBEWUSSTSEIN geschrieben stand. Hinter dieser Tür vermutete sie (genauso wie in ihrer Kindheit) einen finsteren Keller mit Spinnweben und einer Kälte, die sie erschaudern ließe. Mit aller Kraft drückte Maria die Klinke herunter und erwartete eine Treppe, die sie heruntergehen musste und an deren Ende nichts außer „Dunkel­heit und Kälte“ war.

Hey, meine Kleine, rief Felix Maria zu. Ich spiele ein ganz anderes Spiel mit Dir. Du wirst überrascht sein, was ich mir alles für Dich ausgedacht habe.

Schallendes Lachen machte sich in Marias Kopf breit. Sofort setzte sich ihre Gedankenreise fort. Felix ließ ihr keine andere Wahl! Er wollte sie weiter mit ihrer Angst konfrontieren.

Also öffnete Maria langsam die Tür zum „Unterbewusstsein“. Sie war auf eine Art „Verließ“ vorbereitet und ein leichtes Angstfrösteln setzte ein. Maria machte die Kellertür zuerst nur einen Spalt breit auf und rieb sich ungläubig die Augen.

Was sie dort sah, hatte sie ganz und gar nicht erwartet. Ihr „Gedankenkeller“ hatte nicht die typischen Eigenschaften, die sie sich vorgestellt hatte. Ganz im Gegenteil!

Es gab keine Treppe, die sie hinab steigen musste. Nein! Sie befand sich schon mitten im Raum, der nicht wie ein üblicher Keller aussah, sondern eher einer Leichenkammer in einem Krankenhaus glich. Die Wände waren hellblau gefliest und die ganze Atmosphäre wirkte absolut klinisch steril. Eine Wand war voller Schubfächer für weitere Leichen. Mitten im Raum befanden sich drei Aluminiumwagen, auf denen „drei Leichen“ aufgebahrt waren. Die Körper waren bis auf die Köpfe mit weißen Leinentüchern bedeckt, so dass sie auf den ersten Blick erkennen konnte, dass es sich um drei Männer handelte, die sich optisch nicht unterschieden.

Oh, Gott, dachte sie sich, jetzt spielt mir Felix auch noch geklonte Leichen ein!

Verwunderte stellte sie fest, dass der Raum trotz der Leichen nicht gekühlt war. Nein! Er hatte eine angenehme Temperatur um 20° C. Die Angst, die ihr buchstäblich ins Gesicht geschrieben stand, ließ sie dennoch frösteln. Eine fremde Kraft trieb Maria dazu, sich den „Bahren“ zu nähern. Sie nahm das Leinentuch beiseite und schaute sich den ersten Mann genauer an. Er hatte einen wunderschönen, durchtrainierten Körper und glich eher einer griechischen Statue, als einem Menschen. Dieses „Ding“ fühlte sich wie Porzellan an und zeigte an der entscheidenden Stelle auch keine männlichen Merkmale.

Maria bemerkte, dass mittlerweile vier Personen in diesem Film agierten:

Person 1: Felix, der ihr den Film einspielte

Person 2: die Marionette Maria, die unbeeindruckt die Geschichte in den Computer eintippte

Person 3: Maria, die sich einen Gedankenfilm ansehen musste und dabei allen Gefühlen aus­gesetzt war

Person 4: Maria als Traumgestalt, die Hauptdarstellerin in einem Leichenschauhaus war

Der Gedankenfilm spulte weiter in ihrem Kopf ab. Während sie sich „ihre“ Leiche näher anschaute, schweifte ihr Blick hinunter zu seinen Füssen. An der großen Zehe befand sich ein Bindfaden mit einem Zettel.

Sie blickte auf das kleine Stück Papier und las dort in großen Buch­staben:

ICH BIN ADAM 1 – bitte wenden.“

Mit schnellen Fingern drehte Maria das Blatt um und las:

DU SOLLST NICHT RICHTEN UND URTEILEN !“

Maria sah zu den anderen Leichen - jede von ihnen war mit einem Zettel am großen Zeh versehen.

Bei der zweiten Leiche stand: ICH BIN ADAM 2 – bitte wenden.

LIEBE DEINEN NÄCHSTEN WIE DICH SELBST !

Bei der dritten Kreatur las sie: ICH BIN ADAM 3 – bitte wenden.

SORGE DICH NICHT UM MORGEN !

Außerdem musste Maria mit Erschrecken feststellen, dass ihre Leichen keinerlei Verwesungs­erscheinungen zeigten.

Stopp! schrie Maria auf. Jetzt reicht es aber!

Felix, Du hast mir ja einen kompletten Horrorfilm eingespielt. Warum quälst Du mich so?

Felix lachte auf. Maria, dies ist doch kein Horrorfilm. Da hast Du doch schon ganz andere Dinge erlebt, die mit Sicherheit viel grausamer waren als dieses kleine “Gedankenkonstrukt“. Jetzt überlege doch einmal. Ich habe Dich in Deinen Gedankenkeller „Unterbewusstsein“ geführt. Dein Keller ist doch eigentlich klinisch sauber, wären da nicht einige Leichen.

Du musst Deine „Leichen“ nicht bergen, da ich sie für Dich „offenbart“ habe. Ich habe diesen Wesen ganz bewusst den Namen „Adam“ gegeben.

Maria, Du erinnerst Dich doch, dass Adam eine besondere Bedeutung hat? Es steht für Blut – sprich Egoismus. Deine Kreaturen haben deshalb keinerlei Verwesungs­erschei­nun­gen, weil Du an diesen Problemen bisher noch nicht gearbeitet hast. Außerdem habe ich Dich noch nicht zu den anderen Schubfächern geführt.

Glaube mir, meine Kleine, die Kammern sind voll.

Maria verstand, was ihr Felix damit sagen wollte. Sie dachte eigentlich, dass sie an diesen „Leichen“ schon gearbeitet hätte. Weit gefehlt !

15.06.2001 – 19.40 Uhr

Maria schoss ein Gedankenblitz durch den Kopf. Ja, sie wusste, vorauf Felix anspielte. Vor ein paar Tagen war Boris bei ihr und David aufgetaucht. Maria wunderte sich, warum ihr permanent Felix Stimme eingespielt wurde. Immer wieder rief er ihr zu, dass sie sich bei Boris entschuldigen müsse, da sie in ihrer „vermuteten Vergangenheit“ auch schon öfter über ihn gerichtet habe.

Kurz und gut! Nachdem sie Boris begrüßt hatte, sprach sie ihn darauf an und erklärte ihm, sie bereue, dass sie seinerzeit glaubte, ihn „wertfrei beurteilt“ zu haben. Während sich die beiden darüber unterhielten, fiel es Maria wie „Schuppen von den Augen“.

Es bedurfte immer einer Erklärung ihrer Traumgestalten und nicht Marias eigener Interpreta­tion, um klar sehen zu können. Sie sah ein, dass sie vorschnell geurteilt hatte. Sie war „Richter“ in ihrer Welt und hatte niemals einen „Ankläger“ oder „Zeugen“ zu Wort kommen lassen. Ihre Interpretation reichte aus, um ihre „Traumgestalten“ zu richten.

Maria, es ist schön, dass Du endlich einmal einen Fehler einsiehst. Du weißt doch, dass alles, was Du erlebt hast, nur ein Gedanke im „Hier und Jetzt“ ist.

Du hattest keine Chance, Dich nicht mit mir zu unterhalten, da wir beide sehr genau wissen, dass Du seinerzeit ein trotziges Kind warst, das sich missverstanden fühlte. Es ist immer ein „Entwicklungsprozess“, den jeder einmal gehen muss.

Okay, Du solltest Dich nicht grämen, sondern bereuen, dass Du „damals“ so uneinsichtig warst. Du hast nur einseitig beurteilt, was Du gesehen hast. Und außerdem basierten auch viele Geschichten nur auf Erzählungen Deiner Märchengestalten. Du bist einfach auf Deine geschwätzigen Wesen, die Du Dir ausgeträumt hast, hereingefallen. Und da Du der Träumer Deiner Welt bist, entsprangen somit all diese Wesen nur Deinem „Inneren“. Ich werde Dich immer wieder daran erinnern müssen, dass Du keine Trennung zwischen Dir und Deiner geglaubten Außenwelt machen darfst. Denn Du konstruierst Dir diese Welt.

Nein, rief Maria Felix zu, damit bin ich nicht einverstanden. Wenn ich mir meine Welt selber aufbaue, dann würde ich doch dafür sorgen, dass es mir und meinen „Traum-Mitmenschen“ gut geht !

Siehst Du, Maria, daran scheitert es noch. Wenn es Dir wirklich gut geht, dann geht es auch Deinen Darstellern gut.

Das kann ich nicht nachvollziehen, Felix, sagte Maria. Wie oft ging es mir wirklich gut und ich habe durch Telefongespräche oder E-Mails mitbekommen, dass es Wesen in meiner Welt gibt, die durch die Hölle gingen.

Stopp, Du hast Dich in Deinen Gedanken aufgehängt. Was hast Du wirklich mit eigenen Augen gesehen? Wenn Du einen Telefonhörer in der Hand von David siehst, kannst Du doch nicht überprüfen, ob ein Mensch an der anderen Leitung ist. Und was ist es für einen Beweis, wenn Du auf die Glasplatte eines Computerbildschirms starrst und glaubst, dass die Botschaft darauf von einem Menschen geschickt wurde? Du hängst Dich in dem Glauben auf, dass es für Dich eine Welt außerhalb von Dir gibt ! Alle Bilder, die Dir eingespielt werden, haben einen Symbolcharakter. Du urteilst, wenn Du glaubst, dass es den Menschen, den Du Dir vorstellst, in diesem Moment gibt, ohne dass Du ihn Dir materialisiert hast. Dieses Wesen ist doch nur ein Gedankenkonstrukt von Dir. Außerdem bekommst Du bei einem angeblichen Telefongespräch zwischen David und einer fiktiven Person überhaupt nichts mit, da Du keine Stimme in Dir hörst, die Dir angeblich erlebte Geschichten erzählt !

 

17.06.2001 – 12.30 Uhr

Gestern hatten David und sie Besuch von Joachim, Mirko, Regina und Hanni. Es war eine sehr fröhliche Runde und es machte Maria Spaß, dass David mittlerweile den Leuten gegenüber sehr locker und fröhlich geworden war. Es waren nicht mehr so strenge und hochgeistige Gespräche wie in den Anfängen, sondern es lockerte sich mehr und mehr. David hatte in den letzten Tagen den verschiedensten Leuten gegenüber immer wieder erwähnt, dass Maria schriebe. Alle wurden hellhörig und Maria spürte in diesen Momenten wieder einmal, dass sie sich schämte. Sie erkannte mittlerweile, dass David sie provozierte, sich aus ihrer Schattenwelt herauszubegeben und zu sich und zu den Leuten offen und ehrlich zu sein. Es sollte keine Geheimnisse mehr geben. Zum Glück bremste er die Menschen, wenn sie danach fragten, ob sie es einmal lesen könnten, da er sehr genau unterschied, ob es sich um reine Neugier handelte oder ob es für diesen bestimmten Mensch hilfreich war. Als Joachim Maria fragte, ob auch er in ihrem Schriftstück erwähnt werde, musste sie ihm ehrlich antworten, dass er nur eine Kurzgeschichte war. Er fragte sie weiter, ob er es lesen könne. Nun gut, dachte Maria, es ging um seine Person, also konnte er auch den Abschnitt lesen, indem er eine Rolle in ihrem Manuskript spielte. Joachim wunderte sich über das Gelesene, da er noch nie in Betracht gezogen hatte, Situationen auch einmal aus einer anderen Sicht – sprich von einem anderen Beobachter aus – zu sehen.

Siehst Du, Maria, alles hat mehrere Betrachtungspunkte. Alle Menschen sind Facetten von Dir. Du solltest Dir immer wieder vor Augen führen, dass all diese ausgeträumten Gestalten nur eine Rolle in einem Theaterstück spielen. Außerdem solltest Du es zutiefst bereuen, Dir vorschnell Meinungen, also Urteile, über andere gebildet zu haben. Du hast doch erkannt, dass sich alle Menschen, die Dir in Deinem Traum erschienen, immer anders gegeben haben als sie wirklich SIND. Sie spielten alle Charaktere durch, die Du als solche hättest erkennen müssen. Du aber hast immer Dein „Schubladendenken“ gehabt und sie alle so einsortiert, wie Du Kleingeist es für richtig gehalten hast. Du hast Deinen Märchengestalten nie die Chance gegeben, auch andere Seiten in sich zu tragen. Es sind Menschen, Maria, keine Roboter mit einem fest installierten Programm. Alles ist möglich!

Maria dachte über die letzte Begegnung mit Boris nach. Er hatte David und sie vor einigen Tagen besucht und Maria freute sich aufrichtig darüber, dass er so gut und erholt aussah. David erkannte sofort, dass Boris sich wieder gefangen hatte. Boris ist back – sagte er immer wieder. Sie sah, dass sich ihr Mann für ihn aufrichtig freute, ohne es ihm zu zeigen. Maria wusste, dass David Boris sehr gerne mochte und ihn niemals als Figur aus diesem „göttlichen Spiel“ heraus genommen hätte. Maria sagte Boris ganz direkt, dass sie in ihrer „vermuteten Vergangenheit“ sehr viele Fehler begangen und auch über ihn gerichtet und geurteilt habe. Sie bereue es sehr, die Dinge nicht neutral gesehen zu haben. Nach dem Mittagessen begaben sich Boris und David an den Computer. Maria setzte sich still in die Ecke ihres Wohnzimmers und löste Kreuzworträtsel. Sie war ganz in Gedanken, als sie plötzlich die Stimme Davids vernahm:

„Boris, Maria hat in den letzten Monaten ein Buch geschrieben. Es geht aus­schließ­lich darum, dass sie versucht, ihren Beobachter einzusetzen. Mittlerweile merkt Maria, dass es in ihrem Kopf denkt und sie keinen Einfluss darauf hat, was sie schreibt. Ich werde die Seiten für Dich ausdrucken“, sagte David.



Maria hörte entsetzt zu, was David erzählte. „Nein, David, ich möchte nicht, dass Du die Seiten ausdruckst. Ich habe es nur für mich geschrieben. Eigentlich gehört das Manuskript in die Mülltonne !“

Boris respektierte ihren Wunsch, aber David sah nicht ein, warum Maria sich so dagegen sträubte. Er riet ihr inständig, sich endlich zu öffnen und die endlose Geheimniskrämerei in ihrem Innern loszulassen. Außerdem sagte er ihr auf den Kopf zu, dass sie einfach nur Angst habe, andere Leute könnten schlecht von ihr denken.

Stimmt, dachte sich Maria, er hatte wieder einmal den Nagel auf den Kopf getroffen.

Als Boris sie einige Zeit später fragte, ob er es doch lesen könne, stimmte sie zu. Sie hatte zwar große Bedenken, dass er es vielleicht missverstehen und sie anschließend nicht mehr leiden könne, aber da musste sie nun durch ...

Eigentlich störte es Maria, dass all „ihre“ Gedanken einfach durch „Felix“ niedergeschrieben wurden und sie keinen Einfluss darauf hatte, was sie in den Computer eintippte. Als David die Seiten ihres Manuskripts ausdruckte, nahm sie sich die Blätter vom Drucker und schaute kurz, was dort eigentlich geschrieben stand. Sie wusste ja selber nicht, was da in ihr dachte. Was sie aber erkannte war, dass sie Erlebnisse aufschrieb, die sie nur einseitig sah. Es war mit Sicherheit nicht die ganze Wirklichkeit, sondern nur der Teilbereich einer Wahrheit, nämlich Marias Sichtweise. Ob es sich wirklich einmal so zugetragen hatte, konnte sie niemals beweisen. Nachdem sie einige Zeilen ihres Schriftwerkes gelesen hatte, schämte sie sich auf­richtig. Aber wofür schämte sie eigentlich? Ja, sie hatte gerichtet und geurteilt!

Nein, das solltest Du so nicht sehen, Maria, meldete sich Felix zu Wort. All das, was ich Dich habe schreiben lassen, waren Dinge in Deinem Kopf, die wie ein Film an Dir vorüber zogen. Ich habe Dir die Bilder in Deinen Kopf eingespielt. Ich habe in keinerlei Weise gerichtet, sondern Du.

All diese Dinge sind nur Gedanken im Hier und Jetzt. Du hast vermeintlich „seinerzeit“ so empfunden und die Erlebnisse durch mich einfach niedergeschrieben. Ob es nun richtig oder falsch war, sollte hier nicht zur Debatte stehen. Du hast in diesem Moment so empfunden und damit solltest Du Dich zufrieden geben. Es gibt keine Berta und keinen Boris oder all die anderen Märchengestalten. Es sind nur angebliche „Menschen“ in Deinem Kopf. Ich habe es Dich doch immer wieder aufschreiben lassen. Alle Dinge sind nur Metaphern und all diese „Märchengestalten“ sollen Dir etwas sagen. Ich musste in Dein Innerstes vordringen, damit Du all diesen „geistigen Müll“ aus Deinem Unterbewusstsein löschen kannst. Du kannst aber nur dann von den Dingen lernen, wenn Du sie verarbeitet und nicht, wenn Du sie verdrängt hast.

Ja, Du musst zu Dir stehen und Dir offen und ehrlich zugestehen, dass Du all diese Personen bist. Du bist Berta, Du bist Boris, Richard usw. Hast Du Dich eigentlich einmal gefragt, warum Du diese Menschen um Dich hast?

WEIL DU VON IHNEN BZW. VON DIR LERNEN SOLLST !

Du musst jetzt einmal ganz ehrlich zu Dir sein. Du bist nicht der Engel an der Seite Deines Mannes ! Selbst wenn Du immer wieder einmal in die Rolle schlüpfen möchtest, es wird Dir nie gelingen. Du musst zu Deinen Fehlern stehen. Wie oft dachtest Du, dass Du die Dinge wertfrei betrachtet hast? Muss ich Dich daran erinnern, was in Deinem Kopf noch nebenbei ablief? Ich werde Dich immer wieder ermahnen und laut STOPP rufen, wenn Du in Deine alte Logik verfällst. Wie oft hast Du versucht, die Bilder, die in Deiner „angeblichen Außenwelt“ abliefen, völlig neutral zu betrachten? Es waren aber immer nur Versuche, wirklich gelungen ist es Dir selten. Du bist keine weise Frau, sondern noch ein kleines Mädchen, das versucht, erwachsen zu sein. Das wird Dir nie gelingen, wenn Du Dich nicht so annimmst, wie Du im „HIER UND JETZT“ bist.

18.06.2001 – 12.00 Uhr

Maria kam vom Einkaufen zurück und setzte sich sofort wieder an den Computer. Sie erinnerte sich an eine Stimme in ihrem Kopf, die ihr zurief, dass sie das ganze Manuskript löschen solle, da sie sich nur in ihrer Vergangenheit aufhängen würde.

Sie erzählte David von diesem Gedanken– in der Hoffnung - , dass er ihr eine Antwort darauf gäbe, weil sie wieder einmal keine eigene Meinung hatte. Maria wunderte sich über Davids Reaktion. Das einzige, was er dazu sagte, war, dass es Quatsch sei, wenn sie alles vernichten wolle. Was sollte sie jetzt tun? Eigentlich hatte sie den klaren Gedanken in ihrem Kopf, sie solle wieder von vorne beginnen. Alles, was Vergangenheit war, müsse gelöscht werden, da die Menschen, die sie beschrieb, mittlerweile gereiftere Personen waren. Es war nur eine kleingeistige Sicht von ihr, und ihre Beschreibungen entsprachen bestimmt nicht der Wirk­lich­keit. Maria dachte über die geistigen Dialoge zwischen Felix und ihr nach, die nachts in ihrem Kopf abliefen. Es war ein sehr schönes Gefühl für sie, mit Felix ein Frage- und Antwort-Spiel zu spielen.

Hallo, meine kleines Wetterfähnchen, wieder einmal keine eigene Meinung? Wenn Du unsere Gedanken aus dem Computer löschen möchtest, dann solltest Du nicht Deinen Mann fragen, sondern nur das tun, was Du für richtig hältst. Aber hast Du Dir wirklich überlegt, warum Du alles vernichten möchtest?

Marias Antwort kam spontan. In meiner Vergangenheit habe ich viele Fehler gemacht und ich möchte diese „vermutete Vergangenheit“ richtig stellen.

Willst Du Deine Vergangenheit auslöschen, weil Du geurteilt hast?

Ich habe nur eine Facette von den Menschen gesehen und geglaubt, dass ich sie wertfrei beschrieben habe. Aber dies ist der größte Irrtum meines Lebens gewesen. Ich habe in „unser“ Manuskript kurz reingelesen und festgestellt, dass ich gar nicht wusste, was ich dort geschrieben habe !

Stimmt! rief ihr Felix zu. Wir haben uns doch darauf geeinigt, dass ES in Deinem Kopf denkt und all diese Gedanken nicht von Dir sind. Wenn Du als Maria, die Marionette, geschrieben hättest, wäre dieses Manuskript ganz anders geworden. Du hättest nicht einen Satz zusammengebracht, weil Du Angst gehabt hättest, dass Du nicht wertfrei schreiben würdest. Du hättest niemals Deinen Gedanken freien Lauf gelassen. Sicherlich hast Du auch gerichtet. Aber da ich mich immer wieder in das Geschehen eingemischt habe, konnten wir gemeinsam versuchen, den Kern der Sache neutral zu sehen. Wenn Du jetzt Deine Vergangenheit auslöschen möchtest, bist Du doch davon überzeugt, dass all diese Geschichten die „Realität“ waren. Wenn Du davon überzeugt wärest, dass alles nur ein Traum ist, dann sähe die Sache doch ganz anders aus.

Ich glaube, wir müssen wieder ganz von vorne beginnen, da ich Dir das Beispiel raumzeitlich erklären muss.

Schau einmal, wenn Du nachts in Deinem Bett liegst und träumst, laufen Bilder in Deinem Kopf ab. Es läuft ein Film in Dir ab und Du bist der Beobachter, der sich alles neutral anschauen muss. Nun gut, wir beide haben ja schon festgestellt, dass man in seinen Traum nicht eingreifen kann und dass alles, falls man den Versuch unternimmt, nur noch schlimmer wird. Wenn Du schweißgebadet aus einem Traum aufwachst und feststellst, dass alles nur ein Traum war, bist Du erleichtert, dass die Dinge „nicht real“ waren.

Liebe Maria, da alles nur ein Traum ist, hat es all diese Geschichten nie gegeben ! Was machst Du mit einem Alptraum, der immer noch in Deinem Kopf herumschwirrt? Du versuchst, alles so schnell wie möglich zu vergessen. Aber alles, was Du noch nicht verdaut hast, kommt in Dir immer wieder hoch. Du wirst solange Alpträume haben, bis Du deren Sinn erkannt hast !

Maria wunderte sich, dass sie dieses Beispiel zwar schon so oft gehört, aber in ihrem tiefsten Inneren doch noch immer nicht verstanden hatte.

Felix redete weiter auf Maria ein. Wenn Du wirklich eingesehen hast, dass all diese Geschichten nur ein großer Traum waren, dann musst Du doch auch nichts auslöschen oder richtig stellen. Kannst Du Dich an den Traum erinnern, indem Du immer wieder versuchtest, in die Handlung einzugreifen, weil Dir der „Film“ nicht gefiel? Du musstest doch wohl einsehen, dass alles, was Du unternehmen wolltest, den Film nur noch schlimmer gemacht hat. Also, sieh doch Dein ganzes „Leben“ einfach als einen großen Traum an. In Träumen verspürst Du doch auch Eifersucht, Neid usw. Du kannst Dir nicht beweisen, dass es wirklich so abgelaufen ist, wie Du es beschrieben hast. Wenn Du wirklich davon überzeugt bist, dass alles nur ein Traum war und Du den Sinn verstanden hast (z.B. „Du sollst nicht richten und urteilen“) dann wirst Du diese Bilder nicht mehr sehen. Wenn Du aber versuchst, Deine „angebliche Vergangenheit“ oder „den großen Traum“ auszulöschen, solltest Du Dich ehrlich fragen, warum Du das machen möchtest !

Maria, Du kannst mich nicht täuschen. Ich weiß, dass Du auf dem Weg bist, zu bereuen, vorschnell geurteilt zu haben. Aber es spielt noch eine andere Sache mit. Du hast Angst, Dich zu outen. Du willst Dir nicht Sympathien der Menschen verspielen. Du willst geliebt werden und Dich anders geben, als Du wirklich bist. Ja, Du hast gerichtet und geurteilt, und nun versuchst Du, alles richtig zu stellen. Aber Du wirst es nicht schaffen, wenn Du einfach alles aus Dir herauslöschst. Es wird Dir immer wieder eingespielt werden. Du kannst Dich nicht heilig geben, wenn Du es nicht wirklich[t] bist. Du musst einsehen, dass Du Fehler gemacht hast. Es sollte Dir egal sein, was Deine Traumgestalten vor Dir denken. Deine angebliche Menschheit, die ich Dir einspiele, bist nur Du selbst ! Du bist diejenige, die richtet, urteilt, Eifersucht und Neid in sich spürt usw..

Maria stimmte Felix zu. Er hatte wie immer recht gehabt und in ihr Innerstes geschaut und gesehen, dass ihr Denken ihr wieder einmal einen Streich gespielt hatte. Was Maria aber gleichzeitig sehr nervte war, dass David im Hintergrund telefonierte, und zwar so laut, dass sie sich kaum auf Felix konzentrieren konnte. Zum Glück beendete er in dem Moment das Gespräch, als sie einen Anflug von Ärger in sich aufsteigen spürte.

Er fragte Maria leise, ob er etwas zu essen machen solle. Warum konnte er jetzt wieder in einem normalen Tonfall reden?

Prüfung!, rief Felix ihr zu. Alles ist gut so wie es ist. Du solltest versuchen, Dir darüber klar zu werden, dass keine einzige Handlung umsonst ist.

Maria machte mit David eine kleine Zigarettenpause. Nachdem sie ihn auf ihr Problem (das Manuskript aus dem Computer zu löschen) ansprach, reagierte er wie immer völlig unerwartet. Er redete unaufhörlich darüber, was er jetzt kochen wolle. Nach dem dritten Versuch bemerkte er, dass sie nicht reagierte und antwortete kurz und bündig, dass alles seinen Sinn habe. Es sei wieder einmal WOLLEN in ihr und sie sollte sich nur bemühen, nichts zu verändern.

Siehst Du Maria, warum hörst Du nicht auf mich?

Maria wusste überhaupt nichts mehr. Was sollte sie jetzt tun? Welche Prüfung hatte sie zu bestehen? Ihr war doch bewusst, dass sie keine eigene Meinung hatte. Also musste sie doch genau das tun, was sie in sich spürte?

Sicherlich hast Du Recht, dass Du keine eigene Meinung hast. Aber Du weißt doch, dass David und ich Dich prüfen, ob Du zu dem stehst, was Du geschrieben hast ?

18.06.2001 – 15.00 Uhr

David telefonierte wieder einmal. Maria wollte eigentlich gar nicht weiter schreiben, da David es sich offensichtlich heute zur Gewohnheit gemacht hatte, sehr laut und energisch zu reden. Sie wusste jetzt nicht, ob er sie daran hindern wollte, weiter zu schreiben oder ob es nur ein Test war, sie nicht aus ihrem Konzept zu bringen.

Maria hatte viele Fragen an Felix und bat ihn geistig, einmal ein offenes Gespräch zu führen.

Okay, rief Felix ihr zu, fangen wir damit an.

Felix, begann Maria, ich möchte Dich bitten, mir einige Sachen zu erklären.

Ich kenne eine Frau mittleren Alters mit Gewichtsproblemen. Sie möchte gerne abnehmen, aber es klappt einfach nicht.

Maria, warum möchte diese Frau abnehmen?

Sie fühlt sich in ihrer Haut nicht wohl und passt nicht mehr in ihre alte Kleidung. Außerdem sagt sie, sie habe aufgrund des Übergewichtes gesundheitliche Probleme.

Wenn diese Frau doch abnehmen möchte, dann würde sie auch an Gewicht verlieren. Vielleicht möchte sie gar nicht auf das Essen verzichten, weil sie sich wohl fühlt ?

Nein, sie sagt, dass sie sich sehr unwohl fühlt. Es sei frustrierend, wenn sie versucht, ihre alte Kleidung anzuziehen und bemerkt, dass sie nicht mehr hinein passt.

Warum quält sich denn diese Frau so? Wenn sie doch weiß, dass sie mehr Kilos auf die Waage bringt, besteht doch auch keine Möglichkeit mehr in Kleidung zu passen, die einige Nummern zu klein ist ?

Stimmt! sagte Maria. Aber sie sagt, dass sie zwar wenig isst, aber trotzdem zunimmt.

Maria, das ist doch fast unmöglich. Beobachtet diese Frau wirklich genau, was sie an Nahrung zu sich nimmt ? Wenn es nur um die Ernährung geht und sie deshalb nicht abnimmt, dann sollte sich diese Frau doch sportlich betätigen !

Das klappt nicht. Sie arbeitet den ganzen Tag und nach Feierabend ist sie einfach zu erschöpft, um Sport zu treiben. Außerdem fällt ihr körperliche Betätigung schwer, weil sie übergewichtig ist und diverse Übungen aufgrund des Gewichtes nicht machen kann.

Diese Frau sollte sich vielleicht darüber klar werden, warum sie abnehmen möchte. Wenn sie sagt, sie nehme nicht ab, obwohl sie wenig esse und, sie könne keinen Sport machen, weil sie zu dick sei, dann sollte diese Frau sich doch so annehmen, wie sie geschaffen wurde. Sie sollte weiter essen ohne zu leiden, ob sie jetzt dick wird oder nicht. Wenn sie bei jedem Bissen daran denkt, dass sie zunimmt, dann wird sie auch zunehmen. Selber denken, selber haben!

Aber ich kann mir nicht vorstellen, wie man sich so annehmen kann wie man ist. Wenn sie früher einmal schlank war und jetzt dick ist, dann ist sie doch schlank erschaffen worden und durch ihre Unachtsamkeit dick geworden. Also ist sie doch selbst daran schuld, weil sie sich aufgrund ihrer Esslust nicht unter Kontrolle hatte.

Woher will denn diese Frau wissen, ob sie früher einmal schlank war?

Sie weiß, dass sie früher einmal schlank war.

Kann sie diese These beweisen?

Selbstverständlich, sie schaut einfach in ihren Kleiderschrank und sieht, dass all ihre Sachen einige Nummern zu klein sind. Ist das nicht Beweis genug ?

Kann sich diese Frau beweisen, dass sie einmal in diese Kleidung hinein gepasst hat? Wenn sie diese Textilien doch schon länger im Schrank hat und sie seit Ewigkeiten nicht mehr hineinpasst, woher will sie wissen, dass sie diese Sachen wirklich einmal trug?

Felix, ich weiß, dass ich diese These nicht erklären kann. Aber trotz allem fühlt sich diese Frau unwohl !

Dann sollte sie versuchen, sich glücklich zu machen. Wenn sie wirklich unter ihrem Gewicht leidet, dann muss sie etwas für sich tun. Geht es um ein Schönheitsideal, dem sie sich anpassen möchte?

Sie verneint das. Sie sagt, dass sie sich nicht wie ein Model abhungern möchte. Sie möchte nur soviel Kilos runter bringen, dass sie wieder in ihre alten Kleider passt.

Warum möchte sie wieder in ihre alten Kleider passen? Sie könnte sich doch ihre Sachen ganz bequem einfach eine Nummer größer kaufen !

Nein, neue Kleidung zu kaufen kostet Geld und sie kann es sich finanziell nicht erlauben, sich neu einzukleiden.

Wenn es also beim Abnehmen in erster Linie um den finanziellen Aspekt geht, dann frage ich mich, wie sie eigentlich die ganzen Lebensmittel finanzierte, die sie einkaufen musste, um angeblich dicker zu werden ? Dann geht es doch hierbei gar nicht um Geld ?!

Sicherlich hast Du damit recht. Aber ich weiß aus eigener Erfahrung, dass man immer eine Entschuldigung für sein Handeln findet. Woher soll ich denn wissen, ob ich wirklich dick oder dünn erschaffen wurde und was von beidem ich wirklich bin?

Schau Dich an und Du weißt, was Du im Hier und Jetzt bist. Okay, wenn Du an Dir herunter siehst und ein übergewichtiges Wesen entdeckst, dann wurdest Du auch so erschaffen. Wenn Du im HIER und JETZT lebst, gibt es keinen Vergleich. Dein grundsätzlicher Denkfehler ist, dass Du glaubst, immer alles vergleichen zu müssen. Kannst Du Dich vielleicht erinnern, wie Du mit 20 Jahren ausgesehen hast ?

Nein, ich glaube, ich habe kein Foto mehr in meinem Album. Aber ich könnte Dir beweisen, wie ich mit 30 Jahren ausgesehen habe !

Du kannst mir nichts beweisen. Die Wirklichkeit sieht ganz anders aus. Was Du mir zeigen kannst, ist eine Fotografie, nicht mehr und nicht weniger. Aber in Wirklichkeit ist diese Fotografie nur ein Stück Papier mit Farbspritzern darauf und das löst anhand deiner Erinnerung einen Gedanken in Dir aus, der Dir sagt, dass Du dieses Objekt (das ja eigentlich nur aus Farbspritzern besteht !) auf dem Foto bist. Es ist zweifellos für Dich logisch, aber es ist kein Beweis dafür, dass Du dieses Wesen auch wirklich bist oder warst ! Kannst Du Dir vielleicht beweisen, wie Du mit 15 oder 23 Jahren ausgesehen hast? Glaube mir, Du kleines Menschenkind, nichts kannst Du Dir beweisen, nur das, was HIER und JETZT ist. Und was sehen wir beide jetzt? NUR EINEN BILDSCHIRM !

Okay, das habe ich verstanden. Aber in meiner Erinnerung kann ich mir im „HIER und JETZT“ diverse Formen einer Maria denken !

Stimmt, sagte Felix, aber warst Du wirklich jemals ein Baby, ein Teenager oder eine junge Frau? Wenn ich Dir jetzt irgendein beliebiges Datum einspielen würde, glaube mir, Du könntest Dich nicht daran erinnern, was an diesem „angeblichen Tag“ wirklich war. Natürlich würde Dir z.B. der 23.12.1994 etwas sagen, denn dies ist Dein Hochzeitstag. Aber was ist zum Beispiel mit dem 3.1.1999 ?

Ich weiß es nicht, sagte Maria kleinlaut. Aber wir entfernen uns immer mehr von der eigent­lichen Frage, die ich Dir gestellt habe. Es ging doch nur um Gewichtsprobleme ...

Auch das stimmt, sagte Felix. Aber ich muss versuchen, Dir die Dinge innerhalb Deines noch recht engen Wahr­nehmungs­rasters zu erklären und dazu muss ich halt ein wenig ausholen !

Okay, sagte Maria. Auch ich habe Probleme mich mit meiner Figur anzufreunden. Ich habe erkannt, dass ich nur zwei Möglichkeiten habe: Entweder ich leide, weil ich keinen Sport mache oder ich leide, weil ich Sport mache. Ich kann für mich nur sagen, dass es immer sehr anstrengend war, wieder neu anzufangen nachdem ich über Jahre hinweg nichts für meinen Körper getan hatte.

Warum machst Du zur Zeit Sport?

Maria antwortete spontan. Es geht mir nicht nur darum, abzunehmen, sondern ich möchte, dass mein Körper wieder straffer wird !

Warum soll Dein Körper straffer werden?

Ich möchte meinem Mann gefallen !

Lügnerin! Du weißt, dass David mit Deiner Figur kein Problem hat. Also sage mir jetzt die Wahrheit ! Warum quälst Du Deinen Körper, obwohl Du eigentlich gar keine Lust dazu hast?

Ich fühle mich wohler, wenn ich weiß, ich habe etwas für meinen Körper getan !

Schwätzerin! Das stimmt doch überhaupt nicht. Nach Deinen Übungen bist Du doch ziemlich fertig ! Ich glaube nicht, dass Dir das wirklich gut tut. Wenn Du ehrlich zu Dir selber wärest, müsstest Du doch erkennen, dass Deine Knochen danach mehr schmerzen als vorher !

Stimmt, sagte Maria, aber ich leide nicht mehr darunter. Mittlerweile macht es mir Spaß ! Sicherlich bin ich in dieser Hinsicht zu materiell eingestellt, aber ich möchte meine eigene Meinung vertreten. Wenn David keinen Sport macht ist das ganz alleine seine Sache. Wenn ich etwas für meinen Körper tue, dann will ich es so, ob es aus seiner Sicht für mich sinnvoll ist oder nicht.

Kannst Du Dich daran erinnern, wie Du auf Deinem Fahrrad gesessen hast und „durch Zufall“ in den Spiegel geschaut hast?

Ja, ich weiß, was Du meinst. Ich habe zwischen meinen Augenbrauen eine sogenannte Zornes­falte und auf meiner Stirn wellenförmige, waagerechte Fältchen entdeckt. Als ich mein tägliches Fahrradtrainingsprogramm abspulte, sah ich in den Spiegel und erkannte zum ersten Mal, dass die Anordnung der Falten genau einem „T“ entspricht. Voller Entsetzen musste ich feststellen, dass es sich um das sogenannte „Zeichen des Tiers“ (Johannes Evangelium) handelt. Völlig tierisch tritt man auf der Stelle und radelt um sein Leben, damit man die Materie (d.h. den Körper) aufrecht erhält.

Das hast Du mit Sicherheit gut erkannt Maria. Warum stellst Du es dann nicht ab ?

Ich kann nicht! seufzte Maria. Es leuchtet mir durchaus ein, dass ich mich ausschließlich um die Materie kümmere, anstatt meinen Geist zu schulen. Aber ich befinde mich inmitten dieses Programms. Im Kopf weiß ich, dass ich einiges verstanden habe, aber ich mache trotz allem immer wieder die gleichen Fehler.

Du solltest Dich nicht so quälen, Maria! Ich weiß, dass Du versuchst mir zu folgen, aber Du bist noch eine kleine Seele, die keine eigene Meinung hat. Du hast das Prinzip doch bereits durchschaut, als Du Dein „Zeichen“ auf der Stirn erkanntest. Aber es nützt Dir nichts, wenn Du Dir einredest, dass Du es verstanden hast. Wenn es wirklich Deine eigene Meinung wäre, dass Du Dich viel zu sehr um Deinen Körper bemühst, würdest Du das Problem einfach abstellen. Du schwimmst mit der Masse ! Aber Du kannst bei Deinem Reifezustand nichts anderes tun, weil Du das Zeichen des Tiers – Mechanismus – auf der Stirn trägst. Wenn Du jetzt aber glaubst, Du müsstest David nachplappern („Sport schadet zwar nichts, aber er bringt Dich in Deiner spirituellen Entwicklung auch nicht weiter“ ...), dann hättest Du wieder keine eigene Meinung. Lebe diese Phase aus, solange Du meinst, dass es Dich befriedigt - alles andere wäre nur geheuchelt!

Maria stöhnte lauf auf. Sie hatte große Mühe, sich ständig unter Beobachtung zu halten. Sie konnte alles nachvollziehen, was ihren Traumgestalten widerfuhr. Hätte man sie 24 Stunden lang gefilmt, dann hätte sie mit Sicherheit mindestens zwei Drittel dieser Zeit vergeudet, weil sie immer wieder in ihre alte Logik zurückfiel. Das sollte jetzt nicht bedeuten, dass sie zu einem Drittel aufmerksam war, nein, dieses Drittel verbrachte sie nachts im Bett und dort konnte sie sich zum Glück verkriechen ...

 

19.06.2001 – 13.00 Uhr

Maria hatte ihr tägliches „Fitnessprogramm“ absolviert und setzte sich an den Bildschirm. Sie hatte bewusst ihre Übungen hinter sich gebracht und fühlte sich wohl, obwohl sie sich bewusst war, dass sie damit die Meinung der „Masse“ vertrat. Sie war zwar nicht stolz darauf, aber sie bereute ihr Tun auch nicht, sondern gab sich ihrem „Programm“ hin. Sie hatte keine Lust darauf, sich zu rechtfertigen, warum sie manche Dinge mechanisch durchzog, ohne ihren Geist einzuschalten. Aber sie wollte nicht mehr nachplappern.

Sie hatte ja nur zwei Möglichkeiten: Entweder weise reden und nichts verstehen oder sich mechanisch wie ein Roboter ihrem derzeitigen Programm hingeben.

Es sollte keine Entschuldigung für ihre momentane Situation sein, aber sie hatte als Marionette keine Chance, sich selbst zu steuern. Selbst wenn es in ihrem Kopf „STOPP“ rief, überhörte sie die Stimme.

Maria, meldete sich Felix zu Wort. Ich sehe ein, dass Du noch nicht so weit bist. Aber es ist doch meine Aufgabe, Dich wach zu halten. Ich werde Dich niemals überfordern, aber Du solltest auch versuchen, Dich mir zu nähern und nicht immer Deine Dummheiten zu rechtfertigen. Du musst Deine alte Logik verlassen !

Ich weiß! rief Maria Felix zu. Aber habe doch ein bisschen Geduld mit mir. Ich lerne viel besser, wenn ich meine „Märchengestalten“ in meinen Lebensfilm mit einbringe.

Maria setzte zu einem neuen Gedanken an: Ich habe eine Märchenfigur entwickelt (ja, ja, ich weiß, alles nur gespiegelt !), die von sich behauptet, dass sie zu dumm sei, Davids Worten zu folgen. Es fällt diesem Wesen deshalb so schwer, aus der alten Logik auszubrechen, weil es glaubt, dass es völlig normal sei, wenn man immer wieder in sein altes Raster falle.

Und was sagt David dazu ?, hakte Felix nach.

David sagt, dass dieses Wesen sich selbst beschränkt, da es sich für normiert hält. Und solan­ge man sich diese Dinge einredet, bleibt man auch völlig normal und rechtfertigt somit seine eigenen Dummheiten.

Aber glaubt dieses Wesen wirklich, dass es zu dumm sei, David zu folgen ?

Maria dachte einen Moment darüber nach. Ich glaube schon, dass es glaubt, dumm zu sein. Aber ich kann mich auch an eine „Traumszene“ erinnern, wo dieses Wesen neidisch wurde und sich später auch dazu bekannte. Es ging darum, dass David hebräische Wörter aufschlüsselte. Als das Wesen in das Geschehen eingriff und sagte, dass es noch nicht so weit sei, David zu folgen, da es dazu viel zu dumm sei („ein altes Familienproblem“) entgegnete David, es irre, da mittlerweile alle folgen könnten. Es entgegnete, dass sei unvorstellbar, da es dachte, die anderen seien noch viel dümmer.

Siehst Du Maria, das ist absolute Schizophrenie ! Stell Dich dumm und Dir geht es gut! Dieses Wesen benutzt seine angebliche Dummheit dazu, sich zu rechtfertigen.

Es ist ein Joker! Auf der anderen Seite siehst Du aber auch, dass es in sich Neid verspürte, weil seine Mitmenschen angeblich fortgeschrittener waren, obwohl es doch im tiefsten Herzen glaubte, dass die anderen noch viel dümmer seien als es selbst. Kannst Du die versteckte Arroganz sehen?

Sicher entgegnete Maria. Aber warum machen sich Menschen so klein, wenn sie doch glauben, dass sie viel reifer seien als ihre Umwelt?

Das solltest Du Dich fragen, Maria. Du hast das Problem solange, bis Du erkennst, dass diese Facette noch in Dir steckt. Es ist falsche Demut, die Du Dir selbst vorspielst. Möchtest Du nicht langsam damit beginnen, dieses „Übel“ aus Deiner Welt zu schaffen? Außerdem frage ich mich, warum Du einige Absätze vorher geschrieben hast, dass diese Märchengestalt gespiegelt sei. Offensichtlich hast Du den Sinn meiner (Deiner) Worte nicht verstanden !

Ich glaube aber schon, dass ich die Worte verstanden habe, rief Maria Felix ziemlich entrüstet zu.

Nein, mein kleiner Trotzkopf! Du hast nichts von all dem verstanden. Wenn Du schon schreibst, dass es nur Märchengestalten - Spiegel Deiner selbst - seien, dann hättest Du sofort erkennen müssen, dass Du es bist, der die falsche Demut lebt. Du darfst niemals den Fehler begehen, Dich mit einer Gestalt komplett zu identifizieren, da all die „angeblichen Menschen“ eine komplett andere Welt in sich tragen und Dir nur eine bestimmte Facette vorspielen, die Du zu erkennen hast. Es geht dabei um „Eigenschaften“, die Du in Dir trägst, und an denen nur Du arbeiten solltest. Die Figur ist absolut unwichtig, denn sie existiert in „Wirklichkeit“ gar nicht. Sie tritt nur aus Dir heraus, wenn Du ein Problem noch nicht erkannt hast. Du wirst ganz andere Bilder sehen, wenn Du diesen Fehler behoben hast.

Maria grübelte darüber nach. Was sollte sie jetzt dazu sagen? Ich bin zu dumm? Nein, dann würde sie den gleichen Fehler noch einmal begehen. Es war nur deshalb so kompliziert für sie, weil sie immer wieder dem Irrtum verfiel, es gäbe außer ihr noch andere Menschen ...

Sie existieren und gleichzeitig existieren sie nicht! rief ihr Felix zu.




21.06.2001 – 14.10 Uhr

Gestern kamen Peter und Simon zu Besuch. Da gegen 19.00 Uhr noch ein weiterer Termin für David anstand, tummelten sich abends ungefähr 10 Personen in ihrem Wohnzimmer. Nachdem die ersten Besucher gegen Mitternacht gegangen waren, blieben nur Simon und Peter über Nacht bei ihnen.

Maria blieb während des ganzen Abends in ihrem Esszimmer und löste Kreuzworträtsel. Gegen 19.00 Uhr klingelte das Telefon und David nahm ab. Einige Minuten später übergab er Maria den Telefonhörer. Maria war sehr überrascht Jasmins Stimme zu hören. Sie fragte freundlicherweise nach, ob sie ihr Manuskript lesen dürfe. Maria hatte sich ja vor wenigen Tagen noch gesträubt, ihr Buch weiterzugeben, aber nachdem sie sich überwunden hatte, spielte es für sie keine Rolle mehr. Sie hatte es auch Boris nicht überlassen wollen, da ihre Angst zu groß war, dass er schlecht von ihr denken könne.

Sie hatte ihn auch gebeten, es, wenn möglich, nicht weiterzugeben, auch nicht an seine Frau Jasmin oder an andere Leute, da sie sich zu sehr dafür schämte. Maria fand es sehr nett von Boris, dass er es ihr überließ, ob es seine Frau lesen könne oder nicht. Er hatte ihr seinerzeit angeboten, eine Diskette von der Datei „Schattenfrau“ zu ziehen und wenn sie wolle, würde er das Schriftwerk korrigieren, aber nicht inhaltlich, sondern nur grammatikalisch. Maria freute sich aufrichtig, dass Boris diese Aufgabe übernehmen wollte. Ihr war damit sehr geholfen und Boris hatte Freude daran, sich dieser Aufgabe zu widmen. Er hatte seinerzeit auch Davids Schriften korrigiert, was mit Sicherheit eine sehr langwierige und hoch­intellektuelle Aufgabe war. Dagegen war Marias Buch ein Märchen mit einfacher „Kindergartensprache“.

Die Schwierigkeit bestand sicherlich darin, sich ihrem Stil anzupassen. Da Boris aber genau wusste, was sie eigentlich sagen wollte, war es optimal für sie, dass gerade er das Manuskript in die Hände bekam. Maria dankte David innerlich, dass er sie förmlich in den „Hintern treten musste“, damit sie endlich aus sich heraus kam !

Jasmin fragte direkt bei Maria nach, weil Boris ihr gesagt hatte, dass nur Maria entscheiden könne, ob die „Schattenfrau“ weitergegeben werden sollte oder nicht.. Maria hatte mittler­weile keine Angst mehr davor, sich für ihr Buch zu genieren. Also erklärte sie Jasmin in Kurz­fassung, worum es ging. Außerdem betonte sie immer wieder, dass sie sich nicht rechtfertigen wolle (was sie aber mit Sicherheit doch tat). Es waren Gedankengänge, die sie einfach auf­ge­schrieben hatte. Sie wollte sich selber finden und schrieb nur das auf, was ihr eingegeben wurde. Bis vor wenigen Monaten hatte Maria noch keine Ahnung davon gehabt, was sie alles aufschreiben würde.

Aber inzwischen war klar zu erkennen, dass sie sehr oft geurteilt und gerichtet hatte. Sie bereute diese Ereignisse zutiefst. Nach einigen Erklärungsversuchen entschied Jasmin, dass sie sich das Manuskript gerne anschauen wolle. Außerdem stellten die beiden Frauen fest, dass sie sich seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen hatten und dass man sich einmal wieder besuchen sollte. Jasmin hatte einen wunderbaren Humor. Sie sagte z.B. dass sie erst das Buch lesen wolle, um dann darüber zu entscheiden, ob sie danach noch Kontakt wolle oder nicht. Beiden Frauen lachten herzlich darüber, da Jasmin es von der lustigen Seite sah.

Einige Stunden später rief Jasmin nochmals an. Maria war sehr überrascht, dass ihr die „Schattenfrau“ so gut gefiel. Jasmin konnte sich in einige Situationen hinein versetzen, da auch sie immer wieder versuchte, sich zu beobachten und keinem nachzuplappern. Für Maria war der intellektuelle Weg zu schwierig, also musste sie versuchen, eine andere Richtung einzuschlagen, um sich zu finden. Maria hatte das Gefühl, dass Jasmin eigentlich überrascht war, dass sie in vielerlei Hinsicht ähnlich strukturiert waren.

Maria war nur schwer durch­schaubar, weil sie permanent ihre (Schein-)“ Heiligen-Maske“ trug. Zwar betonte sie offen, dass David nicht anders mit ihr umging als mit anderen Menschen. Sie versuchte auch durchaus, einige ihrer Fehler preiszugeben, dass sie genauso „klein“ war wie all die anderen. Aber anscheinend kam das nie ehrlich rüber. Deshalb hatte Maria das Gefühl, dass ihre Mitmenschen wohl eher dachten, dass es nur tröstende Worte von ihr waren und sie in keinerlei Weise mit sich kämpfte, da sie doch David an ihrer Seite hatte.

Siehst Du, meine Kleine. Ist das nicht ein befreiendes Gefühl sich zu öffnen? Warum hast Du eigentlich so lange dagegen gekämpft, Dich als „Kleingeist“ zu outen ? Ist es nicht viel einfacher (und ehrlicher), wenn Du offen bekennst, dass Du ein „richtender Mensch“ warst (manchmal auch noch bist), als die Maske der Demut zu tragen ? Du bist nicht heilig! Du bist eine kleine HEXE!

Nein! schrie Maria auf. Jetzt sagst Du es mir auch noch. Ich habe langsam das Gefühl, dass es alle (außer mir) wissen. Sofort erschien in Maria ein „vermutetes Bild vom gestrigen Tag“.

Hannes, ein sehr liebeswerter Bekannter Davids, war mit Freunden zu Besuch gekommen. Birgit, eine sympathische junge Ärztin, war auch dabei. Maria traf sie zum zweiten Mal und war überrascht, wie zwanglos und offen diese Frau war. Als sie gegen Mitternacht gehen wollten, kam Birgit zu ihr und sagte, sie habe gehört, Maria sei eine sehende Frau und sie würde sich freuen, wenn sie sich einmal ihre Praxis anschauen könnte. Maria war total irritiert. Was hatte David über sie erzählt?

In diesem Moment betrat David das Esszimmer (wo beide Frauen sich aufhielten) küsste Maria und sagte zu Birgit, dass sie sich vor ihr in Acht nehmen solle, da seine Frau eine „Hexe“ sei. Maria war total überrascht, da sie dieses „Spiel“ überhaupt nicht einordnen konnte.

Oh Gott!, dachte sie sich. Zuerst wirst Du von Jasmin gelobt und dann wirst Du für eine sehende Frau gehalten.

Außerdem hatte Peter ihr an diesem Tag auch noch mit einem „Problem“ geholfen. Bitte, bitte, keine Prüfung, schrie Maria auf.

Es geht einmal bergauf, meine Kleine und dann wieder bergab. Aber Du solltest Dich nicht fürchten. Erst wenn Du glaubst, Du seiest schon oben angelangt, kannst Du herunter fallen. Wenn Du aber erst einige Klimmzüge hinter Dich gebracht hast und auf Deinem Berg eine kleine Pause machst (Achtung! Dies ist keine Pause zum Faulenzen, sondern zur Beobachtung Deiner selbst), musst Du nicht damit rechnen, dass Du herunterfällst. Es sei denn, Du fühlst Dich zu sicher und bist unachtsam. Dann rutschst Du ab. Wenn es aber nur eine kurze Strecke war, dann ist der Aufprall nicht so schmerzhaft. Du musst immer wieder Aufstehen und neue Versuche starten. Auf dem Boden winselnd liegen bleiben und seine Wunden lecken, hilft Dir nicht weiter. Verstanden?

Ja, ja, rief Maria Felix zu. Ich habe verstanden, was Du mir sagen möchtest. Ich werde mich bemühen, in meiner Mitte zu bleiben. Aber ich habe ein so großes Glücksgefühl in mir, das ich nicht in Worte fassen kann. Es macht mir große Freude, zu sehen, dass ich durch meine Gedanken anderen unbewusst vielleicht helfen kann, sich auch zu finden. Dies soll jetzt nicht vermessen klingen, etwa, dass ich den „Stein der Weisen“ gefunden habe, sondern ganz einfach ausgedrückt, Menschen Mut zu machen, laut aufzuschreien, dass man aus seinem eigenen Computerprogramm heraus möchte. Und wenn auch immer wieder Abstürze folgen, trotz allem den Mut zu haben, weiter zu gehen, sich nicht immer sofort aufzugeben.

Maria freute sich aufrichtig darüber, dass Boris ihr Manuskript so wundervoll korrigiert hatte. Er hatte den Sinn ihrer Aufzeichnungen verstanden und klarer ausgedrückt. Maria hätte es niemals geschafft, ihre Gedanken so verständlich wiederzugeben. Natürlich kannte sie sich einigermaßen in Rechtschreibung aus, aber sie hatte mittlerweile viele Gebote der Grammatik vergessen. Außerdem war sie in der Schule nie in der Lage gewesen, einen vernünftigen Aufsatz zu schreiben, da sie ihre Gedanken nur schwer in Worte fassen konnte.

21.06.2001 – 18.15 Uhr

Maria hatte ihr tägliches Fitnessprogramm absolviert und saß nun erschöpft wieder am Bildschirm. Eigentlich wollte sie sich für einige Minuten hinlegen, aber in ihren Kopf strömten so viele Gedanken ein, dass sie einfach nicht einschlafen konnte. Immer wieder fiel ihr Felix ein. Der sprach in ihrem Kopf immer wieder die gleichen Worte:

Maria! Maria!

Nicht einschlafen, hörst Du? Ich möchte mit Dir ein neues Spiel spielen.

Weißt Du wie das Spiel heißt?

Nein! stöhnte Maria leise auf. Ich möchte jetzt nicht mir Dir spielen, bitte lass mich schlafen.

Keine Chance! Wir spielen das Spiel: Heute holen wir eine neue „Leiche“ aus dem Keller!

Felix lachte schallend in ihrem Kopf.

Nein! rief Maria ihm zu. Bitte lass mir Zeit, die drei wichtigsten Leichen zu entsorgen. Ich weiß, mit Deiner Hilfe hätte ich sie erst gar nicht geborgen. Aber findest Du nicht, dass Du mich ein wenig überforderst, Felix?

Nein, das finde ich ganz und gar nicht! Ich werde mit Dir die „Leiche“ suchen.

Maria hörte weiterhin die kichernde Stimme ihres Beobachters im Kopf. Er ließ ihr einfach keine Ruhe. Auf einmal bemerkte Maria, dass sie sich auf einem Gedankenpfad befand. Der Weg führte immer tiefer in ihr Unterbewusstsein und dabei kamen wieder einmal viele unerfreuliche Dinge zum Vorschein. Sie ging in Gedanken mit Felix immer weiter und weiter und ...

Beide stoppten ihren Spaziergang und blieben vor einer „geistigen Gestalt“ namens Margot stehen. Sie lächelte Maria an und reichte ihr die Hand zur Versöhnung. Meine Güte, dachte Maria, jetzt fange ich an zu halluzinieren!

Nein, rief ihr Felix zu. Du musst Dir jetzt diese Gedanken ansehen, ob Du willst oder nicht. Es sind keine Halluzinationen, sondern ein Teil der Wirklichkeit. Lass Dich bitte auf das Spiel ein!

Maria schaute sich ihren Gedankenfilm weiter an. Sie wunderte sich sehr darüber, dass Margot in ihr wieder auftauchte und sich dabei offensichtlich bester Gesundheit erfreute (Maria glaubte fest daran, dass Margot im Februar 2001 verstorben sei).

Dies ist absolut merkwürdig, hörte sich Maria sagen. Warum taucht Margot wieder in mir auf? Ich habe sie für mich doch schon längst geistig frei gegeben.

Felix meldete sich jetzt direkt zu Wort. Maria, Margot zeigt Dir Dein eigentliches Problem auf. Du musst Dich jetzt sehr gewissenhaft prüfen, wo sich Dein Leben aufgehängt hat.

Ich weiß! rief Maria Felix zu. Meine Probleme häuften sich, als David zu einem neuen Leben geboren wurde.

Nachdem Margot in Davids Leben getreten war, hatte sich für Maria alles verändert. Es erschien ihr so, als sei aus „David“ Adam und aus „Maria“ Eva geworden. Aber die Mario­nette Maria wurde aus ihrem Paradies heraus geworfen und eine neue Eva versuchte, ihren Platz bei David (Adam) einzunehmen.

Früher empfand Maria es so. Sie war auf eine verlockende Schlange (ihre alte Logik und die damit verbundenen Handlungen) hereingefallen und musste dadurch erkennen, wie viele Dinge in ihrem Unterbewusstsein waren, die langsam aber sicher alle aufgedeckt wurden.

Bis zu diesem Ereignis hatte Maria Eifersucht nur ansatzweise gekannt. Danach aber bestim­mten regelrechte Eifersuchtsanfälle mit Tränen, Neid, Ansätzen von Hass- und, Minder­wertigkeitsgefühlen, Missverständnissen, Wollen und was sonst noch dazugehörte, ihren ALLTAG. Alle Facetten an Ekelhaftigkeiten waren in ihr hochgekommen.

Maria, Du weißt, dass Du Margot dafür dankbar sein musst, dass durch sie alles zum Vorschein kam. Sie war nur ein Spiegelbild von Dir und Du hättest erkennen müssen, dass alles nur ein ERKENNE-DICH-SELBST-Spiel war!

Ich weiß, sagte Maria zu Felix. Aber ich habe mich durch diese andere Frau bedroht gefühlt. David befand sich weiterhin im Paradies und für mich waren doch alle Türen verschlossen.

Nein, Maria! Alle Türen waren für Dich geöffnet.

Aber Du hast diese Türen hinter Dir zugemacht.

Verstehst Du, meine Kleine, Du hast seinerzeit das Paradies selber verlassen. Du kannst aber froh sein, dass Du den Schlüssel zur Himmelstür nicht weggeworfen hast sondern ihn dann wieder benutzen konntest, als Du Dich verändert hast. Du siehst doch, dass Du Dich David immer mehr genähert hast und dass Ihr beide wieder in Eurem Paradies vereinigt seid.

Stimmt! sagte Maria. Aber ich habe noch so viel zu lernen. Wenn ich mich an Berta erinnere, muss ich sagen, dass ich mittlerweile einen tiefen Respekt vor ihr habe. David musste zwar härter mit ihr umgehen, aber Berta hat gelernt, dass sie sich von ihm abnabeln musste.

Und das ist ihr doch sehr gut gelungen!

Das siehst Du völlig richtig. Berta ist Dir einen großen Schritt voraus. Sie versucht, ihren eigenen Weg zu gehen ohne sich an David zu hängen. Auch Berta musste viel lernen und das war für die alte Dame mit Sicherheit nicht immer leicht. Aber sie hat es geschafft und das ist doch die größte Freude für sie und David.

Maria erinnerte sich an viele Episoden, wo sie geurteilt und gerichtet hat. Und warum war sie so selbstgerecht? Ganz einfach, weil sie Eifersucht und Neid in sich spürte.

Maria sah Powerfrauen wie z.B. Jasmin, die mit Leichtigkeit ihre Familie im Griff hatte. Dann eine Jessica, die trotz Familie und Beruf immer ruhig und geduldig ihre Aufgaben erledigte. Oder Margot, die unheimlich belesen und gebildet war und Menschen in ihren Bann zog. Und all die Frauen, die sie kennengelernt hatte, die ihr um Welten voraus waren. Um Maria herum gab es nur eigenständige, energiegeladene Wesen, die ihr Leben selber in die Hand nahmen. Sie lebten Maria Ruhe vor, wie es zum Beispiel Helene tat, waren charmant wie Clarissa oder auch eine Berta, die sich trotz ihres Alters mit Urlaubsvermietungen ihren Lebensunterhalt verdiente.

Sie aber war eine Maria, eine Marionette an der Seite Davids, die absolut nichts vorweisen konnte, was sie selbst geleistet hatte.

Maria fühlte sich als ein Anhängsel, das völlig unwichtig war. Sie sah auch noch deutlich die vielen Menschen vor sich, die völlig irritiert waren, als David ihnen sagte, dass sie seine Ehefrau sei. Zum Glück konnte Maria keine Gedanken lesen. Aber sie fragte sich immer wieder, WEN oder WAS die Menschen an Davids Seite erwartet hatten?

Maria, bestimmt nicht!

Sie war aber nicht nur auf Frauen eifersüchtig oder neidisch. Nein, sie hatte die gleichen Gefühle auch bei Männern. Ja, sie war zum Beispiel auch neidisch auf Boris, der ihr intellektuell Lichtjahre voraus war. Dann war da noch Simon, dieser junge Mann, der immer wieder durch David beschützt wurde. Und Maria ärgerte sich darüber, dass David soviel Zeit und Energie für andere Menschen aufbrachte, sich bei ihr aber die meiste Zeit in Schweigen hüllte. Auf Richard war sie neidisch, da er David alles erzählen konnte, was er wollte und er ihm immer geduldig zuhörte. Maria wunderte sich über die liebevollen Worte Davids an Richard. Sie konnte einfach nicht verstehen, warum er mit diesem Menschen so behutsam umging, während viele andere auch Davids harte Seite kennen lernen mussten.

Siehst Du, Maria, Du warst in der Hölle! Durch Dein Handeln hast Du Dich selbst dort hinein manövriert.

Ich bereue zutiefst all die hässlichen Gedanken. Maria mochte Simon und Peter sehr gern. Keine Frage! Aber sie musste sich auch eingestehen, dass sie mit Peter mehr auf Resonanz war. Unabhängig davon hatten ihr beide immer sehr geholfen, aber sie glaubte, dass Peter mehr Verständnis dafür hatte, dass ihr Weg auch nicht immer leicht war. Maria wunderte sich darüber, dass Peter sie, kurz nach dem sie ihn kennen gelernt hatte, darauf ansprach, dass das Zusammenleben mit David auch kleine Probleme in ihr auslösen könnte. Er hatte nämlich sehr schnell erkannt, dass es für Maria eine große Umstellung gewesen sein musste, als sich die Person David, die sie seinerzeit geheiratet hatte, plötzlich in eine ganz andere Person entwickelte.




22.06.2001 – 14.00 Uhr

David telefonierte schon wieder mit Richard. Maria fühlte sich durch diesen Anruf in ihren Gedanken gestört. Was war es bloß, was Maria mit Richard verband?

Überlege doch einmal, Maria! Du sollst Dich nicht mit Deinen Märchenfiguren identifizieren, sondern kristallisiere das eigentliche Problem zwischen Euch heraus. Du empfindest Richard als einen Mann, der sich ständig bemüht, es sich und David recht zu machen. Du weißt, dass er auch nur eine Maske trägt, wenn er glaubt, dass er sich wohl fühle. Glaube mir, meine Kleine, auch Du dachtest, Du müsstest schauspielern. Deine gezwungene Art zu Lächeln, obwohl es in Deinem Inneren wütet, ist auch nicht besonders gelungen. Du kannst versuchen Dich zu täuschen, manchmal auch andere zu täuschen, aber glaube mir, Gott lässt sich nicht TÄUSCHEN.

Maria stand kurz von ihrem Bildschirm auf, um eine kleine Zigarettenpause zu machen. Als sie mit Rauchen fertig war, lauschte sie erst einmal im Wohnzimmer nach, ob David noch telefonierte. Zum Glück hatte er schon aufgelegt. Maria dachte darüber nach, warum sie diese Traumfigur „Richard“ seit fast zwei Jahren immer das gleiche sagen ließ („ja, aber die Kinder, die Frau, die Freunde“, usw.). War dieses, von ihr erschaffene, Wesen in einer Zeit­schleife gefangen oder etwa sie selbst?

Du bist der Träumer Deiner Welt Maria!

Ja, lieber Felix, sagte Maria, aber wenn ich der Regisseur meines Filmes bin, warum tausche ich dann nicht einfach Richards Drehbuch aus? Anscheinend muss er immer den gleichen Text aufsagen. Ich könnte doch versuchen, ihm einmal einen anderen Text zu geben oder ihn für eine Weile „auf Eis legen“.

Stopp, Du sollst Dich nicht einmischen!

Ich weiß, rief Maria Felix zu, ich bin jetzt auf meine Gedanken herein gefallen. Aber irgend jemand muss ihn doch einmal aus diesem Horrorfilm rausholen?

Du bestimmt nicht, Maria. Jeder ist seines eigenes Glückes Schmied. Nur Du selbst kannst Dich durch Einsicht aus der Hölle holen. Genauso muss es auch eine Traumgestalt namens Richard selber tun. Außerdem ist Dir mit Sicherheit nicht aufgefallen, dass ich Dich habe schreiben lassen, dass Richard bemüht ist, es sich und David Recht zu machen!

Doch! sagte Maria. Aber ich habe den Sinn nicht verstanden. Richard ist ein sehr harmonie­be­dürftiger Mensch. Er versucht doch nur, die Glückseligkeit, die er einmal Kennenlernen durfte, wieder in sein kleines Weltbild zu holen. Dagegen ist doch nichts einzuwenden. Er bemüht sich doch um seine Familie und Freunde.

Maria, Du hast offensichtlich den Kern der Sache nicht verstanden. Wie oft hast Du an David kritisiert, dass er ohne Wenn und Aber seinen Weg geht. Du hast versucht, ihn aus dem Paradies in Deine Hölle zu ziehen.

Ich kann doch Richard nicht mit David vergleichen, lieber Felix!

Du sollst die beiden Menschen auch nicht vergleichen. Du musst den Sinn verstehen. Richard versucht, seine Form von Gerechtigkeit und Harmonie zu leben. Dagegen ist auch nichts einzuwenden. Sein Problem liegt darin, dass er alles, was ihm nicht passt oder was seiner Meinung nach nicht gerecht oder harmonisch ist, von sich stößt.

Das ist das Kreis- und Dreieckphänomen. Ihr Menschen seht immer nur gut und böse, warm und kalt usw. Aber Kreis und Dreieck ergeben nur gemeinsam einen KEGEL!

Ihr müsst die Gegensätze miteinander vereinen, dann seht ihr den berühmten Kegel, von dem David immer spricht. Wenn Du glaubst, dass irgendwelche Dinge um Dich herum nicht harmonisch sind und in Dir erwacht ein Gerechtigkeitssinn, dann stehst Du völlig neben Dir. Wenn Deine Form von Recht und Unrecht in Dir hochkommt, müsstest Du sofort STOPP rufen, denn dann urteilst Du und wirfst Gott vor, dass einen Fehler begangen habe und Dich leiden lässt obwohl Du doch ein so guter Mensch bist.

Das habe ich ja soweit verstanden. Aber wieso hast Du dann David und mich erwähnt?

Ganz einfach, meine Kleine. Du hast nämlich seinerzeit auch versucht, Deine Form von Harmonie und Gerechtigkeit zu leben. Na, kannst Du Dich noch daran erinnern? Du wolltest doch auch seinerzeit den „alten David“ zurück, der brav zur Arbeit ging. Dann war da noch die Geschichte mit Deinem Wunsch nach einem Kind (heile Welt spielen). Außerdem spürtest Du Deinen Gerechtigkeitssinn immer wieder. Du wolltest auch im Mittelpunkt stehen, Du hast darauf bestanden, dass David auch etwas im Haushalt tut usw. Maria, Du hast versucht, Deine Art von Gerechtigkeitssinn trotzig durchzusetzen. Glaube mir, Du hast doch selber am eigenen Leib erfahren, dass es nur ein absoluter EGOTRIP ist. Du wolltest nicht, dass es David, sprich Deiner Umwelt, gut geht, weil Du ja so brav und harmoniebedürftig bist. Nein! Du wolltest ganz allein, dass es Dir gut geht und zwar so, wie Du es für richtig gehalten hast!

Maria spürte einen dicken Kloß im Hals. Eigentlich hätte sie vor lauter Scham heulen können.

Das sollte jetzt kein Vorwurf sein, Maria. Aber Du solltest versuchen, Dich immer wieder zurückzuholen und zwar in Deine „vermutete Vergangenheit“. Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen!

Was soll ich deiner Meinung nach jetzt tun? Soll ich Richard anrufen und ihm sagen, dass ich ihn verstehen kann, weil ich auch einmal geglaubt habe, im Recht zu sein?

Du solltest Dich unterstehen, dies zu tun. Misch Dich nicht in Dinge ein, die Dich nichts angehen. Wenn es selbst David nach einer angeblich so langen Zeit nicht geschafft hat, dass Richard sich selbst aus der Hölle holt, was willst Du kleines Würstchen dann erreichen?

Ich verstehe, sagte Maria kleinlaut, Mund halten und mir den Film weiter anschauen.

Stimmt, rief Felix ihr zu. Aber Du hast etwas übersehen. Auch Du hast das Gefühl von Recht und Unrecht in Dir. Wenn Du wirklich zum „Kegel“ kommen möchtest, solltest Du akzep­tieren, dass das, was Richard erlebt, nur zu seinem Besten ist, um sich selber zu finden. Glaubst Du etwa, wenn bei ihm alles wieder in geordneten und harmonischen Bahnen läuft ist alles perfekt? Nein, bereits jetzt ist alles richtig so, wie es sein muss. Wenn Du glaubst, dass nur ein Liebesfilm interessant ist, Du aber den Horrorfilm ablehnst, dann bist Du ein Kleingeist. Es muss etwas in Deinem Leben geschehen, dass Dich wachrüttelt. Wenn Du nicht selber auf die Idee kommst, nach dem WARUM des LEBENS zu fragen, dann wirst Du wachgemacht. Du wirst aber erst dann geweckt, wenn Du eine gewisse Form von geistiger Reife zeigst. Wenn nicht, liebe Maria, dann darfst Du weiter schlafen.

22.06.2001 – 15.30 Uhr

Vor einer halben Stunde hatte Maria mit ihrer Schwester Karin telefoniert. Sie freute sich aufrichtig über das, was ihr ihre Schwester erzählte. Sie wurde auch von einer gewissen Energie befallen, die sie wach werden ließ. Maria konnte alles, was ihre Schwester sagte, nachvollziehen, da sie genauso unter mangelndem Selbstbewusstsein litt. Sie trauten sich einfach zu wenig zu.

Siehst Du, meine Kleine!

Auch Du bekommst immer wieder zur Erinnerung Bilder eingespielt, die Dich geistig auf­wecken sollen. Ich kann Dir immer nur das gleiche sagen: Wenn Du wach wirst werden Deine Traumwesen ebenfalls wach.

Erinnere Dich an das Märchen Dornröschen. Als sie in einen tiefen Schlaf fiel, hat sie ihre ganze Umgebung in diesen Schlaf mitgenommen. Nachdem sie der Prinz (Geist) wach geküsst hatte, erwachte auch ihr gesamter Hofstaat wieder. Das hört sich doch gut an, oder nicht?

22.06.2001 – 16.15 Uhr

Maria erinnerte sich an das Märchen, das sie gestern erlebt hatte. Ihre Schwester Dorina hatte von einer „Nucki-Fee“ erzählt. Dorinas Zwillinge Simon und Christin hatten mit ihren 3 Jahren noch Schnuller, die sie liebevoll „NUCKI“ nannten. Da es langsam an der Zeit war, sich von diesen Schnullern zu lösen, erzählte ihre Mutter ihnen von der NUCKI-FEE.

Wenn die Zwillinge freiwillig ihre Schnuller für immer abgäben, käme die NUCKI-FEE und würde ihnen im Austausch für die Schnuller ein Geschenk bringen, das die Kleinen sich schon immer gewünscht hätten. Simon wünschte sich eine Trompete, Christin eine Barbie-Puppe.

Felix meldete sich zu Wort. Maria, dies ist nur eine Geschichte für Dich. Kannst Du Dich daran erinnern, was David Dir immer wieder sagte? Wenn ich Dir eine Münze gebe, dann nehme sie an und freue Dich darüber. Wenn ich die Münze eines Tages zurückhaben möchte, gib sie her, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken, denn dann bekommst Du eine viel schönere Münze. Wenn Du mir die Münze nicht freiwillig zurückgeben möchtest, nehme ich sie Dir eines Tages weg. Verstanden, Maria?

Ja, ich glaube, dass ich langsam in der Lage bin zu verstehen, was Du mir sagen möchtest, sagte Maria. Aber lass mich jetzt bitte weiter Dorinas Geschichte erzählen.

Dorina wunderte sich schon seit geraumer Zeit, wie sich ihre Tochter entwickelte. Christin hatte ihren eigenen Kopf.

Keine Frage, Dorina liebte ihre Tochter genauso wie ihre Söhne. Christin entwickelte sich komplett anders als ihre Brüder. Sie war schon als Kleinkind mutiger und respektloser als Simon und Fabian. Selbstbewusst äußerte sie ihre Wünsche und setzte ihren Willen durch. Sie hatte die Stärke eines Jungen, aber optisch liebte die Kleine schöne Kleidchen, glänzend polierte Schuhe und Haarspangen. Wenn sie sich weh tat, fing sie nicht an zu schreien, sondern kroch unter den Tisch. Dorina fand ihre Tochter des öfteren unter dem Möbelstück und fragte nach, warum sie sich dort aufhielt. Christin erklärte ihrer Mama, dass sie sich weh getan habe und kämpfte mit den Tränen. Dorina erzählte, dass sie ihre Tochter auch nach sehr schmerzhaften Zusammenstößen oft unter dem Tisch fand, da die Kleine versuchte, alleine durch ihren Schmerz zu gehen.

Maria lächelte in sich hinein. Sie wusste, warum ihre Schwester von ihrer Tochter erzählte.

„Ich weiß, worauf Du hinaus möchtest, Dorina“, sagte Maria.

„Ich sehe unheimliche Parallelen zu meiner eigenen Kind­heit.“ Dorina lachte auf.

„Da ich zwei Jahre älter bin als Du, habe ich all Deine Phasen der kindlichen Eitelkeit miterlebt und auch Deinen Sammelwahn an Barbie-Puppen. Ich glaube“, sagte Dorina, „ich erlebe meine Kindheit durch meine Tochter noch einmal“.

Dorina musste fast täglich Kämpfe mit Christin durchleben, weil sie ihrer Tochter immer wieder erklären musste, dass es sowohl die Kindergärtnerin als auch sie selbst nicht gut fanden, wenn die Kleine mit den schönsten Kleidchen in den Kindergarten ging. Sie hatte einen Stapel Latzhosen für die Kleine gekauft, aber Christin würdigte diese bequemen Hosen keines Blickes. Sie wollte einfach nur schön sein.

Dorina erzählte auch von einem Kinderfest, zudem sie die drei Kinder und auch ihren Bruder Thorsten mitgenommen hatte. Auf einer Bühne konnten die Kinder zuerst zu einer Tonbandmusik tanzen. Christin gefiel das sehr gut. Dorina erzählte weiter, dass einige Zeit später eine Band auftreten sollte und deshalb die Bühne für den Auftritt geräumt werden musste. Alle Kinder folgten der Anweisung und die Band begann zu singen. Ein Kind jedoch befand sich noch im Scheinwerferlicht und tanzte weiter vor sich hin. Es war Christin! Die Kleine genoss ihren Auftritt und lächelte die Leute an und ließ sich nicht dazu bewegen, von der Bühne zu gehen. Als das erste Lied zuende war und die Band ihren Applaus bekam, machte Christin einen Knicks und bedankte sich bei ihrem Publikum. Noch Wochen später erzählte die Kleine ihrer Mutter jeden Abend als Gutenachtgeschichte, wie sie auf der Bühne stand, getanzt hatte und ihr applaudiert wurde. Das kleine Kind hatte bereits ein Selbst­bewusstsein, wie es weder Carina, Thorsten, Dorina oder gar Maria auch nur annähernd hatten.

Die Geschichte der Nucki-Fee ging aber noch weiter. Nachdem Dorina ihrer Schwester davon erzählt hatte, wollte Maria diesen Part übernehmen. Zwar winkte ihre Schwester ab, aber Maria ließ sich nicht beirren. Fabian hatte seinen Geschwistern einen Deal angeboten. Er, als großer Bruder, würde sein Sparschwein leeren, den Kleinen die Wünsche erfüllen und sie könnten trotzdem ihren Nucki behalten. Dorina redete auf Fabian ein, dass es zwar ein freund­licher Zug von ihm sei, aber er solle überlegen, dass seine Ersparnisse dann weg wären. Das störte Fabian nicht! Er wollte nur seine beiden Geschwister glücklich machen.

Maria fragte Dorina, was sich Fabian wünsche. Leise berichtete Dorina, dass er sich über eine Wasserpistole freuen würde. Am nächsten Tag ging Maria los und besorgte als zuverlässige NUCKI-FEE die Geschenke der Kleinen. Sie machte ein Paket fertig und legte auch für ihre Schwester Dorina etwas dazu. Nachdem sie das Päckchen im Dorf zur Post gebracht hatte, begegnete ihr auf dem Rückweg kurz vor der Wohnung eine schwarze Katze.

Maria achtete nicht darauf, ob das Tier von rechts nach links oder von links nach rechts lief; was Katzen anbetraf, war sie nicht abergläubisch. Was Maria aber faszinierte, war die Tatsache, dass diese schwarze Katze wunderschöne grüne Augen hatte und sie durchdringend musterte. Langsam und mit stolz erhobener Brust schritt diese Katze über die Straße. Maria war hypnotisiert von dem Tier und hatte keine Chance, sich von ihrem Blick zu lösen. Als Geräusche von heranfahrenden Autos erklangen, drehte sich die Katze nicht einmal um. Das eigentliche Wunder aber war, dass kein Auto in die Straße einfuhr und die Katze sich deshalb auch nicht beirren lassen musste. Als sie den Bürgersteig, auf dem sich Maria befand, erreichte, kam das Tier nicht etwa schnurrend zu ihr.

Nein! Es schaute ihr noch einmal kurz in die Augen und ging stolz an ihr vorbei. Maria war überrascht, wie stolz diese Kreatur war und dass sie sich durch nichts und niemanden irritieren ließ. Es musste irgendeine Seelenverwandtschaft zwischen ihr und der Katze bestehen.

Du bist eben doch eine Hexe, rief Felix ihr zu.

22.06.2001 – 20.00 Uhr

Maria setzte sich für heute zum letzten Mal an den Computer. Gegen Mittag hatte sie sich einmal kurz hingelegt. Sie hatte dabei bewusst versucht, wach zu bleiben. Es war ein komisches Gefühl. Ihr wurde dabei klar, dass nicht sie als Marionette, sondern eine andere Kraft in ihr, diesen Vorgang steuerte. Nach diesem Dahinschlummern fühlte sie sich allerdings körperlich schlechter als vorher. Ihr brummte der Schädel, aber Felix ließ ihr einfach keine Ruhe.

So viele Geschichten spielten sich in ihrem Kopf ab. Vor allen Dingen wunderte sie sich, dass sich ein Gedankenfilm in ihrem Kopf abspielte, der mit ihrer vermuteten Kindheit zu tun hatte.

Sie bekam wilde Gedankenbilder eingespielt. Maria war ein ca. 1 jähriges Kind.

Maria konnte sich an diese Situation nicht erinnern. Sie kannte die Geschichte nur aus den Erzählungen ihren Schwestern. Ihre Geschwister und sie spielten im Badezimmer. Karin, die 9 Jahre älter ist als Maria, ließ den Kindern ein wenig Wasser in die Badewanne laufen und alle konnten ihre Papierschiffchen auf dem seichten Wasser schwimmen lassen. Warum Maria in die Badewanne fiel war nicht mehr rekonstruier­bar. Dorina erzählte jedoch, dass sie seinerzeit der großen Schwester Karin in ihrer Kindersprache zu erklären versuchte, was geschehen sei. Thorsten war bei diesem Erleb­nis auch dabei, rührte sich jedoch nicht, sondern schaute nur schockiert zu. Karin fischte ihre kleine Schwester Maria dann aus dem Wasser. Maria musste weder wiederbelebt werden noch kam sie ins Krankenhaus. Nein, sie war nur kurz ins Wasser gefallen und Dorina hatte sie gerettet.

Einige Jahre später hatte Dorina Maria dann noch einmal vor einem Unheil bewahrt:

Maria saß auf dem Sofa und ihr wäre beinahe ein Bild auf den Kopf gefallen. Es handelte sich um ein sehr großes Bild mit einem „röhrenden Hirsch“ in einem kitschigen goldenen Rahmen. Maria wollte auf der Couch lesen, aber Dorina nervte immer wieder, dass sie sofort aufstehen müsse. Dorina konnte nicht erklären, warum sie das tat, aber sie ließ zum Glück nicht locker. Als Maria sich total genervt erbarmte aufzustehen, fiel im gleichen Moment dieser „alte Schinken“ von der Wand.

Dann tauchten weitere Bilder auf. Maria sah sich als ca. 6 jähriges Mädchen auf einer Schaukel. Dieses Spielgerät stand auf einem großen Anwesen. Ihre Mutter putzte seinerzeit bei einer Arztfamilie und konnte an manchen Tagen ihre Kinder mitbringen. Da alle Kinder sehr wohl erzogen waren, war es kein Problem, dass sie sich im Garten aufhielten. Das Schaukelgestell war sehr hoch und entsprach nicht der heutigen Norm. Maria wurde auf die Schaukel gesetzt und Thorsten und Dorina stießen sie immer wieder an. Als es Maria zu hoch wurde, schrie sie die beiden an, dass sie damit aufhören sollten. Sie würde sonst von der Schaukel springen. Sie wollte loslassen!

Aber die Geschwister hörten ihr nicht zu. Sie glaubten, Maria sei sicher zu feige, dies auch in die Tat umzusetzen. Aber Maria ließ doch los und flog in hohem Bogen von der Schaukel. Ihre Mutter putzte zu diesem Zeitpunkt gerade die Fenster und musste entsetzt mit ansehen, wie ihre Tochter durch die Luft flog und im hohen Gras landete.

Maria war überhaupt nichts passiert. Sie bekam den Flug noch nicht einmal mit. Nur der Hintern tat ihr vom Aufprall weh.

Thorsten und Dorina kamen danach kreidebleich zu Maria gerannt und fragten, ob sie sich weh getan habe. Nachdem sie gesehen hatten, dass ihr nichts passiert war, fragten sie immer wieder, warum sie denn so dumm gewesen sei, loszulassen. Aber eigentlich interessierten sich die beiden viel mehr dafür, wie sie diesen „Stunt“ gemeistert hatte.

Siehst Du, Maria, meldete Felix sich zu Wort. Du hast einfach losgelassen! Die Höhenangst war stärker als die Angst davor, was Dir passieren könnte, wenn Du diesen Höhenflug wagst. Wie Du weißt, hast Du vom eigentlichen Loslassen nichts mitbekommen. Erst als Du ange­kommen bist, konntest Du feststellen, dass Dir nichts passiert ist.

Wenn Ihr nicht werdet wie die Kinder, rief Felix ihr zu.

Neue Geschichte. Als ca. 8 jähriges Kind erlebte Maria eine weitere „Badewannen-Geschichte“. Das Bad ihrer Eltern war sehr klein und an der Wand hing ein kleiner Spiegelschrank. Der Spiegel war für die Kopfhöhe ihrer Eltern angebracht und als Kind hatte man Mühe, mehr als seine halbe Kopfpartie zu sehen. Maria wollte aber einmal ihr ganzes Gesicht in diesem Spiegel sehen. Sie schloss die Badezimmertür ab, da niemand sehen sollte, welchen Plan sie sich ausgedacht hatte. Sie hatte schon vorher versucht, einfach einmal hoch­zu­springen, was leider aufgrund der räumlichen Enge des Bades sehr schwierig war. Außerdem stand direkt hinter ihr die Badewanne. Über der Badewanne befand sich ein großer Warmwasserboiler. Maria hockte sich auf den Badewannenrand und versuchte, abgestützt an der Wand, ihr Gesicht „in voller Größe“ anzusehen. Als das nicht funktionierte wurde Maria mutiger. Sie stellte sich kerzengrade auf den Badewannenrand und schaute in den Spiegel. Das einzige was ihr kleiner Versuch brachte (sie spielte das Spiel „Jugend forscht“) war die Erkenntnis, dass sie wohl niemals in ihr Gesicht schauen konnte, da weder die Hockstellung noch die kerzengrade Haltung zum gewünschten Ergebnis führte. Für einige Sekunden stand Maria kerzengerade auf dem Badewannenrand. Plötzlich zitterten ihre Knie, sie verlor die Balance und ..................................

Maria schlug die Augen auf und stellte fest, dass sie in die Badewanne gefallen war. Sie musste sich während des Sturzes so geschickt gedreht haben, dass sie weder nach hinten gefallen und vor dem Boiler gelandet war, noch sich das Genick gebrochen hatte, weil sie vor die Fliesenwand stürzte. Nein! Sie war in „idealer Lage“ in die Badewanne gefallen und lag nun wie ein auf den Rücken gefallener Maikäfer da. Das einzige was sie bemerkte war, dass sie nicht mehr richtig atmen konnte. Sie bekam keine Luft und röchelte sekundenlang vor sich hin. Außerdem schmerzte ihr Rücken. Nach einigen Minuten hatte sie sich wieder gefangen und krabbelte aus der Badewanne. Still und heimlich schloss sie die Badezimmertür wieder auf und verschwand im Kinderzimmer. Dieses Geheimnis behielt sie für sich, weil sie sich so sehr für ihre Dummheit (Eitelkeit) schämte.

Hallo Maria, meldete sich Felix wieder. Ich glaube, wir müssen für Dich die Redewendung „Da ist das Kind in den Brunnen gefallen“ umschreiben. Kennst Du den Spruch, Maria?

Natürlich, Felix! Aber was willst Du mir damit sagen?

Das musst Du selber herausfinden. Aber für Dich muss es lauten: „Da ist das Kind in die Badewanne gefallen.“ Felix lachte lauthals in ihrem Kopf.

Weißt Du, Maria? Das schönste daran ist doch, dass alles nur vermutete Vergangenheit ist. Du kannst Dich hier und jetzt daran erinnern. Es ist nie geschehen, alles läuft nur in Deinem Kopf ab. Aber vielleicht solltest Du Dir einmal Gedanken darüber machen, dass Du – als Kind - in den „Spiegel“ der „Er-WACH-SENEN - schauen wolltest.

Ich weiß, sagte Maria. Meine Badewannen-Erlebnisse muss ich mir irgendwann einmal genauer anschauen. Mit diesen Geschichten wollte ich mit Sicherheit nicht meine „angeblich alten Wunden lecken“. Glaube mir, Felix, da stehe ich wirklich darüber!

Das glaube ich Dir auch. Du kannst ja nichts dafür, dass Du Dir diese Bilder anschauen musst. Ich spiele sie Dir doch ein!

Und jetzt noch eine Geschichte: Motorradunfall!

Okay! Aber dies ist wirklich die letzte Geschichte, hörst Du Felix?

Maria war ca. 25 Jahre alt als sie in einer Diskothek einen netten Mann kennen lernte. Er hieß Klaus und lud Maria für den nächsten Tag zu einer Motorrad-Tour ein. Maria stimmte zu, da sie seinerzeit eine begeisterte Sozia war. Es war ein wunderschöner Sommertag und die Temperatur stieg auf mindestens 30 °C. Maria zog ihre Jeans und die Motorradjacke an. Als Dorina, die an diesem Tag auch zuhause war, sie fragte, warum sie sich denn bei solch einem schönen Wetter so dick anziehe, wusste Maria keine Antwort darauf und stammelte nur, dass es besser so sei. Ihre Mutter hatte sie schon den ganzen Tag über sehr besorgt angeschaut. Sie hatte einige Versuche unternommen, Maria den Plan der Motorradfahrt auszureden, aber ihre Tochter blieb stur. Marias Mutter hatte schon einige Male erlebt, dass ihre Tochter mit Bekannten Motorradausflüge machte. Grundsätzlich war sie davon nicht gerade begeistert, aber sie hatte noch nie so besorgt um ihre Tochter gewirkt, wie an diesem Tag. Maria wartete, bis Klaus mit dem Motorrad (einer sehr schwere Maschine) erschien. Dann lief sie schnell aus dem Haus, setzte sich den Helm auf und sie fuhren los.

Das erste Ziel ihrer Fahrt sollte eine ca. 7 Kilometer entfernte Nachbarstadt sein. Die kurvenreiche Landstraße war als sehr „gefährlich“ bekannt, da sich im „Stundentakt“ Unfälle ereigneten.

Professionell legte sich der junge Mann in die erste Kurve, dann folgte die zweite und dann....................... Es war kurz vor einer Unterführung. Maria sah plötzlich den Asphalt immer näher auf sich zukommen. Ohne Angst (aber mit der sicheren Gewissheit, dass es sich jetzt um einen Unfall handeln müsse) schaute sie sich den Film an.

Und dann folgte Filmriss..............................................!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

Sie sah einen sehr großen, ca. 50 Jahre alten, grauhaarigen Mann mit Bart auf sich zukommen. (Viele Jahre später lernte sie bei Berta ein sehr nettes Ehepaar kennen. Der Mann hieß Peter und war Lehrer. Er und seine Frau Margot waren ein sehr freundliches und außerordentlich herzliches Ehepaar. Maria fragte sich immer wieder, woher sie Peter kannte. Jetzt wusste sie es! Er und seine Frau waren in Marias „Welt“ ENGEL. Peter hatte sehr große Ähnlichkeit mit dem Mann, der ihr nach dem Motorradunfall zu Hilfe gekommen war.)

Sie hatte das Gefühl, sich mitten in einem Traum zu befinden. Vor ihren Augen war es milchig trüb und die ganze Stimmung kam ihr seltsam „unwirklich“ vor.

Auf einmal erschien dieser große Mann in ihrem Sichtfeld und sprach sie sehr ruhig an. Er berichtete, dass er mit seinem Auto auf der Gegenfahrbahn gerade durch die Unterführung fuhr als er auf einmal eine junge Frau auf sich zurutschen sah. Er konnte sofort noch scharf bremsen, sonst hätte er sie überfahren. Maria verstand die Welt nicht mehr.

Alles rauschte an ihr vorbei! Sie wusste gar nicht mehr, in welchem Traum sie sich jetzt befand.

Erst nachdem Klaus auf sie zugestürmt war und sagte, er sei froh darüber, dass sie nicht mit dem rutschenden Motorrad in Berührung gekommen sei - für ihn hatte es zunächst so ausgesehen, als sei sie von diesem Koloss überrollt worden - kam Maria langsam zu sich.

Maria wollte sich bei diesem großen Mann (Engel) für seine Achtsamkeit und geistes­gegen­wärtige Reaktion bedanken. Sie schaute sich um und sah, dass er sich in „Luft aufgelöst hatte“.

Maria fragte bei Klaus nach, wo denn der Mann sei, der ihr wieder auf die Beine geholfen habe. Klaus schaute sie fassungslos an und sagte, dass Maria selbst aufgestanden sei. Auf einen Mann habe er dabei nicht geachtet. „Hast Du ihn denn gesehen?“, fragte Maria. „Ja, ich glaube, ich habe einen Mann gesehen, aber ich könnte es nicht bezeugen“. Maria merkte, dass sie immer noch den Sturzhelm trug und versuchte krampfhaft, sich von diesem Ungetüm zu lösen. Klaus half ihr dabei und endlich konnte sie richtig durchschnaufen. Ein Polizist traf ein und fragte, ob er einen Krankenwagen holen solle. Sie schaute ihn ungläubig an und verneinte. Ihr ging es doch gut, sagte sie sich immer wieder, was machen die Leute hier eigentlich für einen Aufstand? Der Polizist ließ jedoch nicht locker und sagte, sie müsse sofort ins Krankenhaus fahren.“ Sie müssen doch ärztlich versorgt werden“.

Und dann ... ?

Ja, und dann löste sich die neblige Stimmung vor ihren Augen auf und sie sah alles wieder klar. Sie spürte etwas „angenehm warmes“ an Bein und Hand herunter laufen. Plötzlich wurde ihr bewusst, warum der Polizist bezüglich des Krankenwagens so nervte. Ja, erst jetzt sah Maria, dass ihre Jeans aufgerissen war und sich dicke, rote Blutflecken breit machten. Außerdem trug sie keine Motorradhandschuhe, so dass ihr Hand durch den Rutsch auf dem Asphalt bis auf den Knochen aufgerissen war.

Und dann spürte sie zum ersten Mal Schmerzen.

Klaus hatte an dem Unfall übrigens keine Schuld. Ein (ca. 30 Min. früher) vorangegangener Auffahrunfall war der Auslöser. Eines der Unfallautos hatte Kühlflüssigkeit verloren (die Unfallstelle wurde nicht vorschriftsmäßig abgesichert). Deswegen war Klaus mit dem Motorrad ausgerutscht. Er hatte keine Chance!

Maria war die Ruhe in Person. Klaus rief seinen Bruder an und er fuhr die beiden ins Krankenhaus. Klaus hatte durch seine Motorradkluft keine Verletzungen davon getragen und Maria wurde fachgerecht verbunden. Abends wurde sie dann von Klaus nach Hause gefahren. Ihre Mutter kam ihr schon entgegen und erzählte, dass sie vorher gewusst habe, was passieren würde. Aber Maria habe sich ja nicht davon abbringen lassen. Sie hatte aber auch gewusst, dass ihrer Tochter nichts weiter passieren würde, sonst hätte sie mit Sicherheit offen mit Maria darüber gesprochen, um ihr Vorhaben zu verhindern.

Siehst Du Maria, meldete sich Felix wieder. Du bist eine Hexe.

Kannst Du Dich an den berühmten Hexentest von Monty Python erinnern? Wenn man versucht, eine Hexe zu ertränken und das klappt, dann ist sie keine Hexe. Wenn aber die Hexe überlebt, ist sie eine wahre Hexe und sie landet auf dem Scheiterhaufen J !

Maria, Du siehst, Du hättest keine Chance, den Hexentest zu bestehen!

Maria wollte mittlerweile nichts mehr von dem ganzen Hexenkult wissen. Erst bezeichnete David sie als Hexe. Dann wurde sie von der jungen Ärztin darauf angesprochen, dass sie eine wahrnehmende Person sei. Als nächstes schaute David im Internet nach den neuesten Kino­filmen und entdeckte „zufällig“ (aber natürlich in Marias Beisein) einen Film namens „Hexen­jagd“. Und zu guter letzt sah sie dann heute morgen die schwarze Katze.

Schluss damit! rief Maria.

Ich lasse mich nicht verunsichern!

Siehst Du Maria, wie schnell Du Dich wieder in einer angeblichen Vergangenheitsspur ver­lierst?

Du hast wie immer recht, mein lieber Felix, sagte Maria.

Maria fiel ein, dass Boris ihr mitgeteilt hatte, er habe ihr Buch soweit korrigiert. Wenn sie bereits etwas neues geschrieben habe, könne sie es ihm schicken. Danach sprach David mit Boris. Maria bekam zufällig mit, dass Boris die ersten Seiten per E-Mail zur Ansicht schicken wollte. Außerdem wiederholte David (zu Maria gewandt) Boris Vorschlag, dass man das Manuskript auch neben Davids Werke ins Internet stellen könnte. (Aber nur, wenn Maria damit einverstanden wäre). Ein Anflug von Unbehagen stieg in Maria auf. Sie ging aber auf das Gefühl nicht ein. Sie lenkte sich ab und dachte nicht weiter darüber nach.

Heute sah sich Maria gemeinsam mit David das korrigierte Manuskript an. Boris hatte es perfekt zu einem richtigen Buch gestaltet. Maria war verwundert, wie ihr Schriftstück langsam Formen annahm. Aber plötzlich bekam sie einen Schock. Oh Gott, jetzt wird es ernst, hörte sie eine Stimme in sich sagen. Sie befiel ein unheimliche Panik! Sofort kam in ihr der Gedanke hoch, dass sie noch nicht so weit sei, diesen Kinderkram neben Davids Schriften zu veröffentlichen ...

Nein, das war ihr viel zu riskant!

Als David gestern mit Boris telefonierte, hörte sie ihn sagen, dass er als ganz normaler Mensch und Ehemann („ich sprech’ jetzt als Dein Bruder David“) nur manchmal kurz in Marias Manuskript hinein geschaut habe und insofern gar nicht wisse, was sie da eigentlich geschrieben habe:

„Auf der anderen Seite habe ich ihr den ganzen Text natürlich diktiert !“ hörte sie David sagen, und er fügte hinzu, dass Maria nicht wisse, dass er natürlich auch „ihr“ Felix sei.



Nein! schrie sie in sich auf. Warum musste er sie immer so verunsichern? Und warum nahm David alles in die Hand und steuerte somit ganz offensichtlich eine Filmspur, die sie selbst nicht überblicken konnte?

Hey, meine Kleine! meldete sich Felix. Wovor hast Du diesmal Angst? Ich habe Dich doch seinerzeit schreiben lassen, dass Du Dir keine Gedanken darüber machen sollst, was aus unserem Manuskript wird. Kannst Du Dich daran erinnern?

Ja natürlich! antwortete Maria kleinlaut.

Siehst Du, ich habe es in der Hand, nicht Du. Ich weiß, dass Du lieber den ganzen Verlauf steuern wolltest. Was hattest Du denn mit Deinem Werk vor? Wolltest Du es vielleicht einem Verlag schicken und dann täglich darauf hoffen, dass DEIN Buch auf einen imaginären Markt kommt?

Beschämt sagte Maria, dass sie diesen Gedanken leider auch schon im Kopf hatte.

„Aber ich habe nicht wirklich daran geglaubt, dass es für ein Verlagshaus reicht. Außerdem wollte ich auch endlich einen Teil der Versorgung übernehmen. Ich kann doch nicht immer nur auf Davids Kosten leben“, stammelte Maria.

Du weißt, dass Du wieder einmal ein Gebot gebrochen hast, Maria? SORGE DICH NICHT UM MORGEN! Du bist wieder einmal reingefallen!

Stimmt! sagte Maria. Und ich schäme mich auch dafür!

Schau einmal, meine Kleine. Wir haben uns doch darauf geeinigt, dass zum Beispiel die Person Boris in Deinem Kopf nur manchmal auch in Deinem kleinen Weltbild existiert. In Wirklichkeit bist Du Boris. Also, meine Liebe, wie sollte ein „nicht existierender Boris“ Dein Buch ins „Internet“ stellen? Und außerdem siehst Du kein „Internet“, sondern nur einen Bildschirm. Noch nie hat ein Mensch jemals „das Internet“ mit eigenen Augen ge­sehen ! Siehst Du wirklich die „angeblich“ vielen Leute, die sich an ihren Computern Daten herunterladen? Welche Daten, welche Menschen, welcher Boris?

Außerdem frage ich Dich, von welchem Schriftstück wir eigentlich reden?

Du hast mit diesem Manuskript nichts zu tun. All die darin enthaltenen Gedanken sind nicht von Dir. Du warst nur meine Marionette, die ich dazu benutzte, in Deinen Geist zu schauen und alles in den Computer einzutippen.

Kannst Du Dich vielleicht daran erinnern, dass Du all diese Seiten geschrieben hast?

Nein ! murmelte Maria kleinlaut. Ich lasse von all diesen Gedanken jetzt los und lass’ mich einfach überraschen, wie mein Leben weiter läuft. Ich werde ab jetzt intensiv versuchen, mich nicht immer einzumischen!

In letzter Zeit ist es mir verstärkt aufgefallen, dass ich mich immer wieder dazu verleiten lasse, ins Geschehen einzugreifen.

Ich gelobe Besserung!

Ehrlich, Felix! Glaube mir, ich bemühe mich wirklich!

Maria war am Ende ihrer Kräfte. Mittlerweile war es schon 22:30 Uhr und sie spürte eine unheimliche Schwäche in sich aufsteigen.

Für die nächsten Tage waren viele Gäste angekündigt.

Maria würde dann sobald nicht wieder zum Schreiben kommen. Sie musste sich schließlich um Haushalt und Gäste kümmern. Sie hatte aber damit keine Probleme, weil sie sich aufrichtig auf die Begegnung mit den Menschen freute.

Außerdem hatte sie in den letzten Tagen sehr viel Zeit zum Schreiben gehabt? Jetzt waren wieder ihre Pflichten als Hausfrau gefragt.

Mein lieber Felix! Ich möchte mich bei Dir für all die Einsichten bedanken. Wir hören uns bald wieder! Für heute wünsche ich Dir eine gute Nacht. Maria sandte ihm, natürlich „rein geistig“, einen Kuss.

Danke, meine Kleine. Ich wünsche Dir eine gute und wachsame Zeit. Für heute wünsche ich Dir ebenfalls eine gute Nacht. Du musst Dich jetzt ein wenig von mir erholen. Aber denke immer daran: Ich beobachte Dich ständig! Du solltest versuchen, immer wertfrei Deinen „Film“ anzuschauen.

Bis dann J !

 

23.06.2001 – 11.30 Uhr

Maria musste wieder an den Bildschirm. Die Nacht zuvor hatte sie nicht richtig einschlafen können, da ES unaufhörlich in ihrem Kopf dachte. Felix schickte ihr immer neue Gedanken­bilder. Es waren völlig verschiedene Bilder. Sie sah noch einmal Szenen aus Kinofilmen und Felix zeigte ihr Verknüpfungen auf, an die Maria noch nie gedacht hatte. Außerdem spielte er ihr immer wieder Dialoge zwischen ihr und David ein. Dann tauchte ihre Gedankenfigur Richard in ihrem Geist auf. Maria wollte Felix schon stoppen, da sie so viele Eindrücke gar nicht hätte verarbeiten können, aber er redete weiter auf sie ein. Sie wusste, dass sie jetzt nicht den Fehler begehen sollte, aufzustehen und sich an den Bildschirm zu setzen oder stich­punkt­artig die schönsten Einsichten zu notieren.

NICHT FESTHALTEN, sondern LOSLASSEN, war die Devise.

Das klappte wirklich hervorragend. Als sie morgens die Augen aufschlug, waren immer noch diese Bilder im Kopf. Nachdem sie vom Einkaufen zurückgekommen war, machte sie sich an ihre Bügelwäsche. Als sie gerade ein schwarzes T-Shirt von David in die Hand nahm (vorher hatte sie eine weiße Bluse von sich gebügelt) kam ihr plötzlich ein Gedanke, wie sie ihr Vorwort schreiben könne. Ich hab es !,stammelte sie immer wieder. David blieb regungslos in seinem Stuhl sitzen. Maria dachte, dass sie ihm sofort davon erzählen müsse, aber sie hielt sich zurück.

Gut gemacht, rief ihr Felix zu. David weiß doch sowieso schon alles. Du brauchst ihm doch nichts zu erzählen. Außerdem spielt er Dir doch die Gedanken ein. Du hast es doch so schön beschrieben. Weiße Bluse (Maria), schwarzes T-Shirt (David). Erinnere Dich doch einmal an das Computerspiel, das David von Dorina und ihrem Mann zum Geburtstag geschenkt bekam!

Maria musste gar nicht lange darüber nachdenken, weil direkt vor ihren Augen auf dem Schreibtisch die CD des Spiels lag. Sie las es leise vor: „BLACK & WHITE. Entdecke Dein wahres ICH !“

Sie las die Beschreibung des Spieles:

„Die Grundidee von Black & White klingt gleichzeitig verblüffend simpel und unendlich kompliziert: Sie sind Gott !“ – (Bei dem Wort „Gott“ machte Maria einen Tippfehler. Auf dem Bildschirm erschien „TOT T“. Genialer Zufall, nicht wahr, Maria?, meldete sich Felix zu Wort).

„Okay, sie sind Gott. Sie herrschen über Eden“ (Maria schaute genauer auf den Text, da sie auch zuerst ERDEN eingetippt hatte, nein, es hieß ganz klar EDEN). „Eden ist eine fantastische Welt, in der man sie eigentlich (zumindest am Anfang) gar nicht braucht. Die Bewohner von Eden gehen ihrem Tagwerk nach, bauen Getreide auf den Feldern an, errichten Wohnhäuser und vermehren sich prächtig. Eines Tages platzen sie ungefragt in diese Idylle, werden von einigen wenigen Menschen als Gottheit erkannt und fortan verehrt. So weit – so gut – eigentlich könnte das harmonische Treiben völlig ereignislos ewig so weitergehen. Andererseits: Wo sie nun schon einmal da sind, könnten sie doch eigentlich dafür sorgen, dass nicht nur ein einzelnes Volk, sondern gleich die ganze Inselwelt sie anbetet, oder? Folglich beginnen sie nun damit, durch verschiedenste Maßnahmen nach und nach die gesamte Spiel­welt zu erobern, sich eine gläubige Gefolgschaft aufzubauen und nach und nach göttliche Wesen, die das gleiche Ziel verfolgen, aus Eden zu verdrängen.

Gut oder Böse? Vergessen sie nicht: Sie sind ein Gott. Niemand kann ihnen vorschreiben, was richtig und was falsch ist. Natürlich könnten sie der armen verzweifelten Bittstellerin einfach ihren verlorenen Gatten zurück bringen. Sie könnten sich aber die Zeit auch damit vertreiben, den armen Kerl erst ein wenig zu foltern und die Frau zur Witwe zu machen. Oder sie sind richtig böse und bringen gleich beide um die Ecke. Eine Bestrafung für schlechtes oder falsches Verhaben haben sie in diesem Spiel nicht zu befürchten – jeder der insgesamt 25 Lösungswege, die allein diese eine Aufgabe enthält, führt früher oder später zum Erfolg. Das soll gleichzeitig aber nicht heißen, dass ihre Handlungen keine Konsequenzen hätten. Abhängig von ihrer Vorgehensweise verändert sich beispielsweise fast unmerklich langsam die Landschaft. Wer immer brav nach den Bedürfnissen seiner Untertanen handelt, wird mit blühenden farbigen Landschaften belohnt. Wer sich dagegen als Despot aufführt, seine gläubige Gefolgschaft knechtet und tyrannisiert herrscht bald über ein dunkles und dämonisches Reich, in dem die Sonne nicht mehr scheint und Angst und Schrecken unter der Bevölkerung herrscht. Je weiter sie im Spiel kommen, um so mehr gleicht Black & White so auch einer Art Psychotest: Das Aussehen der Spielwelt spiegelt die Vorgehensweise des Spielers wieder.

Dabei stellt sich aber schon bald heraus, dass der Alltag eines Gottes stellenweise ausgesprochen stressig ausfallen kann. Auf die Bewohner achten, Ressourcen suchen und ins Lager bringen, Gebäude in Auftrag geben, feindliche Götter im Auge behalten. Obwohl ihre Untertanen viele anstehende Aufgaben weitgehend autonom erledigen, wäre die Pflege einer ganzen Glaubensgemeinschaft auf Dauer sogar für ein übernatürliches Wesen wie sie zuviel. Löblicherweise bekommen sie aber schon in der ersten Spielwelt einen Helfer zugeteilt und zwar eine Kreatur. Die Kreatur ist ein Wesen, das ihnen direkt zu Beginn an die Hand gegeben wird. Sie dürfen sich nach der Bewältigung der ersten Aufgaben als eine Art gött­lichen Assistenten einen kampfstarken Tiger, einen wissbegierigen Affen oder eine Kuh aussuchen. Dieses anfangs noch sehr kleine und tapsige Wesen wird ihnen fortan auf ihrem Weg durch die Inselwelt zur Seite stehen. Zu Beginn ist der niedliche Begleiter allerdings noch eher ein Klotz am Bein, als eine wirkliche Erleichterung. Während er langsam seine Umwelt erforscht, kann es durchaus schon einmal vorkommen, dass er ihre Dorfbewohner verspeist, Felder verwüstet oder ausprobiert, was passiert, wenn er wichtige Bewohnerhütten demoliert. Da hilft nur eines: Das Vieh muss an die Hand genommen werden. Drei verschiedene Leinen stehen ihnen zur Bändigung des ungestümen Biestes zur Verfügung. Die Leine des Mitgefühls macht aus der Kreatur ein reines Schmusetier. In diesem Zustand können sie ihren Schützling auch ruhige eine Weile im Dorfzentrum unbeaufsichtigt herumstehen lassen. Die Leine des Zornes eignet sich für kämpferische Auseinandersetzungen mit Gegnern und macht das Tier aggressiv. Die letzte Möglichkeit ist die Leine des Lernens. Wer seine Kreatur mit diesem nützlichen Halsband spazieren führt, lässt sie ihre Umwelt bewusster erleben. Die Folge: Bald schon beginnt ihre Kreatur sie auf Schritt und Tritt nachzuahmen.“

Maria machte kurz eine Zigarettenpause und dachte darüber nach, warum ihr gerade jetzt das Spiel eingefallen war.

Gut gemacht, meine Kleine, sagte Felix. Endlich denkst Du auch einmal selbständig weiter.

Okay, Felix, sagte Maria, der erste Gedankengang war, dass (gemäß der Bügelwäsche J) David „schwarz“ und ich „weiß“ bin . Schwarz empfinde ich als mystisch und dunkel, weiß als klar und durchsichtig.

Zum Glück hast Du „durchsichtig“ und nicht „einsichtig“ geschrieben. Dieser Gedanke ist Dir zwar eingespielt worden, aber Du bist nicht in meine Falle getappt!

Stimmt ! lächelte Maria vor sich hin. Der Gedanke kam in mir hoch, aber ich wusste sofort, dass ich noch lange nicht einsichtig bin. Seitdem Du in mein Leben getreten bist, bin ich durchsichtig für jedermann. Aber ich glaube, dass wieder einmal alles gespiegelt ist. Ich bin „Schwarz“ und David „Weiß“.

Stimmt, sagte Felix. Auch das hast Du richtig verstanden.

Wenn ich mir die Beschreibung des Spiels anschaue, glaube ich fast, dass ich die Kreatur an der Leine bin.

Vielleicht, sagte Felix und lachte laut auf. Denke doch selbst darüber nach!

Maria konnte sich gut daran erinnern, wie David begonnen hatte, sich mit dem Spiel zu befassen. Da es keine Bedienungsanleitung gab, musste er die Aufgaben durch „eigenes Ausprobieren“ lösen. Maria wunderte sich, wie schnell er voran kam. Bereits nach wenigen Minuten erschien eine Aufforderung, den erreichten „Level“ zu speichern. Aber gerade an den Tagen, wo David spielte, klingelte pausenlos das Telefon. Durch die Unterbrechungen waren einige Aufgaben, die er bereits gelöst hatte, nicht gespeichert worden und er konnte wieder von vorne beginnen. „Jetzt ist alles weg!“, sagte David. Maria lächelte ihn an, denn sie wusste, dass ihn das überhaupt nicht störte. Sie antwortete, es sei halt wie im richtigen Leben. Gott macht auch keine Pause, um zu telefonieren. Danach spielte David unermüdlich weiter. Maria war erstaunt, dass Davids „Kreatur“ ein wissbegieriger Affen war.

Hast Du wirklich etwas anderes erwartet, Maria?, hakte Felix nach.

Natürlich nicht. Im Nachhinein kommen mir immer die Antworten auf meine Fragen.

David spielte sich weiter ein. Im Spiel kam ein Wesen vor, das 30 Leute gekidnappt hatte. David schnappte es sich und das Wesen versuchte, mit ihm einen Deal zu machen. Wenn er ihn frei ließe, dann würde er ihm verraten, wo er die Menschen versteckt habe. Dann tauchten auf dem Bildschirm zwei Gestalten auf, die im Spiel immer wieder vorkamen, nämlich Gott und der Teufel. Gott sagte natürlich, David solle ihm das Leben schenken, der Teufel riet ihm, das Wesen zu töten. David entschied sich dafür, das Wesen frei zu lassen und wurde enttäuscht. Der Kidnapper hatte gelogen und alle 30 Menschen starben. David war entsetzt. „Ich hätte dieses Wesen doch töten sollen, wie es der Teufel empfahl“, erzählte er Maria später. „Wie im richtigen Leben. Man sollte niemals zu gut zu den Menschen sein. Man muss auch einmal Opfer bringen.“

Im weiteren Verlauf des Spiels hätte er noch einmal vier Menschen retten müssen, war auch kurz davor, aber plötzlich spielte seine Kreatur verrückt und fraß die vier auf. Kurz danach schaltete David den Computer ab und setzte mit dem Spiel aus. Maria wusste nicht, ob er einfach keine Lust mehr hatte, weiter zu spielen oder ob es daran gelegen hatte, dass er in seinem Spiel an einem Tag 34 Menschen nicht retten konnte. Als dritte Möglichkeit blieb noch, dass er eigentlich gar nicht spielen konnte, weil Maria immerzu schrieb.

Glaube mir, Maria, Du musst nicht glauben, dass David mit einem Spiel Probleme hat und sich zu sehr damit identifiziert. Eigentlich hat er nur für Dich gespielt. Schau einmal, wenn Du Gott bist, musst Du auch Opfer bringen. Dein Part als Kreatur ist Deine jetzigen Aufgabe als Marionette, die mit Sicherheit auch lieb sein kann, aber durch verschiedene „Leinen“, (an denen Du angebunden bist) kannst Du aggressiv oder mitfühlend sein, oder Du kannst lernen.

Sie dachte über „Rendezvous mit Joe Black“ (ihr Lieblingsfilm) nach, der sie zutiefst berührte: Maria hatte den Film mittlerweile schon fünfmal gesehen und sie war immer wieder erneut zu Tränen gerührt. Irgendeine Parallele kam in ihr hoch. Als erstes dachte sie an ihre Mutter, danach an David. Sie hatte ihre Mutter gehen lassen müssen, damit David in ihr Leben treten konnte. — Dass Brad Pitt im Film als Tod allwissend war, aber die alltäglichen Kleinigkeiten wie Erdnussbutter oder körperliche Liebe nicht kannte, wunderte sie.

Ihr fiel jetzt ein, dass David ihr immer wieder erklärt hatte, dass es sehr schwer sei, als Wissender wieder in die normale Welt hineingeworfen zu werden.

„Es ist ungefähr so, als wenn Du als Mensch in eine Ameise verwandelt wirst (aber das Wissen eines Menschen hast) und Du keinen blassen Schimmer davon hast, wie es in diesem kleinen Staat zugeht. Du musst versuchen, Dich wieder auf den Nullpunkt zu setzen, um in diesem Staat überleben zu können.“

Maria wollte nicht weiter darüber nachdenken. Die Welt war für sie so komplex, dass sie viele Dinge nicht verstehen konnte.

Es ist nicht Deine Aufgabe, darüber zu philosophieren, wie Deine Welt aufgebaut ist. Deine Aufgabe besteht nur darin – genau wie in „Black & White“ – ein guter Gott für Deine Welt zu sein. Wenn es Dir gelingt, Dich zu befreien, werden all die anderen Menschen, die Du erschaffen hast, auch frei sein!

In Maria stiegen immer neue Bilder auf. Sie dachte an den Film „Matrix“. Die gesamte wahrgenommene Welt war darin nur ein Computerprogramm.

Der genialste Film, den sie je gesehen hatte war „Im Auftrag des Teufels“. Es drehte sich ausschließlich darum, dass Menschen immer wieder auf die Eitelkeit reinfielen.

Als nächstes spielte Felix Maria Szenen aus dem Film: „Hinter dem Horizont“ ein.

Sie fand den Film sehr schön. Eine glückliche Familie mit zwei Kindern hatte durch einen Unfall die Kinder verloren. Als die Eltern durch ihre Trauer wieder zueinander gefunden hatten, starb auch der Mann (Robin Williams) durch einen Unfall. Er kam direkt in den Himmel, der wunderschön beschrieben war. Die Frau aber wurde mit ihrer Trauer nicht fertig und beging Selbstmord. Sie landete in der Hölle. Als der Mann im Himmel davon erfuhr, wollte er sie aus Liebe dort herausholen.

Maria mochte die Darstellung der Hölle nicht. Alles war ziemlich dunkel und grausam beschrieben.

Die Frau sträubte sich dagegen „ihre“ Hölle zu verlassen. Nachdem der Mann bemerkte, dass er seine Frau „nicht erreichen“ konnte, entschloss er sich, mit ihr in der Hölle zu bleiben. Da das Schicksal es aber mit den beiden gut meinte, landeten sie schließlich doch im Himmel.

Endlich hatte Maria verstanden, was ihr die Hölle sagen sollte. In ihr kam das Bild hoch: Robin Williams (Hauptdarsteller) ging durch den Pfad der Hölle. Die Szene glich einem riesigen Friedhof, auf dem all die armen Seelen gefangen waren. Sie waren bis zum Hals vergraben und nur der Kopf schaute heraus. Sie jammerten, Kopf an Kopf, vor sich hin.

Jetzt hatte Maria verstanden, was ihr dieses Bild sagen sollte: Diese Hölle entsprach dem toten Massendenken ihrer Menschen. Sie waren in der Erde (Materie) gefangen, konnten sich nicht mehr bewegen und jammerten vor sich hin.

Diesmal hatte Maria auch die andere Seite eines Bildes gesehen, dass sie vorher „verurteilt“ hatte.

Nun leuchtete ihr auch ein, wie es David damals ergangen sein musste, als er sich schon längst im „Himmel“ befand und sie in der „Hölle“ schmorte. David hatte immer wieder versucht, ihr vom „Paradies“ (neue Welt) zu erzählen, aber sie hatte nur dumm dagegen geredet. Dann hatte er versucht, sie mit sanfter Gewalt vorwärts zu treiben, was aber an Marias Sturkopf ebenfalls gescheitert war. Er hatte aber nie den Fehler gemacht, sie überzeugen zu wollen. Er gab ihr nur Tipps, damit sie ihre Welt „einsichtiger“ sehen konnte und nicht immer nur das „BÖSE“ in den Dingen wahr nahm. Maria aber blieb stur.

David wurde in ihrer Anwesenheit immer ruhiger und ließ sie förmlich im „eigenen (EGO)-Saft“ schmoren. Er wusste, dass er ihr den Weg aus ihrer eigenen Hölle nur zeigen konnte. Gehen musste Maria aber selber. David verfolgte seinen eigenen Weg mit ungeheurer Disziplin und störte sich nicht daran, ob Maria, aufgrund ihres egoistischen Sturkopfes, neben ihm litt oder nicht. Er hatte seinen Part erfüllt sie zu locken und wenn sie nicht in der Lage war, einzusehen, dass sie an ihrer Misere selbst schuld war, dann war das nicht seine Angelegenheit.

Endlich hatte sie verstanden! Ja, alle ihre ausgeträumten Menschen mussten selbst aus ihrer eigenen Hölle gehen, ohne dass sich irgend jemand einmischte oder sie gar herauszog.

Liebe Maria! David hat aus unendlicher Liebe genauso handeln müssen. Er hat Dir alles mit auf den Weg gegeben, was Du hättest brauchen können, um Dich selber zu befreien. Wahre Liebe heißt, dass man jeden Menschen so akzeptiert, wie er ist. Und wenn er leiden möchte, lasse ihn leiden. Du erliegst einem Irrtum, wenn Du glaubst, dass Du Deine Mitmenschen davon überzeugen müsstest, dass sie sich in der Hölle befinden. DU SOLLST DICH NICHT EINMISCHEN! Wenn Du glaubst, Du tust diesen Menschen einen Gefallen, dann hast Du nichts begriffen. Denn dann glaubst Du, dass Dein Leben oder Deine Ansichten besser seien, als die Deiner Mitmenschen. Du Maria, als Kleingeist, solltest Dich überhaupt nicht einmischen, denn dann glaubst Du ja, dass Du reifer bist als die anderen. Das kann nie möglich sein. Du bestimmst die Reife Deiner ausgeträumten Gestalten. Wenn Du noch unreif bist, siehst Du alle Menschen als unreif an. Wenn Du langsam reifst, siehst Du zwar immer noch unreife Gestalten (aber bitte immer ohne Überheblichkeit!), aber es kristal­li­sieren sich immer mehr reifere Seelen heraus.

Deine Welt kann nie besser sein, als Du selbst! Schreibe es Dir hinter die Ohren!

Lieber Felix! sagte Maria. Ich weiß, ich habe viele Fehler in meiner vermuteten Vergangen­heit gemacht. Ich kann mich Hier und Jetzt daran erinnern, dass auch ich einmal davon über­zeugt war, dass das paradiesische Denken utopisch sei.

Denn ich war mir sicher, gesehen zu haben, dass die Außenwelt schlecht war. Aber jetzt muss ich mir eingestehen, dass ich schlecht war und somit auch eine schlechte Außenwelt hatte. All die vermuteten Dinge, die ich in meiner damaligen Welt zu sehen glaubte, sind soweit völlig ver­schwunden. Das soll aber nicht heißen, dass ich meine vollkommene Glückseligkeit gefunden habe. Ich bemühe mich, den Weg weiter zu gehen.

Maria dachte einen Augenblick darüber nach. Alle Dinge und alle Ansichten in meiner Welt sind nur von mir. Was ich mir denke, muss kein anderes Wesen in mir verstehen. Ich kann also nicht für mich in Anspruch nehmen, dass das, was ich sehe, fühle und denke, richtig ist. Es ist nur meine Wahrheit! Sei es nun logisch, geistreich oder völlig geistlos.

Prima, meine Kleine, rief Felix ihr zu. Langsam versuchst Du selbständig zu denken. Du solltest aber wissen, dass es nur ein Teil Deiner Wahrheit (Wahrnehmungseinheit) ist, jedoch nicht die Wirklichkeit.

Ich weiß, entgegnete Maria. David sagt mir doch schon oft genug:

„In Wirklichkeit sieht alles ganz anders aus!“
Maria musste sich keine Gedanken machen, ob ihre Interpretation für die Menschheit richtig oder falsch war.

Hey, wieder eingeschlafen. Von welchen Menschen redest Du jetzt wieder?

Ich rede von den Menschen, an die ich im Hier und Jetzt denke, rief Maria Felix zu.

Du plapperst David nach!

Ich bin mir bewusst, dass ich jetzt David nachgeplappert habe. Aber wie soll ich etwas verstehen, was ich noch nie gehört oder gelesen habe? Also muss ich erst Davids Worte annehmen und versuchen sie mir vorzuplappern, damit ich wach bleibe.

Der nächste Schritt ist, dass ich mir bewusst bin, was ich rede. Natürlich weiß ich auch, dass man erst darüber nachdenken sollte, was man redet, bevor man den Mund aufmacht. Aber ich muss es mir immer wieder geistig vorsagen, um es zu verstehen.

23.06.2001 – 17.50 Uhr

Maria saß wieder am Computer. Nach der Erledigung ihrer Hausarbeit hatte sie sich ihre Sitzunterlage geschnappt und war auf den Balkon gegangen, um sich zu bräunen. Ca. 15 Minuten später hörte sie David kommen, der Besuch bekommen hatte. Sie fragte ihn, ob er eine Redepause machen wolle.

„Nein“, sagte David, „ich habe ihn gerade verabschiedet. Für heute sollte es damit genug sein.“

Maria berichtete David kurz von Karins Anruf. Ihre Schwester hatte ihr mitgeteilt, dass es einen schwedischen Kriminalbuchautor gab, der ein Buch mit dem Titel „Die Schattenfrau“ herausgebracht habe. David hörte aufmerksam zu und lächelte still in sich hinein.

„Schreibst Du heute noch weiter oder willst Du in der Sonne sitzen bleiben?“, fragte er sie.

„Ich weiß nicht“, erwiderte Maria. „Ich glaube aber, ich muss weiterschreiben“.

David entgegnete, sie solle sich keinem Druck aussetzen und nur das tun, was ihr Spaß mache. Er wollte später auch einmal an den Computer.

Maria entschied sich für das „Sonnen“.

Sekunden später (nachdem David den Balkon verlassen hatte) kam ein Wind auf, der Maria frösteln ließ. Sie wunderte sich darüber, da es die ganze Zeit „ohne David“ windstill und sehr heiß war.

Sollte das vielleicht heißen, dass sie doch weiter­schreiben sollte?

Gut erkannt! sagte Felix. Aber Du solltest auch wissen, dass Du alle Dinge, die Du tust, ohne Druck machen solltest. Erinnere Dich daran, mit welch qualvollem Gesicht Du Dich immer wieder Deinem Dir selbst vorgesetzten Fitnessprogramm hingegeben hast. Mittlerweile macht es Dir doch nichts mehr aus.

Stimmt!, entgegnete Maria. Ich würde lügen, wenn ich behauptete, dass es mir Spaß bereite. Nach fast zwei Wochen habe ich noch keinen Erfolg gesehen. Ich habe mir schon überlegt, ob ich damit aufhören sollte. Aber ich glaube, es wäre besser für mich durchzuhalten. Ich habe festgestellt, dass es mir nicht mehr „nur“ um einen Körperkult geht, sondern um Selbstdisziplin. Ich sollte in allen Dingen des täglichen Lebens disziplinierter sein, besonders bei der Selbst­beobachtung.

Maria bemerkte, dass sie immer wieder in ihr altes Schema zurückfiel. Wenn sie konsequent ihren Sport weiter machte, dann könnte sie diese Konsequenz vielleicht auch auf andere Bereiche übertragen.

23.06.2001 – 19.00 Uhr

In den letzten Minuten hatte sie immer wieder versucht, sich auf der Sonnenliege zu entspannen. Es klappte einfach nicht! Ein Jugendzentrum gegenüber ihrer Wohnung spielte in einer „Mordlautstärke“ Musik.

Normalerweise störte Maria die Musik nicht. Auch nicht, wenn sie sehr laut war.

Aber heute nervte es sie extrem.

Der Discjockey spielte ungefähr zum zwanzigsten Male die gleiche Platte.

Maria störten nicht unbedingt die „ständigen Wiederholungen“ so sehr, sondern die Musik­richtung: Country-Musik.

Maria wusste, dass sie diesbezüglich ein FEINDBILD hatte.

Die Jugendlichen spielten immer wieder in einer Wahnsinnslautstärke die Platte: „Take Me Home Country Rose“. Anscheinend fanden die Jugendlichen dieses Lied „supertoll“, aber für Marias Ohren war das entschieden „too much“!

Gerade als sie sich überlegte, ob sie es sich wirklich antun wollte, weiterhin der Musikschleife zuzuhören, änderte der Discjockey sein Konzept und legte doch tatsächlich eine neue Scheibe auf.

Jetzt kam die Gruppe „Right Said Fred“ mit „Stand By Me“. Gegen dieses Lied hatte Maria nichts einzuwenden und hörte aufmerksam zu.

Gleich danach ertönte „Misses Robinson“ Es war eine alte Scheibe von Simon and Garfunkel.

Maria war über den „abrupten Wechsel“ der Musikrichtung erstaunt. Anscheinend war der Discjockey genauso verwirrt wie sie selbst.

Felix lachte laut auf. Es sieht so aus, als ob Du verstanden hast, was ich Dir damit sagen wollte!

Maria versuchte die Lieder miteinander zu verknüpfen. Es machte eigentlich Sinn, wenn man alles miteinander in einen Topf warf. „Take Me Home MISSES ROBINSON“ – war sie vielleicht der Robinson auf dem Eiland, der heimgeholt werden wollte? EI-LAND — David erwähnte immer wieder, dass EI auf hebräisch „Insel“, aber auch „nicht“ bzw. „Nichts“ bedeutet. Also ist das EI-LAND eigentlich ein NICHT-LAND oder ein Land aus Nichts – T‑RAUM . Und „Stand By Me“ konnte man mit „stehe zu mir“ übersetzen.

Aber über eine Sache stolperte Maria. Wieso war ihr die Gruppe „Right Said Fred“ sofort in den Sinn gekommen? Die Übersetzung: „Richtig! sagt Fred“.

Ab heute darfst Du mich auch „Fred“ nennen, erwiderte Felix und prustete vor Lachen.

Maria beschlich das Gefühl, dass Felix sie mittlerweile genauso auf den Arm nahm wie David.

Hey Maria, gehen wir wieder auf eine Gedankenreise zurück in die „vermutete Vergangen­heit“?

Maria stutzte. Warum willst Du wieder in meinem Leben rumkramen?

Ich möchte heute eine neue Leiche „bergen“. Einverstanden?

Ich habe doch sowieso keine Chance gegen Dich, entgegnete Maria. Aber um welche Leiche handelt es sich diesmal? Soviel, wie Du mir aufträgst, kann ich gar nicht verkraften!

Doch, kannst Du wohl, sagte Felix. Und heute musst Du Dir auch nicht so viele Gedanken darüber machen. Ich möchte mit Dir nämlich die Leiche „Eitelkeit“ ansehen. Wir haben in den letzten Tagen so schwer gearbeitet, dass wir „uns“ heute einmal so richtig amüsieren sollten!

Was gibt es denn über meine Eitelkeit zu lachen?, fragte Maria nach.

Warte ab, bis ich Dir die ganzen Bilder in Deinen Kopf einspiele. Wir werden mit Sicherheit herzhaft über Deine Dummheiten lachen!

Maria überlegte noch einmal kurz, was ihr Felix eigentlich damit sagen wollte.

Aber ihr „Film“ im Heimkino lief schon an.

Bereits bei den ersten Bildern bekam Maria einen hochroten Kopf.

Oh Gott! Ich schäme mich!

Keine Chance, meine Kleine, da müssen wir durch, rief Felix.

Maria sah sich wieder als Kind. Als sie klein war, liebte sie es, ihre Hände in die Hosentaschen zu stecken. Anscheinend kam sie sich dabei besonders cool vor. Normalerweise wäre das auch kein Problem gewesen, wenn sie es nicht auch „beim Laufen“ beibehalten hätte. Da das natürlich nicht gut gehen konnte, stolperte sie recht gerne, wobei sie meistens mit dem „Schädel“ aufkam. Merkwürdigerweise hatte sie sich dabei, außer ein paar Beulen, nie ernsthafte Verletzungen zugezogen, obwohl sie ihre Stürze in der Regel mit der „Stirn abbremste“.

Maria konnte sich kaum halten vor Lachen. Meine Güte, war ich dumm!

Jetzt erinnerte sie sich auch daran, dass Dorina sie immer wieder darauf hingewiesen hatte, doch die Hände aus den Taschen zunehmen, bevor sie losliefe. Aber Maria hörte nicht auf Dorina und bremste weiterhin die unweigerlichen Stürze ungeniert mit ihrer Stirn.

Zum Glück hatte die „kleine Maria“ eines Tages die Eingebung, dass sie vielleicht besser laufen könne, wenn sie sich nicht an ihrer Hose festhielte ...

Felix lachte laut auf. Maria, ich kann mich gut daran erinnern, wie Du immer und immer wieder hingefallen bist. Merke Dir: Hosentaschen haben einen anderen Zweck als die Hände beim Laufen zu verstecken J !

Maria schmunzelte in sich hinein. Ja, Felix, mittlerweile bin ich ja schon groß und habe zumindest das verstanden!

Du hast es noch nicht ganz verstanden, Maria. Du würdest sonst endlich einmal versuchen, Dich nicht immer an der Materie festzuhalten!

Stimmt! rief Maria Felix zu.

Los, erzähle uns die Geschichte mit dem Fahrrad.

Okay! sagte Maria.

Als ca. 7 bis 8 jähriges Kind fuhr Maria Fahrrad. Es war aber kein Kinderfahrrad, sondern eher ein Universalfahrrad, das für alle Altersklassen reichen musste. Nun gut, Maria fuhr gerne mit dem Rad, obwohl sie ziemliche Probleme damit hatte, auf dem Sattel zu sitzen und dabei auch noch an die Pedale zu kommen. Das klappte soweit ganz gut, wäre da nicht das Problem mit ihrer „Kleidung“ gewesen. Regelmäßig verfing sich nämlich der „Kleidersaum“ im Sattel, genauer:

Immer wenn sie das Fahrrad vor dem Haus abstellen wollte, blieb sie am Sattel hängen und kippte samt Fahrrad (und zwar immer nach links) in die Büsche.

Nein! Sie fiel natürlich nicht auf die rechte (richtige) Seite, wo sie in schönem, weichen Gras aufgekommen wäre.

Nein!. Es musste immer die linke Seite sein!

Maria hatte sich nie Gedanken darüber gemacht, warum das so war, denn mittlerweile hatte sie sich einfach daran gewöhnt, dass es beim Abstieg Schwierigkeiten gab.

Eine Nachbarin verfolgte tagelang das DRAMA: „Maria beim Versuch, von ihrem Fahrrad abzusteigen“.

Eines Tages (als Maria gerade mal wieder in den Büschen lag) rief die Nachbarin von ihrem Balkon herunter: „Maria, sag mal, steigst Du immer so ab?“ Maria kroch aus den Büschen hervor und erwiderte kleinlaut, sie könne nichts dafür, weil sich doch ihr Saum immer im Sattel verfinge. Mit hochrotem Kopf ging Maria in die Wohnung.

Na, Maria, das war doch eine lustige Geschichte, nicht wahr? Aber weißt Du, ich frage mich jedoch, warum Du solange dafür gebraucht hast, Dein Problem abzustellen?

Das schleppst Du doch noch heute mit Dir herum!

Da hast Du völlig recht, Felix. Aber wie Du unschwer erkennen kannst, war ich so eitel, dass ich lieber Stürze in Kauf genommen habe, als zum Beispiel die „Hände aus den Taschen“ zu nehmen oder mit einer „Hose“ statt einem Kleid Fahrrad zu fahren.

Nun gut Maria, erzähle uns noch die Geschichte mit den hohen Absätzen!

Nein, rief Maria Felix zu, es müsste jetzt doch vorerst reichen!

Ich höre Dir aufmerksam zu, meine Kleine, sagte Felix.

Okay, dann gebe ich mich halt hin ...

Die Absatz-Geschichte ist schnell erzählt.

Aus Eitelkeit trug Maria Schuhe mit hohen Pfennigabsätzen. Natürlich trug sie diese Schuhe bei Verabredungen aber auch im Büro. Nach Feierabend konnte sie kaum noch laufen, weil sie von diesen Schuhen so dicke Füße hatte.

Ständig musste sie beim „Laufen“ aufpassen, dass sie mit ihren Absätzen nicht auf Kopf­stein­pflaster oder auch in den Gittern (die sich vor den Eingängen der Kaufhäuser befanden) hängen blieb. Sie bemühte sich wie ein „Pfau“ durch die Innenstadt zu stolzieren, aber in irgendeiner „Schuh-Falle“ blieb sie immer stecken.

Das kostete sie zwar etliche Absätze: Aber wer schön sein will, muss eben leiden.

Die peinlichste Situation erlebte sie aber, als sie in einem Kaufhaus mit einem netten, jungen Mann per Augenkontakt flirtete und dabei mächtig stolz auf sich war. Als sie in Richtung Ausgang ging, sah sie vor lauter Blickkontakt nicht das unvermeidliche Gitter und stolzierte mit den wunderschönen, unbequemen Schuhen direkt in die Falle – sie blieb im Rost hängen! Schnell hob sie noch einmal den Kopf und lächelte dem jungen Mann zu, damit er ja nicht bemerkte, dass sie festklemmte – oder in anderen Worten ausgedrückt: verklemmt war.

Als er dann außer Sichtweite war, versuchte sie einen Schritt zurückzugehen, um den Schuh aus dem Rost zu bekommen und blieb prompt mit dem anderen Schuh hängen. Da nun beide Schuhe in dem verdammten Gitter steckten - versuchte sie, ohne großes Aufsehen zu erregen, aus ihren Schuhen zu schlüpfen, um sie aus dem Rost zu ziehen.

Maria dachte, dass die Zeit stehen blieb und alle Menschen sehen „ihre Blamage“ — und sie hatte Recht.

Nachdem sie barfuss ihre Schuhe gerettet hatte, stellte sie die Schuhe hinter dem Gitter ab und zog sie wieder an. Als sie den Kopf hob, sah sie die lachenden Gesichter der Menschen. Alle hatten diesen Vorfall beobachtet und lachten sie aus.

Nach dieser Episode hatte Maria genug für ihre „Eitelkeit“ gebüßt und ließ diese Schuhe daheim. Und die Moral von der Geschichte? – Schuhe kaputt - Ego kaputt !

Das war doch schon ganz lustig! Aber da fällt mir gleich noch die andere Schuhgeschichte ein.

Gut!, sagte Maria. Dann schreibe ich die Geschichte „Cowboy-Stiefel“ auch noch auf.

Jetzt weiß ich auch, warum ich ein Feindbild bezüglich „Country-Musik“ habe.

Maria machte in ihrer „vermuteten Vergangenheit“ im Rahmen ihrer finanziellen Möglich­keiten jeden Modetrend mit.

Im Herbst wurden die zu jener Zeit hochmodernen Cowboystiefel aus dem Schrank geholt. Diese Stiefel machten einen sehr langen Fuß und es sah mit Sicherheit nicht sehr vorteilhaft aus, da sie schon Schuhgröße 39 hatte. Aber was nahm man nicht alles für die Eitelkeit in Kauf. Die Stiefel waren auch nicht sonderlich bequem. Aber wenn alle Frauen (die ganze HERDE) sie trugen, musste Maria auch dabei sein.

Der Winter wurde zur reinsten Tortur. Bei Glatteis entpuppten sich die Stiefel nämlich als Schlittschuhe und Maria „rutschte“ mit ihnen durch die Stadt.

Eines Tages waren Dorina und sie bei einer Arbeitskollegin eingeladen. Zuvor hatte Maria Großeinkauf gemacht und war total bepackt. Weit nach Mitternacht rief die Kollegin Maria und Dorina ein Taxi, das sie nach Hause fahren sollte. Bereits kurze Zeit später klingelte der Taxifahrer. Maria schnappte ihre Einkäufe (Beute J) und ging langsam die Treppen hinunter. Dorina folgte ihr. Als Maria die Haustür öffnete glitzerte auf den äußeren Treppen­stufen frisch gefallener Schnee. Maria nahm ihre Einkäufe fest unter die Arme und hielt sich am Treppengeländer fest. Bereits auf der ersten Stufe bemerkte sie, dass die Treppe spiegelglatt war. Sie drehte sich zu ihrer Schwester um und sagte ihr, sie solle aufpassen, da die Treppe sehr glatt sei. Völlig cool stieg Maria die Stufen weiter hinunter und ....................................

Sie begann zu rutschen und polterte die ganze Treppe hinunter. Unten im Schnee fand sie sich wieder. Sie hatte aber ihre Einkäufe immer noch fest unter dem Arm.

Dorina brach in schallendes Gelächter aus. Maria schaute ein wenig „dumm aus der Wäsche“ und lachte mit.

Dieser Sturz tat sehr weh. Die größte „Schmach“ erlebte sie aber einige Sekunden später.

Sie schaute zum Taxi und sah im Laternenlicht den Taxifahrer, ein junger gutaussehender Mann, der sich „vor Lachen“ kaum halten konnte. Schamesröte stieg in ihr hoch. Sie rappelte sich auf und Dorina und sie stiegen ins Taxi. Da Dorina ihren Lachanfall nicht stoppen konnte, ging das Schauspiel im Auto weiter. Maria bemerkte, dass auch der Taxifahrer kaum an sich halten konnte und krampfhaft das Lachen unterdrückte.

Dorina „krönte“ das Schauspiel durch die Behauptung:

Maria stürzt immer so die Treppen herunter. Es ist in ihrem „Repertoire“ der „beste STUNT“.

Zum Glück dauerte die Taxifahrt nicht sehr lange und Maria und Dorina verließen das Auto um ins Elternhaus zu gehen. Maria hatte sich ja so geschämt.

Die Folgen ihrer Eitelkeit wurden am nächsten Tag ersichtlich. Sie hätte nie gedacht, dass „Hämatome“ so bunt werden konnten. Ihr Oberschenkel und die gesamte Gesäßseite waren grün und blau. Nach dieser Episode trennte sich Maria von ihren Cowboystiefeln und stieg in die weniger damenhaften Moon-Boots.

Die Geschichten waren doch lustig, Maria. Mir haben sie wirklich gefallen. Erstaunlich, wie viel Du für Deine Eitelkeit in Kauf genommen hast. Du bist anscheinend ein „gefallenes Mädchen“ J ! — Felix lachte sie aus.

Maria hatte kein Problem damit und konnte ihm nur beipflichten. Ja, sie war so dumm gewesen! Aber sie hatte gelernt über sich selbst zu lachen.




24.06.2001 – 11.30 Uhr

Maria setzte sich wieder an den Bildschirm, um ihre heutigen Einsichten schriftlich wieder­zu­geben. Sie konnte sich daran erinnern, dass sie in der Nacht zuvor noch einmal einen wahren Stoß in ihr Herz bekommen hatte.

Kurz vor dem Einschlafen hatte sie aus dem Jugendzentrum zum letzten Mal das Lied „TAKE ME HOME” gehört.

Leise flüsterte Maria Felix zu, dass er es jetzt „gut sein lassen könnte“, denn sie habe die Botschaft verstanden.

Ich werde versuchen, nicht von meinem Weg abzukommen.

Ich werde versuchen, diesen Weg weiterzugehen, um nach Hause zu kommen.

Felix lachte laut auf: Du stehst immer noch unter Beobachtung, Maria. Du musst es mir erst beweisen, ob Du wirklich an Dir arbeitest, oder ob es wieder leeres Geschwätz ist, weil Du nachplapperst.

Maria hatte bereits ihr Fitnessprogramm absolviert und das Bett für Clarissa hergerichtet.

Einige Tage zuvor hatte Maria David mitgeteilt, dass sie gerne Clarissa einladen würde. Er hatte mit den Worten „Das ist eine gute Idee!“, zugestimmt. Da es in der „Vergangenheit“ durchaus auch schon vorgekommen war, dass David Marias Einladungen blockte, indem er ihr erklärte, ein späterer Zeitpunkt sei besser geeignet, freute sich Maria darüber, dass er diesmal genauso dachte wie sie.

Also hatte Maria Clarissa angerufen um sie zu fragen, ob sie Lust habe, für ein paar Tage vorbei zu kommen. Clarissa kam nie unangemeldet oder ohne Einladung. Sie drängte sich niemals auf. Die drei führten auch keine stundenlangen Telefongespräche, sondern tele­fonierten vielleicht einmal im Monat. Ja, eigentlich hatten Maria und David wenig Kontakt zu Clarissa.

Maria freute sich, dass Clarissa zugestimmt hatte zu kommen.

24.06.2001 – 11.50 Uhr

David telefonierte schon wieder. Maria überlegte für einen kurzen Moment, ob sie die Chance nutzen sollte, sich in die Sonne zu legen.

Nein! Das solltest Du nicht tun, sagte Felix bestimmend.

Nun gut, dann werde ich Dir folgen.

David hatte Maria heute morgen ein Buch über alte „Tibetanische Weisheiten“ gezeigt. Es war für sie höchst interessant gewesen zu sehen, dass auch in diesen Schriften alles theoretisch ganz klar erklärt war, zwar mit anderen Worten, aber doch ähnlich, wie David „Gott und die Welt“ erklärte.

Maria, alles ist Theorie. Du musst den praktischen Weg gehen, sonst plapperst Du doch nur nach und lebst es nicht.

Ich weiß, sagte Maria. Aber sei doch nicht immer so streng mit mir!

Du brauchst meine väterliche Strenge, sonst bleibt Du immer ein kleiner Wurm!

Maria lachte kurz auf. Felix, ich habe jetzt nicht über Dich gelacht, sondern ich habe mich an ein E-Mail von Gabriel erinnert. Darin nannte er sich selbst TEEWURST.

So hart wollte ich es nicht ausdrücken. Aber es wäre schon ein passender Ausdruck für Kleingeister.

Maria wollte nicht durch ihre Unachtsamkeit den Faden verlieren. Es war schon schwer genug, über Davids Worte nachzudenken. Wie sollte sie Felix mit David verbinden, so dass aus „zwei Stimmen“ eine „Stimme“ wurde?

Du hast nichts begriffen, liebe Maria. Ich bin David. David ist Felix und Felix und David sind DU.

Das ist mir aber zu kompliziert!, rief Maria verzweifelt aus.

Jetzt sage ja nicht, Du seiest zu dumm, das zu verstehen!

Ich werde mich hüten, in diese Falle zu stolpern, sagte Maria.

Aber ich habe Gedanken in meinem Kopf, die ich nicht verbinden kann! Darf ich Dich dazu befragen, Felix?

Sicher! Aber warum fragst Du eigentlich so höflich nach? Du fragst mich doch immer - und dann fragst Du doch wieder nur Dich selbst. Ich gebe Dir Antworten, aber in Wirklichkeit gibst Du Dir diese Antworten selbst.

Stopp! rief Maria. Bitte lass mich zu Ende denken!

Okay, sagte Felix, ich gehe auf Deinen Wunsch ein.

Nun gut, sagte Maria. Ich bleibe völlig neutral und ziehe mir aus meinem Gedankenfilm einige Märchengestalten heraus, die ich zusammenlegen werde. Hoffentlich drücke ich mich dann noch klar aus, aber ich weiß, dass Du mich verstehen wirst.

Also, ich denke an ein Wesen (egal ob männlich oder weiblich). Dieses Wesen ist verheiratet und ein Teil der Partnerschaft orientiert sich anderweitig. Es spielt hier keine Rolle, wer von den beiden gehen möchte oder nicht. David redet immer wieder von Seelengefährten. Ich verstehe nicht, warum man sich den Film oder Gefährten anschauen muss und nicht einfach aus dem Traum gehen kann?

Es ist doch völlig klar, liebe Maria. Der Film ist abgedreht. Es soll nicht heißen, dass Du Deinen Seelengefährten daran hindern solltest, wenn er gehen möchte. Ursache und Wirkung.

Welche Motivation steckt dahinter?

Warum möchtest Du Deinen jetzigen Film verlassen?

Warum möchtest Du Deinen Seelengefährten verlassen?

Moment! rief Maria Felix zu. Ich möchte Dir ein Paar beschreiben, das sich vor einiger Zeit getrennt hat. Die Frau fühlte sich in ihrer „kleinen Welt“ nicht mehr wohl. Sie dachte sich, das ein anderer Mann ihr mehr Freude“ bereitet.

An welche Freude hat sie gedacht? Materialismus oder Leidenschaft?

Ich weiß es nicht! Aber ich vermute (ich will nicht darüber richten), dass es sich um reines Vergnügen gehandelt hat. Aber darum geht es mir jetzt nicht.

Also, wenn diese Frau ihren Mann verlassen hat und glaubt, ein anderer Mann könne ihr das geben, was ihr Seelengefährte ihr nicht geben kann, ist es doch in Ordnung. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Gott damit einverstanden ist, dass zwei Menschen vor sich hin vegetieren. Warum hat die Schöpfung denn Scheidungsrichter in die Welt gesetzt?

Siehst Du einen Scheidungsrichter oder glaubst Du nur daran, dass es diese Menschen gibt? Siehst Du jetzt ein geschiedenes Ehepaar oder vermutest Du nur, dass es solche Menschen gibt?

Ich weiß, Felix! Ich bin auf meine Gedanken herein gefallen. Aber ich muss mir solche Beispiele herausziehen, sonst verstehe ich nicht, was sie mir sagen sollen.

Ich möchte jetzt aber nicht den Faden verlieren:

Diese Frau hat also ihren Mann verlassen und musste erleben, dass sich die neue Beziehung nicht so gut entwickelte wie sie gehofft hatte.

Ich habe Dich vorher darauf hingewiesen, dass es immer um die Motivation geht.

Nun gut! Wenn der Seelengefährte eigentlich nur ein Konstrukt an Aufgaben und Prüfungen ist, die man zu bestehen hat, dann ist es wohl nicht sehr sinnvoll, seinen Seelengefährten zu verlassen. Die „eigentliche Problematik“ wird sich doch mit dem nächsten Partner wiederholen.

Du kannst nicht vor Deinen Problemen weglaufen.

Du nimmst Dich und Deine Sorgen immer mit.

Wenn dieser Seelengefährte nur eine fiktive Gestalt in meinem Traum und jederzeit austauschbar ist, dann muss ich doch solange mit ihm zusammen bleiben, bis er sich in mir mit mir vereint oder auflöst. Oder liege ich damit falsch?

Du bist schon auf dem Weg des Verstehens.

Wenn ein Mann seine Frau verlässt, dann hat doch die Frau den „Schwarzen Peter“.

Der Mann, hat sich doch nur hingegeben und hat gewartet, wie sich die Situation entwickelt. Aber ich finde es nicht fair, dass immer derjenige, der die Beziehung beendet, schuld sein soll.

Du unterliegst hier einem Denkfehler. Wenn ein Partner den anderen verlässt, dann ist nicht automatisch der „Verlassene“ der bessere Mensch. Wenn er sich nicht göttlich verhält - indem er versucht, seinen Partner glücklich zu machen, sondern sich nur deshalb mehr oder weniger ruhig seinen Lebensfilm anschaut, weil er glaubt, nichts unternehmen zu dürfen, da er sonst keine Belohnung bekommt, ist es reines Kaufmannsdenken.

Aber was ist denn, wenn Menschen unterschiedliche Auffassungen von Glück haben?

Wenn der eine von dem anderen etwas verlangt, was dieser ihm nicht, oder nicht mehr, geben möchte, dann leiden doch beide.

Der Mensch, der sich etwas erhofft und der Mensch, der sieht, dass der andere leidet, weil er ihm das nicht gibt, was dieser haben möchte und sich unter Druck gesetzt fühlt.

Warum leidet der Mensch, wenn er nicht das von dem Partner bekommt, was er haben möchte?

Ist es nicht ein reiner Akt von Egoismus, wenn ich sehe, dass mein Gegenüber sich sträubt? Außerdem stellt sich hier die Frage, warum der andere ihm nicht das gibt, was er möchte. Ist es Druckausübung? Oder liegt es ganz einfach daran, dass man sich dabei nicht wohlfühlt usw.. Es gibt viele Gründe dafür, warum der eine nicht das macht, was der andere möchte. Aber Du solltest wissen, dass es immer um die Motivation geht und dass oft vielleicht auch einfach nur Kaufmannsdenken dahinter steckt.

Maria verstand nicht so recht, was ihr Felix sagen wollte. David sagte ihr auch immer, er wolle sie glücklich machen. Aber nicht nach ihrer Definition von Glück.

Er machte sich selbst glücklich, indem er den Weg ging, der ihm Freude und Freiheit brachte.

Sie hatte diesen Weg zuerst nicht mitgehen wollen, musste dann aber feststellen, dass sie seinerzeit im Unrecht war.

Sie musste sich glücklich machen und das bedeutete, dass sie ihr Glück nicht von anderen abhängig machen durfte.

Sie sollte frei werden und ohne Zwänge leben.

Wenn ich also meinen Partner glücklich machen möchte, muss ich ihm das geben, was er möchte, obwohl ich mich dabei unglücklich mache. Diese Theorie ist doch völlig daneben!

Stimmt, aber wie machst Du Dich glücklich?

Indem Du Dein Gegenüber so leben lässt, wie es ist.

Du sollst Dich nicht in „sein Leben“ einzumischen.

Ja, aber wenn wir keine Gemeinsamkeiten mehr haben und jeder für sich lebt, dann kann ich mich doch trennen?

Von wem möchtest Du Dich trennen?

Du bist eine Einheit!

Du kannst nicht ein Teil von Dir eliminieren und glauben, dass Du dann glücklich bist.

Du bist ALLES!

Felix, erwiderte Maria, das hört sich theoretisch gut an, aber wie sieht es in der Praxis aus? Das klappt doch nicht!

Es kann auch nicht klappen, wenn Du glaubst, dass es nur Theorie ist. Wenn Du es in Deinem tiefsten Inneren wirklich verstanden hast, dann lebst Du es auch.

Dann werden sich die Dinge um Dich herum verändern.

Nun gut! Wenn ein Partner den anderen verlässt, dann ist es doch meistens so, dass der, der weiß, dass er auch ohne den anderen leben kann, geht. Nur der, der weiß, dass er es nicht alleine schaffen kann, bleibt da.

Maria, warum glaubt der, der nichts unternimmt, dass er ohne den anderen nicht leben kann?

Ich weiß nicht, vielleicht weil er seinen Partner liebt und die Beiden schon einige Ehejahre hinter sich gebracht haben?

Wenn es keine Zeit gibt, gibt es auch keine gemeinsamen Jahre, die man miteinander verbracht hat. Los, denke weiter!

Vielleicht wegen der Kinder. Man möchte den Kindern doch nicht ein Elternteil wegnehmen.

Okay, dies wäre ein Argument!

Aber was ist eigentlich, wenn die Kinder groß sind und aus dem Haus gehen.

Siehst Du, das Argument zählt nur im Moment, später nicht mehr.

Außerdem ist diese Ausrede bei den Menschen immer sehr willkommen.

Nun gut, ich warte auf eine andere Erklärung.

Vielleicht haben die Beiden ein Haus gebaut und müssen gemeinsam dafür finanziell aufkommen?

Wenn dies ein Argument wäre, ist es doch total dumm.

Die Familie könnte doch das Haus verkaufen und in eine Mietwohnung ziehen!

Aber dann würden sie vielleicht finanzielle Verluste erleiden. Und außerdem haben sie so viel an dem Haus selbst gemacht, dass ihr Herz daran hängt.

Bist Du Dir sicher, dass man von einem Haus nicht loslassen kann?

Was ist denn, wenn das Haus abbrennen würde, oder es wird zwangsversteigert?

Dann wäre das Haus doch auch weg?

Aber ich muss doch nicht sofort den Teufel an die Wand malen. Wenn es noch nicht so weit ist, dann muss ich mir doch auch keine Gedanken darüber machen.

Stimmt! sagte Felix. Du solltest Dir keine Sorgen um Morgen machen. Aber Du solltest einmal darüber nachdenken, warum Du Dich wegen des Hauses unter Druck gesetzt fühlst.

Es heißt doch immer wieder:

Wir sind unglücklich, weil wir zuwenig Zeit für einander haben.

Und warum haben die beiden zuwenig von einander?

Müssen vielleicht beide deshalb arbeiten gehen, um das Haus finanzieren zu können — und fühlen sich deshalb so unglücklich?

Die Lösung wäre dann doch ganz einfach. Sie müssen sich von dem Haus (Problem) trennen.

Sicherlich leuchtet mir dies ein.

Dann hätten beide wieder mehr Zeit füreinander und könnten glücklich zusammen leben. Es sei denn, das Paar liebt sich nicht mehr. Dann ist es doch nur eine Zweckgemeinschaft. Ist das vielleicht göttlich?

Ich kann es Dir in Deiner Logik nicht erklären. Solange Du Deine Definition von Glück mit Leidenschaft und Materialismus vertrittst, kommen wir nicht weiter.

Okay! sagte Maria traurig. Ich versuche, Dir jetzt geistig zu folgen.

Wenn ein Partner den anderen nicht mehr liebt, weil dieser sich verändert hat und die Beiden nicht mehr miteinander reden können, dann ist doch auch keine mehr Basis da?

Warum liebt der eine den anderen nicht mehr? Du kannst Dich nicht verändern, Du vermutest nur, dass Dein Gegenüber anders war, als Du ihn kennen gelernt hast.

Maria, wenn es keine Zeit gibt, dann ist im HIER und JETZT Dein Seelengefährte genau so, wie Du ihn Dir JETZT erschaffst!

Ich kann einfach nicht glauben, dass ich ihn so erschaffen habe. Wie sollte ich denn Einfluss darauf haben, wie sich meine Märchengestalten entwickeln?

Du hast keinen Einfluss darauf, welche Charaktereigenschaften Dein Gegenüber hat, das stimmt. Aber Du könntest Deine Einstellung zu den Menschen ändern, und dann verändern sich automatisch auch die Bilder um Dich herum.

Wenn ich meinen Seelengefährten nur beobachte, wie er ist, ohne ihn zu verurteilen, dann verändere ich ihn doch nicht, sondern neutralisiere ihn.

Du solltest Deinen Seelengefährten auch nicht ändern, sondern so annehmen, wie er sich gibt. Das Wort „Neutralisieren“ ist in diesem Zusammenhang gar nicht so dumm von Dir!

Wenn ich mich daran erinnere, dass ich einmal (ich weiß, Vermutungswissen) zwei prägnante Männerbekanntschaften hatte, die beide nicht dem entsprachen, was ich mir gewünscht hatte, sie aber trotz allem nicht mehr an meiner Seite habe, dann ist es doch in Ordnung, wenn man Menschen hinter sich lässt, oder nicht? Oder hätte ich diese Unannehmlichkeiten durchstehen müssen?

Nein, Maria, Du hattest den Vorteil, zu wissen, wie Dein Mann optisch aussehen würde, weil ihn Dir Deine hellsichtige Mutter genau beschrieben hatte.

Das Gesamtpaket „David“ aber blieb auch für Dich ein Geheimnis.

Sicherlich hast Du eine Wunschvorstellung erfüllt bekommen und zwar die eines starken und großen Mannes, an den Du Dich anlehnen kannst.

Aber Du weißt sehr wohl, dass Du kein Duckmäuser sein solltest.

Demut heißt nicht, alles zu ertragen, sondern sehr wohl auch, seine Meinung vertreten zu können. Außerdem hast Du diesen Mann nicht fanatisch gesucht. Er ist für Dich sozusagen „vom Himmel gefallen“. Wenn Du diesbezüglich „Wollen“ in Dir gehabt hättest, dann wärst Du noch heute alleine, verstanden?

Ich hoffe!, sagte Maria. Also, wenn ich einem „Phantom“ nachgejagt wäre, dann hätte ich David niemals kennen gelernt!

Stimmt! Und außerdem solltest Du wissen, liebe Maria, dass Du auch nicht immer pflege­leicht bist. Du siehst die Splitter in den Augen der anderen aber nie den Balken im eigenen J !

Maria stutzte ein wenig. David und sie hatten eine sehr schöne, harmonische Partnerschaft und gingen sehr tolerant miteinander um.




27.06.2001 – 13.00 Uhr

Heute hatte sich Maria eigentlich nur von der Sonne bestrahlen lassen wollen. Drei Tage lang war es herrlich warm gewesen und nachdem alle Termine schon vorüber waren, hatte sie sich nur der Sonne hingeben wollen. Doch gerade heute war der Himmel ein wenig bewölkt, so dass sie sich nicht wie gewünscht braten lassen konnte. Außerdem störte sie wieder einmal eine vertraute Stimme, der sie, wie immer, folgen musste. Maria versuchte, mit Felix einen Kompromiss zu machen.

Sie würde sich ihm schon hingeben, aber nicht jetzt.

Diesmal wollte sie ihren eigenen Willen durchsetzen und dann aufhören, wenn sie es wollte (ob dieser Plan funktionieren würde, wusste sie noch nicht, aber der Versuch war es wert).

Hallo Maria, meldete sich Felix in ihrem Kopf. Na, waren die letzten Tage nicht wieder sehr lehrreich für Dich?

Sicherlich! rief Maria ihm zu. Aber es strömen so viele Gedanken in mich ein, dass ich gar nicht mehr klar denken kann!

Schwätzerin! entgegnete Felix. Du hast überhaupt noch nie klar gedacht, sondern bisher immer nur funktioniert. Wenn Du jetzt behauptest, Du könnest nicht mehr klar denken, dann muss ich Dich enttäuschen. Du hast noch niemals so lange klar gedacht wie im Augenblick!

Maria schämte sich. Ihr fiel auf, dass sie wieder einmal einen „kompletten Unsinn“ redete. Danke, Felix, dass Du mich wieder mal geweckt hast, sagte Maria.

Keine Ursache! Deshalb bin ich in Dir erschienen. Meine Aufgabe ist es doch, Dich immer wieder „wach“ zu machen.

Maria beobachtete jetzt ein wundervolles Bild, das sich langsam in ihrem Kopf entwickelte. Sie hatte sich früher (Quatsch, im „Hier und Jetzt“) oft darüber gewundert, dass die gleiche Problematik immer wieder auftauchte. Viele „ihrer“ Menschen waren überrascht darüber, dass sie immer wieder mit solch schlechten Bildern konfrontiert wurden.

„Ich bin doch so lieb und innerlich ganz ruhig Wieso habe ich dann eine so schlechte Außen­welt?“, jammerten sie.



David hatte darauf die immer gleiche Antwort parat. Er betonte, ER spiele ihnen die Bilder wertfrei in ihren Geist ein und deshalb sei ER auch daran schuld. Allerdings sei ER nicht schuld dran, wie die einzelnen Menschen darauf reagierten, denn sie richteten darüber, ob die Bilder gut oder schlecht seien.

Maria hatte es tausendfach von David gehört. Aber sie wunderte sich doch darüber, wie viele Menschen immer wieder betonten, sie könnten nichts für ihre Situation. David würde immer wieder behauptete, dass er ihnen diese Bilder eingespielt habe, also sei auch er daran schuld!

Stopp, Maria, von welchen Menschen redest Du jetzt? Siehst Du irgendwelche Wesen um Dich herum, die ein Problem haben?

 

Nein, Felix, ich sehe keine Menschen, sondern nur einen Bildschirm. Ich weiß, worauf Du hinaus möchtest, und ich glaube, ich habe es verstanden.

Na gut, dann wollen wir uns Deine Einsicht einmal anhören!

 

Wenn David sagt, er spiele wertfreie Bilder in die Geister der jeweiligen Wesen ein, sei aber nicht schuld daran, wie diese Wesen die Bilder be-(oder ver-) urteilen, dann sehe ich keinen Grund dafür, dass David die Verantwortung übernehmen müsste!

Stimmt, rief Felix ihr zu. Gut beobachtet! Aber wer ist David?

 

Maria stutzte. Als Mensch ist David nur eine fiktive Gestalt, die ich mir austräume!

Auch das stimmt! Aber wo befindet sich David?

 

Maria musste aufpassen, dass sie nicht in die Falle tappte, zu sagen, er säße in seinem Lieblingsstuhl! Ich weiß, rief Maria Felix zu, David befindet sich in meinem Herzen bzw. in mir.

So, liebe Maria. Wenn Du von einer „fiktiven Gestalt“ Bilder in den Geist gelegt bekommst, trennst Du David von Dir und glaubst, dass er sich außerhalb von Dir befindet. Da Du der Träumer Deiner Welt bist, bist Du somit auch David.

Wenn ich Gedankenbilder in den Geist gelegt bekomme und darauf reagiere, aber anschließend David dafür verantwortlich mache, dass er (wie er ja auch behauptet) die Bilder eingespielt habe, dann mache ich doch einen Gedankenfehler.

Ich träume einen David, der behauptet, mir Bilder in den Geist zu legen.

Je nachdem wie ich auf diese Bilder reagiere, bestimme ich mein zukünftiges Leben.

Wenn ich also David bin, dann legt ein höheres Wesen in mir die Bilder wertfrei in meinen Kopf und je nachdem, ob ich mich beobachte oder wieder eingeschlafen bin, reagiere ich auf diese selbst gemachten Bilder.

Ich glaube, jetzt hast Du es verstanden.

Du bist der, der die Bilder macht (bzw. es ist eine Dir noch nicht bewusste Macht in Dir) und auch der, der darauf reagiert.

Wenn Du einen Schuldigen suchst, dem Du angeblich (gedanklich) gefolgt seiest, dann trennst Du z.B. David von Dir und glaubst, er sei Realität.

Die Menschen brauchen einen Sündenbock für ihre Fehler.

Wenn sie wach wären, wüssten sie, dass sie für alles, was ihnen wiederfährt, ganz allein verantwortlich sind.

Kein Elternteil ist für eine „angeblich“ schlimme Kindheit verantwortlich.

Kein Ehepartner ist daran schuld ist, dass es Dir nicht gut geht.

Keine Freunde kannst Du dafür verantwortlich machen, Dich z.B. reingelegt oder Dein Vertrauen missbraucht zu haben.

DU BIST SCHULD, NUR DU!

Alles ist doch nur ein großer Traum und Du bist der Träumer Deiner Welt!

Es gibt keine Schuldfrage zu klären, da nur der Mensch an sich für alles verantwortlich ist.

Außerdem ist es doch eine prima Lösung, wenn man jemanden kennt, der von sich behauptet, er sei schuld daran, (wertfreie) Bilder eingespielt zu haben J.



 

Spätestens jetzt müsste ich aber doch begriffen haben, dass ich auch diesen „Schuldigen“ nur träume und deshalb selbst dafür verantwortlich bin. Ich kann die Einheit nicht trennen.

SELBER DENKEN (auch was in Dir denkt, z.B. Logik, Moral, Ego) — SELBER HABEN.

Alle Menschen streben doch danach, GEIST zu werden, aber sobald sie feststellen, dass es IN IHNEN DENKT, trennen sie sich sofort wieder davon.

 

Wenn alle Menschen verstünden, dass alles was in ihnen denkt, nur sie selber sind, dann müssten sie selbst für sich die Verantwortung übernehmen und nicht einen Sündenbock suchen.



Ich gebe Dir ein kleines Beispiel:

Ein Mensch ärgert sich und fühlt, wie es in ihm wütet und wirft ein Glas an die Wand. Dieser Mensch kann jetzt behaupten, dass er sich durch eine bestimmte Situation („Frau war daran schuld“ oder „David hat die Bilder eingespielt“) geärgert hat und keinen Einfluss darauf gehabt habe, anders zu reagieren („der Film ist ja schon abgedreht“). Also musste er das Glas an die Wand werfen.

Ich lege Dir nun das gleiche Beispiel vor:

Ein Mensch ärgert sich und fühlt, wie es in ihm wütet (EGO) und wirft ein Glas an die Wand. Dieser Mensch kann sich nicht aus der Situation heraus reden. Er hat keinen Beobachter eingeschaltet, der ihn ruhig stimmt. Außerdem kann niemals ein anderer als er selbst an seiner Lage schuld sein, da er der Träumer seiner Welt ist und deshalb alle Menschen ihm gegenüber auch nur Traumgestalten sind. Wenn er jetzt behauptet, der Film sei abgedreht und er habe keine Möglichkeit gehabt, anders zu entscheiden, dann ist das richtig und verkehrt zugleich. Die eine Filmspur – Ursache und Wirkung – lässt ihn, weil er unaufmerksam war, diese Szene erleben. Es gibt aber unendlich viele Filmspuren, also gibt es auch unendlich viele Möglichkeiten, wie er noch hätte reagieren können.

Er kann nicht behaupten, er habe keine andere Wahl gehabt, als diese Filmszene zu durch­leben. Wenn er sich beobachtet hätte, dann hätte er auch andere Möglichkeiten zu reagieren in Betracht ziehen können.

Also ist es nur eine faule Ausrede, wenn er behauptet, der Film sei schon abgedreht und er habe so reagieren müssen.

Was wäre denn gewesen, wenn er sich beobachtet hätte?

Er hätte sich nicht geärgert. Weil kein Ego in ihm gewütet hätte und er hätte auch sein Glas nicht an die Wand geworfen.

Auch diese Filmspur ist bereits abgedreht.

Jeder Mensch ist dafür verantwortlich, was er tut und wie er es tut.

Maria fiel sofort ein Witz dazu ein, den sie heute morgen in einer Zeitschrift gelesen hatte. Er passte hervorragend zum Thema, denn er handelte davon, sich seiner eigenen Verantwortung nicht bewusst zu sein und immer einen Sündenbock zu bestimmen:

Ein katholischer Pfarrer rast auf der Landstraße dahin und wird prompt von einer Polizeistreife angehalten. Der Polizist riecht Alkohol und sieht auch eine leere Weinflasche auf dem Wagenboden liegen. „Haben sie etwas getrunken?“ fragt der Polizist. „Nur Wasser!“ „Und warum kann ich dann Wein riechen?“ Der Pfarrer schaut auf die leere Flasche und sagt: „Mein Gott, ER hat es wieder getan!“

Gut kombiniert, rief Felix Maria zu.

27.06.2001 – 14.48 Uhr

Maria stand von der Sonnenliege auf. Sie fühlte sich rundum zufrieden und ließ sich einfach treiben. Es war gleichgültig, ob sie wieder in die Wohnung ging, weil es außen zu heiß wurde, oder ob sie jetzt weiter schrieb oder nicht. Sie dachte über ein Gespräch nach, das sie mit einer Bekannten geführt hatte. Es ging um Körperkult.

Maria hatte immer wieder Davids Worte in den Ohren, dass alle Menschen so leicht mani­pulierbar seien.



„Wenn die Mode bestimmt, dass die Menschen dünn sein sollen, dann wollen alle dünn sein. Und wenn die Mode bestimmt, dass die Menschen dick sein sollen, dann wollen alle dick sein. Ihr habt einfach keine eigene Meinung!“, sagte David immer wieder.

Maria wusste, dass sie damit angesprochen war. Sie hatte auch keine eigene Meinung.

27.06.2001 – 17.30 Uhr

David telefonierte schon wieder und Maria fühlte sich dadurch beim Schreiben ein wenig gestört. Sie musste versuchen, sich auf ihre Gedanken zu konzentrieren. Obwohl sie bemerkte, dass ihre Gedanken immer wieder mit Davids Worten verschmolzen, hatte sie Schwierigkeiten, nicht den Faden zu verlieren.

Sie war mit ihren Gedanken bei der Mode. Sie konnte sich an ein Gespräch mit einer Bekannten über Schönheitsideale erinnern. Maria wusste, dass auch sie eine Gefangene ihrer Logik war. Auch sie war eine Mitläuferin.

Hey, Maria, woher willst Du wissen, welches Schönheitsideal in Mode ist?

 

Maria dachte einen Moment darüber nach. Also, wenn ich mich recht erinnere, sehe ich in Katalogen, Zeitschriften und im Fernsehen junge, schlanke, sportliche und dynamische Menschen. Dann müsste das doch das Schönheitsideal sein?

Du bist wieder mal auf den Irrtum des Materialismus hereingefallen, Maria! Was siehst Du wirklich? Du schaust auf ein mit Farbe bespritztes Stück Papier! Sagt Dir dieses Anord­nungs­raster wirklich, das sei eine bestimmte Schauspielerin? Und schaust Du beim Fernsehen nicht nur auf eine Glasplatte, auf der sich angeblich Lichtstrahlen mit großer Geschwindigkeit hin und her bewegen?

Ja, ich weiß, seufzte Maria leise auf. Ich bin schon wieder dem Irrtum erlegen, dass es eine Außenwelt gibt. Aber in meiner kleinen Welt sehe ich nur schlanke Menschen. Okay, ich höre auch von Bekannten, dass sie mit Gewichtsproblemen zu kämpfen haben. Das ist meine scheinbar realistische Welt.

Aber ich weiß auch, dass ich mich immer wieder selbst belüge, wenn ich behaupte, dass es mir egal sei, was die Masse macht. Ich selbst gehöre doch auch dazu!

Sicher Maria, aber Selbsterkenntnis ist der Weg zur Besserung. Warum treibst Du zur Zeit Sport?

Maria überlegte kurz. Sie wusste, dass sie sich ihre eigene Logik zu erklären versuchte, aber da Felix von ihr eine Antwort verlangte, musste sie nachgeben. Ich treibe ein wenig Sport, stammelte Maria, weil ich mich zur Zeit, so wie ich bin, nicht wohlfühle. Ich habe immer überlegt, wie ich am besten verfahren kann, ohne mich der Masse anzuschließen, aber ich merke, ich habe keine Chance, antwortete Maria.

Nun gut, entgegnete Felix, aber ich hoffe Du weißt, dass es Dich in Deinem spirituellen Weg keinen Meter weiter bringt. Ich muss Dich doch wohl nicht an Davids Worte erinnern?

 

Maria wusste genau, was ihr Felix damit sagen wollte.

David sprach immer wieder davon, dass die Masse versuche, ihren Körper (Käfig) so lang wie möglich aufrecht zu erhalten und dabei ihren Geist (Vögelchen) verkümmern ließe.

Aber Maria sah für sich noch keinen geistvollen Ausweg. Sie hatte zunächst versucht, Davids Worten zu folgen und nicht so sehr körperfixiert zu sein. Aber sie bemerkt schnell, dass sie nicht wirklich hinter dem stand, was sie versuchte, nachzuplappern. Sie wollte sowohl etwas für ihren Geist, als auch etwas für ihren Körper tun.

„Ihrer“ Meinung nach hatte sie zur Zeit den Weg „ihrer“ Mitte gefunden.

Sie hätte bezüglich ihres Körpers jammern können, weil sie nicht zufrieden war und nichts tat. Oder jammern, weil sie sich dem Fitnesswahn anschließen wollte und damit nur zu der Masse gehörte.

Sie hatte Angst, zur Masse zu gehören und bemerkte dabei gar nicht, dass sie mitten drin steckte.

All ihre Ideale waren nachgeplappert, bis hin zu Davids Lehren.

Wenn sie früher im Fernsehen Modenschauen gesehen hatte, war sie immer geneigt gewesen, zu entscheiden, dass diese Kreationen doch nichts für den Normalverbraucher wären. So etwas konnte man doch gar nicht anziehen!

Wenn sich Maria seinerzeit beobachtet hätte, wäre ihr aufgefallen, dass sie diese Mode deshalb nicht anziehen konnte, weil sie nicht dem Ideal entsprach.

Siehst Du Maria, dass man vorschnell urteilt, nur weil man ein wenig Neid in sich spürt?

Ich weiß, entgegnete Maria. Ich hänge mich immer wieder in meiner Logik auf.

Sie hatte zum Beispiel von verschiedenen Menschen gehört, dass man darauf vorbereitet sein müsse, dass sich im Alter alles verändert. „Das Bindegewebe lässt nach und die Arme sehen dann nicht mehr so schön aus. Außerdem nimmt die Anzahl der Falten zu, die Du nicht mehr verstecken kannst. Und dann noch die grauen Haare, die langsam sichtbar werden“, usw..

Wahre Schreckensvisionen machten sich in Marias Kopf breit. Natürlich sah sie, dass das Alter seine Spuren hinterlassen hatte, aber damit musste man sich eben abfinden.

In ihrer Welt sah sie ja auch ältere Menschen mit allen körperlichen Erscheinungen des Älterwerdens.

Selber denken, selber haben, rief ihr Felix zu.

Siehst Du Maria, die Aussagen bestätigen sich doch in Deiner Welt. Was wäre denn, wenn alles wirklich nur Illusion wäre und Du bestimmen könntest, was Du sehen möchtest und was nicht?

Das wäre genial, entgegnete Maria. Dann könnte ich mir doch zum Beispiel eine Welt machen, in der die Menschen keine Angst vor dem Alter haben.

Warum möchtest Du denn Deinen Körper aufrecht erhalten?

Maria überlegte einen kurzen Moment. Ich muss doch meinen Körper aufrecht erhalten, um meinem Geist die Möglichkeit zu geben, sich zu entwickeln.

Sicher, sagte Felix. Aber Du machst dabei einen Denkfehler. Du stützt Dich zu sehr auf den Körper der Maria. Glaube mir, meine Kleine, auch dieser Körper wird vergehen.

Aber wenn Du Deinen Geist schulst, wirst Du weiter wachsen.

Soll das etwa heißen, dass ich meinen Körper vernachlässigen soll?, fragte Maria nach.

Nein, das habe ich damit nicht gesagt. Du solltest sehr wohl auch auf Deinen Körper (Käfig) achten, aber Du solltest ihm nicht zu viel Aufmerksamkeit schenken. Nur weil Du Dich von den Horrorvisionen Deiner angeblichen Mitmenschen schocken lässt, heißt das noch lange nicht, dass es eintreten wird. Es sei denn, Du hast Angst davor und glaubst tief im Innern, im Alter hört alles auf. Schau Dir doch Deine Mitmenschen an. Viele haben zwar einen nicht mehr so rüstigen Körper, sprühen dafür aber vor Geist!

Ja, das stimmt, bemerkte Maria. Die älteren Menschen, die sie kannte, sahen trotz ihres Alters wunderschön aus. Jeder für sich auf eine andere Art.

Maria wusste, dass sie ihre Schön­heits­ideale vergessen musste.

Alles Lug und Trug!, rief ihr Felix zu.

Maria erinnerte sich an den Witz, den sie heute morgen gelesen hatte:

Zwei ältere Damen sitzen auf dem Rückweg vom Friedhofsbesuch in der Straßenbahn. Die erste Dame nimmt ihren Schminkspiegel heraus und färbt sich die Augenlider. Da fragt die zweite Dame: „Sagen sie mal, wie alt sind Sie denn eigentlich?“ „76 Jahre.“ „Und da schminken Sie sich noch?“ Daraufhin fragt die erste Dame zurück: „Und wie alt sind Sie?“ – „83 Jahre.“ „Ja, was – und da fahren Sie noch heim?“

Siehst Du, Maria, alles hat seinen Sinn. Nur weil Du „angeblich“ körperlich alt wirst, musst Du mit dem Leben noch lange nicht abschließen. Denn dann beginnst Du, Dich mehr von Deinem Körper zu lösen und Deinen Geist zu schulen.

27.06.2001 – 18.45 Uhr

David telefonierte schon wieder. Zur Zeit hatten einige Traumgestalten Probleme mit ihren Frauen. Maria urteilte nicht mehr darüber. Im Gegenteil! Sie hatte sowohl mit den Männern als auch mit den Frauen Mitgefühl. Sie konnte sich nur immer wieder bei der Schöpfung bedanken, dass sie in ihrer Beziehung zu David so viel Glück gehabt hatte.

Sie erinnerte sich an den Besuch von Elisabeth und Julia. Elisabeth, eine aparte Dame von 81 Jahren, war die Mutter von Margot und Julia die einstmalige Freundin. Sie waren sehr herzliche Menschen, demütig aber dennoch mit eigener Meinung.

Maria und David hatten sich über ihren Besuch gefreut. Nachdem ihnen David von Marias Buch erzählt hatte, waren die drei darüber ins Gespräch gekommen. Elisabeth wusste, dass Marias Leben etwas ganz besonders und ihre Aufgaben auch nicht immer einfach waren.

Sie sagte, sie sei davon überzeugt, dass all die Dinge, die sie erlebt habe, Aufgaben für die spätere Entwicklung seien.

Mit dieser Aussage hatte sie auch wieder Marias Augen geöffnet.

Elisabeth sagte auch, dass Partnerschaften völlig ehrlich und harmonisch ablaufen könnten, wenn jeder Partner sich ein wenig zurücknimmt.

Maria wusste, dass sie sich damit identifizieren konnte. Es war eigentlich ganz einfach, wenn man versucht, nicht immer seinen Sturkopf durchzusetzen. Sie konnte sich an ihr früheres Leben erinnern, als auch sie von David verlangt hatte, er solle sich zurücknehmen; sie selbst aber hatte nicht einen Meter von ihrem Egoismus lassen wollen.

Maria wurde von Davids Worten aus dem Konzept gebracht. Sie dachte gerade darüber nach, warum ihre Traumgestalten wohl Partnerschaftsprobleme hatten.

Oh Gott, sagte sie sich, dann habe ich doch die Schwierigkeiten in mir! Aber ich habe wirklich keine Probleme mit David, ganz im Gegenteil, die Partnerschaft war noch nie so harmonisch wie jetzt.

Siehst Du jetzt Menschen, die Schwierigkeiten haben oder traurig sind?

Nein! sagte Maria.

Dann existieren sie doch auch nicht. Genauso wie all die Gedankenkonstrukte, die Dir im Kopf herum gehen. Außerdem hat alles seinen Sinn, selbst wenn Du ihn noch nicht verstehst! Außerdem sind die „angeblichen Schwierigkeiten in den Partnerschaften“ nur Metaphern. Du weißt doch: Frau (Welt), Mann (Geist).

Maria wusste, dass ihr altes Weltbild wieder hoch gekommen war.

27.06.2001 – 19.15 Uhr

Maria hatte wieder eine Verständnisfrage und rief Felix zu Hilfe.

Felix, kannst Du mir bitte helfen?

Sicher, um was geht es denn?

Weißt Du Felix, ich frage mich, warum Menschen (ich weiß, von mir geglaubte Wesen) leiden? Ich weiß, Du hast mir schon viele Male eine Antwort darauf gegeben, aber ich glaube, ich bin zu begriffsstutzig.

Okay, fangen wir wieder von vorne an.

Wenn Du glaubst, in Deiner Welt leiden Menschen, begehst Du den ersten Fehler, dass Du Dich in Innen und Außen trennst.

Verstanden?

Ja, das habe ich theoretisch verstanden.

Nun gut, wenn ein Mensch leidet, liegt es nur daran, dass er vergleicht.

Entweder vergleicht er sein HIER und JETZT mit einer angeblichen Vergangenheit, die seinerzeit so schön war.

Oder er vergleicht sein HIER und JETZT mit einer angeblichen Vergangenheit, die seinerzeit so schlimm war.

Durch den Vergleich von Vergangenheit und HIER und JETZT leidest Du, weil Du Dinge in Deiner Welt nicht so akzeptieren möchtest, wie sie sind.

Aufgrund Deiner Unzufriedenheit vermutest Du, dass Deine Zukunft automatisch schlimm wird. Aber welche Vergangenheit und welche Zukunft, wenn es nur ein HIER und JETZT gibt?

Wenn ich es richtig verstanden habe, dann läuft es darauf hinaus, dass ich dann leide, wenn ich mein „Hier und Jetzt“ mit der „angeblichen „Vergangenheit vergleiche, entgegnete Maria.

Stimmt ! rief ihr Felix zu.

Aber warum machen Menschen so einen Unsinn und steigern sich dadurch in einen Horrorfilm hinein? Sie leiden und leiden.

Aber es ist doch nur purer Egoismus.

Wenn sich die Menschen beobachteten, würden sie erkennen, dass alles Schlechte, was in ihnen denkt, nur solange in ihnen denkt, bis sie das Problem überwunden haben.

Fast alle Menschen (einschließlich Dir Maria) plappern die Worte Davids nach. Es artet schon zu purem Mechanismus aus. „Ja, David, ein Gedanke im Hier und Jetzt“, „Ich weiß, es gibt keine Vergangenheit“, usw..

Wenn sie wirklich wüssten, dass es so IST, hätten sie ihre Gedanken gar nicht aus­ge­sprochen, sondern nur beobachtet, was sie sich im Augenblick denken.

Warum schreit es in ihnen nicht auf und sie stoppen ihren Gedankenfluss?

Sicherlich ist es etwas anders, wenn Du ein Gedankenbild aus Deiner vermuteten Vergangenheit heraus ziehst, um davon zu lernen.

Aber auch das ist nur ein vermeintlich erlebter Gedanke.

Ich glaube, ich habe Dich soweit verstanden, antwortete Maria. Aber was ist, wenn z.B. immer wieder das gleiche Gedankenbild in mir hochsteigt und ich versuche, es zu neutralisieren, und es trotz allem wiederkommt?

Nein, rief ihr Felix energisch zu. Wenn Du es wirklich neutralisierst hast, steigt dieser Gedanke nicht mehr in Dir hoch. Wenn Du wirklich von dem Problem losgelassen hast, hast Du Dich davon gelöst und es verschwindet. Es muss zu 100 % weg sein. Es reicht nicht, wenn Du glaubst, von Deinem Problem losgelassen zu haben, während es noch in Dir gärt. Dann hast Du leider nur ca. 20, 30 oder 50 % erreicht und damit die Prüfung nicht bestanden.

Ich weiß, rief Maria verzweifelt, ich habe einige Dinge theoretisch verstanden, aber ich merke immer wieder, dass ich mich von meiner Einheit trenne. Bitte entschuldige!

28.06.2001 – 14.45 Uhr

Maria begab sich wieder an den Computer. Heute war kein Bräunungswetter für sie, da gestern ein kräftiges Gewitter tobte und es sich merklich abgekühlt hatte. Sie hatte kein Problem damit. Dieses Gewitter fand „nur“ in ihrem Kopf statt und vielleicht reinigte es auch ihren Geist.

Maria hatte viele schöne Gedanken im Kopf.

Stopp, schrie Felix in ihr auf. Du bist eine Lügnerin. Ich kann Dich auch an die unschönen Gedanken erinnern, die in Deinem Kopf herum spuken.

Ja, ja, seufzte Maria. Ich weiß. Okay! Ich lasse jetzt einen unschönen Gedanken frei.

Vor einigen Stunden hatte Maria ein leichtes Gefühl von Ärger in sich hochsteigen gespürt. Auslöser dafür war ein E-Mail von Richard gewesen, das sich David am Computer angeschaut hatte, während sie hinter seinem Rücken ihre Bettwäsche bügelte.

„Richard hat sich gemeldet!“, hörte sie David sagen.

Maria überflog die Zeilen und erschrak:

„Hey David, bin zur Zeit nicht Online. Kannst Du mir Marias Manuskript ins Büro mailen?“

Sofort erhob Maria ihren Einwand. „Nein, David, Du schickst das Manuskript nicht weg!“

„Schon passiert!“, entgegnete David schmunzelnd.

Maria ärgerte sich ein wenig darüber, dass ihr Mann wieder einmal über ihren Kopf hinweg entschieden hatte. Ganz besonders ärgerte sie, dass Richard nur David angesprochen hatte, er solle Marias Schriften schicken. Und außerdem wunderte sie sich darüber, dass er, der doch sonst immer Online war, gerade heute noch nicht angerufen hatte.

Es wäre Maria recht gewesen, wenn Richard nicht David gefragt, sondern sie direkt an­ge­sprochen hätte, wie es seinerzeit auch Boris und Jasmin gemacht hatten. Warum wurde ihr Manuskript hin- und hergeschoben, als ob sie (Maria) gar nicht existiere? Er hätte sie doch bestimmt auch selbst darauf ansprechen können. Maria hatte nie viel Kontakt zu Richard gehabt. Warum hatte er jetzt auf einmal Interesse daran, was Maria zu schreiben oder zu sagen hatte?

Neugierde, Maria, sonst nichts! Aber Du solltest nicht darüber richten. Außerdem gibt es keinen Richard oder David. Es gibt auch kein Manuskript. Sondern nur...?

 

Ja, ja, ich weiß, sondern nur einen Bildschirm, auf den ich zur Zeit starre, entgegnete Maria. Aber sie verstand nicht, warum David ihr Manuskript weitergeleitet hatte.

Maria hätte es nicht getan. Nicht, weil sie sich darin offenbarte, sondern weil sie glaubte, dass Richard noch nicht soweit sei, zu lesen, wie sie ihn in ihrer Welt sah.

Er hatte doch im Augenblick genug damit zu tun, sich seiner familiären Situation bewusst zu werden. Das Manuskript ist doch nur eine große Prüfung für ihn, inwieweit er sich wirklich darin erkennen kann. Maria wollte keine wilden Vermutungen anstellen, wie Richard auf die Schriften reagieren würde, aber sie glaubte, er würde sich missverstanden fühlen.

Es ist mit Sicherheit nicht so einfach, mit einer anderen Sichtweise konfrontiert zu werden, besonders wenn man noch nicht einmal vermutet hat, dass andere Menschen andere Sichtweisen haben.

David sagte Maria dazu, dass die „Schattenfrau“ eine Prüfung sei, ob man Ego in sich spürt, und ob man sich dann verteidigt.

Maria wusste, dass ein vermuteter „Boris“ in ihrem Traum keine sehr schöne Rolle spielte. Aber er hatte diesbezüglich kein Ego in sich. Maria hatte ihm seinerzeit geschrieben, er könne die Worte, die sie seinerzeit einfach in seinen Geist gelegt hatte (oder Marias einseitige Inter­pretation), korrigieren.

Zwei Tage später telefonierten Boris und Maria über dieses Thema. Er entgegnete sofort, dass er nichts ändern werde, da alles seinen Sinn habe und dass er außerdem nicht vorhabe, in diese „EGOFALLE“ zu stolpern.

David hatte Maria zuvor schon gesagt, dass Boris nichts ändern werde, da er begriffen habe, dass auch dieses Manuskript seinen Sinn hatte.

Siehst Du Maria, Du spinnst Dir wieder Gedanken aus und hast keinen Einfluss darauf. Eine Traumgestalt namens „Richard“ muss Dir völlig gleichgültig sein. Wenn es in diesem Wesen denkt und es fühlt sich angegriffen, dann ist etwas in ihm, was es noch nicht sieht.

Maria wusste, was Felix damit meinte. Auch eine Maria hatte massive Schwierigkeiten sich so zu sehen, wie sie wirklich war. Aber sie wurde von Felix radikal entthront. Am Anfang tat es ihrem Ego schon sehr weh, aber mittlerweile lebte sie ganz gut damit. Sie musste sich nicht mehr rechtfertigen und verbiegen, nur um ihr Image aufrecht zu erhalten.

 

Meine kleine Maria, auch Du hast noch viele unschöne Gedanken in Dir, die wir nach und nach auflösen müssen. Auch Dein Ego ist noch groß. Aber wir werden gemeinsam ver­suchen, es langsam verschwinden zu lassen.

Maria dachte über ein (angebliches) Telefongespräch gestern zwischen David und Rudolf nach. David hatte gesagt, dass er Rudolf etwas über Mathematik schicken wolle. Er setzte sich danach an den Computer und schickte die Informationen an Rudolf per E-Mail.

Nachdem David den Computer ausgeschaltet hatte, erwähnte er ganz nebenbei, dass er Rudolf auch die „Schattenfrau“ mitgeschickt habe.

Maria wurde blaß. “Was soll denn Rudolf mit meinem Manuskript anfangen?“, fragte sie David. „Das wird ihn doch gar nicht interessieren!“

David sah sie an und betonte, er wisse sehr wohl, warum er es ihm geschickt habe.

Einerseits fand es Maria nicht so toll, dass David bezüglich der Weitergabe ihres Manuskripts wieder einmal eigenmächtig gehandelt hatte. Andererseits hatte sie gegen ihn sowieso keine Chance.

Siehst Du Maria, Du sollst Dich nicht einmischen. Alles hat seinen Sinn!

28.06.2001 – 15.30 Uhr

Maria dachte noch einmal über Rudolf nach und las dazu die Zeilen ihres Manuskriptes, in denen sie von ihm berichtete, laut vor.

David meinte, sie habe ihn wertfrei beschrieben:

„Maria, Du weißt doch selbst, wie es ist, wenn man schöne Gedanken im Kopf hat. Es denkt doch in Dir. Du kannst Dich jetzt sicherlich in Rudolf hinein versetzen.“

David betonte immer wieder, dass sie solange schreiben solle, wie es ihr Spaß mache. Es sei nur für sie bestimmt, um sich selber kennen zu lernen.

Aber warum schickte er dann ihr Manuskript eigenmächtig weg, wenn es doch nur um ihr Leben ging?

Maria, Du bist wieder einmal eingeschlafen. Gibt es einen Rudolf? Wie oft muss ich Dich noch daran erinnern? Und außerdem solltest Du mehr Vertrauen zu David haben. Er weiß ganz genau, warum er bestimmte Dinge in die Wege leitet. Und außerdem unterhältst Du Dich doch nur mit Dir selber!

ICH BIN DU!

Heute morgen hatte Clarissa auf den Anrufbeantworter gesprochen. Sie hatte den neusten Teil von Marias Manuskript gelesen. Ihr fiel besonders die Situation auf, in der Felix auch Fred war. Sie sah, dass es eine Verbindung zu ihrem eigenen Beobachter gab, den sie ALFREDO nannte.

Als Maria das hörte, fiel ihr sofort der Film „Mein böser Freund Fred“ ein. Es ging um ein kleines Mädchen, das einen imaginären Freund namens „Fred“ hatte. Dieser Fred stellte die unmöglichsten Dinge an und die Kleine konnte ihrer Mutter nie erklären, dass sie keine Schuld traf, sondern Fred. Einige Jahre später „ärgerte“ Fred sie weiter. Er musste immer bei dieser Frau auftauchen, wenn sie unglücklich war.

Maria nahm sich vor, Clarissa diesen Film zu besorgen.

28.06.2001 – 18.10 Uhr

Maria wartete auf ein neues E-Mail von Boris. Er hatte inzwischen auch zu schreiben begon­nen und hatte David und ihr die ersten zehn Seiten seines Manuskriptes zugeschickt. Maria fand es einfach genial. Einerseits lachte sie herzlich über seinen schwarzen Humor, anderseits war es aber auch sehr geistvoll.

David sagte, dass Boris seinen Beobachter aktiviert habe, der ihm helfe, köstliche Selbstironie mit tiefer Weisheit zu verbinden.

Maria erinnerte sich an heute morgen, als sie mit David noch kuschelnd im Bett gelegen hatte. Um 7.00 Uhr hatte das erste Mal das Telefon geklingelt. Da weder sie noch David um diese Zeit für einen Anruf das Bett verließen — außerdem hatte der Anrufer die gleichen Probleme auch noch zwei Stunden später —, läutete es erbarmungslos fünfmal durch, bevor sich der Anrufbeantworter einschaltete.

Die meisten Anrufer sprachen sowieso nicht aufs Band.

Um 9.45 Uhr klingelte das Telefon wieder. Da sie gestern sehr spät ins Bett gegangen waren, schliefen sie aus. 15 Minuten später verließen beide das Bett und duschten. Maria hörte den Anrufbeantworter ab und vernahm Clarissas Stimme.

Sie hatte kein Problem, sondern wollte sich nur für die Gastfreundschaft bedanken.

Als David später an den Computer ging, sprach er Maria darauf an, dass er das Telefon sehr wohl gehört habe, aber nicht aufstehen wollte:

„Weißt Du Maria, ich müsste mich eigentlich hingeben und jedes Gespräch annehmen, aber das wäre doch auch nur Mechanismus. Ich kann sehr wohl entscheiden, ob ich mich hingebe oder nicht!“



Maria dachte einen Augenblick über seine Worte nach. Nachdem er ihr gesagt hatte, dass sie für die Terminplanung zuständig sei, hatte sie in letzter Zeit auch wieder Termine für ihn ausgemacht. Aber handelte sie richtig? Hatte sie überhaupt das Recht dazu, über David zu bestimmen?

Maria konnte sich noch gut an die Anfänge erinnern, als David jeden Anruf entgegen genom­men hatte. Er hatte für die Telefonate sowohl Schlaf als auch Mahlzeiten unterbrochen. Außerdem hatte er sofort Termine vereinbart, wenn ihn jemand darum bat.

Aber seit einiger Zeit wählte David nun auch aus. Er nahm das Telefon nicht mehr auf Schritt und Tritt mit und ließ es beim Essen auch schon einmal klingeln. Außerdem unterbrach er auch nicht mehr seinen Schlaf.

Außerdem erklärte er seinen Mitmenschen immer wieder, dass sie mit ihm keine Veranstaltungen mehr durchführen müssten, da es nicht darum ging, die Umwelt zu überzeugen, sondern dass nur der einzelne Mensch ES verstehen müsse.

Wenn Menschen anriefen und um einen Termin baten, weil sie durch Bekannte von David erfuhren oder schon sein erstes Buch gelesen hatten, bremste er sie sofort aus:

Er erklärte ihnen, dass sie sich mit dem Gesamtschriftwerk befassen müssten. Und wenn sie dann seine 8 Bücher gelesen hätten, könnten sie gerne wieder einmal anrufen um einen Termin auszumachen.

Maria erinnerte sich daran, dass David in den Anfängen jedem Menschen die Gelegenheit gegeben hatte, ihn zu besuchen. Mittlerweile aber erwartete er schon, dass sie sich mit seinen Schriften befasst hatten, wenn sie den Weg wirklich gehen wollten.

Sie dachte an die zahlreichen Anrufer, die von Bekannten Informationen über David erhalten hatten und nun von ihm wissen wollten, über welche Thematik er eigentlich Bücher schrieb. David gab sich hin und versuchte ihnen alles zu erklären, soweit er die Menschen geistig erreichen konnte. Es waren aber auch sehr egoistische Menschen dabei, die eigentlich nur kund tun wollten, wie weit sie selbst schon geistig fortgeschritten waren.

David erklärte solchen Menschen immer wieder, dass sie ihn, wenn sie sowieso schon alles wüssten, doch nicht anrufen müssten. Maria hatte sich immer wieder darüber gewundert, was wohl in diesen Menschen vorging. Einige von ihnen suchten offensichtlich nur einen Freund oder Therapeuten, andere wiederum wollten sich nur selbst darstellen und beweisen, wie geistreich sie doch seien. Mittlerweile hatte sich aber auch herauskristallisiert, wer am Ball blieb und wer nicht. Und David gab sich immer hin — er telefonierte und telefonierte ...

Sein Kalender war immer noch mit vielen Terminen versehen, aber es war nicht mehr so anstrengend für ihn.

Es gab viele Menschen, die sich in Davids Wohnung sehr wohl fühlten und mittlerweile auch wussten, wo sich Getränke oder Gläser befanden, so dass sich Maria nicht mehr darum küm­mern musste.

Zum Beispiel Clarissa, Boris oder auch Simon halfen Maria immer wieder bei der Hausarbeit.

Offensichtlich gab es auch manche Leute, die das Gefühl hatten, dass David sich gerne hin­gab. Schließlich war es ja seine Aufgabe.

Für David waren fast alle Gespräche Arbeit.

Maria dachte darüber nach. Wenn sie z.B. glaubte, sie könne sonntags in die Metzgerei gehen und der Metzger müsse sich in ihrem Traum hingeben und für seine Kunden da sein, hatte sie sich geirrt. Auch er hatte Ruhetage und die Kunden mussten sich an seine „Öffnungszeiten“ halten!

Gegen Abend räumte Maria ihren Hausmüll zusammen. Sie sammelte Gläser, Flaschen und Konserven zusammen und verpackte sie in zwei Plastiktüten. Sie erzählte David, dass sie am nächsten Tag zum Einkaufen in die Stadt fahren wolle und dabei den Müll entsorgen werde.

Dabei wurde ihr bewusst, dass diese Szene wieder einmal zu einem „Murmeltier-Film-Tag“ gehörte.

Sie informierte David immer einen Tag zuvor, bevor sie in die Stadt zum Einkaufen fuhr und sie fragte ihn dann auch immer, ob er etwas brauche.

David antwortete in aller Regel: “Ich brauche nichts. Wir haben alles da, was wir brauchen.

Maria: „Weißt Du denn schon, was Du morgen kochen möchtest? Dann kann ich sofort die Lebensmittel mitbringen und muss nicht am nächsten Tag wieder losfahren“.

(David beantwortete nur ganz selten diese Frage).

Aber eine Antwort blieb immer gleich: „Wenn ich satt bin, kann ich nicht ans Essen, geschweige denn, Kochen denken. Du kannst mich morgen früh noch einmal danach fragen.“

(Nebenbei bemerkt pflegte er auch dann nur sehr selten zu antworten) J.

29.06.2001 – 16.55 Uhr

Maria erinnerte sich daran, dass sie heute morgen um 7:15 Uhr von einem Sonnenstrahl geweckt worden war. Sie hatte auf ihre Armbanduhr geschaut und 5:15 Uhr abgelesen. Daraufhin hatte sie sich noch einmal zum Kuscheln zu David umgedreht.

Nachdem sie kurz aus dem Fenster gesehen hatte und dabei festgestellte, dass es schon sehr hell war, erschrak sie.

Sie hatte noch einmal auf die Uhr geschaut und wieder 5:15 Uhr gelesen.

Oh Gott ! Irgend etwas stimmt hier nicht, stammelte sie leise vor sich hin. Es kann nicht draußen hell sein und erst 5:15 Uhr.

Sie hatte dann ein drittes Mal auf die Uhr geschaut und dabei entdeckt, dass es 7:15 Uhr war.

In 15 Minuten würde ihr Wecker klingeln. Sie wusste aber auch sofort, dass sie die morgend­lichen Diskussionen mit David führen musste. Sie kuschelte sich an ihren Mann und gab sich den letzten 15 Minuten hin, ohne daran zu denken, dass sie gleich wieder versuchte sich zu rechtfertigten.

Der Wecker klingelte auf die Minute genau um 7.30 Uhr. Bevor David noch etwas sagen konnte, sagte Maria schnell, dass sie Einkaufen gehen wolle.

Und nun begann der „Murmeltier-Film“ wieder:

David: „Du willst einkaufen fahren. Davon hast Du mir gar nichts erzählt!“

Maria: „Ich sage Dir doch immer einen Tag vorher Bescheid, wenn ich Einkaufen gehe!“

David: „Aber warum stehst Du denn so früh auf. Du kannst doch auch noch später Einkaufen gehen?“

Maria:„Ich fahre jetzt zum Einkaufen!“ – (Diese Aussage von Maria war allerdings eine neue Variante des Dialogs J !)

Normalerweise ging dieser „Film“ aber noch weiter:

David: „Du kannst doch noch zum Kuscheln liegen bleiben und später fahren.

             Außerdem machst Du mit Deinen Plänen immer die schöne Stimmung kaputt!“

Manchmal hatte Maria darauf mit Schuldgefühlen reagiert und versucht, sich heraus zu reden.

An anderen Tagen war sie auch mächtig sauer gewesen, weil David ihr einfach nie zuhörte. Er tat einfach so, als sei er nicht informiert worden.

Maria konnte sich immer gut an den letzten „Maria geht zum Einkaufen“ Film“ erinnern.

Als typischer Morgenmuffel hatte sie sowieso mit sich zu kämpfen aufzustehen. Außerdem hatte sie keine Lust auf irgendwelche Diskussionen.

Maria hatte David angemault und das Bett verlassen.

Einige Minuten später war sie zur Einsicht gekommen und hatte sich bei ihm entschuldigt.

Ihr war durchaus klar, dass ihr Mann bewusst so reagierte, um sie zu prüfen. Aber manchmal hatte sie eben einfach keine Lust auf diese Spielchen!

Nun gut, da sie sich heute morgen aber dazu entschlossen hatte, auf keine Diskussion einzugehen und fröhlich aus dem Bett gesprungen war, hatte der neue Tag beginnen können.

Maria ging ins Bad und duschte sich. Als sie aus der Dusche kam blickte sie in den Spiegel und war entsetzt. Sie sah keinerlei Früchte ihres täglichen Fitnessprogramms.

Guten Morgen, Maria, flötete Felix vor sich hin. Na, ich sehe aber keine Veränderung an Deiner Figur, provozierte er sie.

Stimmt ! sagte Maria. Da gebe ich Dir vollkommen recht.

Du wirst Dich doch nicht etwa die ganze Zeit umsonst geplagt haben?, hakte er nach.

Maria reagierte leicht sauer. Ja und nein, Felix, entgegnete sie ein wenig spöttisch. Ich weiß, dass mein Spiegelbild keine Miss Universum wiedergibt. Aber ich kann doch auch nicht erwarten, dass sich nach so kurzer Zeit etwas verändert, antwortete sie giftig. Ich muss mich halt in Disziplin üben!

Oh, sind wir heute nicht gut aufgelegt, meine Kleine?, fragte Felix und lachte. Maria, Du weißt, dass alles seinen Sinn hat. Du kannst Dich vielleicht daran erinnern, dass Du Dich abgeplagt hast. Aber Du weißt, dass es nur ein Gedanke im Hier und Jetzt ist!

Ja, ich weiß, Felix, sagte Maria. Es tut mir auch leid, dass ich ein wenig überhitzt reagiert habe. Aber ich war wieder einmal zu ungeduldig. Ich habe fest daran geglaubt, dass sich die Figur (GESTALT) verändert. Aber ich sehe noch keinen Fortschritt.

Dann höre doch einfach auf damit, Dich körperlich zu plagen, rief ihr Felix zu.

Nein ! entgegnete Maria.

Ich habe immer sofort aufgegeben, wenn ich etwas nicht erreicht habe.

Jetzt werde ich meinen Plan durchstehen.

Ich habe damit angefangen und jetzt muss ich beweisen, dass ich geduldig sein kann!

Ich würde Dich gerne bezüglich Deiner Geduld testen, rief Felix ihr zu.

Das kannst Du ruhig tun, entgegnete Maria. Ich glaube schon, dass ich im Vergleich zu früher geduldiger geworden bin. Außerdem kann ich sowieso nichts dagegen tun, wenn Du mich prüfen möchtest. Du tust es ja doch!

Stimmt! Aber Du wirst es nicht sofort verstehen, dass es eine Prüfung ist.

Wollen wir wetten?

Ich wette doch nicht mit meinem Beobachter, entgegnete Maria. Du weißt sehr wohl, dass ich gegen Dich keine Chance habe. Aber wenn Du glaubst, dass ich noch sehr ungeduldig bin, dann prüfe mich.

Okay ! Heute morgen bin ich auf Dich herein gefallen, als ich meinen „Misserfolg“ im Spiegel sah. Aber ich gelobe Besserung, rief sie ihm fröhlich zu.

Hey, Maria. DU bist zwar keine MISS UNIVERSUM (und dann doch wieder), aber eine
MISS ERFOLG. Felix lachte und lachte!!!!!!!!!!!!!!!!!!

Maria zog sich schnell die Kleidung über und dachte darüber nach, wie sie aus der kleinen Frustphase wieder heraus kommen konnte.

Ja, wie heißt es so schön: „Wenn Du mit Dir nicht zufrieden bist, dann musst Du schauen, ob es an Dir andere schöne Merkmale gibt, die Du betonen kannst!“, dachte sie. Sie schaute in ihr Gesicht und sah ..........................................................................

FAST nichts!

Nur ein großes Fragezeichen in ihren Augen.

Nein, heute fühlte sie sich hässlich.

Okay, dann nehmen wir uns heute eben so hin, dachte sie sich. Sie sah nur eine Möglichkeit nicht total dem Frust zu verfallen und kramte ihre Wimperntusche, Rouge und Lippenstift hervor.

Wenn heute gar nichts hilft, dann eben ein wenig Schminke!

Sie tuschte sich die Wimpern, legte Rouge und Lippenstift auf.

Auf Parfüm verzichtete sie, da sie sich heute sowieso „nicht riechen“ konnte.

Und außerdem nützte der schönste Duft nichts, wenn man sich nicht gut fühlte.

Im Gegenteil, sie würde nur auf sich aufmerksam machen, was sie gerade heute gänzlich vermeiden wollte.

Nachdem sie sich hergerichtet hatte, ging sie ins Schlafzimmer und küsste David auf die Stirn und erwähnte kurz, dass sie jetzt in die Stadt fahre. Dann kramte sie den Müll zusammen, schnappte sich Handtasche, Autoschlüssel, Haustürschlüssel, Zigaretten, Feuerzeug und Geldbörse und schlug die Tür hinter sich zu. Sie belud das Auto und fuhr in die Stadt. Zuerst entsorgte sie den Müll, ging dann durch den Supermarkt und anschließend fuhr sie weiter in die Innenstadt, um den Rest der Einkäufe zu erledigen.

Stopp, rief Felix ihr zu. Warum erzählst Du nicht die Dinge, die Du beim Einkaufen erlebt hast?

Kannst Du Dich an den Mann erinnern, dem beim Entsorgen seiner Flaschen vor dem Container der Korb aufging und ihm alle Flaschen vor die Füße fielen? Das geschah doch genau hinter Dir und es sollte Dir doch auch etwas sagen, Maria!, rief Felix.

Ja, ja, ich weiß, entgegnete Maria.

Zum Glück war es nicht mein Müll.

Ich glaube, Du wolltest mir damit sagen, dass ich mich um meinen eigenen Müll kümmern sollte.

Und außerdem ist das Malheur hinter meinem Rücken passiert!

Stimmt, sagte Felix. Ich lege Dir dringend ans Herz, Dich auch daran zu halten!

Ja, ich bemühe mich, seufzte Maria. Aber bitte lasse mich weiterschreiben, sonst verliere ich meinen Faden.

Felix lachte laut auf. Du meinst wohl Deinen „GEDULDSFADEN“ J !

Maria fühlte einen leichten Wutanfall in sich aufsteigen. Warum musste Felix sie immer so ärgern?

Nachdem sie vom Einkaufen zurückgekommen war, hatte sie ihre Einkäufe ins Haus gebracht und auch sofort weggeräumt.

Anschließend hatte sie ihr Fitnessprogramm absolviert und sich dann auf den Balkon gelegt.

Maria konnte sich kaum konzentrieren, da es unaufhörlich in ihrem Kopf rebellierte.

Felix redete immer wieder auf sie ein. Er schickte ihr wunderbare Erklärungen, Einsichten und, und, und ...

Heute würde sie standhaft bleiben. Es war ein herrlicher Sommertag und sie wollte einfach nur die Sonne genießen. Also setzte sie sich auf die Sonnenliege und versuchte Felix zu ignorieren.

Danach legte sie sich hin und stellte sich schlafend.

Keine Chance! Felix befahl ihr, sich an den Computer zu setzen.

Nein, dachte Maria und erinnerte sich an das gestrige Gespräch mit David.

Sie hatten über Hingabe gesprochen und auch darüber, dass diese leicht in Mechanismus ausarten könnte.

Nein! rief Maria Felix zu. Heute gebe ich mich nicht so leicht geschlagen. Ich bleibe auf meiner Sonnenliege und schalte Dich einfach aus!

Maria hatte schon vorschnell geglaubt, dass sie gegen Felix gesiegt habe.

Es wurde plötzlich in ihrem Kopf ganz still.

Weit gefehlt!

Felix hatte einen ganz anderen Plan. Er schickte ihr eine dicke Wolke und kühlen Wind. Maria sah zum Himmel hinauf und ärgerte sich darüber, dass sie sich doch nicht Felix hingegeben hatte.

„Nein, ich bleibe hier sitzen!“, sagte sie ihm.

Maria fröstelte zwar, aber sie blieb ihrem Plan treu. Nach einigen Minuten wanderte die Wolke weiter und die Sonne strahlte wieder kräftig herunter.

„Gewonnen! rief Maria leise aus. Diesmal habe ich mich nicht so leicht beeinflussen lassen!“

Das Glücksgefühl hielt jedoch nicht lange an. Plötzlich wurde sie mit Insekten aus der „Reserve gelockt“. Sie wunderte sich darüber´, warum ausgerechnet J heute die Fliegen ihren Weg nicht fanden, sondern direkt in ihrem Gesicht oder Ohr abbremsen mussten?

Das gibt es doch nicht, seufzte sie leise vor sich hin. Bitte Felix, lass mir heute einfach meine Ruhe. Ich werde dann schreiben, wenn ich es möchte!

Einige Minuten später kehrte dann endlich Ruhe ein.

Maria nahm sich ein Kreuzworträtsel vor und legte sich entspannt zurück.

Es dauerte nicht lange und das Telefon klingelte. David sprach mit Boris. Kurze Zeit später übergab ihr David den Hörer. Sie freute sich, wieder etwas von Boris zu hören, weil sie ihm eigentlich auch sagen wollte, dass sein Manuskript total genial war. Er erzählte, dass ES, (sobald er die Augen aufschlug) unaufhörlich in ihm denken würde und dass es sehr schwierig sei, alles aufzuschreiben, was er im Kopf habe. Maria wusste genau, was er damit meinte. Boris beherrschte wie David sowohl die hebräischen Zeichen als auch die Aufschlüsselungen der Worte. Sobald er einen Gedanken hatte, floss gleichzeitig diese Spur mit und aus einem Wort ergaben sich so ganze Geschichten in seinem Kopf.

Maria atmete erleichtert auf. Sie hatte den Vorteil, dass sie sich nur Felix hingeben musste und nicht noch all den anderen Denkern in ihrem Kopf!

Maria erwähnte bei diesem Telefonat noch kurz, dass sie mit David immer wieder darüber gesprochen hatte, dass sie beide Rudolf sehr gut verstehen könnten. Es ist mit Sicherheit nicht leicht, wenn das „ständige Denken im Kopf“ überhand nehmen würde.

Maria sagte zu Boris, dass sie sich nicht von Felix abhängig machen möchte. Sie würde dann schreiben, wenn sie es möchte.

Nachdem sie sich noch kurz über andere Dinge unterhielten, gab sie den Hörer an David weiter.

Na, Maria! Da hast Du aber den Mund wieder einmal zu voll genommen, stimmts?, sagte Felix.

Ja ! antwortete Maria. Jetzt bin auch ich schlauer. Sie schämte sich und bereute zutiefst, dass sie wieder einmal zu vorschnell urteilte.

Okay, rief Felix, erzähle die Geschichte weiter!

Mittlerweile plagten sie Schuldgefühle, weil sie wieder reingefallen war. Aber es nützte nichts, sie musste sich immer weiter outen!

Nachdem sie wieder auf den Balkon gegangen war, hatte sie sich eigentlich gut damit gefühlt, dass sie nun bestimmte, wann sie sich hingab und wann nicht.

Felix schwatzte zwar weiter in ihrem Kopf herum, aber sie bat ihn einfach darum, ihr doch bitte eine Pause zu lassen. Und auf einmal verstummte seine Stimme ...

Aber er gab nicht etwa Ruhe. Nein! Er testete sie weiter. Ganz offensichtlich hatte er unendliche Möglichkeiten, sie auf sich aufmerksam zu machen ... J

Als nächstens nahm sie nun wahr, dass ein netter Nachbar seinen Rasenmäher in Betrieb nahm. Es war ein ohrenbetäubender Lärm! Besonders, wenn man sich eigentlich entspannen wollte.

Felix meldete sich wieder zu Wort. Na, Maria, willst Du Dich nicht endlich hingeben?

Nein, rief ihm Maria entsetzt zu. Ich will darüber bestimmen, wann ich schreibe und wann nicht.

Na gut, sagte Felix, warten wir es ab!

Maria versuchte sich über den Rasenmäherlärm hinweg zu setzen und konzentrierte sich auf ihr Kreuzworträtsel. Eine Weile ging das auch gut, bis sie die Fragen in ihrem Kreuzworträtsel stutzig machten:

„Anderer Name für Jesus?“

„Erlöser“

„Name des Weltenschöpfers?“

„GOTT“

„Männlicher Kurzname?“

„FELIX“

„Weiblicher Kurzname?“

„MARIA“

Maria wurde leichenblass. Ganz offensichtlich hatte sie gar keine andere Chance, als diese Antworten hinzuschreiben. Es war alles sowieso schon vorbestimmt — MATRIX ließ herzlich grüßen J !

Sie wusste, dass Felix immer wieder nachbohren würde. Aber ganz so schnell wollte sie sich doch nicht geschlagen geben!

Leicht verkrampft versuchte sie, die Sonne zu genießen. Sie legte das Kreuzworträtselheft weg und atmete erleichtert auf, als der Nachbar endlich mit dem Rasen mähen fertig war.

Es dauerte jedoch nur einige Minuten, bis der nächste Lärm in ihre Ohren drang. Der gleiche Nachbar hatte nun offensichtlich ein anderes Gartengerät entdeckt und bearbeitete damit seine Bäume. Die Geräusche waren auch nicht angenehmer, als der Rasenmäher (es hörte sich wie ein Zahnarzt-Bohrer an – Zähne= Gedanken). Ja genau, und diese Bohrmaschine hatte auch einen Namen, sie hieß nämlich FELIX!

Maria versuchte einen klaren Gedanken zu fassen. Sollte sie Felix nachgeben oder nicht — genau das war hier die Frage!

Also startete sie einen weiteren Versuch, sich zu entspannen. Und prompt hörte auch einige Minuten später der ohrenbetäubende Lärm auf — Grund genug, aufzuatmen!

Maria fühlte sich schon fast auf der sicheren Seite. Sie hatte endlich vor Felix Ruhe — jedoch weit gefehlt!

Sie versuchte, sich zu sammeln. Sie blickte auf das Kreuzworträtselheft und machte eine erschreckende Entdeckung:

Sie hatte zuvor das Heft zusammengeklappt und ihren Kugelschreiber in die Zeitschriftenecke geklemmt hatte und nun sah sie nur ein umgeklapptes Kreuzworträtselheft — und der Gewinn war ein ....................................................................................

Sie rieb sich die Augen, da sie es einfach nicht glauben wollte. Sie sah eine Teilüberschrift mit dem Aufdruck: Ihr Traum ...

Erst als Maria das Magazin umklappte sah sie die komplette Überschrift: Ihr Traumauto – Renault Clio Econ – der junge Wilde!

 

Nein! schrie Maria leise auf. Jetzt reicht es aber Felix!

Bitte lass mir doch einfach meine Ruhe. Ich möchte bestimmen, wann ich an den Computer gehe und wann nicht. Ich bin doch nicht süchtig!

Maria vernahm ein lautes Lachen in ihrem Kopf.

Hey, Maria! Felix lachte immer noch. Du bist süchtig !!

Nein, ich will das nicht. Es reicht schon, wenn ich süchtige Raucherin bin. Bitte hör endlich damit auf ! rief Maria Felix zu.

Einige Minuten später hörte das Lachen in ihrem Kopf auf.

Maria freute sich über den kleinen Teilerfolg, sich Felix zu widersetzen.

Sie legte sich gemütlich auf die Sonnenliege und machte die Augen zu.

Aber diese Ruhe währte nicht lange, denn ...............................................................

Ja, was hörte Maria wieder einmal? Einen Rasenmäher! Diesmal kam das Rasen­mäher­geräusch aus einer anderen Richtung. Anscheinend hatten sich alle Rentner zusammen getan, um in der Mittagshitze ihre Gartenarbeit zu verrichten, dachte sie sich. Maria versuchte krampfhaft, sich auch dieser Störung zu widersetzen.

Nur mit zusammengebissenen Zähnen gelang es ihr, dieses Geräusch zu überhören.

Einige Zeit später verstummte auch dieser Rasenmäher.

Aber nicht lange, denn aus einer anderen Richtung vernahm Maria einen weiteren Rasen­mäher.

NEIN, NEIN, NEIN ! Ich will das nicht, schrie sie auf.

Nachdem alle Gartengeräte plötzlich verstummt waren, fühlte sich Maria befreit.

Ja, ich weiß, Felix, mein Geduldsfaden ist jetzt überspannt.

Aber — ich gebe nicht auf!, sagte Maria stolz vor sich hin.

Felix nahm ihre Aussage mit Humor und spielte ihr einen weiteren Streich ...

Sie blickte hinunter zum Jugendzentrum. Ein Auto fuhr dort vor und parkte auf dem Hof.

Der junge Mann drehte seine Lautsprecherboxen voll auf und es ertönte nicht etwa irgendein Lied, sondern das Lied: „NUR GETRÄUMT“ – von Nena.

Nein ! seufzte Maria. Bitte nicht schon wieder. Hör sofort damit auf, Felix!

Dieses Lied kannte sie sehr gut. Als sie noch ein Teenager war, konnte sie den gesamten Text mitsingen. Maria bat Felix um Hilfe, da sie nur die Wortfetzen

„Ich habe heute nichts versäumt, denn ich habe nur von Dir geträumt“ und „ich bin total verwirrt, ich werde verrückt, wenn es heute passiert“.. la, la, la“ mitbekam.

Maria hörte eine fröhlich summende Stimme in sich.

Sie wusste genau, dass es Felix war.

Bitte sag mir doch den ganzen Text des Liedes, bat ihn Maria um Hilfe.

Nein, entgegnete Felix. Ich will nicht! Heute bin ich auch einmal trotzig. Ich kenne zwar das Gefühl „Trotz“ nicht, aber ich habe Dich die ganze Zeit beobachtet, und versuche mir nun vorzustellen, wie es sein muss, wenn man langsam wütend wird.

Mir würde das auf Dauer keinen Spaß machen. Aber Du musst ja damit leben!

Ich will auch nicht trotzig sein! schrie Maria auf.

Aber ich habe doch gegen mein Computerprogramm keine Chance!

Natürlich hast Du eine Chance!

DU KANNST DICH DAGEGEN WEHREN – ABER DU WILLST ES NICHT!!!!!!!!!!

Maria versuchte sich geistig wieder zu fangen.

Felix hatte ihr im Laufe des Tages weitere Streiche gespielt ...........................................

Zuerst wollte sie sich wieder mit dem Rätselheft befassen, aber der Kugel­schreiber war plötzlich kaputt. Die ganze Zeit hatte er funktioniert, aber jetzt gab er seinen Geist auf.

Als nächstes plauderte Felix kräftig in ihrem Kopf weiter.

Maria war schon fast soweit, die Gedanken stichpunktartig aufzuschreiben. Sie ließ es aber dann doch, da sie hart bleiben wollte.

Sie ging in die Küche, um sich einen Kaffee zu machen und entdeckte dort — natürlich für sie bereit gestellt, danke Felix — ein Stück Papier und direkt daneben einen Kugelschreiber.

Nein, murmelte sie vor sich hin, auch in diese Falle werde ich nicht tappen!

Als sie sich beruhigt hatte, setzte sie sich wieder in den Sonnenstuhl.

Und siehe da! Kurze Zeit später entwickelten sich am Himmel lauter kleine, dunkle Wolken.

Jetzt reicht es mir aber! sagte sich Maria und ging auf direktem Weg zum Duschen ins Bad. Ich werde mich sofort nach dem Duschen an den Computer setzen, damit Du Ruhe gibst, Felix.

Nachdem sich Maria geduscht und umgezogen hatte, ging sie ins Wohnzimmer und schaltete den Computer ein.

David sagte ihr, dass sie noch nicht weiterschreiben könne, da einen (Computer) Fehler gemacht habe. Also bat sie ihn, den Fehler zu korrigieren, damit sie weiter schreiben konnte.

Plötzlich war David total vertieft in seine Bücher und reagierte zuerst nicht.

Nun gut, dachte sich Maria. Da die heutige Prüfung – GEDULD – hieß, würde sie halt warten, bis David bereit war, um sich an den Bildschirm zu setzen.

Kurze Zeit später stand er auf und sagte:

„Maria, Du machst alles falsch. Wie bist Du denn auf die Formatvorlage „Fußzeile“ gekommen?“

Ich weiß es nicht, entgegnete Maria.

Was ist das heute bloß für ein Tag?, murmelte sie vor sich hin.

Danach hatte sich Maria vollkommen Felix hingegeben. Sie schrieb und schrieb.

Und als letzte Geduldsprüfung ließ sich Felix dann noch einmal einen Scherz einfallen. Der Nachbar schnappte sich seine Bohrmaschine und bohrte damit fleißig, direkt unter Marias Wohnzimmer in seiner Wohnung herum.

Der heutige Tag war für Maria ziemlich anstrengend gewesen.

Sie wusste, dass sie gegen Felix keine Chance hatte. Aber sie wollte wirklich einmal versuchen, sich nicht immer hinzugeben.

Hey, Maria, Du behauptest, Du hättest Dich mir immer hingegeben? Das stimmt doch gar nicht. Wenn Du Dich wirklich hingegeben hättest, dann wärst Du viel reifer als jetzt.

Wie oft rede ich immer wieder auf Dich ein, weil Du permanent einschläfst?

Hingabe bedeutet,, dass Du Deine Gedankenbilder annimmst.

Du musst aber keine (angeblichen) Befehle ausführen!

Stell Dir einmal vor, ich würde Dir sagen, Du solltest aus dem Fenster springen.

Würdest Du es tun?

Nein, natürlich nicht, erwiderte Maria.

Wenn ich eine Stimme vernehmen würde, die mir sagt, dass ich aus dem Fenster springen sollte, dann wäre das doch Blödsinn. Ich würde mir alle Knochen brechen.

Falsch! Du würdest Dir die Knochen brechen, weil Du glaubst, Du würdest Dir die Knochen brechen. Verstanden?

Sicherlich Felix! Aber ich würde auch keinen Sinn darin sehen, mich aus dem Fenster zu stürzen. Warum sollte ich einem solchen (vermuteten) Befehl folgen?

Richtig! Maria. Du solltest nichts tun, worin Du (im Augenblick) keinen Sinn siehst – und dann doch wieder – aber es ist mir nicht möglich, Dir alles zu erklären.

Außerdem würde es auch niemand von Dir verlangen.

Stelle Dir nun vor, ich würde z.B. sagen, Du solltest sofort mit Deinem Fitnessprogramm aufhören.

Würdest Du es tun?

Nein! sagte Maria. Ich würde keinen Sinn darin sehen, damit aufzuhören.

Ich weiß, dass ich bin in einer Phase bin, wo ich ausloten muss, was ich will und was nicht. Und ich glaube, es geht mir mittlerweile auch mehr um Disziplin als um Sport.

Das stimmt nicht ganz, meine Kleine. Du hättest sonst heute morgen keine Frustphase erlebt. Aber ich weiß, dass Du versuchst, Dich zu disziplinieren.

Maria, nun stelle Dir vor, ich würde Dich die ganze Zeit damit nerven, dass Du an den Computer gehen sollst und alles aufschreiben musst, was ich Dich denke lasse.

Würdest Du es tun?

Stopp ! rief Maria Felix zu. Ich weiß, worauf Du hinaus willst.

Sicherlich habe ich mich bedrängt gefühlt, weil ich glaubte, Du wolltest mich unbedingt an den Computer zerren.

Aber in Wirklichkeit hast Du nur meine Geduld getestet. Stimmt´s?

Endlich hast Du verstanden, worum es mir geht.

Ich will, dass Du eine eigene Meinung bekommst.

Du solltest entscheiden, was Du willst und was nicht.

Deine Hingabe kann zum Mechanismus werden.

Verstehst Du, was ich Dir damit sagen möchte?

Ja, ich glaube schon, entgegnete Maria. Es ging Dir also darum, dass ich nicht alles schlucken sollte, was ich in mir höre. Ich muss versuchen, zu unterscheiden, ob ich mich hingebe, oder ob ich festhalten möchte. Ich entscheide darüber, ob ich Tier oder Geist bin.

Stimmt! Ich habe heute mit Dir nur ein Spiel gespielt. Du kennst doch mein Spiel, oder?

Sicher ! sagte Maria. Ich weiß, dass Du mit mir das Spiel „Mensch ärgere Dich nicht!“ spielst.

Stopp! sagte Felix.

Ich spiele mit Dir das Spiel „Mensch ärgere Dich nicht!“.

Aber ich habe noch gar nicht richtig mit dem Spiel begonnen.

Glaube mir, Maria, ich habe das Spiel noch nicht einmal ausgepackt.

Du weißt doch, zuerst öffnet man den Deckel, dann liest man die Gebrauchsanleitung, stellt das Spielbrett auf, wählt die Farbe der Figuren, stellt die Figuren auf und erst dann, nämlich mit dem ersten Würfeln, beginnt das Spiel!

Maria überlegte einen kurzen Moment. Nein, das glaube ich Dir nicht, sagte sie.

Du hast schon längst mit dem Spiel begonnen. Wenn ich den heutigen Tag Revue passieren lasse, dann kann ich Dir alle Figuren erklären, die Du, mein lieber Felix, im Spiel hattest. Zuerst der Wind, dann das Kreuzworträtsel, der Kugelschreiber, der Rasenmäher, das Lied, der Bohrer usw. Und welche Figuren gehören mir in dem Spiel?

Dir gehören überhaupt keine Figuren, meine Kleine.

Das ist unfair, rief Maria.

Felix, wie sollen wir denn das Spiel spielen, wenn Du mich ausschließt. Das ist doch unlogisch.

Das ist nicht unlogisch, meine Kleine, sagte Felix.

Ich spiele immer wieder mit Dir das Spiel. Einmal ist der Einsatz Eifersucht, dann Neid oder Urteilen. Heute ging es mir um Deine angebliche Geduld.

Außerdem muss ich Dir sagen, dass Du deshalb keine Figuren in dem Spiel bekommst, weil Du nämlich „meine Spiel-Figur“ bist. Verstanden?

Maria war beschämt. Wie konnte sie glauben, dass sie mitbestimmen konnte, wie Felix seine Spiele spielte.

Maria war doch nur eine Spielfigur (Marionette).

30.06.2001 – 17.10 Uhr

Heute morgen hatte sich Maria vorgenommen, sich ruhig und gefasst in die Sonne zu legen, ohne dass ihr jemand (Stimmen im Kopf) rein redete. Es gelang ihr hervorragend! Sie hatte heute sehr bewusst beobachtet, was sie – als Maria – tun wollte.

Nein! Sie wollte heute nicht sofort an den Computer gehen.

Sie hatte auch keine Lust, ihren Haushalt zu machen.

Sondern sie legte sich faul in die Sonne und ließ sich bräunen.

Es war heute „Wollen“ in ihr und so konnte sie ohne schlechtes Gewissen den Tag genießen.

Maria schaute auf den Schreibtisch und erblickte eine Ansichtskarte von Berta. Sie schickte Urlaubsgrüße aus Spanien und es schien ihr ausgesprochen gut zu gehen. Maria freute sich für Berta. Endlich hatte sie das bekommen, was sie sich seinerzeit so gewünscht hatte. Sie hatte eine Freundin, die alles mit ihr unternahm. Berta konnte auch wieder verreisen. Maria erinnerte sich gut daran, wie Berta seinerzeit gelitten hatte, weil sie ihr altes Leben aufgeben sollte. Aber Berta hatte es anscheinend geschafft. Sie reiste mit ihrer neuen Freundin in eine neue Welt und war glücklich.

Siehst Du Maria, meldete sich Felix. Alles wird gut. Geduld ist das Zauberwort.

Ja, ich weiß, sagte Maria. Die Prüfung habe ich noch längst nicht bestanden. Ich werde mich aber weiterhin bemühen. Ich bemerke immer öfter, wie sehr ich mich in meiner alten Logik verfange. Ich habe als „Tier“ keine Chance.

Sicherlich hast Du als „Tier“ keine Chance, meine Kleine.

Aber als Geist kannst Du Dich sehr wohl aus Deiner alten Logik heraus ziehen lassen und zwar durch mich als Beobachter.

Ich sehe sehr wohl schon kleine Teilerfolge von Dir. Aber es ist noch ein ganzes Stück Arbeit notwendig, um Dich reifen zu lassen.

Du weißt, Maria, ich gebe Dich nicht auf. Und Du, als Marionette Maria, solltest Dich auch nicht so schnell aufgeben. Bemühe Dich weiterhin, diszipliniert zu sein.

Marias Gedanken schweiften immer mehr ab. Sie hatte das Gefühl, dass Felix ihr alles gesagt hatte, was sie für die erste Lektion brauchte.

Maria einigte sich mit Felix darauf, dass heute der erste Teil ihres Manuskriptes enden sollte.

Vielleicht würde sie später einmal weiter schreiben, vielleicht auch nicht.

Stopp! Maria, Du hast Dir widersprochen. Erst behauptest Du, der erste Teil Deines Buches werde heute fertiggestellt.

Dann aber sprichst Du davon, dass Du noch nicht weißt, ob Du weiterschreibst.

Wenn es Teil 1 gibt, dann lässt Du Dir doch ein Hintertürchen für Teil 2, 3 usw. auf. Oder nicht?

Stimmt! sagte Maria. Ich glaube innerlich fest daran, dass ich noch weiterschreiben werde. Ich finde es gut, wenn das erste Buch am 30.06.2001 endet.

Nun gut, wir sorgen uns nicht um morgen, stimmt’s meine Kleine?

Felix lachte laut auf.

Einen Gedanken aber sollten wir noch aufschreiben, bevor wir aufhören, Maria!

Ich weiß, was Du meinst!

Maria versuchte ein Resümee aus der ganzen Geschichte zu ziehen. Sie dachte einen Augenblick darüber nach, wie sie das am besten bewerkstelligen sollte und rief dann laut aus: „Ja, jetzt habe ich es, Felix!“

Sie hatte begriffen, dass all ihre niedergeschriebenen Gedanken nur Vermutungen aus einer angeblichen Vergangenheit waren.

Alle Gestalten in ihrem Buch waren nur in ihrem Kopf.

Sie hatte gelernt, dass viele Dinge, die sie dachte, aussprach oder auch tat, nicht immer wertfrei waren.

Im Gegenteil, sie war der Richter in ihrer Welt und verurteilte ihre Darsteller in GUTE oder BÖSE MENSCHEN.

Nein! So wollte sie nicht mehr sein.

Jedes Wesen hat die Chance, sich weiter zu entwickeln und sie konnten nur reifen, wenn Maria begann, alles und jeden zu lieben.

Liebe bedeutete LOSLASSEN.

Sie hatte viele Darsteller in Schubladen einsortiert und sich noch nicht einmal die Mühe gemacht, ihre eigenen Urteile zu überdenken.

Nein! Das wollte sie nicht mehr tun.

Jetzt ist endlich damit Schluss! schrie Maria auf.

Ich hoffe für Dich, mein liebes Kind, dass Du es auch ernst meinst.

Ich werde Dich immer wieder beobachten, ob Du Dich wirklich an Deine Worte hältst.

 

In Maria kam eine weitere Einsicht hoch.

Ja, dies musste sie noch zu Papier bringen.

Sie erinnerte sich daran, dass eine „angebliche Astrologin“ Davids Geburtsdaten haben wollte. Nachdem sie diese von Bekannten erhalten hatte, erstellte sie ein Horoskop für David. Sie zeigte es niemandem, noch nicht einmal David. Das Einzige, was sie herausgefunden hatte war, dass die Geburtsdaten nicht stimmen konnten. Warum das Horoskop ihrer Meinung nach nicht stimmte, hatte niemals jemand erfahren, nur dass es nicht richtig war.

Okay, Maria! Du weißt, diese Geschichte existiert nur in Deinem Kopf. Außerdem beruht diese Geschichte mal wieder auf Hörensagen. Aber ich möchte Dir trotz allem noch ein kleines Rätsel aufgeben, liebe Maria. Warum glaubst Du, stimmten die Daten nicht?

Ich denke, sagte Maria, dass die Daten deshalb angeblich nicht stimmen konnten, weil diese Astrologin ein Bild von David hatte, das ihrer Meinung nach nicht mit dem Horoskop übereinstimmte.

Stimmt! Maria. Aber warum konnte sie David nicht wiedererkennen? Ich werde es Dir sagen. Weil sie glaubte zu wissen, welche Eigenschaften er angeblich in sich trug und er deshalb nicht in die berühmte Schublade passte. Sie verhielt sich genauso wie Du, meine Kleine. Alles was Du nicht einsortieren kannst, stimmt Deiner Meinung nach nicht!

Maria wurde rot. Ja, Du hast wieder einmal so recht. Aber glaube mir Felix, ich habe nicht über diese Astrologin gerichtet.

Ich weiß !, Maria, Aber ich wollte Dir nur noch einmal aufzeigen, dass jeder Mensch sein Schubladendenken hat.

Stell Dir doch einmal vor, Du gibst Deine Geburtsdaten einem Astrologen, der Dich schon länger kennt und bittest ihn, ein Horoskop für Dich zu erstellen. Ich muss Dich wohl nicht daran erinnern, dass in Deinem Horoskop schon vermerkt ist, dass Du ein materialistischer Mensch und zudem auch ein egoistischer Angsthase bist.

Allerdings hättest Du ganz bewusst andere Geburtsdaten auswählen können, die Dein Horoskop beeinflusst hätten. Auf einmal wärst Du mutig und gesellig, freiheitsdenkend und spontan. Und was glaubst Du wohl, würde dieser Astrologe denken?

Er würde sich vergewissern, ob die Daten stimmen, antwortete Maria brav.

Stimmt Maria. Und was würde er dann machen?

Wenn ich fest behaupten würde, dass diese Daten stimmen, würde er mir nicht glauben.

Der Astrologe würde so lange an meinem Horoskop „basteln“, bis seines Erachtens die Konstellationen eines „materialistischen Angsthasen“ stimmen würde.

Siehst Du Maria, kein Mensch weiß, wer Du wirklich bist (Du weißt es ja selber nicht).

Die Menschen haben alles auswendig gelernt und in ihrer Logik erscheint ein Raster, in das sie sich und andere einsortieren.

Natürlich kannst Du jetzt behaupten, dass es Zusammenhänge zwischen Mensch und Sternzeichen gibt. Aber wenn Du doch nur im Hier und Jetzt geboren wirst – und nicht angeblich vor so und so vielen Jahren von Deiner Mutter - dann hast Du alle „Sternzeichen“ in Dir. Alle Sternzeichen mit all ihren typischen Merkmalen.

Maria, glaube mir, das Denken hängt sich immer in der raumzeitlichen Logik auf!

Maria dachte einen Moment darüber nach. David hatte ihr diese Dinge auch schon hundertfach gesagt, aber verstanden hatte sie es nie.

Ganz nebenbei kam ihr ein sehr prägnanter Satz in den Sinn, den sie einmal „angeblich gelesen“ hatte.

Ein recht kennzeichnender Ausspruch Lavaters heißt:

„Sprich nie etwas Böses von einem Menschen, wenn Du es nicht bestimmt weißt; und weißt Du es, so frage Dich: Warum erzähle ich es ?“

 

Sie erinnerte sich an ein Buch über Physiognomie. Es wurde viele typischen Merkmale von Menschen beschrieben. Es wurde aber auch ausdrücklich darauf hingewiesen, dass man niemals in „Schubladendenken“ verfallen solle, weil jeder Mensch ein „sowohl als auch“ in sich trägt.

In dem Buch gab es außer Beispielen auch Aufgaben, die dem Leser zeigen sollten, ob er das Gelesene auch anwenden könne. Dazu sollte er anhand von Fotographien bestimmen, ob die abgebildete Person z.B. ruhig oder eher aggressiv sei usw..

Ein ganz prägnantes Beispiel war die Abbildung eines jungen Mädchen aus dem Mittelalter. Sie sah sehr lieblich aus und so wurde sie in dem Buch auch beschrieben.

Aber dann kam etwas unvorsehbares. Eine Seite weiter stand, dass dieser Unschuldengel eine Mörderin war. Maria stutzte, als sie den Text las: Alle Menschen waren von diesem lieblichen Wesen sehr beeindruckt — zum Leidwesen des Mädchens auch der eigene Vater, der sie missbraucht haben soll. Bei dem Versuch eines weiteren Inzests hatte die Kleine ihren Vater erstochen.

Siehst Du, meldete sich Felix kurz zu Wort. Du hast Dich von der Fassade blenden lassen. Du hast sofort Dein Schubladendenken aktiviert!

Ja, sicher, sagte Maria. Und ich war sehr überrascht, dass es zu dem Engelswesen auch noch eine andere Erklärung gab. Ich habe einfach nicht damit gerechnet.

Maria, jetzt hast Du alles schön nachgeplappert, was Du gelesen hast.

Siehst Du, es ist gar nicht so einfach, sich von dieser Sucht zu lösen.

Ich weiß, sagte Maria. Glaube mir, ich sehe diese Geschichte nicht als Wahrheit an!

Ich weiß, Maria, sagte Felix, dass Du es nicht für wahr angenommen hast. Aber ich wollte Dich nur testen. Du wirst immer wieder feststellen, dass Du alles in Dir trägst.

Du bist Engel und Teufel zugleich. Sieh die Geschichte als Metapher an!

Jetzt weiß ich, was Du mir sagen möchtest, Felix, schrie Maria auf. Jetzt habe ich verstanden, dass diese Geschichte nur für mich bestimmt war. Ja, ich bin Engel und Hexe, Richter, Angsthase usw. zugleich.

Endlich hast Du es begriffen! Du bist alles! Und wenn Du alles bist, hast Du alle Merkmale der „angeblichen Astrologie“, Physiognomie, und auch alle Facetten Deiner Märchen­gestalten in Dir. Und damit entfällt auch das ganze Schubladendenken. Alle Menschen, die ihre Traumgestalten in Schubfächer (Achtung – auch Leichenkammer J) stecken, ver­stecken sich nur selber!

Ich danke Dir Felix. Ich glaube, dies sind die besten Schlussworte, die man finden kann.

Ich bereue zutiefst, dass ich so uneinsichtig war und werde eine letzte Erklärung abgeben. Maria suchte kurz nach Worten und schrieb dann:

ERKLÄRUNG:

 

Hiermit erkläre ich, Maria, dass ich zu einseitig und richtend war.
Ich bedaure mein Tun und gelobe Besserung.

Ich möchte mich bei all meinen Märchengestalten entschuldigen, wenn ich nicht (und das war sehr oft der Fall) wertfrei war.

ICH B E R E U E !!!



P.S.: Ich weiß aber auch, dass ich meine Märchengestalten erschaffen habe. Indem ich ihnen verzeihe (ich weiß, Euch gibt es in Wirklichkeit gar nicht), verzeihe ich mir.

ICH WÜNSCHE EUCH (MIR) EINE SCHÖNE ZEIT !

Maria war in diesem Moment von ihren eigenen Worten ergriffen. Sie wusste, wer ihr diese Worte eingegeben hatte. Aber sie wusste auch, dass sie im HIER und JETZT genauso empfunden hatte.





Und nun noch ein Schlusswort von mir, sagte Felix:

ERKLÄRUNG:

Ich, Felix, erkläre mich bereit, weiterhin meine kleine Maria (Marionette) zu beobachten und sie niemals aus den Augen zu lassen. Wenn es meiner Herrin (ha, ha, Herrin der Materie, mehr nicht) gut geht, geht es Euch auch gut!

Ich werde versuchen, alle Leichen von Maria zu bergen.

Und ich werde versuchen, Marias Traumgestalten ein neues Leben zu geben.

Ich liebe Euch alle!

ALLES WIRD GUT !!!!!!!

 

 

P.S.: Auf Wiederhören J